So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und absoluter Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon überlebt die Nazi-Diktatur in Berlin

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Eine Überlebensgeschichte

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Eine Überlebensgeschichte

Wenn es mir gestattet ist, möchte ich dieser Buchpräsentation eine völlig neue Einleitung voranstellen. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich Zitate der verfolgten Halbjüdin Marie Jalowicz Simon im Berlin der Nazi-Diktatur direkt mit meiner persönlichen Erkenntnis des Tages verknüpfen. Ich habe lesend viele Notizen verfasst und meine eigenen Gedanken sind eine starke Verbindung zu dieser wahren Lebeschichte eingegangen. Ich möchte diese Verknüpfung nicht mehr trennen… wenn es mir gestattet ist

Untergetaucht von Marie Jalowicz Simon (Fischer Verlag) ist ein in vielfacher Hinsicht mehr als außergewöhnliches Buch voller Stärke, Ironie und verzweifelter Hoffnung. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich den Faden dieser Lebensgeschichte genau dort aufnehmen, wo er mir in die Hände gelegt wurde. Und ich möchte damit eine Verbindung zu der Frau herstellen, die ihn unter Lebensgefahr für uns alle geknüpft hat.

Wenn es mir gestattet ist, dann würde ich sehr gerne unmittelbare Lehren ziehen, damit ich noch besser fühlen und verstehen kann. Damit ich gezielter verhindern kann. Damit ich besser erinnern kann. Ich tauche mit unter… anders geht es nicht… Folgt ihr mir?

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - In Gefahr

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – In Gefahr

„Und dann lernte ich etwas für mein späteres Leben: In einer abnormen Situation darf man sich nicht normal benehmen. Man muss sich anpassen.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn man dich schon als „Unverschämtes Judengesindel“ beschimpft, während du dich „freiwillig“ zur Zwangsarbeit anmelden musst, verhalte dich nicht auch noch freundlich und zuvorkommend. Sei anders! Zeige Stärke.

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„Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? In ihrer scheuen und einfältigen Art hatte sie eine so rührende Anmut, dass sie später für viele Jahre zu meiner persönlichen Toten wurde.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn du dir unter der unvorstellbaren Zahl verfolgter und ermordeter Juden nichts vorstellen kannst, dann klammere dich an ein einziges Gesicht. Niemand kann sich unter abstrakten Zahlen individuelle Schicksale vorstellen und nur „persönliche Tote“ helfen dir, am Leben zu bleiben.

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„Dann ging die Tür auf, sie war draußen, und ich dachte: Unvergesslich! Da haben zweihundert Frauen in unermesslicher Sehnsucht nur ein Wort gedacht: FREIHEIT. Es war ein Chor, der absolut geräuschlos lauter dröhnte als die lärmendste Nazi-Propaganda.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn es gilt Solidarität zu zeigen, muss dies nicht laut geschehen. Gemeinsam stark sein bedeutet nicht zu schreien. Wenn eine von euch aus dem Kreislauf der Vernichtung fliehen kann und ausreisen darf, dann zeigt ein vielstimmiges Schweigen. Missgönne nicht – wachse an der Sehnsucht und überlebe.

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„Für mich war dieses Spiel sehr wichtig, denn ich lernte selbstbewusst aufzutreten, auch denen gegenüber, vor denen wir eigentlich in ständiger Angst lebten. Und das sollte mir auf meinem ganzen Weg durch die Nazi-Zeit noch helfen.“

Berlin 1942. Erkenntnis des Tages: Verstecke dich auf keinen Fall hinter deinem Judenstern. Konfrontiere die Machthaber mit ihren Gesetzen und stell dich hilflos. Frage einen Polizisten nach dem Weg durch Berlin und schüttle dann nur noch beharrlich den Kopf und weise darauf hin, dass du die empfohlenen Straßen nicht betreten darfst und dir öffentliche Verkehrsmittel verboten sind. Wenn der Polizist dann entnervt sagt: „ Macht doch diesen Scheißstern ab, steigt in die U-Bahn und fertig ist die Laube“, dann hast du gewonnen. Es ist mehr als ein Sieg. Du hast Zweifel gesät…

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„Und so wurde ich aus der Kartei des Arbeitsamtes gelöscht, weil ich die Frechheit hatte, den Behörden mitzuteilen, dass ich bereits deportiert sei.“

Berlin 1941. Erkenntnis des Tages: Jedes System lässt sich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf der althergebrachten deutschen Bürokratie. Kannst du diese auch nur einmal überlisten, wirst du für immer verschwunden sein. Frei….UNTERGETAUCHT – mitten in Berlin… auch wenn damit deine Probleme erst richtig beginnen.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Dunkle Jahre

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Dunkle Jahre

Wisst ihr nun, was ich damit meinte, einen Faden dort aufzunehmen, wo das Schicksal eines Menschen ihn im kollektiven Wissen um die Geschichte vieler Menschen versteckt hat? Wisst ihr nun, warum ich direkt folgern möchte? Die aufgeführten Zitate  aus ihrem Buch charakterisieren Marie Jalowicz Simon in besonderer Weise. Sie charakterisieren ihren Überlebenswillen, ihren Mut und ihren weiteren Lebensweg.

Das Untertauchen am 22. Juni 1942 war der bewusste Schritt in die Illegalität. Mit gerade einmal 20 Jahren entzieht sich Marie der Verhaftung durch die GESTAPO, der die unmittelbare Deportation gefolgt wäre. Illegal… welch abstruses Wort für die Halbjüdin Marie angesichts einer Diktatur, in der millionenfacher Völkermord legalisiert wurde – einer brutalen Diktatur, die den Holocaust offen propagierte und  vollzog.

„Untergetaucht“ erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte, der ich hier nicht vorgreifen möchte. Maries Weg ist auf eine besondere Art und Weise einzigartig, da am 22. Juni 1942 eine Odyssee durch ihre Heimatstadt begann. Versteckt, verborgen, obdachlos, auf Unterstützung angewiesen, ständig in Lebensgefahr, mitten im Krieg, rationierte Nahrungsmittel nur für registrierte Nicht-Illegale – so sehen sie aus die Rahmenbedingungen einer Flucht durch eine Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Lebensmut

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Lebensmut

Dass Marie Jalowicz Simon nicht zu „meiner persönlichen Toten“ des Holocaust wurde, ist nicht nur ihr eigener Verdienst. Opferbereitschaft und Mut, intellektuelles Abstraktionsvermögen in hoffnungslosen Situationen und die Fähigkeit zur zielgerichteten Selbstaufgabe haben Marie ihr persönliches Überleben geschenkt. Sie erlebte ihr Berlin schließlich als „Umschlagplatz“, jenen Ort, an dem Hoffung in Zuversicht umschlägt! Der Preis, den sie zahlte, war hoch. Der Preis einiger Menschen, die ihr mutig zur Seite standen war höher.

Taucht mit Marie unter und nehmt ihren Faden auf. Er kann Leben retten und Augen öffnen. Folgt AstroLibrium erneut nach Berlin. Vielleicht begegnet ihr auf den Straßen jener „illegalen“ jungen Frau oder vielleicht einem kleindeutschen Ehepaar, das in lautem Protest für den sinnlos gefallenen Sohn Postkarten des Widerstandes verteilt. Vielleicht sind sie sich persönlich begegnet… damals in ihrer Stadt… die Eine „Untergetaucht“, die Anderen mit dem Ausspruch „Jeder stirbt für sich allein“ auf den zum Tode verurteilten Lippen. Sie lebten im gleichen Viertel einer dunklen Stadt…

Was am Ende bleibt von diesem Buch? Die magische und zeitlose Erkenntnis einer jungen Frau, die am Tag ihres Auftauchens im Angesicht sowjetischer Truppen voller Stolz für sich behaupten konnte: „Ich hatte mich nicht zu ergeben!“ Allein dieser Satz sollte Mut machen und Ansporn sein, das eigene Leben voller Standhaftigkeit und gegen alle Widerstände der Zeit leben zu wollen. Dieser Wille hat Marie Jalowicz Simon gerettet.

Hier geht´s weiter: Gegen das Vergessen bei AstroLibrium

Wieder Berlin mit Falladas "Jeder stirbt für sich allein"

Wieder Berlin mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“