Dank meiner Mutter – Im Ghetto Wilna mit Schoschana Rabinovici (10 J.)

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici

Ich würde mir gerne erlauben, euch eine Geschichte vorzustellen. Nicht weil sie einfach so dramatisch ist, oder unfassbar gut erzählt. Nicht weil sie zu Tränen rührt oder Wutausbrüche während des Lesens verursacht. Nicht weil sie mithungern, mitfiebern, mitleiden, mitweinen oder mitleiden lässt. Nicht weil sie unendlich brutal oder psychisch extrem herausfordernd ist. Nicht weil sie herzergreifend ist oder schlafloses Lesen bereitet. Das wären sicherlich gute Gründe, die auch alle auf diese Geschichte zutreffen – aber ich möchte sie euch aus einem anderen Grund vorstellen: Weil sie WAHR ist.

So wahr, dass man – auch wenn man schon seit Jahren “Gegen das Vergessen” schreibt und alles Grauen des Holocaust denkt erfühlt, erfahren und erlesen zu haben – während des Lesens nicht mehr genau weiß, wie tief Mitgefühl und Mitleid reichen können. So weit, dass man nicht mehr sagen kann, wie tief man in die Abgründe des kindlichen Schmerzes eintauchen kann, um nur ansatzweise zu verstehen, was dieses kleine litauische Mädchen im seiner Kindheit erlebt hat. Eine Kindheit, die im Alter zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr der Hölle auf Erden glich… wenn das nicht eine Verharmlosung ist, da die Hölle nur in unserer Vorstellung besteht.

Nehmt Platz und schaut, dass ihr jemanden habt, an dem ihr euch festhalten könnt, wenn ihr dieses kleine Mädchen kennen lernt. Atmet noch einmal tief ein und aus, bevor ich euch ihre Mutter vorstelle. Eine Frau, der jenes Mädchen mit dem Buch Dank meiner Mutter ein zeitlos bleibendes Denkmal gesetzt hat. Ich möchte euch Schoschana Rabinovici vorstellen. Sie ist Physiotherapeutin und lebt in Wien. Und sie ist litauische Jüdin. Ohne ihre Mutter Raja würde dieses Buch nicht in unseren Händen liegen, da Schoschana hundert Tode gestorben wäre ohne sie.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Kein Leben für Kinder

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Kein Leben für Kinder

In einer Zeit als das junge Mädchen noch Susie Weksler hieß. In einer Zeit, in der ihre ganze Familie im litauischen Wilna lebte. In einer Zeit, in der sie sich behütet und beschützt fühlte. 1941. Susie wird gerade einmal zehn Jahre alt. Wilna – 1941. Die Wehrmacht marschiert ein. Litauen – Wilna – 1941. Ein Leidensweg beginnt. Nicht nur für Susie und ihre Mutter Raja. Abertausende litauische Juden geraten in die Mühlen dessen, was man heute als Holocaust oder Shoa bezeichnet.

Die völlige Auslöschung – das völlige Verbrennen millionenfachen Lebens – den systematischen Mord an einem ganzen Volk.

Mit dem unerwarteten Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Vertreibung russischer Truppen aus ganz Litauen vollzieht sich der Beginn des Todesdramas litauischer Bürger, die sich nur in ihrem Glauben von ihren Landsleuten unterscheiden, und auch in der Zivilbevölkerung bricht der nackte Antisemitismus aus. Die Wehrmacht muss anfangs nicht selbst Hand anlegen. Nur wegschauen und zustimmen. Das reicht aus, um die Erschießung von mehreren tausend jüdischen Männern in der Nähe von Wilna in die Tat umzusetzen.

Eines der ersten Opfer ist Susies Vater und von diesem Moment an lebt die Familie in ständiger Alarmbereitschaft. Doch es gibt keine Möglichkeit zur Flucht. Die deutschen Truppen haben neben dem Sieg gegen Russland einen weiteren ideologisch geprägten Hauptauftrag. Die Vernichtung allen jüdischen Lebens in den besetzten Gebieten. Und sie gehen dabei systematisch vor. So systematisch, dass man den Glauben an die Menschlichkeit verliert, wenn man betrachtet, mit welch barbarischem Kalkül die Auslöschung eines ganzen Volkes vorangetrieben wird.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Widerstand im Ghetto

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Widerstand im Ghetto

Was dann folgt lässt sich kaum beschreiben. Schoschana Rabinovici versetzt sich in ihren Erinnerungen in ihre eigene Perspektive eines kleinen Mädchens zurück und erzählt, wie dramatisch sich das Leben ihrer Familie von Minute zu Minute änderte. Es beginnt mit der Isolierung allen jüdischen Lebens. Totales Arbeitsverbot – die Pflicht, den gelben Davidstern zu tragen – absolutes Ausgangsverbot – Verlust der eigenen Wohnung – Verlust allen Eigentums – Schaffung eines Ghettos, in dem alle Juden aus Wilna kaserniert werden.

Keine Privatsphäre mehr. Leben mit dutzenden Menschen auf engstem Raum und gleichzeitig der Beginn von Zwangsarbeit für deutsche Firmen. Essen nur noch für diejenigen, die arbeitsfähig sind. Kein Verlassen des Ghettos mehr für Familienangehörige. Und um Platz auf allerengstem Raum zu schaffen, pausenlose nächtliche Aktionen der NAZIS, in denen nach augenscheinlichem Zufallsprinzip ganze Häuser geräumt werden. Das Ziel der jüdischen Menschen, die man abtransportiert, ist der sichere Tod.

Während die Familie Weksler versucht zusammen zu bleiben und allen Aktionen aus dem Weg zu gehen, bildet sich im Ghetto erster jüdischer Widerstand. Man gräbt Verstecke unter den alten Wohnhäusern und versucht während der Aktionen dort Unterschlupf zu finden. Dies alles aus der Sicht eines verängstigten Mädchens zu erfahren macht sprachlos. Hunger, Todes- und Verlustangst prägen ihr Leben und nur ihre Mutter Raja hält die kleine Susie fest, wie ein Fels in der Brandung.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – NAZIS überall

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – NAZIS überall

Bis Mitte des Jahres 1943 geht dieser Terror unvermindert weiter, bis dem Massensterben eine neue Dimension verliehen werden soll. Die deutsche Wehrmacht muss sich Zug um Zug aus den besetzten Gebieten zurückziehen und so werden die Ghettos „liquidiert“ – das heißt aufgelöst. Massenselektionen entscheiden darüber, wer sofort zu sterben hat, oder wer in einem Transport in ein Konzentrationslager deportiert wird. Während Susie auf diese schreckliche Art und Weise fast ihre gesamte Familie verliert, greift ihre Mutter zu verzweifelten Tricks.

Kinder sind zum Tode verurteilt und so unternimmt Raja alles, um ihre Tochter bei der Selektion älter und größer erscheinen zu lassen. Als auch das scheitert besticht sie einen Wärter und trägt Susie in einem Rucksack über die Rampe in den vermeintlich rettenden Zug. Das Ziel heißt „Kaiserwald“und stellt als KZ die nächste Stufe der industriellen Vernichtung von Leben dar. Stundenlange Appelle in eisiger Kälte, mangelhafte Verpflegung, kaum medizinische Hilfe und willkürliche weitere Selektionen machen das tägliche Leben zum Ritt auf der NAZI-Rasierklinge.

Mehr als brutal und skrupellos agieren dabei die deutschen KZ-Wärterinnen – Blitzmädels genannt. Als die Front sich dem KZ nähert, folgt der letzte Schritt. Er führt die verbleibenden Insassen nach Stutthoff. Ein Vernichtungslager, das man nur durch den Schornstein verlassen würde… so die Begrüßung am ersten Tag. Als der Krieg für die NAZIS verloren scheint, räumt man auch dieses Lager und treibt die letzten tausend überlebenden Frauen in Eiseskälte auf einem Todesmarsch vor sich her.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Die vorletzte Station

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Die vorletzte Station

Wie man das überleben kann? Vielleicht gibt der Lebensbericht von Schoschana Rabinovici Dank meiner Mutter“ (Fischer Schatzinsel) eine Antwort. Trotz aller Zufälle, die über Leben und Tod entscheiden, trotz der perfekten Systematik des Mordens legt die Autorin Zeugnis darüber ab, wie wichtig es ist, zusammen zu bleiben, zu kämpfen und sich nicht aufzugeben. Aus jedem Lichtstrahl, den man sieht, Kraft zu schöpfen und in jedem schmerzvollen Tag eine neue Chance zu sehen. Raja Weksler hat ihre Verantwortung als Mutter selbstlos gelebt. Bis an den Rand der Erschöpfung und fast bis zum eigenen Tod hat sie für ihr kleines Mädchen gekämpft. Dieses Bild gibt Hoffnung – auch im Angesicht millionenfachen Todes.

Die bleibende Traumatisierung ist enorm. Die Verletzungen in seelischer und körperlicher Hinsicht sind dramatisch. Und auch wenn von der ganzen Familie nur drei Menschen überleben, ist das kein Grund zur Freude. Es ist schmerzvoll, den Weg mit Susie Weksler zu gehen. Er macht wütend und öffnet Augen. Dieses Buch ist eines der wichtigsten Zeitzeugnisse, das ich bisher gelesen habe. Es ist eindringlich und äußerst hart. Und doch sollte es gerade von Jugendlichen gelesen werden.

Die Individualisierung des Erinnerns ist für uns der Königsweg „Gegen das Vergessen. Wenn man versucht, sich in Susie Weksler hinein zu versetzen, dann wird man alles unternehmen, damit dieses Unrecht nicht erneut geschehen kann. Und mit Susie zu gehen – von Wilna nach Kaiserwald über Stutthoff bis hin zum Todesmarsch – schärft den Blick auf die Dimension des gesamten Holocaust. Vergesst nicht. Lest. Diskutiert und nehmt dieses einzelne Schicksal stellvertretend für viele.Wir tragen keine Schuld – wir tragen Verantwortung für dieses Erinnern.

Dank meiner Mutter - Eine tragende Säule von "Hannah"

Dank meiner Mutter – Eine tragende Säule von „Hannah“

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Eigentlich können wir in diesen Tagen nicht von friedlichen Zeiten sprechen. Eigentlich dreht sich dem geneigten Leser angesichts der Ereignisse in der Ukraine der friedliebende Magen um, wenn man sich vor Augen hält, dass bewaffnete Konflikte erneut an die europäische Haustür klopfen. Und dabei hatte man gedacht, gerade dieses Haus hätte eine ausgeprägte Alarmanlage. Besonders vor dem Hintergrund der Ereignisse von einst.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges liegt gerade einmal 75 Jahre hinter uns und die Narben des großen Weltenbrandes sind noch lange nicht verheilt. Wenn ich in meiner kleinen Redaktion in aller Lautstärke Gegen das Vergessen schreibe, dann nicht ohne meinen Blick in die Gegenwart zu werfen und aufmerksam zu beobachten, wie sehr man gegenseitig anerkanntes internationales Völkerrecht auch heute wieder beugen kann, um eigene Großmachtinteressen zu verfolgen… oder (Strickmuster sehr bekannt) von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Diese Bilder im Sinn, werfen wir erneut einen Blick zurück in das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit. Ein bis zwei Generationen liegen zwischen uns und der Besetzung europäischer Länder durch die deutsche Wehrmacht und die SS. Nicht viel, angesichts der Zeitspanne, die Zeitgeschichte umfasst. Gar nicht viel. Peter Hakenjos versetzt uns in seinem aktuellen Roman in die letzten beiden Kriegsjahre und wir folgen seinem Protagonisten Ulf Lahner auf seinem Weg durch die Wirren dieser Zeit.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst, so lautet der Titel des Weltkriegs-Romans von Peter Hakenjos, in dem historische genau recherchierte Fakten an fiktiven Charakteren gespiegelt werden. Doch hat sich der Autor hier keine einfache Romanfigur erdacht, die uns die Schrecken der Zeit erleben lässt.

Ulf Lahner meldet sich im Alter von 17 Jahren, völlig verblendet und von der Überzeugung einer ehrenhaften Mission beseelt, im Januar 1944 freiwillig zur Waffen-SS. Und dabei wusste er, was auf ihn zukam. Die übliche Karriere eines Hitlerjungen lag hinter ihm und wenn schon in den Krieg, dann wenigstens zur Elite, so seine Sicht der Dinge. Verwunderung und Erstaunen ruft diese Entscheidung in seinem Umfeld hervor. Absolute Besorgnis bei der Mutter, die nun alleine in Pforzheim zurückbleiben musste und sogar Erstaunen im Rekrutierungsbüro schlugen ihm entgegen.

Der Zweite Weltkrieg sollte für den SS-Kämpfer Ulf Lahner gerade einmal sieben Monate dauern und wir begegnen ihm zu ersten Mal in dem Moment, als alles in sich zusammenbricht. So, wie er selbst zusammenbricht. Verwundet nach der Invasion der Alliierten in der Normandie. Verwundet, dann im Lazarett und später sogar in Gefangenschaft. Acht Monate – zumeist Drill und Ausbildung und dann ab Juni die ersten Gefechte in Frankreich. Rückblenden zeigen seinen Weg. Doch sie sparen ein Ereignis aus. So wie sein Bewusstsein ein Ereignis ausspart. Nur nachts… statt des Schlafes… da kommen die Bilder.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Wir erfahren wenig über die Ausbildung in der Kaderschmiede der SS, wir erfahren kaum etwas über die fatale ideologische Ausrichtung der „Führergotteskrieger“, wir erfahren eigentlich erstaunlich wenig auf dem direkten Erzählstrang. Peter Hakenjos geht als Schriftsteller subtiler vor. Er lässt uns ahnen, vermuten, schlussfolgern und erfühlen. Wir werden zu Wegbegleitern von Ulf Lahner und beobachten mit seinen Augen die letzten Kriegsminuten vor seiner Verwundung, seine Genesungszeit im Lazarett in seiner Heimatstadt Pforzheim und viel mehr.

Aus seiner Perspektive erleben wir die Bombardierung der Stadt im Februar 1945, die verzweifelte und hoffnungslose Suche nach seiner Mutter und schließlich, kurz bevor er wieder an der Front kämpfen will, die Gefangenschaft durch britische Truppen. Wir erleben endlos scheinende Vernehmungen und auch hier zeigt sich der noch immer verblendete SS-Mann ungebeugt. Er rechnet auf. Er bezeichnet die brutale Bombardierung deutscher Städte als ebensolche Kriegsverbrechen wie jene, an denen die SS beteiligt war. Und genau dadurch versucht er zu rechtfertigen, was nie zu rechtfertigen ist.

Und doch findet er keine Ruhe, denn nachts kommen die Bilder. Verhöre zeigen langsam aber deutlich, dass er verwickelt gewesen sein muss. Er war da… ohne dass es im Klartext zu Wort kommt. Oradour-sur-Glane. Ein Massaker seiner Einheit an französischer Zivilbevölkerung. Peter Hakenjos lässt es uns ahnen, welche Schuld Ulf Lahner auf sich geladen hat.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Dann beginnt die Flucht aus dem Lager der Kriegsgefangenen. Von langer Hand geplant und von immer noch aktiven Strukturen der SS bestens organisiert. Ulf Lahner wird nicht um seiner selbst Willen befreit. Nein – er soll während und nach der Flucht ehemaligen NAZI-Größen als treuer Leibwächter zur Verfügung stehen.

Ich persönlich hätte gerne mehr über die Prägung Ulf Lahners erfahren, mehr über den direkten Weg in die schwarze Uniform mit dem Totenkopf. Es ist mir schwergefallen, seinem Aufrechnen von Schuld zu folgen, weil es nur zum Ziel hat, die eigene Beteiligung an Massakern zu entschuldigen. Die Flucht nach Argentinien wird zum zentralen Element des Romans und auch hier agiert Peter Hakenjos geschickt, indem er die Verstrickungen der SS und die Zukunftsvisionen im Vorbeigehen erfahrbar macht.

Das Paradies der Täter“ (Jürgen Seidel) kennen wir und so lautet das Ziel der fliehenden Elite mit ihren Schutzbefohlenen, die ihnen früher zu befehlen hatten. „Der Siebzehnjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ oder „Beliebte Wanderwege der SS“… diese Gedanken begleiteten mich bei der Schilderung des Fluchtweges. Er hat für mich zu viel Raum eingenommen im Buch. Auch wenn am Ende der Flucht ein neuer Mensch am Ziel ankommt, so wird seine Wandlung für mich nicht nur durch die Fluchterlebnisse nachvollziehbar.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Am Ende stehe ich einem zeitlosen Täter gegenüber, dessen Schuld ihn so unsympathisch und hassenswert macht, dass sein eigenes dramatisches Erleben dagegen verblasst. Ein spätes Geständnis, das es in sich hat, öffnet ihm zwar den Weg in sein neues Leben, aber es öffnet auch ihm die Augen, wie weit er gegangen ist, bevor er es erkannte. Viel zu weit. Unentschuldbar weit.

Peter Hakenjos hat mit „Nur der Tod vergisst (G. Braun Verlag) einen Roman geschrieben, der sich sehr flüssig liest, aber die Perspektive eines ideologischen Täters nicht völlig ausreizt. Hier hätte mich mehr Tiefe in der psychologischen Betrachtung, statt Fluchtbericht interessiert. Die psychische Traumatisierung des SS-Soldaten erscheint in wenigen, jedoch eindrucksvollen, ständig wiederkehrenden Bildern, während er sich ansonsten erstaunlich gut in der Realität zurechtfindet.

Bemerkenswert an diesem Roman ist, dass es der Autor schafft, den Leser selbst zur moralischen Instanz der Handlung zu machen. Wir lassen das Aufrechnen von Schuld nicht zu, wir folgen dem Weg von Ulf Lahner, aber wir folgen nicht auf Augenhöhe, sondern distanziert. Wir übernehmen gerne die Rolle des britischen Offiziers mit deutsch-jüdischer Vergangenheit, der in Vernehmungen mit Ulf Lahner konfrontiert wird. Der Briefwechsel zwischen beiden bildet den Höhepunkt des Romans.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Und doch verstehen wir wieder einen kleinen Schritt mehr, wie man in der Tiefe des Geistes einer ideologische Prägung gefangen sein kann, und dadurch das eigene Denken und Handeln unter einem Pseudo-Deckmantel aus Treue und falsch verstandener Kameradschaft zu schützen versucht. Diese Automatismen beschreibt Hakenjos nachvollziehbar und deutlich. Mögen sie nicht mehr greifen…

Den Zweiten Weltkrieg aus Sicht eines SS-Täters zu beschreiben ist ein mehr als mutiger und gelungener Versuch und weckt die Erinnerung an Jonathan Littells Die Wohlgesinnten„, einen Roman, der nicht nur wütend und sprachlos macht, sondern in der direkten Auseinandersetzung mit dem Thema Gedanken freisetzt, die nicht gedacht werden könnten, wenn man nur die Opfersicht bemüht. Den Autoren dieser Werke muss klar gewesen sein, dass man keine Nähe zu ihren Protagonisten aufbauen kann, aber durch die große Distanz entsteht eine unfassbare Nähe zur Zeitgeschichte.

Hakenjos schlägt in seinem Buch eine Brücke in eine längst vergangene, aber immer noch sehr lebendige Zeit. Keine Wunde ist verheilt. Nicht diejenigen der Opfer von Massakern – nicht diejenigen der Opfer von Bombardements – nicht diejenigen der Verfolgten und Gejagten. Und doch bleibt der historische Fakt: Die Bombardierung deutscher Städte war die Antwort auf die Verbrechen, die Nationalsozialisten in die Welt trugen. Ein wichtiges Buch „Gegen das Vergessen.“

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon überlebt die Nazi-Diktatur in Berlin

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Eine Überlebensgeschichte

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Eine Überlebensgeschichte

Wenn es mir gestattet ist, möchte ich dieser Buchpräsentation eine völlig neue Einleitung voranstellen. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich Zitate der verfolgten Halbjüdin Marie Jalowicz Simon im Berlin der Nazi-Diktatur direkt mit meiner persönlichen Erkenntnis des Tages verknüpfen. Ich habe lesend viele Notizen verfasst und meine eigenen Gedanken sind eine starke Verbindung zu dieser wahren Lebensgeschichte eingegangen. Ich möchte diese Verknüpfung nicht mehr trennen… wenn es mir gestattet ist

Untergetaucht von Marie Jalowicz Simon (Fischer Verlag) ist ein in vielfacher Hinsicht mehr als außergewöhnliches Buch voller Stärke, Ironie und verzweifelter Hoffnung. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich den Faden dieser Lebensgeschichte genau dort aufnehmen, wo er mir in die Hände gelegt wurde. Und ich möchte damit eine Verbindung zu der Frau herstellen, die ihn unter Lebensgefahr für uns alle geknüpft hat.

Wenn es mir gestattet ist, dann würde ich sehr gerne unmittelbare Lehren ziehen, damit ich noch besser fühlen und verstehen kann. Damit ich gezielter verhindern kann. Damit ich besser erinnern kann. Ich tauche mit unter… anders geht es nicht… Folgt ihr mir?

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - In Gefahr

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – In Gefahr

„Und dann lernte ich etwas für mein späteres Leben: In einer abnormen Situation darf man sich nicht normal benehmen. Man muss sich anpassen.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn man dich schon als „Unverschämtes Judengesindel“ beschimpft, während du dich „freiwillig“ zur Zwangsarbeit anmelden musst, verhalte dich nicht auch noch freundlich und zuvorkommend. Sei anders! Zeige Stärke.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? In ihrer scheuen und einfältigen Art hatte sie eine so rührende Anmut, dass sie später für viele Jahre zu meiner persönlichen Toten wurde.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn du dir unter der unvorstellbaren Zahl verfolgter und ermordeter Juden nichts vorstellen kannst, dann klammere dich an ein einziges Gesicht. Niemand kann sich unter abstrakten Zahlen individuelle Schicksale vorstellen und nur „persönliche Tote“ helfen dir, am Leben zu bleiben.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Dann ging die Tür auf, sie war draußen, und ich dachte: Unvergesslich! Da haben zweihundert Frauen in unermesslicher Sehnsucht nur ein Wort gedacht: FREIHEIT. Es war ein Chor, der absolut geräuschlos lauter dröhnte als die lärmendste Nazi-Propaganda.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn es gilt Solidarität zu zeigen, muss dies nicht laut geschehen. Gemeinsam stark sein bedeutet nicht zu schreien. Wenn eine von euch aus dem Kreislauf der Vernichtung fliehen kann und ausreisen darf, dann zeigt ein vielstimmiges Schweigen. Missgönne nicht – wachse an der Sehnsucht und überlebe.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Für mich war dieses Spiel sehr wichtig, denn ich lernte selbstbewusst aufzutreten, auch denen gegenüber, vor denen wir eigentlich in ständiger Angst lebten. Und das sollte mir auf meinem ganzen Weg durch die Nazi-Zeit noch helfen.“

Berlin 1942. Erkenntnis des Tages: Verstecke dich auf keinen Fall hinter deinem Judenstern. Konfrontiere die Machthaber mit ihren Gesetzen und stell dich hilflos. Frage einen Polizisten nach dem Weg durch Berlin und schüttle dann nur noch beharrlich den Kopf und weise darauf hin, dass du die empfohlenen Straßen nicht betreten darfst und dir öffentliche Verkehrsmittel verboten sind. Wenn der Polizist dann entnervt sagt: „ Macht doch diesen Scheißstern ab, steigt in die U-Bahn und fertig ist die Laube“, dann hast du gewonnen. Es ist mehr als ein Sieg. Du hast Zweifel gesät…

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Und so wurde ich aus der Kartei des Arbeitsamtes gelöscht, weil ich die Frechheit hatte, den Behörden mitzuteilen, dass ich bereits deportiert sei.“

Berlin 1941. Erkenntnis des Tages: Jedes System lässt sich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf der althergebrachten deutschen Bürokratie. Kannst du diese auch nur einmal überlisten, wirst du für immer verschwunden sein. Frei….UNTERGETAUCHT – mitten in Berlin… auch wenn damit deine Probleme erst richtig beginnen.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Dunkle Jahre

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Dunkle Jahre

Wisst ihr nun, was ich damit meinte, einen Faden dort aufzunehmen, wo das Schicksal eines Menschen ihn im kollektiven Wissen um die Geschichte vieler Menschen versteckt hat? Wisst ihr nun, warum ich direkt folgern möchte? Die aufgeführten Zitate  aus ihrem Buch charakterisieren Marie Jalowicz Simon in besonderer Weise. Sie charakterisieren ihren Überlebenswillen, ihren Mut und ihren weiteren Lebensweg.

Das Untertauchen am 22. Juni 1942 war der bewusste Schritt in die Illegalität. Mit gerade einmal 20 Jahren entzieht sich Marie der Verhaftung durch die GESTAPO, der die unmittelbare Deportation gefolgt wäre. Illegal… welch abstruses Wort für die Halbjüdin Marie angesichts einer Diktatur, in der millionenfacher Völkermord legalisiert wurde – einer brutalen Diktatur, die den Holocaust offen propagierte und  vollzog.

„Untergetaucht“ erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte, der ich hier nicht vorgreifen möchte. Maries Weg ist auf eine besondere Art und Weise einzigartig, da am 22. Juni 1942 eine Odyssee durch ihre Heimatstadt begann. Versteckt, verborgen, obdachlos, auf Unterstützung angewiesen, ständig in Lebensgefahr, mitten im Krieg, rationierte Nahrungsmittel nur für registrierte Nicht-Illegale – so sehen sie aus die Rahmenbedingungen einer Flucht durch eine Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Lebensmut

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Lebensmut

Dass Marie Jalowicz Simon nicht zu „meiner persönlichen Toten“ des Holocaust wurde, ist nicht nur ihr eigener Verdienst. Opferbereitschaft und Mut, intellektuelles Abstraktionsvermögen in hoffnungslosen Situationen und die Fähigkeit zur zielgerichteten Selbstaufgabe haben Marie ihr persönliches Überleben geschenkt. Sie erlebte ihr Berlin schließlich als „Umschlagplatz“, jenen Ort, an dem Hoffung in Zuversicht umschlägt! Der Preis, den sie zahlte, war hoch. Der Preis einiger Menschen, die ihr mutig zur Seite standen war höher.

Taucht mit Marie unter und nehmt ihren Faden auf. Er kann Leben retten und Augen öffnen. Folgt Literatwo erneut nach Berlin. Vielleicht begegnet ihr auf den Straßen jener „illegalen“ jungen Frau oder vielleicht einem kleindeutschen Ehepaar, das in lautem Protest für den sinnlos gefallenen Sohn Postkarten des Widerstandes verteilt. Vielleicht sind sie sich persönlich begegnet… damals in ihrer Stadt… die Eine „Untergetaucht“, die Anderen mit dem Ausspruch „Jeder stirbt für sich allein“ auf den zum Tode verurteilten Lippen. Sie lebten im gleichen Viertel einer dunklen Stadt…

Was am Ende bleibt von diesem Buch? Die magische und zeitlose Erkenntnis einer jungen Frau, die am Tag ihres Auftauchens im Angesicht sowjetischer Truppen voller Stolz für sich behaupten konnte: „Ich hatte mich nicht zu ergeben!“ Allein dieser Satz sollte Mut machen und Ansporn sein, das eigene Leben voller Standhaftigkeit und gegen alle Widerstände der Zeit leben zu wollen. Dieser Wille hat Marie Jalowicz Simon gerettet.

Wieder Berlin mit Falladas "Jeder stirbt für sich allein"

Wieder Berlin mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Elisabeth Zöller vergisst nicht

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

„Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens “ von Elisabeth Zöller
Eine Jugendbuchvorstellung nicht nur für Erwachsene.

anton oder die zeit des unwerten lebens spacer

Das Deutschland des Jahres 1938 war aus heutiger Sicht ein dunkles Land voller menschenverachtender Gedanken. Bürger, die nicht ins System der Machthaber passten, wurden durch sogenannte „Rassegesetze“ einfach zu „Nicht- oder Untermenschen“ erklärt, schrittweise ihrer Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Massenmobbing würde man das heute nennen. Es traf zuerst die Deutschen mit jüdischem Glauben. Die Nationalsozialisten stellten all jene an den Rand der Gemeinschaft, die nicht ins ideologische Bild passten.

Die Verbote griffen immer weiter um sich. Juden durften nicht mehr in Kinos gehen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, bestimmte Straßen nicht mehr betreten, mussten ihre Wohnungen verlassen und durften nur noch in Gegenden wohnen, in denen andere Juden angesiedelt wurden. Die Signalwirkung auf andere Bewohner des Landes war enorm. Man wusste, dass ein einziger Fehler ausreichen würde, um auch alle Rechte zu verlieren. Und wer wollte das schon riskieren?

Also befolgte man die Verbote. Man kaufte nicht in Geschäften jüdischer Kaufleute ein, bediente keine jüdischen Kunden, behandelte keine jüdischen Kranken und wunderte sich nicht, wenn jüdische Mitbürger verschwanden. Man entwickelte sich zu einem Volk der Zuschauer und war doch aktiv an all den Schritten beteiligt, die man für richtig hielt, um das eigene Volk stärker zu machen, als es jemals war. Die Angst ging um und als die Machthaber bemerkten, wie gut ihre Terrorherrschaft funktionierte, nahm man auch andere Menschen ins Visier, die nicht ins Bild vom „starken Deutschen“ – vom „Arier“ – passten.

Man begann, alle behinderten Menschen zu „unwertem Leben“ zu erklären!

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens - Unfassbare Pläne

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Unfassbare Pläne

1938 ist Anton gerade einmal sechs Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Münster. Eine „gute deutsche Familie“, wie man es damals so sagen würde. Der Vater ist Beamter und eigentlich hat man nichts zu fürchten. Wäre da nicht ein Unfall gewesen, der Antons Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hatte. Der Kopf war verletzt worden und nun ist Anton anders als vorher. Der rechte Arm ist gelähmt und mit seiner Sprache ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Anton stottert und hat jegliches Gefühl für sich und seinen Körper verloren.

„Anton kannte sein Ich nicht mehr!“

Eine typische deutsche Mitläuferfamilie. Keine Nazis, aber auch nicht bereit, etwas gegen das schreiende Unrecht im Land zu tun. Brav lernt Antons Schwester für die Schule die „Rassenlehre“ und so bekommt man sehenden Auges mit, was den Juden geschieht. Und doch wächst die Angst um die eigene Zukunft, da Antons Eltern zu realisieren beginnen, dass nach den Juden nun die Menschen auf die Liste kommen, die durch Krankheiten anders sind. Behinderte werden zunehmend als „Schädlinge für die Volksgemeinschaft“ und „unnütze Esser“ angesehen.

Dabei ist Anton alles andere als unnütz. Mathematisch hochbegabt und als kleines Zeichentalent freut er sich darauf, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Auch wenn das mit dem Schreiben noch nicht gut funktioniert und das Stottern bestimmt Probleme machen würde. Da sein Onkel Lehrer ist, wird das schon alles gut gehen – so denkt man sich die Zukunft schön. Wie sehr man sich in dieser dunklen Zeit täuschen konnte!

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Demütigend

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Demütigende Spiele

Für Anton beginnt schon am allerersten Schultag der Kampf ums Überleben, denn seine Schultüte ist prall gefüllt mit dem Hass von Lehrern und Mitschülern, die schon so tief im Glauben an ihren Führer Adolf Hitler gefangen sind, dass es ihnen als Pflicht erscheint, Anton zu quälen und ihm zu zeigen, dass er nicht dazugehört! Er ist es nicht wert – er ist unwertes Leben!

So wird Anton zum Spielball all jener, die nicht den Mumm haben sich zu wehren und auch zur Zielscheibe derer, die den Vorgaben der Diktatur blind folgen. Anton wird von Lehrern geprügelt, auf dem Schulhof von Mitschülern misshandelt und erlebt, was in den Familien seiner Schulkameraden vor sich geht. Dort sitzt man abends in gemütlicher Runde beisammen und spielt ein Brettspiel, das aus heutiger Sicht mehr als unglaublich ist. „Juden raus“ heißt es und kommt es nur darauf auf, die kleinen jüdischen Spielfiguren aus der Stadt zu vertreiben.

Über allem steht die ganz klar ausgesprochene Drohung, dass wenn man mit den Juden fertig sei, auch die Behinderten an die Reihe kommen. Der Zweite Weltkrieg fordert auch in Münster seinen Tribut. Essen wird rationiert und für Anton bleibt statt der geliebten Buchstabensuppe oft nur ein Teller mit warmer Wasserbrühe. Immer wieder muss er an den Begriff vom „unnützen Esser“ denken und begreift, dass er in Gefahr ist. Endlich beschließen seine Eltern zu handeln… Spät, aber sie lehnen sich auf.

1943 starten sie die Geheimsache Anton….

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Hunger

Anton – Copyright der beiden Bilder im Rahmen – Frau Bianca Raum

Nach „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ ist dies bereits das zweite Jugendbuch „Gegen das Vergessen“ aus der Feder von Elisabeth Zöller, das uns mehr als betroffen macht. Biancas Artikel zu diesem Buch spricht eine sehr deutliche Sprache!  „Wutlesen“ – anders kann man es nicht nennen, wenn man in die wahre Geschichte von Anton eintaucht und sich vor Augen hält, was im nationalsozialistischen Deutschland möglich und selbstverständlich war.

Der blinde Glaube an eine wahnsinnige Ideologie und die Angst, selbst ins Visier genommen zu werden, sorgten dafür, dass gegenüber dem „unwerten Leben“ jegliches Mitgefühl ausgeschaltet wurde und niemand mehr gewillt war, sich in die Gefühle der Betroffenen hinein zu versetzen. Mitgefühl, Mitleid oder Hilfsbereitschaft wurden systematisch ausgeschaltet und jeder war sich selbst der Nächste. Und für viele muss es einfach toll gewesen sein, sich an den „Sündenböcken“ der Gemeinschaft austoben zu dürfen!

Empathie wurde zum großen Fremdwort dieser Zeit!

Elisabeth Zöllers Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, um einer Wiederholung solcher menschenverachtender Ereignisse vorzubeugen. Sie öffnet ihren Lesern die Augen und appelliert mit jedem Wort, jedem Satz und jedem Kapitel, nicht blind zu sein und sich aufzulehnen, wenn es darum geht für andere Menschen einzustehen. Was damals im Großen geschah, kann sich heute im Kleinen vollziehen. In der Klassengemeinschaft, in Gruppen und im Freundeskreis. Lasst dies nicht zu, denn dort wo das kleine Unrecht blüht, kann das große Unrecht Wurzeln schlagen. Haltet die Augen auf… lest… und handelt, dort wo ihr es könnt.

Die bewusste Blindheit von einst führte zum wohl unglaublichsten Massenmord der Weltgeschichte.

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Lessons learned

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens – Lessons learned

Das Lesen von „Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens(Fischer Schatzinsel) war schwer, es war erhellend, es hat wütend gemacht, Hoffnung vermittelt und die Augen geöffnet. Es ist ein wichtiges Buch für mich. Wenn man lesend seine Tochter im Rollstuhl durch die Weltgeschichte schiebt und realisiert, wie Freunde, Schule und Vereine im Umfeld heute reagieren, dann ist es nicht zuletzt Autoren wie Elisabeth Zöller zu verdanken, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir haben heute viel gelernt und vieles ist nicht mehr vorstellbar.

Der Begriff „unwertes Leben“ gehört nicht mehr zu unserem Sprachgebrauch – er darf auch nie wieder einen Platz in unseren Köpfen und Herzen einnehmen.

Holocaust-Gedenktag 2014 – „Hanas Koffer“ von Karen Levine

Hanas Koffer von Karen Levine - Das nie gelebte Leben der Hana Brady

Hanas Koffer von Karen Levine – Das nie gelebte Leben der Hana Brady

„Die Vergangenheit wirft ihren Schlagschatten auf gegenwärtiges und zukünftiges Gelände. Vergegenkunft nannte ich später meinen Zeitbegriff…“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

hanas koffer_spacer

Seit wir gemeinsam „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust schreiben, werden wir Literatwos ständig mit diesem zeitlosen Zeitbegriff konfrontiert, da wir den historischen Schlagschatten des Erinnerns gerade in Büchern immer wieder spüren. Manchmal sind es Namen, oftmals Orte und immer wieder auch Gegenstände, die uns einholen und den Blick in die Vergangenheit richten lassen. Einer dieser Gegenstände ist ein Ring, über den ich vor kurzem schrieb. Jener Ring eines gefallenen Soldaten, der nun in meinen Händen liegt und damals alles veränderte: Weihnachten 1944…

Schlagschatten… Aus ihnen möchten wir selbst täglich lernen und anderen Menschen immer wieder vor Augen führen, dass sich Automatismen der Vergangenheit nur dann wiederholen können, wenn wir sie bis heute nicht verstehen. Erinnern heißt für uns auch Verhindern! Im Schreiben hier, in Gesprächen mit Freunden und im Dialog mit Jugendlichen an Schulen.

Wir wollen nicht vergessen und versuchen anhand ausgewählter Literatur, ganz besonders aus dem Bereich Jugend- und Kinderbuch, konstant dem Erinnern ein Gesicht zu geben. Wenn ihr das Gestern vergesst, werdet ihr das Morgen nicht bewusst erleben!

Hanas Koffer von Karen Levin - Dem Erinnern einen Namen geben

Hanas Koffer von Karen Levin – Dem Erinnern einen Namen geben

So öffnen wir anlässlich des Holocaust Gedenktages 2014 einen ganz besonderen Koffer. Er gehörte einst einem kleinen jüdischen Mädchen und ist augenscheinlich der letzte Gegenstand, der an dessen Existenz erinnert. Ansonsten ist er absolut leer. So wie die Erinnerung. Die Geschichte dieses Koffers beginnt vor langer Zeit mit der Deportation einer gewissen Hana Brady. Aber eigentlich beginnt seine Geschichte vor wenigen Jahren in Tokio….

Hanas Koffer“ von Karen Levine (Ravensburger)

Fumiko Ishioka wurde 1998 Leiterin eines kleinen Museums in Tokio. Die Mitarbeiter des „Tokyo Holocaust Center“ hatten sich zur Aufgabe gesetzt, japanische Schulkinder über die Verfolgung und Vernichtung millionenfachen Lebens in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland zu informieren. Fumiko traf sich mit Überlebenden und war von Anfang an bestrebt, dem Museum mehr Leben zu verleihen und den Kindern das Erinnern näher zu bringen. Erst im Jahr 2000, und nach vielen erfolglosen Versuchen, erhielt sie ein Paket aus dem „Auschwitz-Museum“.

Der Inhalt: Ein Kinderstrumpf und ein Schuh, ein Kinderpullover, ein Behälter mit der Aufschrift ZYKLON B und ein Koffer, der mit den Worten „Hana Brady, 16. Mai 1931 – Waisenkind“ gekennzeichnet war. Hanas Koffer. Und obwohl dieser Koffer unscheinbar aussah, öffnete er mit seiner bloßen Anwesenheit die Tür zu seiner vergessenen Besitzerin. Die japanischen Kinder hatten endlich ein greifbares Zeichen aus der Zeit des Holocaust – sie erkannten, dass jene Hana ebenfalls ein Kind war, als sie mit 13 Jahren in Auschwitz ankam. Und so rückte jenes unbekannte und gesichtslose Mädchen in den Mittelpunkt einer intensiven Spurensuche.

Hanas Koffer von Karen Levine - Mit Hanas Augen

Hanas Koffer von Karen Levine – Mit Hanas Augen

Inspiriert von den Fragen der Kinder und unterstützt durch eine kleine Gruppe von Schülern, die sich selbst „Die kleinen Flügel“ nannten, begann Fumiko Ishioka auf eigene Faust zu recherchieren. Reisen nach Auschwitz und Theresienstadt, Besuche in einigen Museen und Archiven brachten sie dem unbekannten Mädchen Schritt für Schritt näher. Sie entdeckte Zeichnungen mit Hanas Unterschrift, die während des Aufenthaltes in Theresienstadt entstanden sein mussten und jedes neue Detail diente als Triebfeder für weitere Reisen „Gegen das Vergessen“.

Der Koffer war der Auslöser. Die Aufschrift, das einzige greifbare Indiz und doch ließen sich die japanischen Schüler und die Leiterin des kleinen Holocaust-Museums nicht entmutigen. Der Durchbruch gelang, als man eine Liste fand. Eine jener berüchtigten Listen der Nazis, auf denen sie Namen und Zielorte der deportierten Juden dokumentierten und auf der Liste mit Hanas Namen fand sich ein zweiter Name… der ihres Bruders Gerorge. Und das Besondere an diesem Namen: er war nicht abgehakt worden, was vielleicht bedeutete, dass er Auschwitz nie erreicht hatte.

Konnte das bedeuten, dass er den Holocaust überlebt hatte? Konnte es sein, dass er vielleicht noch lebt?

Am Ende aller Recherchen steht ein Brief Fumikos nach Kanada. Der Adressat ein gewisser George Brady und der Inhalt eine aufrührende Bitte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, wenn er tatsächlich der Bruder von Hana wäre. Nun konnte man in Japan nichts weiter tun, als zu warten und zu hoffen, dem Geheimnis des Koffers endlich einen bedeutenden Schritt nähergekommen zu sein.

Hanas Koffer - Die kleinen Flüge - weltumspannend

Hanas Koffer – Die kleinen Flüge – weltumspannend

Karen Levine beschreibt in ihrem bewegenden Buch „Hanas Koffer“ die Geschichte dieser Spurensuche auf beeindruckende Art und Weise. Sie nähert sich der Neugier der Kinder in Tokio ebenso behutsam an, wie jener kleinen Hana, der die ganze Spurensuche galt. Das Ergebnis ist berührend, verstörend und hoffnungsvoll zugleich. Denn das Wunder trat tatsächlich ein. George Brady antwortete und er schrieb nicht nur einen emotionalen Brief an die Kleinen Flügel, er legte auch die Geschichte seiner Schwester und einzigartige Bilder von Hana bei. Er öffnete sein Herz und seine Geschichte für die Kinder, die seine Schwester nicht vergessen wollten.

Und so öffnet sich auch für uns Leser die Lebensgeschichte einer verfolgten Familie, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebte. Einer jüdischen Familie, die in die Fänge der Nazis geriet und dem Holocaust gnadenlos ausgeliefert war. Das Schicksal der beiden Geschwister trifft den Leser auf jeder Seite ins hilflose Herz und doch zeigt das Buch, dass nur das Vergessen das endgültige Todesurteil für ein Menschenleben bedeutet. Die Kleinen Flügel und Fumiko Ishioka haben ihre Schwingen über die Welt ausgebreitet und einem vergessenen Schicksal ein Gesicht gegeben – Karen Levine hat dieser Geschichte in einer für Kinder ab 10 Jahren angemessenen Form einen ewigen Platz in unserer Erinnerung gegeben. Der Ravensburger Verlag hat eigens Unterrichtsmaterial zum Buch veröffentlicht und es ist für uns einer der größten Anwärter auf die Bezeichnung: Pflichtlektüre!

Hana Brady war erst 13, als sie am Ende ihres kurzen Lebens in Auschwitz vergast wurde. Sie gehört zu den vielen Millionen Opfern eines unvorstellbaren Massenmordes und sie hatte noch so viel Leben vor sich, das nicht gelebt werden durfte. Doch sie hatte einen Wunsch: sie wäre so gerne Lehrerin geworden und hätte gerne Kinder unterrichtet. Dieser Wunsch wurde ihr von einer Museumsleiterin, den Kleinen Flügeln, vielen Kindern weltweit und einer vorzüglichen Autorin erfüllt. Hana lehrt die Kinder der Welt, dass sich Auschwitz nicht wiederholen darf. Ihr Koffer reist durch die Welt und erzählt ihre Geschichte.

Die Sinnlosigkeit des Sterbens in Vergessenheit wurde diesem kleinen Mädchen genommen. Es war die vielleicht schwerste Last, die Hana Brady zu tragen hatte.

Hanas Koffer - Gegen das Vergessen

Hanas Koffer – Gegen das Vergessen

„So wird meine Rede zwar ihren Punkt finden müssen, doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschecht gäbe sich auf.“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

Diesem zeitlos magischen Satz unseres Literatur-Nobelpreisträgers schließen wir uns lebenslänglich an. Dem Erinnern neue Dimensionen, dem Gedenken Farbe und Flügel verleihen, und dies nicht nur im Internet sondern auch im Dialog mit der Jugend von heute, dem haben wir uns verschrieben. Wir danken an dieser Stelle unseren Wegbegleitern und allen Verlagen, die dieses ehrgeizige Projekt bereits seit mehr als drei Jahren mit unfassbarem Engagement unterstützen.

Literatwo schreibt weiter „Gegen das Vergessen“ der Opfer jeglicher Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen. Wir kämpfen mit unseren Waffen für das aufrechte Gedenken an die Opfer des Holocaust und erinnern an jene, deren Auslöschung ideologisches Programm war und ist. Wir gehören keinem Menschengeschlecht an, das sich aufgegeben hat… Wir sind gerade erst aufgestanden!

Arndt Stroscher & Bianca Raum Literatwo

Literatwo "Gegen das Vergessen" - Eine Lebensaufgabe

„Gegen das Vergessen“ – Eine Lebensaufgabe

Ein mehr als persönlicher Nachtrag sei nach diesem persönlichen Text noch gestattet. Das Schicksal hat Hana Brady noch mehr als nur durch dieses Buch mit Literatwo verbunden. Ebenso wie bei Bianca fällt Hanas Geburtstag auf einen 16. Mai. Nur eben genau 54 Jahre, bevor auch Bianca das Licht der Welt erblickte. Dieser Geburtsagsverbundenheit wird zukünftig bei uns an jenem magischen Tag dadurch gedacht, dass wir Hanas Wiegenfest bei uns feiern. Leider hat sie nicht viele Geburtstage feiern können, aber wir werden es ihr schön machen.

Versprochen, Hana…

Mit einem Klick zu aktuellen "Holocaust-Projekten auf AstroLibrium

Mit einem Klick zu aktuellen „Holocaust-Projekten auf AstroLibrium

Juni 2014 – „Hanas Koffer“ tritt eine Reise „Gegen das Vergessen“ an! Werdet Teil des Projekts und begrüßt das Buch bei euch zu Hause… und es kommt nicht allein!

Hanas Koffer - Mit einem Klick zu Lesereise - Seid dabei...

Hanas Koffer – Mit einem Klick zu Lesereise – Seid dabei…

„Erzähl es niemandem“ – Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Erzähl es niemandem - Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Erzähl es niemandem – Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Es gibt Geschichten, die sind eigentlich sehr schnell erzählt. Es sind Geschichten, von denen man meint, sie schon so oft gehört oder gelesen zu haben, dass sie den geneigten Leser nicht mehr überraschen können. Es gibt aber auch Geschichten, die unter der Oberfläche des ersten trügerischen Scheins eine Tiefe entwickeln, die sprachlos macht.

Norwegen 1940. Das Dritte Reich tritt erneut über seine Ufer und überschwemmt seine Nachbarn mit einer Welle der Gewalt. Was mit Österreich nahezu friedlich begann, setzt sich gewaltsam wie ein Flächenbrand fort. Und nach einem Jahr intensiven Krieges wendet sich der Blick des Führers bis hinauf ins ferne Skandinavien. Es steht schnell fest, dass man das friedliebende Norwegen auf keinen Fall den Alliierten überlassen kann und so wird auch dieses Land fast im Handstreich eingenommen und besetzt.

Man ist geübt im Besetzen. Es ist NAZI-Routine in diesen Zeiten und die Bewohner der besetzten Gebiete wissen, was sie zu erwarten haben. Sie wissen es nach einem Weltkriegsjahr nur allzu gut. Angst geht um in einem kleinen Land, das nun unter der Wehrmacht aufstöhnt und in dem riesige Adolf-Kanonen weitreichenden Geschosshagel anzudrohen beginnen. Das Dritte Reich ist angekommen mit all seinem Schrecken und mit all seiner Wucht gegen die Menschen, die sich nicht unterwerfen oder die schon in Deutschland aufgrund ihres Glaubens seit Jahren verfolgt werden.

Erzähl es niemandem - Eine Spurensuche von Randi Crott

Erzähl es niemandem – Eine Spurensuche von Randi Crott

Unter diesen Rahmenbedingungen kommt es auch zu Begegnungen zwischen Besatzern und Besetzten. Und manchmal ist es mehr als nur ein Gefühl, dass man in seinem uniformierten Gegenüber mehr als nur den Feind zu sehen hat. 1942 beginnt die 19jährige Norwegerin Lillian sich für den 29jährigen deutschen Wehrmachtssoldaten Helmut Crott zu interessieren. Er war oft bei ihren Eltern zu Gast und scheint so ganz anders zu sein, als man dies zu erwarten hatte. Lillians aufkommende Gefühle werden intensiv erwidert.

Aber sie kämpft gegen ihre Gefühle an. Die Unmöglichkeit einer Liebe zu einem Besatzer lässt keine weitere Hoffnung zu und doch kommen beide nicht voneinander los. Denn es ist ein Geheimnis, das die Welt von Helmut für seine Lillian öffnet und ihn von einer Sekunde auf die andere zu einem anderen Menschen macht. Denn er ist ein anderer Mensch, besonders in den Augen der NAZIS, wenn auch sie sein Geheimnis kennen würden. Helmut Crott ist Halbjude und hat sich hinter und unter der Uniform der Wehrmacht versteckt, um den aufkommenden Repressalien in seinem Vaterland zu entgehen.

Jahrelange Entrechtung und Einschränkungen liegen hinter ihm und seiner Familie. Seine Tante Tetta ist bereits nach Theresienstadt deportiert und nur die Tatsache, dass Helmuts jüdische Mutter mit einem Nichtjuden verheiratet ist, schützt sie im Moment vor dem KZ. Helmut selbst musste sein Studium beenden und ohne Perspektive wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Glück und Zufall haben ihm dabei geholfen, nicht als Halbjude erkannt zu werden und nun hofft er, den Weltkrieg und die NAZI-Herrschaft als Soldat überleben zu können.

Erzähl es niemandem - Unglaubliche Anweisungen

Erzähl es niemandem – Unglaubliche Anweisungen

Dass er dabei eine Rolle zu spielen hat, um nicht enttarnt zu werden – das nimmt Helmut in Kauf. Dass seine Beziehung zu Lillian immer weitere Kreise zieht, das kann er nicht verhindern. Ihre Eltern wenden sich von der jungen Fau ab, während sie immer weiter in die Welt der Crotts eintaucht. Eine Welt der Bombennächte – eine Welt der zunehmenden Verbote für Juden und eine Welt der existenziellen Angst vor der Deportation. Beide leben in ihrer eigenen Welt – einer liebevollen Insel im Taumel des Weltgeschehens.

Als Helmuts Mutter deportiert wird brechen die Dämme der Sorge und Lillians Bekenntnis zu ihrem Lebensmann wird zur Nagelprobe für die eigene Sicherheit. Mit der einsetzenden deutschen Niederlage beginnt die Hofnung auf das Überleben zu keimen. Helmut und Lillian – untrennbar miteinander verbunden – rasen nun gemeinsam in den Wirbelsturm des Kriegsendes. Getrennt und ohne Kontakt zueinander gilt es jetzt der Liebe die Chance zu geben, die sie sich in wirren Kriegszeiten erkämpft hat. Und es stellt sich für beide die Frage, wie es weitergehen kann… und wer überlebt hat.

Randi Crott, die Tochter der Beiden, rekonstruiert in ihrem Buch Erzähl es niemandem (Dumont Buchverlag) gemeinsam mit ihrer Mutter Lillian die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Ihr gelingt dabei ein unglaubliches journalistisch biografisches Meisterwerk voller Tiefe, Dialogfrische und Glaubwürdigkeit. Sie zeichnet einen Weg nach, der ihr als Kind weitgehend verborgen blieb und als nun auch sie erkennen muss, dass sie jüdische Wurzeln hat verändert sich auch ihr eigenes Leben. Sie kann sich plötzlich in die Rolle der Opfer hinein versetzen. Ihrem verstorbenen Vater Helmut setzt sie unbewusst ein Denkmal. Den Opfern des Nationalsozialismus setzt sie dieses sehr bewusst.

Erzähl es niemandem - Begegnungen werden Wendepunkte

Erzähl es niemandem – Begegnungen werden Wendepunkte

In „Weihnachten 1944 – Ein Ring der alles veränderte schrieb ich viel zu meiner Motivation „Gegen das Vergessen“ zu lesen, zu schreiben und zu handeln. Ich schrieb allerdings auch von meinen ambivalenten Gefühlen gegenüber den gefallenen Brüdern meines Vaters. Ich bin meinem Ring in Erzähl es niemandem mehrmals begegnet. Ich habe ihn immer dort getroffen, wo die beginnende Niederlage der NAZIS den Opfern der Verfolgung Hoffnung gegeben hat. Es sind schmerzhafte Begegnungen, da ich erkenne, wie wichtig manchmal der Tod Einzelner sein kann, wenn sie auf der nachweislich falschen Seite stehen.

Diese wahre Geschichte ist Aufruf und Bekenntnis zugleich. Seinen eigenen Weg zu gehen, sich auf seine Gefühle zu verlassen und für die Liebe seines Lebens einzustehen – diese Botschaft ist zeitlos und schlägt eine Brücke bis in unsere heile Welt. Im Anderen mehr zu sehen, als es der äußere Schein erwarten lässt und Geheimnisse zu bewahren, auch wenn sie mit persönlichen Risiken und Nachteilen verbunden sind – das ist eine Lehre, die man aus diesem bewegenden Buch ziehen kann.

Man kann sich diesem Buch nicht entziehen. Man kann sich der Sprache nicht entziehen und in den Momenten, in denen der Vater seinem Sohn Helmut über die Deportation der Mutter schreibt, fühlt man die gemeinsame hilflose Verzweiflung dieser Zeit. In einem ganz eigenen Familiencode sprechen beide nur von der „halben Portion“ und die Sätze „Die halbe Portion ist nicht mehr in Zeitz. Die halbe Portion hat nicht einen Schritt gehen können. Zwei Mädels haben sie zum Bahnhof getragen“ machen wütend. Das Ziel von Carola Crott war Theresienstadt…

Viele Gemeinsamkeiten - Victor Klemperer

Viele Gemeinsamkeiten – Victor Klemperer

Manche Bücher scheinen miteinander im Dialog zu stehen. Die Tagebücher des Victor Klemperer haben viel mit „Erzähl es niemandem“ gemeinsam. Auch Klemperer wurde für eine gewisse Zeit durch seine Ehe mit einer Nichtjüdin geschützt und seine Rettung ist verbunden mit dem Untergang vieler. Sein Leben wurde in der Bombennacht von Dresden gerettet… Ohne weitere Worte.

Literatwo schreibt weiter… „Gegen das Vergessen“

Der Name ist nicht alles, was bleibt...

Der Name ist nicht alles, was bleibt…

Weihnachten 1944 – Ein Ring der alles veränderte…

Die Geschichte eines Rings... Weihnachten 1944

Die Geschichte eines Rings… Weihnachten 1944

Weihnachten 1944. Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, will das allerdings nicht wahr haben. Unvermindert erntet der Tod auf den Schlachtfeldern der Welt die aufgegangene Saat des Grauens. Unvermindert sterben Soldaten aller Seiten in den abgelegensten Regionen, die sie vor dem Krieg nicht mal auf dem Atlas gefunden hätten. Gar nicht unvermindert, sondern auf dem absoluten Höhepunkt befindet sich die Dimension des Holocaust, der in den Konzentrationslagern der Nazis den Begriff Massenmord zu sprengen beginnt. Völkermord trifft es viel eher.

Deutschland befindet sich bereits flächendeckend unter einem Bombenteppich. Das gewählte Mittel der Alliierten, um das Dritte Reich dort zu schlagen, wo die Unterstützung für die Diktatur zu suchen ist. In der Zivilbevölkerung. Massensterben auch hier. Und wo noch nicht gestorben wird, da zittert man um die Angehörigen, um die Söhne im Krieg und vor der herannahenden Katastrophe. Man beginnt, sich vor dem Sturm zu ängstigen, den man selbst gesät hat. Dresden bleibt nur dieses Weihnachten, bevor es im Februar 1945 untergeht. Victor Klemperer hat uns alles darüber in seinen Tagebüchern erzählt. Vieles brennt. Noch viel mehr wird brennen.

Auch in meiner Heimatstadt Trier wartet man in diesen Tagen auf das Weihnachtsfest. Meine Großeltern harren in ihrer Bäckerei aus und versuchen, das Angebot an Brot durch Improvisation und Geschick aufrecht zu halten. Und sie warten auf Post von der Front. Zwei Söhne dienen dem Reich. Eingezogen und verpflichtet – beide nun knapp 20 Jahre alt. Im Osten unterwegs… seit zwei Jahren. Warten auf Neuigkeiten ist in diesen Tagen ein Graus. Zeitungen veröffentlichen Todeslisten der Armeen und die Nachrichten sprechen von der großen Flucht aus Ostpreußen… Weihnachten 1944…

Die Tagebücher des Victor Klemperer - Dresden - Das letzte Weihnachtsfest

Die Tagebücher des Victor Klemperer – Dresden – Das letzte Weihnachtsfest

Nachrichten und Briefe von Karl-Heinz und Franz-Josef bleiben aus. Brüder und Angehörige der Wehrmacht, Mosaiksteine des Vernichtunsgkrieges im Osten. Mannschaftsdientsgrade beide und in eisiger Kälte winzige Teile einer untergehenden Armee. Tausende Kilometer von der Heimat Trier entfernt. Da erreicht ganz kurz vor Weihnachten ein Telegramm meine Großeltern. Der Inhalt niederschmetternd: Franz-Josef, der ältere der beiden Brüder, sei am 2. August 1944 in der Gegend von Yassi gefallen und ein Paket mit seinem persönlichen Nachlass folge per Feldpost nach Trier.

Ein Sohn tot. Die Nachricht lastet schwer auf der Familie und voller Furcht wartet man auf weitere Post. Den Briefträger nur zu sehen… ein Grauen. Die Tage zu überstehen – für Vater und Mutter eine Seelenfolter. Und nun kommt Weihnachten. Das Fest der Liebe und ein Fest für die Familie. Und mit diesem Fest kommt das Paket von der Front. Unscheinbar und klein. Nicht viel bleibt von einem Soldaten in diesen Tagen. Es wird geöffnet – man findet unter Tränen Bilder von sich selbst, eine verkohlte Brieftasche, das unkenntliche Soldbuch, eine halbe Erkennungsmarke und einen Ring. Einen Siegelring der zum Zusammenbruch der Eltern führt.

Diesen Ring gab es nur ein einziges Mal in der Familie. Nur ein Sohn trug ihn. Und es war der Jüngere. Das Paket war nicht das erwartete. Der Siegelring von Karl-Heinz war schneller als das Telegramm, dass auch seinen Tod am 19. Oktober 1944 in Ostpreußen verkündete. Mit diesem Inhalt konnte man nicht rechnen. Auf einen Schlag war alles verloren. Beide Jungs gefallen… nur noch ein Sohn übrig. Und der war zu jung für den Krieg – mein Vater. Bruderlos nun. Weihnachten 1944. Kein Fest mehr und die Weihnachtspost hatte für die Überlebenden der Familie bis zu ihrem Tod etwas Bedrohliches – die Traumatisierung jener Tage wurde zum unheilbaren Teil ihres Wesens.

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet - Lenas Tagebuch

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet – Lenas Tagebuch

Weihnachten 2013 – knapp 70 Jahr später ist durch ein sichtbares Band mit jenen Tagen verbunden. Ich kenne kaum Bilder der Brüder meines Vaters. Ich habe lange recherchiert, wie sie lebten und fielen. Was sie taten und an welchen Operationen sie beteiligt waren im Krieg. Wenig ist zu erfahren. Zu unbedeutend war ihr Beitrag als Miniatur im riesigen Räderwerk der Geschichte. Und doch verbindet uns ein sichtbares Symbol. Jener Ring von einst liegt heute neben mir.

Ausgerechnet neben mir, möchte ich rufen. Denn seit Jahren schreibe ich nun schon mit Bianca „Gegen das Vergessen, gemeinsam versuchen wir den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht zu geben und ihre Geschichten und die Bücher darüber unvergessen zu machen. Gemeinsam ziehen wir durch die Lande und tragen diese Botschaft vor uns her und auf der Basis unserer Bücherliebe verbindet uns dies ebenfalls mit einem unzerreißbaren Band.

Und genau dieser Ring lässt mich nicht los. Er war an der Hand meines Onkels, als er in Ostpreußen fiel. Das Landgut Klein Trakehnen wurde in diesen Oktobertagen des Jahres 1944 evakuiert und ein langer Flüchtlingsstrom zog sich, auf der Flucht vor der Roten Armee, in Richtung Westen. Dieser Ring war sein Wegbegleiter und manchmal wünschte ich, er könnte erzählen. Einfach nur reden und mitteilen, was er sah, was er mit anschauen musste, wie sehr die Hand vor Kälte zitterte, die ihn trug. Wie sehr sie vor Angst zitterte und wie oft sie sich zum Kampf erhob – und gegen wen…

Evakuiert heißt nicht gerettet - Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Evakuiert heißt nicht gerettet – Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Er schweigt. Und manchmal denke ich, dass es gut ist, dass er seine Geheimnisse behält. Er hat es nicht geschafft, bei meinem Onkel zu bleiben. Selbst im größten Chaos muss es jemanden gegeben haben, der ihn von der sterbenden Hand entfernte und mit wenigem anderen Hab und Gut in einen versiegelten Umschlag steckte und ihn mit dem Flüchtlingstreck nach Hause schickte. Wenige haben diesen Marsch überlebt. Der Ring hat es geschafft. Weihnachten 1944 erreichte er Trier. Und Jahre später erreichte er mich. Ein Erbe mit Symbolkraft.

Seit ich „Gegen das Vergessen“ schreibe, begleitet er mich. Ich stelle mir oft die Frage, ob die kleine Lena Muchina vor diesem Ring zittern musste, da er vielleicht an der Belagerung Leningrads beteiligt war. Lenas Tagebuch wurde lesend für mich erneut zu einer Suche nach den Soldaten auf der anderen Seite… von ihr aus betrachtet. Der Ring schwieg dazu sein schweigendes Lied.

Ich war ein Glückskind von Marion Charles warf für mich auf jeder Seite die Frage auf, ob sie auch vor Menschen, wie jenen in meiner Familie geflohen ist und nach England evakuiert wurde. Sie wirft die Frage auf, ab wann Juden in der Bäckerei meiner Großeltern nicht mehr bedient wurden, werden durften… oder wie auch immer man das nennt. Sie wirft die Frage auf, ob sie etwas unternommen haben… Aber sie wirft nicht die Frage auf, ob man etwas gewusst hat. Das setze ich voraus. Diese Sichtweise kann mir niemand nehmen. Jeder wusste, und jeder hat funktioniert. Jeder in seiner eigenen Dimension in einem Land, das öffentlich dem jüdischen Leben ein Ende bereitete.

Das Ecjholot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Das Echolot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Der Ring schweigt beharrlich. Er erzählt nichts. Auch im Echolot“ von Walter Kempowski wurde ich lesend nicht fündig… er sammelte wenig über die letzten Kriegsmonate und die Tagebuchaufzeichnungen von Soldaten im Russlandfeldzug zeigten mir, wie sie gefühlt haben, aber sie zeigten mir keine Spur zu jenem Ring. Ich las und schrieb. Und wenn ich nicht las oder schrieb, dann sprach ich mit Bianca über diese Gefühle und auch über ihre Erlebenswelt zu dieser Zeit, die unfassbar tiefe Sichtweise ihrer Oma und auch über die Opfer in Dresden.

Ich fühle mich auf einer Mission, die mich vor wenigen Tagen an der Seite der politischen Malerin Peggy Steike in zwei 9. Klassen einer Hauptschule trieb. Über den Holocaust reden. Verhindern, dass sich ähnlicher Terror auch in kleinem Maßstab wiederholt, das Vergessen zu verhindern und dies ohne Schuldgefühl oder Angst vor erhobenem Zeigefinger – dieser Mission stelle ich mich leidenschaftlich – und gottlob nicht allein. Und auch an diesem Tag war der Ring bei mir. Ganz heimlich. Er schwieg.

Ich möchte niemanden verurteilen, ich möchte niemanden von seiner Schuld freisprechen, ich neige nicht zu wilden Spekulationen, aber nach Jahren des Schreibens „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust und angesichts der Vielzahl der Artikel über wichtige Bücher zu diesem Thema erlaube ich mir, den Menschen zu Gedenken, die in einem besonderen Moment ihres Lebens nur Söhne waren, die ein verlorenes Leben erneut und endgültig verloren. Menschen, die auf eine unfassbare Art und Weise ebenfalls zu Opfern wurden und doch dafür mitverantwortlich waren, dass wieder andere Menschen bis heute Opfer sind.

Bücher - Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Bücher – Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Ich wünsche mir oft, dieser Ring wäre an der Hand meines Onkels nach Hause gekommen. Beide Brüder wären heute fast 90 Jahre alt. Ich hätte gerne mit ihnen gesprochen. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Der Träger des Rings, Karl-Heinz, hat kein Grab gefunden – nur ein Eintrag in einem Gedenkbuch an die Toten der Kriege legt Zeugnis über sein Leben ab. Sein Bruder Franz-Josef liegt in Rumänien – in fremder Erde. Vielleicht besuche ich sein Grab und bringe ihm den Ring seines Bruders. Ich sollte das tun, denke ich…

Und nun schließe ich meine Hand um jenen Ring und erlaube mir, um beide zu weinen… sorry…

Literatwo und Peggy Steike - Eine Allianz des Erinnerns

Raily und Peggy Steike – Eine Allianz des Erinnerns

Hundejahre – Günter Grass im „Land des Hechelns“

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Es ist nicht nur der gemeinsame Lebensleseweg, der mich mit dem deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass verbindet – es ist nicht nur eine differenzierte Hassliebe, die uns aneinander kettet – es ist auch das immerwährende Gefühl, in jeder seiner Zeilen sowohl tiefste Inspiration, als auch bodenlose Provokation aufspüren zu können. Es sind Gefühle, wie Achtung, Ehrfurcht und Respekt gepaart mit dem sanften Kopfschütteln vor der Selbstleugnung und dem Verschleiern der eigenen Vergangenheit im Dritten Reich. Es sind Gefühle, wie unermessliche Freude, ihn zu lesen und tiefe Traurigkeit vor dem Moment, ihn nicht mehr lesen zu können.

Vehement habe ich ihn gegen seine Kritiker verteidigt und auch selbst erfahren müssen, was es bedeuten kann, für einen polarisierenden und nicht unumstrittenen Schriftsteller in den Ring zu steigen. Muss man erst sterben in diesem Land – diese Frage stellte ich mir öffentlich, als Günter Grass wegen seines Buches „Grimms Wörter“ ins Kreuzfeuer der Kritik gezogen wurde. Ausgerechnet wegen eines Buches, das für seine Leser und ihn selbst zu den harmlosesten zählt.

Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen – mit dieser Überschrift machte ich meinem Ärger über das jüngste Gedicht des großen Schriftstellers Luft, in dem er unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ allzu politisch einseitig wurde und sich in Ziel und Formulierung deutlich vergriff.  Einige Worte machten mich wütend, andere sprachlos und ein Satz trieb mir Tränen in die Augen:

Günter Grass - DANZIGER TRILOGIE

Günter Grass – DANZIGER TRILOGIE

Die Zeile: “Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte” macht mich traurig, weil ich ahne, dass der Stift bald versiegt sein wird. Ehrfurcht darf Triebfeder von Kritik sein… manchmal muss es so sein, wenn man liebt!

Umso größer ist die Freude, Zeuge einer wahren Grass-Rennaissance zu werden. Erleben zu dürfen, wie sich auch die kritischsten Zungen immer ausgewogener mit seinem Lebenswerk auseinandersetzen und dabei den jeweiligen situativen Kontext der Entstehung des jeweiligen Buches mit in ihre Betrachtung einfließen lassen. Grass ist zeitlos, aber die Dimension seines Schreibens darf nicht von der Ebene des realen gesellschaftlich-historischen Hintergrundes losgelöst werden.

Wie bei einem Tattoo fällt immer nur das augenfällige Muster ins Auge. Man begutachtet die Qualität und lässt sich die Aussage der Tätowierung erklären. Aber nur ganz selten betrachtet man die Haut, die darunter liegt. Selten sieht man, in welchem Alter die Hautzeichnung entstand und noch weniger interessieren die Lebensumstände, die zu dieser Entscheidung führten. Günter Grass ist gezeichnet und voller literarischer Narben. Jede in der Tiefe eines Romans. Ohne seine zerfurchte Haut anzusehen, werdet ihr die Aussagekraft der künstlerischen Muster seiner Bücher nie verstehen.

Hundejahre - Günter Grass im Land des Hechelns

Hundejahre – Günter Grass im Land des Hechelns

Für mich persönlich ist es ein ganz besonderes Jubiläum, auf den fünfzigsten Jahrestag der Veröffentlichung seines Romans „Hundejahre“ zurückblicken zu können. Dieses Buch findet seine literarische Einordnung in der so genannten „Danziger Trilogie“, die sich von der „Blechtrommel“ über die „Hundejahre“ bis zu „Katz und Maus“ erstreckt. Eine offene Trilogie, die durch den zeitlich linearen Verlauf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geklammert ist und deren zentraler Schauplatz der Geburtsort des Autors, Danzig, ist.

Genau zu diesem Jubiläum präsentiert der Hausverlag des deutschen Nobelpreisträgers, Steidl, nun einen prachtvollen Schuber, der diesen wichtigen Roman über das Deutschland unter dem dunklen Stern des Nationalsozialismus in drei Bänden beinhaltet. Drei Bücher – Eine Geschichte. Eine ganz normale Männerfreundschaft, die von der Mitte der 1920er bis in die 1950er Jahre reicht, zeigt die Auswirkungen der politischen Umwälzungen, die Eduard Amsel und Walter Matern tief in ihren Sog bannen. Die Protagonisten sind Spiegel ihrer Zeit und durch diesen literarischen Kunstgriff werden die Lebensumstände der Menschen in dieser Epoche umso greifbarer.

Hundejahre in drei Büchern“ – welch ein edles Grass-bibliophiles Sammelstück, das nicht nur bei Grass-Jüngern einen gediegenen Platz im Bücherregal finden wird, vereint nicht nur die ursprüngliche und gewaltige Erzählung von Günter Grass, es ist auch angereichert mit den einzigartigen Illustrationen des Autors. Vielfältig talentiert überzeugt er auch immer wieder mit seinen bildlichen Interpretationen seiner eigenen großen Worte. „Die Hundejahre in einer neuen Dimension“ – anders kann man es nicht sagen. Und selbst für den gewachsenen Grass-Sammler ist es ein absolutes MUST HAVE (Anglizismus hin oder her).

Günter Grass und Mr. Rail - Eine Lebenssammlung

Günter Grass und Mr. Rail – Eine Lebenssammlung

Ich möchte mich nicht auf den Rezensentenirrweg begeben, Bücher der großen Danziger Trilogie in irgendeiner Art und Weise inhaltlich vorzustellen oder in ihrer Substanz zusammenzufassen, da sie aus meiner Sicht zum Allgemeingut der deutschen Literatur gehören und vielfach in geeigneter Form besprochen wurden. Was ich jedoch versuchen möchte, ist es, meinen Leseweg mit den Hundejahren zu skizzieren um zu verdeutlichen, wie nachhaltig dieser Roman im Gedächtnis haften bleibt.

Egal ob zur Schulzeit, oder nach intensivem Lesen in den letzten Tagen, die wichtigste Erkenntnis, die mich immer begleiten wird, ist meine Sicht auf den Titel des Romans. Hundejahre sind es, über die geschrieben wird. Hundejahre für ein ganzes Land, das den Rest der Welt in den Krieg zieht und NAZI-Deutschland war damals ein Land der Hunde. Austauschbar sind die Protagonisten – ersetzbar durch Hunde… Alle Protagonisten schlüpfen in das Fell der Tiere, die so sinnbildlich sein können für diese Zeit.

Ein Land des Hechelns… wild und unersättlich… Arm nach oben zum pawlowschen Sabberreflex.

Bluthunde, Spürhunde, Schweißhunde, Kampfhunde, kleine Kläffer, große gutmütige Hütehunde und letztlich die große Masse der Rudelhunde, die alles in der geduldeten Unterordnung ertragen, um ihren niedrigen Platz in der Nahrungskette zu bewahren. Rassehunde gegen den Rest der Meute, welches Bild könnte es besser treffen als dieses. Ein Stammbaum wird zum Lebensretter oder zum Todesurteil und das Rudel schaut zu. Tatenlos niemals, denn an der Jagd ist jeder Hund direkt beteiligt und man ernährt sich gemeinsam von der Beute. Hundejahre.

günter grass hundejahre in drei büchern spacers

Die beiden Hauptfiguren des Romans verkörpern dieses Bild auf beeindruckende Weise. Eduard Amsel der Halbjude ist Prügelknabe und „Underdog“ im wahrsten Sinne des Wortes, während Walter Matern die Rolle des Rassehundes spielt. Gewaltbereit und doch in seiner eigenen Empfindung nur Mitläufer, der die großen Zusammenhänge nicht erkennt. Und doch verändert das Dritte Reich die Freundschaft auf dramatische Art und Weise. Bis es in der Kanalisation zu einer folgenschweren Auseinandersetzung kommt und der Underdog wie eine Ratte behandelt wird.

Grass gelingt in „Hundejahre“ ein sehr faszinierendes Wechselspiel aus großer Erzählung und Spiegelbild auf die dunkelste Epoche dieses Landes. Alle Interpretationen zu seiner eigenen Vergangenheit im Dritten Reich werden mit den Schilderungen in den Hundejahren in Verbindung gebracht. Vielleicht hat er sich wirklich im Rudel versteckt und später lieber geschwiegen. Vielleicht hat er es sich zu leicht mit sich selbst gemacht. Mit diesem Roman hat es es sich nicht leicht gemacht. Nicht sich – nicht seiner Heimat – nicht dem Leser.

Der Steidl Verlag macht es uns pünktlich zum Weihnachtsfest des Jahres 2013 leicht, dieses epochale Meisterwerk in einer ganz besonderen Jubiläumsausgabe neu zu entdecken. Es ist ein großes Vergnügen in diese drei Bände einzutauchen und den Illustrationen des Autors zu folgen. Es ist ein großes Vergnügen, in der heutigen Zeit ein solches Gesamtkunstwerk der grass`schen Lebensbibliothek hinzufügen zu dürfen. Es ist ein Vergnügen, am Ende allen Lesens erneut festzustellen, wie groß die Verehrung ist. Oder ist es doch eine besondere Liebe?

Ja… ich gestehe… es ist Liebe…!

Günter Grass - Eine Begegnung

Günter Grass – Eine Begegnung

Am 20. November 2014 ist es soweit… wir sehen uns in München, Herr Grass!

Ein Wiedersehen in München - AstroLibrium und Günter Grass

Ein Wiedersehen in München – AstroLibrium und Günter Grass

Und nun geht es weiter mit den „Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass von einer ganz anderen Seite. Es lohnt sich nicht nur für Fans des großen Schriftstellers:

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar...

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar…

 

„In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger – Ein historisch kritischer Doppelschuber

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Buchmesse-Highlight 2013

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Buchmesse-Highlight 2013

Bald schon schreiben wir das Jahr 2014 und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegt dann genau 100 Jahre zurück. Mit ihm begann das Zeitalter der großen Kriege, die in ihrer Dimension nicht nur Europa zermalmten. Zeitzeugen leben nicht mehr und so müssen wir uns heute auf schriftliche Überlieferungen verlassen, die von der Kriegseuphorie und den unmittelbaren Folgen des ersten industriell geführten Zermürbungskrieges berichten. Materialschlachten fanden in den weit verzweigten Schützengräben statt. Der einzelne Mensch war zum Kanonenfutter verkommen.

Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, dann sprechen wir im historischen Sinne nicht mehr von Zeitgeschichte. Der Erste Weltkrieg ist also endgültig ins Reich der Geschichte gerückt und doch bewegt er noch heute. Wie konnte man nur für Kaiser und Vaterland in einen solchen Krieg ziehen? Und vor allem, wie konnte man dies nur wenige Jahre später – nun für Führer und Vaterland – ebenso enthusiastisch wiederholen?

Wer dies annährend verstehen will, der muss lesen. Zum Beispiel im „Kriegstagebuch“ des großen deutschen Schriftstellers Ernst Jünger, der seine eigenen Kriegserlebnisse an der französischen Front akribisch festgehalten hat. Jünger war hier der große Diarist eines Krieges.

Dieses Tagebuch liegt bis heute in unveränderter Fassung vor – sein Roman „In Stahlgewittern“ jedoch, für den das Tagebuch die Urmutter der Ideen war, wurde von Ernst Jünger persönlich bis in das Jahr 1978 immer wieder überarbeitet. Zeichen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen aus den Jahren 1914 – 1918… Erinnerungen, die nie verblassten.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Die Erstausgabe

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Die Erstausgabe

Vom Kriegstagebuch zum Roman:

In seinem Kriegstagebuch beschreibt Jünger seine Tage in den Schützengräben im umkämpften Frankreich des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918. Sachlich und nahezu emotionslos. Soldatenalltag und die Banalitäten des Kriegslebens bilden den Rahmen der Beschreibungen. Auch das Töten selbst gerät zur Banalität. Sein schneller Aufstieg zum Offizier ist den hohen Verlustraten des Gefechts geschuldet. Der Krieg tobt vier Jahre lang.

Und Jünger schreibt und schreibt und schreibt. Seine Sichtweise auf den allgegenwärtigen Tod, auf Verlust und Angst lassen klar werden, was die jahrelange Zermürbung aus einem jungen Menschen machen kann. Abstumpfung und Verlust von Ethik und Gefühl können klare Folgen des Kampfes sein – eines Kampfes der um des Kampfes Willen gefochten wird.

Und doch finden wir hier erstaunlicherweise nichts anderes als den Rohstoff für Jüngers spätere Werke.

Den Extrakt der Erlebnisse bildet das Kriegstagebuch und bereits zwei Jahre später kämpft Jünger mit allen Mitteln dafür, dem Sterben und den unzähligen Toten doch noch einen Sinn zu geben. Ein verlorener Krieg war unerträglich genug – verlorene Schicksale und ein verlorenes Leben wollte und konnte Jünger nicht riskieren. “In Stahlgewittern” (erschienen 1920) kann man dies nachlesen, aufspüren und fühlen. Jüngers Blick zurück war mit den frischen Erlebnissen aus seinen Lebensprotokollen unglaublich geschärft und für Außenstehende mehr als greifbar.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Bücherdialog

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Bücherdialog

Jüngers „Kriegstagebuch“ und sein Roman „In Stahlgewittern“ zählen heute zu den großen Werken der Anti-Kriegsliteratur. Jünger verherrlicht nicht, er schildert. Schonungslos und auch im Abstand einiger Jahre zum Krieg findet sich kaum Pathos in seinem Gesamtwerk. Weitgehend unpolitisch kommen seine Bücher daher und ganz besonders sein Roman könnte auf jedem Schlachtfeld der Welt angesiedelt sein. Der Mensch im Krieg… die erzeugten Bilder schrecken ab und zeigen die brutale und unkalkulierbare Gewalt der Schlachten… des Schlachtens.

Jünger ist Publizist aber kein Bellizist. Das zeigt sich ganz besonders daran, dass ihm seine Erlebnisse als Soldat niemals ruhen ließen.  In mehreren Fassungen hat er „In Stahlgewittern“ seit der Erstausgabe überarbeitet und mit immer neuen Vorworten versehen. Er hat immer wieder versucht, seinen Roman in die veränderten sozio-politischen Rahmenbedingungen einzubetten und reagierte auf alle erdenklichen Einflüsse der unterschiedlichen Epochen: den Nationalsozialismus, den verlorenen Zweiten Weltkrieg, die Deutsche Teilung, die Friedensbewegung und aufziehenden Pazifismus sowie den Kalten Krieg.

„In Stahlgewittern“ ist ein in jeder Hinsicht dynamischer Roman, der in seinen Veränderungen die fast schon verzweifelte Bemühung Jüngers wiedergibt, nicht falsch verstanden werden zu wollen. Jüngers Werk ruft nicht zu den Waffen. Ganz im Gegenteil, egal was ihm Kritiker oder Machthaber unterstellen wollten. Er ließ sich nicht instrumentalisieren, sondern entfernte nationalistische Zeilen genau in der Zeit, in der diese Gesinnung am Lautesten um sich Griff. Jünger kämpfte für die Botschaft seines Romans: Nie wieder Krieg!

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Zur Methodik der „Stahlgewitter“ Schuber-Ausgabe

Dieser dynamischen Anpassung Jüngers widmet sich die „Historisch kritische Ausgabe“ in zwei gebundenen Büchern aus dem Hause Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel. So findet man im ersten Buch die Erstausgabe des Romans aus dem Jahr 1920 auf der linken Buchseite, der dann die Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1978 auf der rechten Buchseite gegenüber gestellt wird.

Diese präzise Methodik ermöglicht schon auf den ersten Blick das Herausstellen der Unterschiede beider Ausgaben. In unterschiedlichen Textfarben werden dann sogar die Jahre der Veränderungen deutlich erkennbar und schnell erschließen sich dem Leser die Zusammenhänge mit der Veröffentlichung des Romans nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zusätzlich sind die Seitenzahlen von einzelnen Textpassagen angegeben, die im Kriegstagebuch fast wörtlich auftauchen und so kommen Roman und Tagebuch in einen intensiven und spannenden Dialog.

Der zweite Band der Prachtausgabe beinhaltet editorische Hinweise, das Variantenverzeichnis des Romans, Erläuterungen und Karten, Skizzen und Bilder der handschriftlichen Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die als Recherche-Grundlage für den Herausgeber dienten. Ein derart komplexes Epochengemälde der Veränderung eines Romans, der auf einem Tagebuch basiert, hatte ich zuvor noch nie in Händen. Ein in seiner Komplexität mehr als beeindruckendes Werk.

in stahlgewittern ernst jünger spacer

Die Lektüre dieser ausführlichen Ausgabe zeigt ein völlig neues Bild des bis zu seinem Tod im Jahre 1998 eher abgeklärt wirkenden Schriftstellers Ernst Jünger. Er war selbst hitziges und kaltblütiges Opfer des Krieges. Er versank selbst in den tiefen Abgründen der hoffnungslosen Kriegswirren und empfand das eigene Überleben lediglich als Zufall. Mit zunehmendem Alter schleichen sich Landschaftsbeschreibungen und atmosphärische Details in die Schlussfassung. Eine Versöhnung mit dem Krieg ist das nicht – eher der Versuch, dem Stakkato der Waffen einen zumeist persönlichen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

Literatwo hat sich in besonderer Weise mit Ernst Jünger beschäftigt und einen Vergleich zwischen seinem Kriegstagebuch und den Berichten Deutscher Soldaten, die über den Afghanistan-Einsatz geschrieben haben, gezogen. Hier geht es direkt zum Doublefeature: Eine Jugend im Krieg. Ein Blick auf unsere unterschiedlichen Perspektiven lohnt sich.

Die Unkalkulierbarkeit des Krieges bringt Ernst Jünger eindrucksvoll durch die kleine Erweiterung eines Satzes aus dem Lehrgedicht des Terentianus Maurus auf den Punkt: Bücher haben Schicksale… Kugeln ebenso! 

Habent sua fata libelli et balli

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Zuletzt noch zwei wichtige Leseempfehlungen von Literatwo. Diese Herzensbücher aus unserer mehr als reichhaltigen Bibliothek beschäftigen sich einfühlsam und emotional mit dem großen Thema „Liebe in Zeiten des Krieges“ und spielen in den Wirren des Ersten Weltkrieges.

John Boyne mit Das späte Geständnis des Tristan Sadlerund Louisa Young mit Eins wollt ich dir noch sagen„.

Im nächsten Jahr freuen wir uns bereits jetzt schon darauf, euch Elisabeth Büchles Trilogie zum Ersten Weltkrieg komplett vorstellen zu dürfen. Die Romane „Himmel über fremdem Land“ und „Sturmwolken am Horizont“ sind bereits in diesem Jahr erschienen. Wir können es kaum erwarten, bis auch Teil 3 in unserer Villa Einzug gehalten hat!

Vorfreude auf das Jahr 2014... Eine Trilogie wird vollendet

Vorfreude auf das Jahr 2014… Eine Trilogie wird vollendet

Wer gerne erleben möchte, wie Ernst Jünger 18 Jahre nach diesem monströsen Krieg eine Kreuzfahrt nach Brasilien verarbeitet hat, dem sei Atlantische Fahrt ans Herz gelegt. Literatwo war mit an Bord und hat den Schriftsteller von einer ganz anderen Seite erlebt.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

„Ich war ein Glückskind“ – Marion Charles auf der Flucht vor den Nazis

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – was für ein schöner und glücklich anmutender Buchtitel aus dem Hause CBJ! Wer kann schon von sich behaupten, in der Rückschau auf das eigenen Leben genau bei diesem Begriff zu enden, der alles erklärt, alles bezeichnet und keine Frage offen lässt? Und doch wird der Kontext des Titels schnell klar – das Cover spricht eine deutliche Sprache.

Dunkle Gleise ins Nirgendwo, ein unbeschwert dreinblickendes junges Mädchen und dann der grausame Hammerschlag eines dunklen Untertitels „Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport“. Glück definiert sich für Marion Charles anders. Das war Bianca und mir schon klar, als wir uns das Buch gemeinsam aussuchten.

Gegen das Vergessen des Holocaust lesen wir – gegen dieses Vergessen schreiben wir und so denken wir auch in unsere Tage hinein, wenn wir erkennen, dass sich Vergangenes zu wiederholen scheint. Glück war damals relativ. Es bedeutete manchmal nur das nackte Überleben. Das wissen wir seit Eva Mozes Kors Buch Ich habe den Todesengel überlebt – in den Zeiten der Nazi-Herrschaft schrieb man das Wort Glück sehr klein und mit einer gehörigen Portion negativem Beigeschmack. Denn Glück ging Hand in Hand mit Verlust.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Spurensuche

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Spurensuche

Marion Charles war gerade einmal 11 Jahre alt, als sie ihre Eltern und ihre geliebte Heimatstadt Berlin verlassen musste. Ein Spielzeug durfte sie mitnehmen und nur die allernotwendigste Kleidung. Nicht viel für ein junges Leben. Sie durfte sich nicht verabschieden auf dem Bahnhof. Unauffällig hatte die Abreise erfolgen. Aufsehen sollte man keinesfalls erregen. Nur der Vater durfte seine Tochter zum Abschied begleiten. Ein Abschied für wie lange? Diese Frage schwebte wie ein Damoklesschwert über der kleinen Familie.

Am 4. Juli 1939 verließ die Jüdin Marion Charles Berlin in einem Kindertransport. Unter den aus Nazi-Sicht „normalen“ Fahrgästen befanden sich viele jüdische Kinder und Jugendliche, die im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion einflussreicher britischer Kreise aus Deutschland evakuiert wurden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und vor dem unfassbaren Höhepunkt der Judenverfolgung eine der letzten offenen Türen ins Ausland. Marion gehörte zu diesen Glückskindern.

Allerdings, der Preis für dieses Glück war unsäglich hoch. In ihrem Lebenszeugnis beschreibt Marion Charles anhand ihres Tagebuches und ihrer sehr persönlichen Kommentare aus heutiger Sicht ihre Ängste, Sorgen, das Gefühl der Verlorenheit und die ständige Angst um die geliebten Eltern, die in einem Land zurückbleiben mussten, das sich zum tödlichen Amboss für die jüdische Bevölkerung entwickeln sollte.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Ein Denkmal

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Ein Denkmal

Unvergessen sind die Kindertransporte im Britischen Königreich. Ganze Dörfer hatten gesammelt, um die Kost und Logis für die Flüchtlingskinder aufzubringen. Mehr als 10000 jüdische Mädchen und Jungen fanden eine neue Heimat. Die Nazis hatten einen perfiden Plan. Sie wollten zunächst den Osten (Polen) erobern und streuten den Westmächten durch das Zugeständnis zu diesen Transporten Sand in die ach so blinden Augen!

Glückskinder… sollte man meinen. Und doch kamen sie aus einem Land, in dem sie sich verfolgt fühlten, in dem die täglichen Übergriffe auf Juden dramatischer wurden, in dem jüdische Blinde bald schon keine Blindenbinde mehr tragen durften (wie perfide… wie niederträchtig… wie sollte man auf Blinde aufpassen? Man stelle sich das alleine mal vor!) – aus einem Land, in dem die Vernichtung jüdischen Lebens bald an der Tagesordnung war.

Ebendiese geretteten Kinder kamen in ein Land an der Schwelle zum Krieg. Hier waren sie Deutsche… primär Feinde und erst beim tiefen Blick hinter die Kulissen ihres Lebens erschloss sich der Grund ihrer Anwesenheit. Marion Charles beschreibt dieses England, ihre neue Heimat, ihre neuen Gastfamilien, sehr differenziert. Viele handelten selbstlos und wurden zu Helden der Menschlichkeit, andere jedoch versuchten sich der jüdischen Kinder zu bedienen.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Hoffen und Bangen

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Hoffen und Bangen

Dieses Buch ist mehr als lesenswert. Es ist auf jeder Seite bewegend und wirft Fragen auf, die wir heute nicht beantworten können. Emotional arbeitet und wühlt man sich durch die Lebensaufzeichnungen eines Mädchens, das sich zwar in Sicherheit wähnt, aber vor Sorge um die eigenen Eltern fast stirbt.

Das Buch bringt Erinnerungen zutage, die auch bei uns noch sehr präsent sind. „The King`s Speech, vielen durch einen grandiosen Film ein Begriff, in der jener stotternde König von England den Krieg gegen Deutschland ausruft, seine Untertanen zusammenschweißt und ihnen den Sieg verspricht. Auf Marion wirkte diese Rede wie ein Desaster. Ihre Eltern waren jetzt nicht nur von den Nazis bedroht, sondern auch mitten im Krieg.

Wir erinnern uns an die Rede der jungen Prinzessin Elisabeth, die allen Kindern, die ihr Heim und ihre Familie verloren haben, eine neue Heimat verspricht. Eine Rede, die sie bereits in jungen Jahren zur Legende werden ließ. Eine unvergessene Rede, die für Marion Charles neue Hoffnung transportierte. Beide Zeitzeugen von einst leben noch. Marion schreibt, Elisabeth regiert.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Wir haben dieses Buch gemeinsam gelesen. Wir Literatwos haben uns mit Tan Ja und Petra zwei Leser ins Boot geholt, die den schweren Weg mit uns gehen wollten. Uns ist vieles gemeinsam widerfahren beim Lesen. Wir wurden wütend auf die Unterdrücker, wir litten mit der jungen Marion und wir verfolgten ihren schweren Weg von Familie zu Familie. Hier kommt ihr mit nur einem Klick zu den Statements unserer Weggefährten dieser Lesereise.

Wir hielten es für unmöglich, mit nur 25 Worten mit unseren Eltern schreiben zu dürfen – das war die Regel, die das Rote Kreuz mit den Machthabern ausgehandelt hatte. Lange vor Twitter galt es sich hier auf das Lebenswichtige zu beschränken. Wir haben geflucht, geheult und gehofft. Bis zuletzt. Für uns war und ist Marion Charles ein Glückskind, das einen hohen Preis für dieses kleine individuelle Glück gezahlt hat. Sie hat viel verloren in diesem Krieg… fast alles und trotzdem ist ihr Buch ein großes Werk der Hoffnung und Größe.

Wer diese Größe hat, sich selbst nach diesem schweren Weg als Glückskind zu bezeichnen, der hat dem Bösen ins Auge geschaut und ist wie Phoenix aus der Asche in unsere moderne Zeit aufgestanden. Wir sollten uns erheben, um Marion Charles in die Augen zu schauen. Ihre Größe ist nicht nur literarischer Natur. Sie macht uns zu Glückskindern, wenn wir ihre Zeilen lesen dürfen… und wir sind die Lernenden von heute.

Ich war ein Glückskind - Mit einem Klick zu den Meinungen

Ich war ein Glückskind – Mit einem Klick zu den Meinungen

„Ich war ein Glückskind“ erschließt sich in seiner erzählerischen Wucht jedem Menschen, dessen Herz ohne Vorurteile und freiheitsliebend schlägt. Ganz besonderes jedoch bewegt es den Leser, wenn er sich auf einen Perspektivwechsel einlässt. Wir haben dies gewagt und in der Betrachtung unserer eigenen Situation losgelöst von jeglicher geschichtlicher Einordnung viel nachgedacht.

Ich als Vater einer jungen Tochter kann mir wohl vorstellen, dass ihr Überleben in solchen Zeiten das höchste aller Ziele darstellen würde. Diese Trennung jedoch ist in ihrer Dimension nicht zu überbieten. Ohne Abschied und ohne die grundlegende Hoffnung eines schnellen Wiedersehens glaube ich nicht, dass ich die Kraft zum Loslassen hätte. Das Bild eines Mädchens am Bahnhof auf dem Weg ins Ungewisse würde eine lebenslange Wunde schlagen… und diese hat Marions Vater auch nicht verkraftet.

Bianca in ihrer ganz besonderen Beziehung zu ihren Eltern würde sich auch nicht abreisend am Bahnsteig sehen. Sie würde um ihr Bleiben kämpfen und dem Schicksal die Stirn bieten. Das Bild des zurückbleibenden Vaters würde eine lebenslange Wunde in ihr hinterlassen, die zum unheilbaren Wegbegleiter aufwachsen würde. Zu gewaltig und schmerzhaft wäre dieser Einschnitt – zu endgültig diese Trennung.

Wir hoffen bei Gott, niemals eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Keine Ahnung, ob wir stark genug wären…

Hier geht es weiter… Und auf Facebook schon mehr zu Austerlitz

Austerlitz von W.G. Sebald – Auch ein Kindertransport.

glückskind finalbild