SELECTION und DIE ELITE von Kiera Cass

Selection von Kiera Cass - Du hast keine Wahl

Selection von Kiera Cass – Du hast keine Wahl

Ich denke, ich sollte eine kleine Geschichte erzählen, bevor ich mich der inhaltlichen Seite der Trilogie „SELECTION“ von Kiera Cass widme. Wir haben uns in den letzten Jahren mit vielen dystopischen Mehrteilern beschäftigt und sind von Legend“ und „Die Auswahl“ schließlich über „Die Tribute von Panem“ letztlich bis zur „Bestimmung“ gekommen, um immer wieder festzustellen, dass jede dieser Reihen ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen hat.

Als dann „Selection“ von Kiera Cass in meinem Briefkasten landete, war mir angesichts des Covers und des Klappentextes schnell klar: „Das ist nichts für mich – ein reines Mädchenbuch und dann auch noch ein buchiges Revival der Bachelor-Casting Show!“ Ich wollte mir die Zeit nicht nehmen und ich vermutete, dass diese Trilogie in der vergleichenden Betrachtungen mit den oben genannten Büchern nur verlieren kann. Also – Finger weg, Raily.

Aber ich hatte die Hoffnung, dass dieses Buch seine Leser findet und so nahm ich es mit in „unser“ Kinderheim St. Alban, das wir seit geraumer Zeit nicht nur mit neuen Kinder- und Jugendbüchern „füttern“, sondern auch mit kleinen feinen Leseabenden erfreuen. Die unmittelbare Rückkopplung junger Menschen hat bei dieser Gelegenheit schon zu tiefen Erkenntnissen geführt und dem Lesen neue Schübe verliehen. Und was soll ich sagen… seitdem Selection in der kleinen Bibliothek des Kinderheims steht, höre ich bei jedem Besuch nur diesen Buchtitel. Immer wieder…

Selection von Kiera Cass - Du bist eine von vielen

Selection von Kiera Cass – Du bist eine von vielen

„So toll… Ich hab es verschlungen… Einfach traumhaft… Wann geht es endlich weiter?“ Und ich habe es nicht gelesen und konnte nicht mitreden. Was also blieb mir übrig, als auch selbst mal einer Empfehlung zu folgen. Einer sehr vielstimmigen und beharrlichen in diesem Fall. Ich wollte herausfinden, was so besonders an Selection ist und wagte lesend das „Raily-Experiment“. Und glaubt mir… mit diesen Büchern unter dem Arm als Mann im Alter von 52 Jahren S-Bahn zu fahren – DAS IST EIN EXPERIMENT!

Die Ausgangssituation der Trilogie ist so einfach wie bestechend plausibel. Nach dem letzten großen Krieg hat sich das Königreich Illeá eine Gesellschaftsform gegeben, die das Überleben der Bevölkerung in schlimmen Zeiten sichern sollte. Es existieren acht Kasten und in jeder dieser sozialen Schichten erfüllt man beharrlich seine Aufgaben. Die erste Kaste ist dem Königshaus vorbehalten und in der achten Kaste befinden sich Tagelöhner und das, was man den Bodensatz der Gesellschaft nennen könnte.

Wechsel innerhalb der Kasten sind kaum möglich. Jedenfalls nicht nach oben. Soziale Aufstiege kennt das System kaum und selbst wenn man jemanden heiraten möchte, der in einer niedrigeren Kaste eingestuft ist, dann muss man halt absteigen, um sich seinen Traum vom gemeinsamen Leben zu erfüllen. Und doch hat sich das feine Königshaus eine einzige wundervolle Möglichkeit ausgedacht, die Menschen bei Laune zu halten. Die Hochzeit des männlichen Thronfolgers wird nicht arrangiert, sondern er darf sich seine Gemahlin aus Mädchen aller 35 Provinzen selbst aussuchen. Ein CASTING für ein besseres Leben.

Selection von Kiera Cass - Die Elite - Du bist dabei

Selection von Kiera Cass – Die Elite – Du bist dabei

35 perfekte Mädchen aus fast allen sozialen Schichten (natürlich keine Achter) und 1 Prinz – das „Bachelor“-Prinzip mit dem großen Ziel vor Augen, sich selbst und die eigene Familie in die höchste Kaste zu katapultieren. Was für eine Chance für jede Einzelne und welch großes Konfliktpotential, wenn die künftigen Prinzessinnen aufeinander losgelassen werden. Und natürlich auch auf den armen Prinzen, für den es gilt, herauszufinden, wer ihn wirklich liebt oder wer lediglich nach Krone und Aufstieg trachtet! Es bleibt nicht viel Zeit, dies herauszufinden.

Möge das Casting beginnen. Und wir lernen sie endlich so richtig kennen. Die Heldin unseres Romans. America Singer, Musikerin und Angehörige der 5. Kaste. Mittelschicht also, bildhübsch und ambitioniert. Ein Mädel, das weiß was es will und sich aus Verantwortungsgefühl für ihre Familie zum Casting bewirbt. Sie möchte ihren Eltern wenigstens für kurze Zeit den Traum vom Königshaus ermöglichen, obwohl sie den Prinzen mit Sicherheit nicht heiraten würde. Aber bewerben kann man sich ja mal, so dachte sie zumindest.

Als dann die Kandidatinnen bekannt gegeben werden, ist es keine Überraschung, dass ausgerechnet „unsere“ America zum Kreis der 35 Mädchen aus dem Königreich gehört. Das musste ja so kommen und bevor sie richtig kapiert, was geschieht, sieht sie sich dem Casting, der weiblichen Konkurrenz und dem attraktiven Prinzen ausgesetzt. Na dann mal ran an den Speck, könnte man meinen. Nutze deine Chance America und versuche dein Glück zu machen, so wollen wir ihr zurufen, als sie für die Zeit des Castings im Palast einzieht… Das würden wir gerne rufen, wäre es nicht so kompliziert…

Selection von Kiera Cass - Deine einzige Chance

Selection von Kiera Cass – Deine einzige Chance

Es könnte doch wirklich ihre große Chance sein. Der einzige Weg zu einer besseren und traumhaften Zukunft. Sie müsste nur ihre Konkurrentinnen ausstechen… Wäre da nicht…

  • jener junge Mann aus der 6. Kaste, in den sie unsterblich verliebt ist
  • ein Prinz, der ihre Gefühle völlig durcheinander bringt
  • ein Leben als zukünftige Königin, das sie nicht leben möchte
  • eine Revolution, die immer näher rückt und das Königshaus bedroht
  • Rivalinnen, mit denen sie sich mehr als eng befreundet und letztlich
  • ihr eigenes Herz, das ihr täglich neue verwirrende Streiche spielt

Kiera Cass überzeugt auch im zweiten Teil „Die Elite“ von Seite zu Seite mehr, sie schöpft das gesamte Potential der Rahmensituation aus, entwickelt fühlbar plausible Charaktere und lässt ihre Leser in Situationen eintauchen, die das Spektrum von Selection immer tiefer spürbar machen. Das Casting wird zum Selbsterfahrungstripp der jungen America und jeder neue Tag stellt sie vor neue Herausforderungen. Sie hat nur ein Herz zu verschenken und genau dieses kleine Herz ist so zerrissen, wie nie zuvor. Sie macht es uns leicht, ihrer America zu folgen – sie macht es uns leicht, alle Prüfungen mit ihr zu bestehen, aber sie macht es uns allen schwer, eine Entscheidung zu treffen. Es ist eine Prüfung des Herzens… eine wirklich harte Prüfung!

Wenn man nun unser eigenes Leben mit der Ausgangssituation von Selection vergleicht, dann stimmt ihr mir sicherlich zu, dass sich die meisten Leserinnen deshalb mit America Singer identifizieren können, weil sie sich selbst irgendwo im Mittelfeld des Kastensystems einordnen. Niemand fühlt sich sonderlich privilegiert oder unermesslich reich und die Chance, einen Prinzen heiraten zu können leuchtet wie ein silberner Hoffnungsschimmer am Horizont.

Selection von Kiera Cass - Du hast nur ein Herz zu verschenken

Selection von Kiera Cass – Du hast nur ein Herz zu verschenken

Was aber, wenn dieser Roman auf junge Mädchen trifft, die sich selbst in der allerletzten Kaste sehen? Elternlos, aus nicht eben besten und sicheren Verhältnissen und mit Perspektiven, die manchmal eher zum Weinen sind? Was geschieht, wenn dieser Roman von Mädchen gelesen wird, die das Gefühl haben, bei einem solchen Casting noch nicht mal in die Vorauswahl zu kommen? Verpufft dann die romantische und hoffnungsvolle Botschaft des Romans?

Keineswegs… und das hat mich mehr als überrascht. Gerade die Jugendlichen im Kinderheim St. Alban haben diese Geschichte inhaliert und durch Kiera Cass das Gefühl vermittelt bekommen, alleine durch das Erlesen der Geschichte auf Augenhöhe zu sein. Teil der Elite… Die eigenen Chancen nutzend, und die eigene Persönlichkeit in die Waagschale des Lebens werfend, den Traum vom selbst bestimmten Leben träumen zu können. Das ist ein großes Buch, dem dies gelingt. Wahrlich.

Am 26. April werden viele Mädels im Kinderheim sich freuen, dass die ersehnte Fortsetzung von Selection bei ihnen einzieht. Unser Leseabend anlässlich des Welttags des Buches 2014 gehört zu einem ganz wichtigen Teil der Elite im Roman und der Elite, die vor ihm sitzt und ihm entgegen fiebert. Und nun kann ich endlich mitreden, denn sie haben es geschafft, mich zum Lesen einer Geschichte zu verführen, die ich ohne sie nicht entdeckt hätte. Hier geht es zum Bericht und nun warten wir gemeinsam auf den letzten Teil warten.

Selection - Der Traum von Samt und Seide - Hier geht es bald weiter...

Selection – Der Traum von Samt und Seide – Hier geht es bald weiter…

Unser besonderer Dank gilt dem Sauerland Verlag für die großzügige Bereitschaft, das Kinderheim St. Alban zu einem wichtigen Teil des Königreichs Illeá zu machen.

Der eiserne Wald – eine ökologische Dystopie von Chris Howard

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Stellt euch eine Zukunft ohne Bäume vor. Ganz einfach… schließt die Augen und stellt euch vor, sie seien nicht mehr da. Und nicht nur die Bäume… auch die meisten Gewächse und Tiere fehlen in dem Bild, das sich für euch entwickelt.

Stellt euch vor, ihr würdet in einer solchen Welt leben. Am Ende einer ökologischen Katastrophe, nach der großen Dunkelheit und ihr könntet euch an Wälder kaum noch erinnern. Nichts wächst mehr auf Erden. Nichts spendet Schatten – nirgendwo hört man das Rascheln von Blättern. Vergangen. Stellt euch vor, dass mit den Bäumen auch die Bücher verschwanden. Kein Papier mehr. Nichts mehr woraus man lernen könnte… nur noch Legenden und Erzählungen.

Nur noch Mais gibt es… fast grenzenlos, aber im Besitz eines einzigen Unternehmens, das ihn genetisch manipuliert hat und nun zum Monopolisten der Welternährung geworden ist. Und Heuschrecken gibt es, für die der Mais jedoch ungenießbar ist. Stellt euch vor, wovon die riesigen Schwärme sich inzwischen ernähren… Oder stellt es euch besser nicht vor…

In dieser Welt lebt Banyan und seine Begabung hilft ihm, die Erinnerung an die Vergangenheit am Leben zu halten. Sein Vater hatte ihm einst alles beigebracht – damals, bevor er spurlos verschwand. Nun zieht Banyan als „Baummeister“ durch die Lande und lässt „Eiserne Wälder“ entstehen. Bäume aus Schrott, Waldboden aus Gummi und Gewächse aller Art aus Abfall.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Seine Kunst spendet Schatten und Trost… zumindest denjenigen, die sich ein solches Kunstwerk leisten können. Nur Banyan selbst empfindet keinen Trost. Er kämpft mit seinen Mitteln gegen die Sehnsucht nach dem Verlorenen an und versucht in der Trostlosigkeit der Welt, seine kleinen Spuren zu hinterlassen. Sein Vater wäre stolz auf ihn.

Der Baummeister ist der Schöpfer der künstlichen Wälder und doch würde er so gerne nur einmal in seinem Leben einen richtigen Baum sehen… aber das ist Illusion, dessen ist er sich sicher. Gerade hat er damit begonnen für seinen Auftraggeber einen Wald entstehen zu lassen. Einen eisernen Wald, der sogar den Wechsel der Jahreszeiten sichtbar macht – einen Wald der in seiner Künstlichkeit wundervoll und erschreckend zugleich ist.

Seine Träume hat Banyan schon lange verloren – an Trugbildern findet er keinen Halt. Die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Also hämmert und schmiedet er bis tief in die Nacht, um das entstehen zu lassen, was verloren ist. Die Welt ist trist geworden. Wäre da nicht sein Auftraggeber Frost mit einem seltsamen Wunsch. Einen Baum soll Banyan nach einer Vorlage konstruieren – einer mehr als ungewöhnlichen Skizze.

Das Bild dieses Baumes ist Frosts Frau auf den Körper tätowiert. In allen Einzelheiten, Blatt für Blatt, Ast für Ast. Ein Wunder von einem Baum so detailliert, dass Banyan nur verwundert staunt.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

„So etwas hatte ich noch nie gesehen. Sie war so hübsch, dass ich zweifellos allein damit schon überfordert war. Aber es war der Baum, der mir den Atem raubte. Aus ihrer rechten Hüfte sprossen die Wurzeln, über den Bauch zog sich ein weißer Stamm und die Äste verzweigten sich bis ganz nach oben.“

Dieser Moment teilt sein Denken in ein Davor und das Danach, denn nicht nur die geheimnisvolle Frau mit dem eintätowierten Baum tritt in sein Leben. Ihre Tochter Zee freundet sich mit Banyan an, bewundert sein Talent und verrät ein Geheimnis, das ihn fast aus der Bahn wirft. Es gibt richtige Bäume – es gibt ein Vorbild für das Tattoo – es gibt einen geheimen Platz auf Erden, an dem der größte Traum des Baummeister die Blätter in den Wind wachsen lässt.

Seinem Unglauben begegnet sie mit einem unfassbaren Beweis, der Banyan die Tränen der Sehnsucht in die Augen treibt. Zee schenkt ihm ein Foto dieser Bäume. Kein altes Bild… nein es muss aktuell sein, denn auf dem Bild erkennt man einen Mann, der an einen der Bäume gefesselt auf dem Boden sitzt. Das Foto kann nicht alt sein… Banyan erkennt seinen Vater… gefangen an seinem größten Traum.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Hier beginnt Banynas Reise und wir folgen ihm auf seiner wilden Suche nach der Wahrheit und dem Ursprung allen Lebens. Wir sind nicht allein. Die kleine Zee und ihre Mutter begleiten uns. Und es schließen sich ihnen weitere Suchende an. Der Weg führt durch ein verstörtes Land voller Gefahren. Heuschrecken werfen sich ihnen entgegen, Agenten des Mais-Konzerns folgen ihrer Spur und alles scheint verloren, als sie von rebellierenden Piraten gefasst werden.

Wird es Banyan gelingen, den Ort zu erreichen, der für ihn so viel bedeutet? Kann er seinen Vater retten und dabei das große Geheimnis um die wirklichen Wälder lösen. Was steckt wohl dahinter? Was, wenn die Wahrheit schrecklicher ist als jede Vermutung? Uns bleibt keine Wahl. Lesend ziehen wir unsere Staubbrillen an und folgen der kleinen Gruppe auf ihrem gefährlichen Streifzug. Überall lauern Fallen, doch im größten Risiko scheint die Wende zum Guten zu liegen…

Alpha ist ihr Name… Piratin ist sie aus Berufung und der gefangene Baummeister weckt mehr als ihr Interesse… Und dies beruht auf völliger Gegenseitigkeit:

„Der ganze Sinn meines Lebens schien darin zu bestehen, dieses Mädchen zu küssen.“

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Chris Howard gelingt mit seinem Trilogie-Auftakt „Der eiserne Wald (Knaur) der fulminante Einstieg in eine ökologische Dystopie der Extraklasse. Das Szenario allein ist schon erschreckend genug, die Erkenntnisse des Lesers passen sich diesem Bild von Seite zu Seite an. Als würde man sich durch die Jahresringe echter Bäume nagen, kommt man langsam zum Kern des Geheimnisses und kann vor Verwunderung kaum eine Pause einlegen.

Der Mensch wird von seinen durchaus plausiblen Schattenseiten gezeigt und es gilt der alte Grundsatz: Wer Mais manipuliert, der vergreift sich auch an anderem Gen-Material. Der Sündenfall der Menschheit hat einen absoluten Tiefpunkt erreicht und am Ende des ersten Teils stellt sich die Frage, ob es Meister Banyan tatsächlich gelingen kann, den gordischen Knoten aller Umweltsünden mit einem Streich zu durchschlagen.

Wir werden zu seinen Gefolgsleuten, verlieren in der Mitte des Romans gänzlich das Vertrauen in fast alle handelnden Akteure und lassen uns von plötzlichen Wendungen und unerwarteten Fügungen hinreißen. Dieser eiserne Wald ist so natürlich in seiner Konstruktion, dass es ängstigt. Lasst uns für die Bäume kämpfen… denn in diesem Roman ist der Kampf um jeden Baum im wahrsten Sinne auch ein Kampf um jedes Menschenleben.

Ihr werdet es sehen…

Hier geht es bald weiter zum zweiten Tel: Der eiserne Wald

Hier geht es bald weiter zum zweiten Teil: Der eiserne Wald

DER AUFRECHTE MANN von Davide Longo

Davide Longo – Der aufrechte Mann – Eine gewaltige Dystopie

„Kurz vor dem Einschlafen hatte er den Eindruck, zum ersten Mal die ganze Schrecklichkeit dessen zu erahnen, was vorging. Eine neue Zeit begann, eine nackte Zeit, die Dauer verhieß und deren Schlüsselbegriff „ohne“ sein würde, wie der der vorangegangenen Epoche „mit“ gewesen war.“

An der Seite von Leonardo begeben wir uns in diese neue dauerhafte Zeit, in der nichts mehr ist, wie es einmal war. Schleichend aber unaufhaltsam beraubt das „Ohne“ jenes zur Gewohnheit gewordene „Mit“ jeglicher Grundlage und katapultiert den Menschen an den Boden der lehrbuchkonformen Bedürfnispyramiden.

Italien ohne Benzin, ohne funktionierendes Währungssystem, ohne staatliche Ordnung, ohne Internet und Telefon, ohne Güterverkehr, ohne jegliche Struktur… Ein Italien in nicht so ferner Zukunft, so ganz ohne alles, was Sicherheit und Leben verspricht.

Davide Longo – Ein Leben im „OHNE“ – Der aufrechte Mann – L`Uomo verticale

Hier lebt Leonardo – 52, Schriftsteller, Intellektueller, gescheiterter Professor, geschieden – inmitten dieser um sich greifenden Leere und versucht sich abzufinden. „Es wird schon wieder gut“ – so sein Denken. „Ich komme schon damit zurecht“ – so sein Gefühl… „Es könnte schlimmer sein“ – so sein Trugschluss.

Ein Gelehrter in einem Umfeld, das um sein Überleben kämpft wirkt als Fremdkörper. Essen, Wärme, Schutz…. Alles muss selbst organisiert werden. Aus dem Dorf in dem er lebt wird eine eigene, abgeschottete Welt. Extern ist jeder, der nicht dort wohnt. Externe sind diejenigen, die Gefahr verheißen. Vor Externen gilt es sich zu schützen.

An den Grenzen soll das Chaos toben. Den Nachbarländern soll es nicht besser gehen – so hört man. Gewissheit gibt es jedoch nicht. Und unter all jenen Kämpfern um das tägliche Dasein: Ein Intellektueller, der es nie gelernt hat für sich oder andere einzustehen. Ein in sich zusammengesunkener Mann… horizontal verweilend… in sich gefangen, fast leblos.

Mehrfach gefangen und doch nicht allein – Der aufrechte Mann

Bis seine ehemalige Frau auftaucht, ihm seine Tochter und ihren Sohn aus zweiter Beziehung übergibt und ihn bittet, für beide zu sorgen, bis sie ihren jetzigen Mann ausfindig gemacht hat. In den Wirren verschwunden… in den Reihen der Nationalgarde verschollen… so ihre Vermutung.

In der Welt des „Ohne“ findet sich Leonardo nun mit einem ungewohnten „Mit“ konfrontiert: mit seiner Tochter Lucia. Abstrakte Gefühle beginnen in ihm zu keimen. Verantwortung tragen und für jemanden sorgen – bisher unbekannte Denkwelten für Leonardo.

Genau in dem Moment des Erwachens väterlicher Gefühle wird diese kleine Welt von einem Orkan marodierender Jugendlicher überrollt, die ihrem charismatischen Führer Richard und dessen neuen Göttern „Droge, Gewalt und Sex“ bedingungslos folgen. Leonardo wird als Gefangener von einer Welle der Gewalt an den Rand des Wahnsinns gespült. Zum Tanz in den Flammen erniedrigt, verbrennen nicht nur seine Füße – auch sein Inneres lodert angesichts der Qualen, die Lucia zu erdulden hat.

Feuertänzer – Davide Longo – Der aufrechte Mann

In seinem Käfig nur ein einziger Gefährte… ein einsamer Elefant. Standhaft… ein Koloss… ein Halt.

Gemeinsam durchbrechen sie den Kreislauf aus Gewalt und Tyrannei, befreien Lucia und begeben sich in Begleitung weniger Menschen und eines Esels auf eine verzweifelte Flucht. Nur ein Ziel vor Augen… sich selbst treu zu bleiben, sich selbst nicht zu verlieren und gemeinsam in Würde zu leben…. Und dies bei all dem „Ohne“, das sie umgibt wie ein Kokon aus Verlust

Hier beginnt der Roman das Versprechen seines Titels einzulösen…. Der aufrechte Mann…..

Davide Longo hat eine wahrlich grandiose Erwachsenen-Dystopie verfasst. Bestechend ist hierbei die Perspektive, die man als „Leben im Symptom“ bezeichnen muss. In einer Situation, in der niemand den Überblick hat, gewährt er auch seinen Protagonisten und letztlich dem Leser niemals den Blick auf Ursachen. Nur die Auswirkung – das „Ohne“ – ist greifbar. Niemals das „Warum“. Genau dies macht den Roman greifbar und packend, man hat sich mit der Situation abzufinden um das Beste daraus zu machen, oder unterzugehen.

Dabei durchwandern wir ein „ortloses“ Italien. Städte und Dörfer werden nur mit einem Buchstaben genannt, wodurch die Dimesnion des „Überall“ entsteht. Überall spielt dieser Roman – zeitlos – raumlos.

Uns bleibt keine Wahl. Wir spiegeln lesend unser eigenes Leben. Wären wir überlebensfähig in dieser Welt des „Ohne“? Könnten wir in diesem absoluten Gegenentwurf zu unserer globalisierten Gesellschaft unsere Wertvorstellungen retten, oder würden wir fortgespült? Wie lange würde es dauern bis zum endgültigen und letzten Versagen.

Davide Longo entwirft hierbei kein Bild einer neuen Gesellschaft, (Vergleiche mit dem „Herrn der Fliegen“ sind wenig angebracht) – er schildert die beginnende Auferstehung nach dem tiefsten Fall und hält uns vor Augen, dass die Denker unserer Welt, all die Intellektuellen, spätestens dann wieder gesucht werden, wenn das erste Gefühl von Sicherheit in unserer Seele Raum gewinnt.

Flucht – Erhebung – Erwachen – Der aufrechte Mann von Davide Longo

Longo hat einen psychologischen und dunklen, gewalttätigen Roman geschrieben. Und doch ist es im Angesicht des Endes seiner Erzählung DAS große Hoffnungsbuch dieses Jahres. Es strahlt in Dimension und Aussagekraft so energisch wie kein Zweites. Wir haben das Buch durchlitten und durchhofft, durchzweifelt, durchstaunt und durchweint… und letztlich standen wir lachenweinend Hand in Hand vor dem Beginn einer neuen Zeit.

Ich sehe seitdem in meinen Träumen das Bild eines Mannes mit einem Elefanten an seiner Seite… aufrecht gehend, dem Meer zugewandt, zielstrebig und ungebrochen. Ich sehe dieses Bild sehr oft und es hat mir viel bedeutet, dieses Bild zum Teil dieser Besprechung zu machen.

Es steht für alles in diesem Buch…

Dieses Bild steht für alles im Buch – Der aufrechte Mann – Davide Longo