[Ernst Jünger] Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Der Erste Weltkrieg spielt für AstroLibrium in diesem Jahr natürlich eine sehr große Rolle. So haben wir bereits zwei Werke irischer Autoren ausführlich vorgestellt und besprochen. John Boynes Jugendbuch So fern wie nah und Sebastian Barrys hochbrisanten Roman Ein langer langer Weg. Weitere fiktionale Texte zum Thema sind bereits gelesen und werden sukzessive in die Bücherkette „Gegen das Vergessen“ eingereiht.

„Das Mädchen und der Krieg“ von Jürgen Seidel, „Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther haben bleibenden Eindruck hinterlassen und werden in Wort und Bild gefasst. Und selbst der Briefroman „Eine Liebe über dem Meer“ spielt in weiten Teilen vor dem tragischen Hintergrund des ersten Weltenbrandes, der sich auf den Schlachtfeldern in Europa millionenfach seine Opfer suchte.

Wie ein geheimnisvoller roter Faden verbindet all diese Romane ein gemeinsames erzählerisches Element: Feldpostbriefe spielen eine große Rolle. Sie vermitteln den Daheimgebliebenen Eindrücke vom Leben an der Front, tragen Botschaften voller Sehnsucht und Hoffnungen zu den Frauen und Kindern die so sehr fehlen und sollen gleichzeitig beruhigen und Sicherheit vorgaukeln, wo keine Sicherheit zu finden ist.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Reales und Fiktion

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Reales und Fiktion

Die Plausibilität fiktionaler Texte lässt sich gut ermessen, wenn man im realen Leben nach den Vorbildern für solche Stoffe sucht. Gegen das Vergessen zu lesen und zu schreiben führte uns immer wieder in die Nähe der Tagebücher von Ernst Jünger. Sein Roman In Stahlgewittern gehört zu den wohl eindrucksvollsten Werken, in denen ein Augenzeuge der Gefechte seine Erlebnisse verarbeitet. Grundlage für die Präzision seiner Schilderung war das Kriegstagebuch, das Ernst Jünger endlos scheinende vier Jahre lang unter teilweise unsäglichen Bedingungen weiter geführt hat.

Hier finden sich viele Parallelen und Übereinstimmungen, die den Roman so greifbar und authentisch machen. Wie jedoch haben wir heute die zeitgleich geschriebenen Feldpostbriefe an seine Eltern und seinen Bruder zu bewerten? Sind sie authentisches Frontbild, Hilferuf, Spiegelbild der Ereignisse oder verfolgte Jünger mit ihnen ein gänzlich anderes Ziel?

Vor dem Hintergrund seiner Vita lassen die nun vom Klett-Cotta Verlag veröffentlichten Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 Ernst Jünger nicht nur in einem anderen Licht erscheinen. Nein – genau dies war seine Intention. Musste ihn der eigene Vater noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit diplomatischem Geschick aus einer jugendlichen Kapriole bei der Fremdenlegion (er galt dort als Deserteur) befreien, so konnte er diesem zuhause kaum noch unter die Augen treten. Die dominante Vaterfigur wirkte sich mehr als prägend auf das Leben der Familie Jünger aus.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Voller Stolz nahm er zur Kenntnis, dass Ernst sich freiwillig in den Krieg meldete und noch stolzer war er, als sein Sohn an der Front Karriere machte. Mehrfach verwundet, mehrfach ausgezeichnet öffnete sich dem jungen Ernst durch die hohen Verlustraten in seiner Kompanie sogar der Weg zur Offizierslaufbahn. Endlich etwas können, endlich Menschen die zu ihm aufschauen, endlich jemand sein – diese Gedanken müssen viel Raum in seinem Denken eingenommen haben, nachdem sein Weg bis zu diesem Zeitpunkt eher von Enttäuschungen geprägt war.

Und was blieb ihm in dieser Situation anderes übrig, als seinen unerschrockenen Kriegseifer voller Mut und Tapferkeit in den Briefen an seinen stolzen Vater zu dokumentieren. Da wo in den Tagebüchern Verwirrung, Angst und Schrecken herrschen, wird in den Feldpostbriefen eine sachliche Heroisierung des Schreibers selbst vollzogen:

„Endlich habe ich mal einen Gasangriff mitgemacht, oder vielmehr gleich 3 Stück, das ist alles halb so wild.“

„Auch das Schreien der Getroffenen, das Blut und das Hirn des Postens… konnte ich ruhig und lange ansehen.“

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Zeitzeugnisse

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Zeitzeugnisse

Solche und ähnliche Schilderungen erfüllten die Erwartungen des Vaters. Endlich hatte er den Sohn, den man vorzeigen konnte. Endlich hatte man jemanden, dessen man sich nicht zu schämen hatte. Die Briefe lesen sich wie Berichte aus einer anderen Welt, in der nur einer bestehen kann: Ernst Jünger. Die Namen der gefallenen Kameraden füllen seine Briefseiten, wohl um seine eigene Unsterblichkeit hervorzuheben. Keine Zeichen von Zweifel oder gar Verzweiflung, von Abstumpfung oder Seelenqual. All dies jedoch findet sich in seinen Tagebüchern – und die schrieb er für sich selbst.

Sind die Feldpostbriefe deshalb wertlos oder wenig lesenswert? Nein! Auf gar keinen Fall. Im Wissen um diesen Zusammenhang sind sie mehr als interessant und es beeindruckt zu sehen, wie sehr ein junger Mann im Gefecht seinem Vater entsprechen möchte. Nur die Briefe an seinen Bruder Friedrich Georg, dem er im Gefecht das Leben rettete, sprechen eine andere Sprache. Tief, poetisch und differenziert. Diese Gratwanderung ist literarisch einzigartig und lässt tief in die Seele des späteren Schriftstellers blicken.

Das Gesamtwerk Jüngers gewinnt durch diese Feldpostbriefe eine Dimension, die ich persönlich nicht mehr missen möchte. Das Vorwort des Herausgebers Heimo Schwilk ist geradezu meisterlich verfasst – und dazu brauchte er keine Enzyklopädie. Ihm reichen wenige Seiten um alles einzuordnen. Ich sage wahrlich meisterlich.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Ein Gesamtwerk

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Ein Gesamtwerk

Und ganz am Ende sei es mir erlaubt, auf den wahren Hintergrund in den Briefen hinzuweisen. Er „outet“ sich selbst in den jeweils letzten Zeilen seiner Feldpostbriefe. Er zeigt sein wahres Bubi-Gesicht, wenn er anfängt aufzulisten, was man ihm doch bitte an die Front schicken möge. Hach wie herrlich weltfremd, wie abgehoben und verwöhnt der Junge doch war und wovon er nicht lassen konnte. Der harte Hund wird hier weich wie die heiß ersehnte Butter und die Bestellungen an Muttern erreichen von Brief zu Brief neue Höhepunkte…

Beispiele? Und hier gilt es zu erinnern… es geht um Wünsche aus dem Kampfgebiet… im Schützengraben verfasst… und genau dorthin möge man schnell liefern:

  • ein wöchentlich erscheinendes Insektenmagazin
  • Milch, Fruchtsaft, Likör, Cognac
  • 1 Fotoapparat
  • Bonbons, Pralinen
  • Tabak und Zigarren
  • Geld und nochmal Geld
  • Wurst, Konserven, Marmelade (bitte mal andere Sorten)
  • Reclam Hefte zur Berufswahl
  • Nadeln und Kleber zur Käferjagd
  • ½ Dutzend Mausefallen
  • 1 Koffer für den ganzen Krempel

Und als sei die Familie das Zentrallager für militärische Ausrüstung:

  • 1 Pistole (billig)
  • 1 Fernglas
  • 1 Messer
  • Pelzsocken, Handschuhe, Gamaschen
  • Stiefel, Koppel, die gute Mütze (usw…. usw…)

Müssen die Eltern erleichtert gewesen sein, als der Krieg endlich endete und ihre beiden Söhne weitgehend unversehrt überlebt hatten. Ernst Jüngers Feldpostbriefe – ein unverzichtbares Zeitdokument aus dem Ersten Weltkrieg, das man allerdings genau einordnen sollte.

Feldpostbriefe an die familie 1915 1918 ernst jünger erster weltkrieg

Fiktionale Texte sollten immer wieder darauf überprüft werden, ob die aufgeführten Feldpostbriefe authentisch sind. Die Zensur wütete auf beiden Seiten der Kriegsparteien. Ortsangaben und allzu große Zweifel am Erfolg wurden gnadenlos zensiert. Frohe Botschaften sollten die Heimat erreichen. Durchhalteparolen und nicht Angst oder Depression. Unzählige Briefe solchen Inhalts wurden verbrannt und erreichten ihre Empfänger niemals.

Wenn man die in den ersten beiden Absätzen aufgeführten Bücher aus dieser Perspektive betrachtet, dann ist es erstaunlich, dass ausgerechnet der Liebesroman „Eine Liebe über dem Meer“ die inhaltlich plausibelsten Feldpostbriefe beinhaltet. Sie hätten ihren Weg gefunden. Sie zeigen Zeichen von Zensur und verbergen ihre Botschaften zwischen den Zeilen.

„Letters from Sky“ – „Eine Liebe über dem Meer“ – nicht nur vor diesem Hintergrund mehr als ein Meisterwerk. Das steht für mich fest.

Zu allen Artikel zum Ersten Weltenbrand auf AstroLibrium

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So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und absoluter Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry bewegend und wortgewaltig

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

In meinem Leserherzen bin ich schon immer ein Ire gewesen. Ich fühle mich zu Hause auf der ewig grünen Insel und bin fasziniert von der abwechslungsreichen Geschichte des gespaltenen Landes. Melancholisch ist mir zumute, wenn ich irischen Autorenfedern folge. In ihrer Sprache schwingt eine Sehnsucht mit, die ihnen von Generationen irischer Vorfahren in die Wiege gelegt wurde. Mit William Butler Yeats lasse ich mich gerne auf sentimentale Gedichtabende ein, mit Roddy Doyle begegnete ich vier wichtigen Frauen, John Boyne verlieh meinem Lesen grenzenlose Flügel und nun lädt mich Sebastian Barry ein, ihm zu folgen.

Ein langer, langer Weg aus dem Steidl Verlag ist eine ganz besondere Lese-Herausforderung für mich, erwarte ich doch bestimmt nach Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich einen Roman über den Ersten Weltkrieg, der heute in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Doch schon die Erzählperspektive und der Protagonist des mehr als episch anmutenden Schlachtengemäldes reizten meinen Lesedurst. Erstmals folge ich also – das grüne Kleeblatt im Herzen – einem jungen Iren auf die Schlachtfelder ins belgische Flandern der Jahre 1914 bis 1918.

Willie Dunne zieht in den Krieg – und er hat einen guten Grund, dies zu tun. Er wächst nicht mehr. Nun ist Willie Dunne kein Zwerg mit seinen 1,68 Metern, aber er wird wohl nie das erforderliche Gardemaß erreichen, das man benötigt, um Angehöriger der Polizei von Dublin zu werden. Er würde nie so werden, wie sein Vater. Doch nun bietet sich die große Chance auf Uniform und Ruhm… Willie Dunne zieht in den Krieg… frisch verliebt in seine Gretta und voller Illusionen im Gepäck.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Und nicht nur das. Er trägt die ganze Last der Geschichte Irlands im Tornister, denn für einen Iren ist dieser Krieg ein mehrschneidiges Schwert voller verborgener Feinde und Risiken. Für einen Iren ist eigentlich jeder Krieg ein Gefecht gegen seine eigenen Sehnsüchte. Denn Irland schickt seine Soldaten nicht als Söhne eines geeinten Landes auf die blutigen Schlachtfelder. Unter den königlich britischen Uniformen verbergen sich Soldaten, die zum Instrument innenpolitischer Bestrebungen gemacht werden.

Denn in den Reihen der britischen Streitkräfte sind irische Unionisten und Nationalisten zu finden. Die Einen voller Stolz und königstreu, ergeben mit dem Versprechen von ein wenig Selbstverwaltung im Gepäck und die Anderen, nach völliger Unabhängigkeit strebend und die historische Chance nutzend. Ihr Motto „Englands Probleme sind Irlands Chancen“. Beide Seiten Teil einer großen britischen Armee – beide Seiten in der Hoffnung, ihre Ziele mögen durch Loyalität im Krieg im anschließenden Frieden erfüllt werden. So trügerisch….

Willie Dunne ahnt nichts von alledem. Er wirft sich jugendlich naiv in die Schlacht und erlebt die Schrecken des Ersten Weltkrieges in voller Wucht. Menschenleben haben keinen Wert. Die Vernichtung vollzieht sich industriell und das Überleben wird zum reinen Glücksspiel. Als Willie Dunne zum ersten Mal den geheimnisvollen gelben Nebel auf sich zuströmen sieht, ahnt er zwar, dass die deutschen Gegner teuflisches im Sinn haben. Die unmenschliche Dimension des Gaskrieges verändert sein Denken jedoch für immer.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Da wo andere erblinden und ersticken, scheint sich sein Gesichtsfeld zu erweitern und aus Willie Dunne wird ein Mann der schlagartig erwacht. Dass dem gelben Gas des Feindes ein noch viel tödlicheres folgt, erkennt er zum ersten Mal auf einem kurzen Fronturlaub. Plötzlich sieht er sich in seiner Heimatstadt Dublin den Rebellen des Osteraufstandes gegenüber. Landsleuten. Iren.

Abseits vom Grabenkrieg in Flandern zwingt man ihn in der königlich britischen Uniform Flagge zu zeigen. Nach dem Gaskrieg das zweite Erwachen des Willie Dunne. Ein nachhaltiges erneut und völlig verändert kehrt er an die Front in Belgien zurück. Die Begriffe Freund und Feind verlieren ihre Kontur. Das ewige Warten auf die Briefe seiner Geliebten bringt ihn fast um, und sein Verständnis für die Aufständischen führt zu einem tiefen Zerwürfnis mit seinem Vater und entwurzelt ihn vollends. Ein entwurzelter Mensch hat keinen Halt – ein entwurzelter Soldat wird Treibgut.

Und wenn dazu noch der endlose Regen des Kriegsjahres 1917 die Schlachtfelder Belgiens ins Wasserflächen verwandelt, in denen Straßen und Wege nur noch zur Erinnerung werden, dann sind das Abgleiten, das Versinken und das Untergehen vorprogrammiert. Willie Dunne zog in den Krieg. Doch was er fand, war nicht das wonach er suchte. Kein Ruhm, keine Ehre und keine Menschlichkeit. Er fand viel mehr Feinde, als ein einzelner Mensch verkraften kann.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Sebastian Barry eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes. Als würde ein Krieg allein nicht reichen, wirft er den jungen Willie Dunne in ein Gefecht, das vielschichtiger und hinterhältiger nicht sein kann. Sebastian Barry hier „nur“ einen Schriftsteller zu nennen, würde in diesem inneren Zusammenhang seinem Roman nicht gerecht. Er malt seine Worte, er meißelt seine Sätze, er formt seine Kapitel zu sprachgewaltigen Wortkunstwerken, die der Dimension des Schreckens eine Ebene verleihen, die ihresgleichen sucht.

Wer Leid und Sehnsucht in der eigenen irischen Melodie voller Melancholie hören, fühlen und schmecken möchte, der kann an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer mit Willie Dunne jemanden kennenlernen möchte, mit dem man leiden, weinen, hoffen und verzweifeln möchte, der darf an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer eine neue Dimension des Schreibens „Gegen den Krieg“ nicht versäumen möchte, der muss sich auf den Weg machen.

„Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry ist ein wichtiger und bewegender Weg, den man gehen sollte. Die Sprachgewalt des irischen Autors macht sprachlos und doch erkennt man am Schicksal eines jungen Soldaten aus Dublin warum Irland auch heute noch alles andere als ein geeintes Land ist. Das grüne Kleeblatt ist gespalten – voller dunkler Lasten aus der Vergangenheit. Möge es Sebastian Barry gelingen, Verständnis zu wecken und Gefühl zum Bindeglied eines großen Traumes werden zu lassen.

Irland…. Ewig grün…

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt - ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt – ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Fokus von AstroLibrium: „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger, „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne, „Eins wollt ich dir noch sagen“ von Louisa Young und bald schon Jürgen Seidels „Der Krieg und das Mädchen“, sowie erneut John Boyne mit einem Jugendbuch „So nah wie fern“ . Ein Schwerpunktjahr hat gerade erst begonnen.