[Ernst Jünger] Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Der Erste Weltkrieg spielt für AstroLibrium in diesem Jahr natürlich eine sehr große Rolle. So haben wir bereits zwei Werke irischer Autoren ausführlich vorgestellt und besprochen. John Boynes Jugendbuch So fern wie nah und Sebastian Barrys hochbrisanten Roman Ein langer langer Weg. Weitere fiktionale Texte zum Thema sind bereits gelesen und werden sukzessive in die Bücherkette „Gegen das Vergessen“ eingereiht.

„Das Mädchen und der Krieg“ von Jürgen Seidel, „Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther haben bleibenden Eindruck hinterlassen und werden in Wort und Bild gefasst. Und selbst der Briefroman „Eine Liebe über dem Meer“ spielt in weiten Teilen vor dem tragischen Hintergrund des ersten Weltenbrandes, der sich auf den Schlachtfeldern in Europa millionenfach seine Opfer suchte.

Wie ein geheimnisvoller roter Faden verbindet all diese Romane ein gemeinsames erzählerisches Element: Feldpostbriefe spielen eine große Rolle. Sie vermitteln den Daheimgebliebenen Eindrücke vom Leben an der Front, tragen Botschaften voller Sehnsucht und Hoffnungen zu den Frauen und Kindern die so sehr fehlen und sollen gleichzeitig beruhigen und Sicherheit vorgaukeln, wo keine Sicherheit zu finden ist.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Reales und Fiktion

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Reales und Fiktion

Die Plausibilität fiktionaler Texte lässt sich gut ermessen, wenn man im realen Leben nach den Vorbildern für solche Stoffe sucht. Gegen das Vergessen zu lesen und zu schreiben führte uns immer wieder in die Nähe der Tagebücher von Ernst Jünger. Sein Roman In Stahlgewittern gehört zu den wohl eindrucksvollsten Werken, in denen ein Augenzeuge der Gefechte seine Erlebnisse verarbeitet. Grundlage für die Präzision seiner Schilderung war das Kriegstagebuch, das Ernst Jünger endlos scheinende vier Jahre lang unter teilweise unsäglichen Bedingungen weiter geführt hat.

Hier finden sich viele Parallelen und Übereinstimmungen, die den Roman so greifbar und authentisch machen. Wie jedoch haben wir heute die zeitgleich geschriebenen Feldpostbriefe an seine Eltern und seinen Bruder zu bewerten? Sind sie authentisches Frontbild, Hilferuf, Spiegelbild der Ereignisse oder verfolgte Jünger mit ihnen ein gänzlich anderes Ziel?

Vor dem Hintergrund seiner Vita lassen die nun vom Klett-Cotta Verlag veröffentlichten Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 Ernst Jünger nicht nur in einem anderen Licht erscheinen. Nein – genau dies war seine Intention. Musste ihn der eigene Vater noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit diplomatischem Geschick aus einer jugendlichen Kapriole bei der Fremdenlegion (er galt dort als Deserteur) befreien, so konnte er diesem zuhause kaum noch unter die Augen treten. Die dominante Vaterfigur wirkte sich mehr als prägend auf das Leben der Familie Jünger aus.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Voller Stolz nahm er zur Kenntnis, dass Ernst sich freiwillig in den Krieg meldete und noch stolzer war er, als sein Sohn an der Front Karriere machte. Mehrfach verwundet, mehrfach ausgezeichnet öffnete sich dem jungen Ernst durch die hohen Verlustraten in seiner Kompanie sogar der Weg zur Offizierslaufbahn. Endlich etwas können, endlich Menschen die zu ihm aufschauen, endlich jemand sein – diese Gedanken müssen viel Raum in seinem Denken eingenommen haben, nachdem sein Weg bis zu diesem Zeitpunkt eher von Enttäuschungen geprägt war.

Und was blieb ihm in dieser Situation anderes übrig, als seinen unerschrockenen Kriegseifer voller Mut und Tapferkeit in den Briefen an seinen stolzen Vater zu dokumentieren. Da wo in den Tagebüchern Verwirrung, Angst und Schrecken herrschen, wird in den Feldpostbriefen eine sachliche Heroisierung des Schreibers selbst vollzogen:

„Endlich habe ich mal einen Gasangriff mitgemacht, oder vielmehr gleich 3 Stück, das ist alles halb so wild.“

„Auch das Schreien der Getroffenen, das Blut und das Hirn des Postens… konnte ich ruhig und lange ansehen.“

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Zeitzeugnisse

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Zeitzeugnisse

Solche und ähnliche Schilderungen erfüllten die Erwartungen des Vaters. Endlich hatte er den Sohn, den man vorzeigen konnte. Endlich hatte man jemanden, dessen man sich nicht zu schämen hatte. Die Briefe lesen sich wie Berichte aus einer anderen Welt, in der nur einer bestehen kann: Ernst Jünger. Die Namen der gefallenen Kameraden füllen seine Briefseiten, wohl um seine eigene Unsterblichkeit hervorzuheben. Keine Zeichen von Zweifel oder gar Verzweiflung, von Abstumpfung oder Seelenqual. All dies jedoch findet sich in seinen Tagebüchern – und die schrieb er für sich selbst.

Sind die Feldpostbriefe deshalb wertlos oder wenig lesenswert? Nein! Auf gar keinen Fall. Im Wissen um diesen Zusammenhang sind sie mehr als interessant und es beeindruckt zu sehen, wie sehr ein junger Mann im Gefecht seinem Vater entsprechen möchte. Nur die Briefe an seinen Bruder Friedrich Georg, dem er im Gefecht das Leben rettete, sprechen eine andere Sprache. Tief, poetisch und differenziert. Diese Gratwanderung ist literarisch einzigartig und lässt tief in die Seele des späteren Schriftstellers blicken.

Das Gesamtwerk Jüngers gewinnt durch diese Feldpostbriefe eine Dimension, die ich persönlich nicht mehr missen möchte. Das Vorwort des Herausgebers Heimo Schwilk ist geradezu meisterlich verfasst – und dazu brauchte er keine Enzyklopädie. Ihm reichen wenige Seiten um alles einzuordnen. Ich sage wahrlich meisterlich.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Ein Gesamtwerk

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Ein Gesamtwerk

Und ganz am Ende sei es mir erlaubt, auf den wahren Hintergrund in den Briefen hinzuweisen. Er „outet“ sich selbst in den jeweils letzten Zeilen seiner Feldpostbriefe. Er zeigt sein wahres Bubi-Gesicht, wenn er anfängt aufzulisten, was man ihm doch bitte an die Front schicken möge. Hach wie herrlich weltfremd, wie abgehoben und verwöhnt der Junge doch war und wovon er nicht lassen konnte. Der harte Hund wird hier weich wie die heiß ersehnte Butter und die Bestellungen an Muttern erreichen von Brief zu Brief neue Höhepunkte…

Beispiele? Und hier gilt es zu erinnern… es geht um Wünsche aus dem Kampfgebiet… im Schützengraben verfasst… und genau dorthin möge man schnell liefern:

  • ein wöchentlich erscheinendes Insektenmagazin
  • Milch, Fruchtsaft, Likör, Cognac
  • 1 Fotoapparat
  • Bonbons, Pralinen
  • Tabak und Zigarren
  • Geld und nochmal Geld
  • Wurst, Konserven, Marmelade (bitte mal andere Sorten)
  • Reclam Hefte zur Berufswahl
  • Nadeln und Kleber zur Käferjagd
  • ½ Dutzend Mausefallen
  • 1 Koffer für den ganzen Krempel

Und als sei die Familie das Zentrallager für militärische Ausrüstung:

  • 1 Pistole (billig)
  • 1 Fernglas
  • 1 Messer
  • Pelzsocken, Handschuhe, Gamaschen
  • Stiefel, Koppel, die gute Mütze (usw…. usw…)

Müssen die Eltern erleichtert gewesen sein, als der Krieg endlich endete und ihre beiden Söhne weitgehend unversehrt überlebt hatten. Ernst Jüngers Feldpostbriefe – ein unverzichtbares Zeitdokument aus dem Ersten Weltkrieg, das man allerdings genau einordnen sollte.

Feldpostbriefe an die familie 1915 1918 ernst jünger erster weltkrieg

Fiktionale Texte sollten immer wieder darauf überprüft werden, ob die aufgeführten Feldpostbriefe authentisch sind. Die Zensur wütete auf beiden Seiten der Kriegsparteien. Ortsangaben und allzu große Zweifel am Erfolg wurden gnadenlos zensiert. Frohe Botschaften sollten die Heimat erreichen. Durchhalteparolen und nicht Angst oder Depression. Unzählige Briefe solchen Inhalts wurden verbrannt und erreichten ihre Empfänger niemals.

Wenn man die in den ersten beiden Absätzen aufgeführten Bücher aus dieser Perspektive betrachtet, dann ist es erstaunlich, dass ausgerechnet der Liebesroman „Eine Liebe über dem Meer“ die inhaltlich plausibelsten Feldpostbriefe beinhaltet. Sie hätten ihren Weg gefunden. Sie zeigen Zeichen von Zensur und verbergen ihre Botschaften zwischen den Zeilen.

„Letters from Sky“ – „Eine Liebe über dem Meer“ – nicht nur vor diesem Hintergrund mehr als ein Meisterwerk. Das steht für mich fest.

Zu allen Artikel zum Ersten Weltenbrand auf AstroLibrium

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„Atlantische Fahrt“ von Ernst Jünger

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

Es ist nicht leicht dahergesagt, dass sich Autoren im Laufe ihres Lebens verändern und entwickeln. Sie reifen an ihren Werken oder eben an den Erlebnissen, die ihnen während des Schreibens an allen Ecken und Enden des kreativen Schaffens auflauern. Romantische Phasen schlagen hier ebenso ihre Wurzeln, wie traumatische Ereignisse. Sie schärfen den Blick und lassen Perspektivwechsel zu, die nicht möglich wären, würde der Schriftsteller im Glaskasten leben.

Ernst Jünger ist gerade in dieser Beziehung für seine Leser von besonderem Interesse. Seine epochalen Werke über den Ersten Weltkrieg gehören zu den meist gelesenen Büchern über jene Zeit. Sie öffnen die Augen für die fehlgeleitete kaiserliche Vaterlandsliebe und die Euphorie, mit der junge Männer mit wehenden Fahnen in den Untergang liefen. Antikriegsliteratur hat Jünger geschaffen. Nichts verherrlicht er. Nichts lässt er aus. Schonungslos geht er mit dem industrialisierten Morden in den Schützengräben um. Gaskrieg und Massensterben für einen Raumgewinn von wenigen Metern – Angst – Tod und Verstümmelung – all diese Themen packt er an und keines seiner Bücher scheint geeignet, Kriegs- oder Mordlust beim Leser reifen zu lassen.

Sein großes „Kriegstagebuch 1914 – 1918“ und die daraus abgeleitete Roman-Adaption „In Stahlgewittern schildern seinen eigenen Weg durch die Gräben, die anfänglich Frankreich und Deutschland trennten. Sie öffnen die Augen für das Abstumpfen des menschlichen Geistes, für die Verrohung des Kriegers und für die Brutalität im Umgang mit sich selbst und dem Feind. Pathos findet man wenig und die Begriffe wie „Ruhm“ oder „Ehre“ werden zu diffusen Trugbildern einer ordensgeschmückten Fantasie. Jünger schreibt seinen Leser in den Schützengraben hinein und überlässt ihm dort seinem Schicksal. Jeder ist sich selbst der Nächste. Überleben als Leseübung… Heftig.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Brasilien 1936

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Brasilien 1936

Wenn man sich die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges vorstellen mag, dann folge man den Erinnerungen Ernst Jüngers und stelle sich einen Acker vor, der wie eine Mondkrater-Landschaft von Geschossen mehrfach umgepflügt wurde. Kein Baum, kein Busch, keine Blumen, keine Tiere… Nur der Mensch – bis zu den Zähnen bewaffnet und der ohrenbetäubende Lärm einer Artillerie, deren einziges Trachten es ist, alles im Flächenbombardement erneut umzupflügen.

Jünger hat diesen Krieg überlebt. Glück muss es gewesen sein, denn dem eigenen Geschick konnte es nicht zu verdanken sein und Heldentum spielte bei der Erhöhung der Überlebenschancen eine eher untergeordnete Rolle. Glück rettete ihn und mit Glück rettete er das Leben seines Bruders Friedrich Georg. Er hat diese menschenunwürdigen Bedingungen überlebt und durch seine Verarbeitung des Erlebten und Erlittenen wohl auch selbst dafür gesorgt, auch mit unbeschadeter Psyche nach Hause zu kommen.

Sehr beeindruckende Werke. Ein intensiver Blickwinkel auf das monströse Geschehen und die Verwunderung, wie man das überstehen kann. Diese Gefühle bleiben nachhaltige Wegbegleiter seiner Leser. Umso interessanter ist es für uns, diesem Veteran des Ersten Weltkrieges knapp 18 Jahre später an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erneut zu begegnen. Diesmal bewaffnet nur mit seinen Sinnen und seinen Notizbüchern, denen er zeitlebens seine Erinnerungen anvertraut hat. Jünger… der große Diarist seiner Epoche! Folgen wir ihm einfach auf die „Monte Rosa“ und begeben wir uns mit ihm gemeinsam auf eine Fahrt, die für ihn wie ein Trugbild eines Traumes gewirkt haben muss.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Kreuzfahrt der Sinne

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Kreuzfahrt der Sinne

Unsere Route führt vom europäischen Kontinent, der noch vernarbt vom Krieg erscheint, in das ferne Brasilien des Jahres 1936. Rio de Janeiro! Was für ein Reiseziel, welche Destination für einen Beobachter wie Ernst Jünger. Aus der Asche Europas in die unerschöpfliche Blüte eines prosperierenden Landes. Von der zerfurchten Kraterlandschaft zum tropischen Regenwald. Folgen wir ihm und blättern in seinen Erinnerungen.

Atlantische Fahrt – Rio – Residenz des Weltgeistes heißt der schmale und doch so überaus inhaltsreiche Band aus dem Hause Klett-Cotta, in dem der Herausgeber Detlev Schöttker nicht nur den Extrakt der memorierten Erlebnisse Jüngers präsentiert, sondern den Lesern einen tiefen Einblick in die Hintergründe dieser Fahrt gewährt. Briefe an seinen Bruder und an Mitreisende, Rezensionen und Postkarten, sowie eine umfassende Betrachtung der Reise aus Sicht des Herausgebers runden das Leseerlebnis ab.

Zwei Monate sind wir mit Ernst Jünger an Bord des Hamburger Dampfers und erleben hierbei einen völlig verwandelten Autor. Ernst Jünger als Reiseschriftsteller? Bis zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbarer Gedanke. Aber man erkennt schnell, dass er genau der richtige Beobachte am richtigen Ort ist. Vor dem Hintergrund seiner apokalyptischen Erlebnisse auf baumlosem Grund übermannt ihn die schiere Vielfalt der Natur am Amazonas. Wer jemals bewegende Zeilen über die Schönheit von Flora und Fauna lesen möchte, der sollte es mit diesem Reisebericht versuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Das dritte Auge - Notizbücher

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Das dritte Auge – Notizbücher

Die folgenden Zeilen aus dem Reisebericht „Atlantische Fahrt“ sind exemplarisch für das wildromantische Hochgefühl, das Jünger Brasilien entgegenbringt. Diese Worte sind von ganz anderer Natur, wie diejenigen aus dem großen Krieg. Er ist verliebt, im Überschwang der Gefühle und folgt seinen Instinkten, die ihm diesmal nicht das Überleben sichern, sondern alle Sinne öffnen, um kein noch so kleines Detail zu vergessen.

„Hier äußert sich gewaltsam die Übermacht des Lebenstriebes, die der Betrachter auch gegen sich gerichtet fühlt.“

„Und damit wächst mächtig die Versuchung, einzustimmen in diesen Wirbel von Dunkelheit und Lichtern, sich mit ihm zu vermählen, ganz in ihm aufzugehen.“

„Hier hatte ich ganz deutlich, greifbar das Bewußtsein der Verzauberung. Im Zauberbanne liegen heißt: gelähmt sein, schlafen, träumen, während die eigentlichen Mächte sich enthüllen, sich wiegen wie Falter über uns.“

Die pure Lebenslust springt dem Leser in seiner Urgewalt entgegen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, selbst mit Ernst Jünger durch den tropischen Regenwald zu wandern, Kolibris zu beobachten und die changierende Farbenpracht eines Chamäleons zu bewundern. Ernst Jünger steckt an und vermag es, all seine Liebe zum Gesehenen mit Worten zu transportieren. Brasilien – es ist leicht, ihm dorthin zu folgen. Es ist ein Vergnügen, nicht nur die Wildnis, sondern auch die im Wachstum befindlichen Metropolen zu besuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Eine Lesereise

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Eine Lesereise

Und doch beschleicht den aufmerksamen Leser, aus welchem Land jener Ernst Jünger kommen muss. Aus welchem Land er stammt und was in diesem Land in den letzten Jahren politisch verändert wurde. Die Begegnungen mit Tieren und Gewächsen fällt ihm sichtbar leichter, als diejenigen mit den Menschen anderer Kulturkreise. Ob in Südamerika oder auf der Rückfahrt bei Landgängen in Casablanca spürt man, wie schwer er sich mit der Beschreibung von Menschen tut, die in Deutschland wohl schon 1936 schon nicht mehr geduldet gewesen wären.

Ein 14-jähriges brasilianisches Mädchen beschreibt er fast zaudernd und erstaunt, als sei es ein Halbwesen aus Mensch und Tier. Man fühlt sich an Jüngers Seite in diesen Momenten wie auf einer Völkerschau und betrachtet die fremden Wesen aus der Perspektive des zahlenden Publikums:

„Es war in ein langes Hemd gekleidet, das die Brüste bis zu den Füßen vom Körper abspreizten. Eine Welle von Behagen und instinktivem Leben strömte von diesem Wesen aus.“

atlantische fahrt ernst juenger spacer

Die politischen Strömungen der Jahre scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Die Erkenntnis wächst jedoch von Tag zu Tag, welche Schönheit und Tiefe in den Menschen anderer Kontinente verborgen ist. Vielleicht der größte Gewinn seiner Reise. Einer Reise zu sich selbst. Jünger endet mit den Worten:

„Das Schiff fährt nun die Elbe hinauf. Ein frostiger Wind weht über das Promenadendeck , auf dem ich in den Nächten am Amazonas die anfliegenden Schwärmer beobachtete…“

Als Schwärmer kehrt Ernst Jünger nach Hause zurück. Nur wir wissen heute, dass es keine Reise nach dem großen Krieg war. Es war eine Reise zwischen den Kriegen und schon in wenigen Jahren sollte er wohl noch an so manchem Tag sehnsüchtig an den Amazonas denken… Und an die Lebenslust, die ihn wohl für immer prägte. Lesenswert – auch wenn dieser Reisebericht nicht zu Jüngers Hauptwerken zählt.

Ernst Jünger - Eine Werkschau bei Literatwo

Ernst Jünger – Eine Werkschau bei AstroLibrium- Ein Klick genügt

„In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger – Ein historisch kritischer Doppelschuber

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Buchmesse-Highlight 2013

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Buchmesse-Highlight 2013

Bald schon schreiben wir das Jahr 2014 und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegt dann genau 100 Jahre zurück. Mit ihm begann das Zeitalter der großen Kriege, die in ihrer Dimension nicht nur Europa zermalmten. Zeitzeugen leben nicht mehr und so müssen wir uns heute auf schriftliche Überlieferungen verlassen, die von der Kriegseuphorie und den unmittelbaren Folgen des ersten industriell geführten Zermürbungskrieges berichten. Materialschlachten fanden in den weit verzweigten Schützengräben statt. Der einzelne Mensch war zum Kanonenfutter verkommen.

Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, dann sprechen wir im historischen Sinne nicht mehr von Zeitgeschichte. Der Erste Weltkrieg ist also endgültig ins Reich der Geschichte gerückt und doch bewegt er noch heute. Wie konnte man nur für Kaiser und Vaterland in einen solchen Krieg ziehen? Und vor allem, wie konnte man dies nur wenige Jahre später – nun für Führer und Vaterland – ebenso enthusiastisch wiederholen?

Wer dies annährend verstehen will, der muss lesen. Zum Beispiel im „Kriegstagebuch“ des großen deutschen Schriftstellers Ernst Jünger, der seine eigenen Kriegserlebnisse an der französischen Front akribisch festgehalten hat. Jünger war hier der große Diarist eines Krieges.

Dieses Tagebuch liegt bis heute in unveränderter Fassung vor – sein Roman „In Stahlgewittern“ jedoch, für den das Tagebuch die Urmutter der Ideen war, wurde von Ernst Jünger persönlich bis in das Jahr 1978 immer wieder überarbeitet. Zeichen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen aus den Jahren 1914 – 1918… Erinnerungen, die nie verblassten.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Die Erstausgabe

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Die Erstausgabe

Vom Kriegstagebuch zum Roman:

In seinem Kriegstagebuch beschreibt Jünger seine Tage in den Schützengräben im umkämpften Frankreich des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918. Sachlich und nahezu emotionslos. Soldatenalltag und die Banalitäten des Kriegslebens bilden den Rahmen der Beschreibungen. Auch das Töten selbst gerät zur Banalität. Sein schneller Aufstieg zum Offizier ist den hohen Verlustraten des Gefechts geschuldet. Der Krieg tobt vier Jahre lang.

Und Jünger schreibt und schreibt und schreibt. Seine Sichtweise auf den allgegenwärtigen Tod, auf Verlust und Angst lassen klar werden, was die jahrelange Zermürbung aus einem jungen Menschen machen kann. Abstumpfung und Verlust von Ethik und Gefühl können klare Folgen des Kampfes sein – eines Kampfes der um des Kampfes Willen gefochten wird.

Und doch finden wir hier erstaunlicherweise nichts anderes als den Rohstoff für Jüngers spätere Werke.

Den Extrakt der Erlebnisse bildet das Kriegstagebuch und bereits zwei Jahre später kämpft Jünger mit allen Mitteln dafür, dem Sterben und den unzähligen Toten doch noch einen Sinn zu geben. Ein verlorener Krieg war unerträglich genug – verlorene Schicksale und ein verlorenes Leben wollte und konnte Jünger nicht riskieren. “In Stahlgewittern” (erschienen 1920) kann man dies nachlesen, aufspüren und fühlen. Jüngers Blick zurück war mit den frischen Erlebnissen aus seinen Lebensprotokollen unglaublich geschärft und für Außenstehende mehr als greifbar.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Bücherdialog

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Bücherdialog

Jüngers „Kriegstagebuch“ und sein Roman „In Stahlgewittern“ zählen heute zu den großen Werken der Anti-Kriegsliteratur. Jünger verherrlicht nicht, er schildert. Schonungslos und auch im Abstand einiger Jahre zum Krieg findet sich kaum Pathos in seinem Gesamtwerk. Weitgehend unpolitisch kommen seine Bücher daher und ganz besonders sein Roman könnte auf jedem Schlachtfeld der Welt angesiedelt sein. Der Mensch im Krieg… die erzeugten Bilder schrecken ab und zeigen die brutale und unkalkulierbare Gewalt der Schlachten… des Schlachtens.

Jünger ist Publizist aber kein Bellizist. Das zeigt sich ganz besonders daran, dass ihm seine Erlebnisse als Soldat niemals ruhen ließen.  In mehreren Fassungen hat er „In Stahlgewittern“ seit der Erstausgabe überarbeitet und mit immer neuen Vorworten versehen. Er hat immer wieder versucht, seinen Roman in die veränderten sozio-politischen Rahmenbedingungen einzubetten und reagierte auf alle erdenklichen Einflüsse der unterschiedlichen Epochen: den Nationalsozialismus, den verlorenen Zweiten Weltkrieg, die Deutsche Teilung, die Friedensbewegung und aufziehenden Pazifismus sowie den Kalten Krieg.

„In Stahlgewittern“ ist ein in jeder Hinsicht dynamischer Roman, der in seinen Veränderungen die fast schon verzweifelte Bemühung Jüngers wiedergibt, nicht falsch verstanden werden zu wollen. Jüngers Werk ruft nicht zu den Waffen. Ganz im Gegenteil, egal was ihm Kritiker oder Machthaber unterstellen wollten. Er ließ sich nicht instrumentalisieren, sondern entfernte nationalistische Zeilen genau in der Zeit, in der diese Gesinnung am Lautesten um sich Griff. Jünger kämpfte für die Botschaft seines Romans: Nie wieder Krieg!

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Zur Methodik der „Stahlgewitter“ Schuber-Ausgabe

Dieser dynamischen Anpassung Jüngers widmet sich die „Historisch kritische Ausgabe“ in zwei gebundenen Büchern aus dem Hause Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel. So findet man im ersten Buch die Erstausgabe des Romans aus dem Jahr 1920 auf der linken Buchseite, der dann die Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1978 auf der rechten Buchseite gegenüber gestellt wird.

Diese präzise Methodik ermöglicht schon auf den ersten Blick das Herausstellen der Unterschiede beider Ausgaben. In unterschiedlichen Textfarben werden dann sogar die Jahre der Veränderungen deutlich erkennbar und schnell erschließen sich dem Leser die Zusammenhänge mit der Veröffentlichung des Romans nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zusätzlich sind die Seitenzahlen von einzelnen Textpassagen angegeben, die im Kriegstagebuch fast wörtlich auftauchen und so kommen Roman und Tagebuch in einen intensiven und spannenden Dialog.

Der zweite Band der Prachtausgabe beinhaltet editorische Hinweise, das Variantenverzeichnis des Romans, Erläuterungen und Karten, Skizzen und Bilder der handschriftlichen Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die als Recherche-Grundlage für den Herausgeber dienten. Ein derart komplexes Epochengemälde der Veränderung eines Romans, der auf einem Tagebuch basiert, hatte ich zuvor noch nie in Händen. Ein in seiner Komplexität mehr als beeindruckendes Werk.

in stahlgewittern ernst jünger spacer

Die Lektüre dieser ausführlichen Ausgabe zeigt ein völlig neues Bild des bis zu seinem Tod im Jahre 1998 eher abgeklärt wirkenden Schriftstellers Ernst Jünger. Er war selbst hitziges und kaltblütiges Opfer des Krieges. Er versank selbst in den tiefen Abgründen der hoffnungslosen Kriegswirren und empfand das eigene Überleben lediglich als Zufall. Mit zunehmendem Alter schleichen sich Landschaftsbeschreibungen und atmosphärische Details in die Schlussfassung. Eine Versöhnung mit dem Krieg ist das nicht – eher der Versuch, dem Stakkato der Waffen einen zumeist persönlichen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

Literatwo hat sich in besonderer Weise mit Ernst Jünger beschäftigt und einen Vergleich zwischen seinem Kriegstagebuch und den Berichten Deutscher Soldaten, die über den Afghanistan-Einsatz geschrieben haben, gezogen. Hier geht es direkt zum Doublefeature: Eine Jugend im Krieg. Ein Blick auf unsere unterschiedlichen Perspektiven lohnt sich.

Die Unkalkulierbarkeit des Krieges bringt Ernst Jünger eindrucksvoll durch die kleine Erweiterung eines Satzes aus dem Lehrgedicht des Terentianus Maurus auf den Punkt: Bücher haben Schicksale… Kugeln ebenso! 

Habent sua fata libelli et balli

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Zuletzt noch zwei wichtige Leseempfehlungen von Literatwo. Diese Herzensbücher aus unserer mehr als reichhaltigen Bibliothek beschäftigen sich einfühlsam und emotional mit dem großen Thema „Liebe in Zeiten des Krieges“ und spielen in den Wirren des Ersten Weltkrieges.

John Boyne mit Das späte Geständnis des Tristan Sadlerund Louisa Young mit Eins wollt ich dir noch sagen„.

Im nächsten Jahr freuen wir uns bereits jetzt schon darauf, euch Elisabeth Büchles Trilogie zum Ersten Weltkrieg komplett vorstellen zu dürfen. Die Romane „Himmel über fremdem Land“ und „Sturmwolken am Horizont“ sind bereits in diesem Jahr erschienen. Wir können es kaum erwarten, bis auch Teil 3 in unserer Villa Einzug gehalten hat!

Vorfreude auf das Jahr 2014... Eine Trilogie wird vollendet

Vorfreude auf das Jahr 2014… Eine Trilogie wird vollendet

Wer gerne erleben möchte, wie Ernst Jünger 18 Jahre nach diesem monströsen Krieg eine Kreuzfahrt nach Brasilien verarbeitet hat, dem sei Atlantische Fahrt ans Herz gelegt. Literatwo war mit an Bord und hat den Schriftsteller von einer ganz anderen Seite erlebt.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

Eine Jugend im Krieg – ein Doublefeature

Krieg ist nicht nur Teil der Vergangenheit oder abstrakter Gegenstand der Literatur, die wir im Laufe des Jahres lesen. Er ist auch in diesem Jahrhundert Bestandteil unserer modernen Gesellschaft. Das Wort beginnt wieder „salonfähig“ zu werden. Politiker verlieren zunehmend die Scheu und Fassungslosigkeit, das beim Namen zu nennen, was keinen anderen Namen verdient.

Unsere Sprache greift zurück auf das unfassbar Fassbare – auf Worte, die keinerlei Interpretation mehr bedürfen und trotzdem nicht leicht über die Lippen kommen. Keinesfalls.

Wir finden keinen Gefallen am “Gefallen” – aber das Wort ist wieder da! Dies war schon zu Zeiten des Ersten Weltkriegs so, als junge Autoren wie Ernst Jünger in den Schützengräben Europas gehetzt ihre Tagebücher führten, um sich später Gehör zu verschaffen.

Mr. Rail: Vor 100 Jahren – Ernst Jünger – Das Kriegstagebuch

Heute kehren wieder junge Menschen aus Kriegen zurück. Auch heute versuchen sie sich wieder Gehör zu verschaffen oder schreibend von Erlebtem zu befreien und vielleicht sind auch unter ihnen die zukünftigen Literaten zu finden, deren klarer Blick sich in ihren noch zu schreibenden Werken wiederfindet.

Wir sollten ihnen zuhören, so wie man Ernst Jünger zugehört hat, so wie man Erich Maria Remarque zugehört hat – anfangs um zu lesen, wie es jungen Männern und Frauen im Krieg erging und dann schließlich um zu lesen, welch große Worte dort entstanden, wo tiefste Sprachlosigkeit herrschte. Nichts wird beschönigt, nichts dramatisiert und niemand schreibt, um sein Ego auszuleben. Und einen Krieg verherrlicht schon lange niemand mehr!

Binea: Heute – ein Fallschirmjäger in Kunduz

Literatwo baut eine Brücke über fast 100 Jahre Welt- und Kriegsgeschichte. Unsere Botschaft lautet dabei ganz einfach: Zuhören – niemals aufhören Zuzuhören. Mehr Kann man nicht fordern und darum bitten wir aufrichtig!

Wir

Besucht unsere beiden – fest miteinander verwobenen Artikel zu diesem Thema im Blog.Lovelybooks und sagt uns Eure Meinung!

Mr. Rail: Das Kriegstagebuch von Ernst Jünger und
Binea: Ein Fallschirmjäger in Kunduz