Hundejahre – Günter Grass im „Land des Hechelns“

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Es ist nicht nur der gemeinsame Lebensleseweg, der mich mit dem deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass verbindet – es ist nicht nur eine differenzierte Hassliebe, die uns aneinander kettet – es ist auch das immerwährende Gefühl, in jeder seiner Zeilen sowohl tiefste Inspiration, als auch bodenlose Provokation aufspüren zu können. Es sind Gefühle, wie Achtung, Ehrfurcht und Respekt gepaart mit dem sanften Kopfschütteln vor der Selbstleugnung und dem Verschleiern der eigenen Vergangenheit im Dritten Reich. Es sind Gefühle, wie unermessliche Freude, ihn zu lesen und tiefe Traurigkeit vor dem Moment, ihn nicht mehr lesen zu können.

Vehement habe ich ihn gegen seine Kritiker verteidigt und auch selbst erfahren müssen, was es bedeuten kann, für einen polarisierenden und nicht unumstrittenen Schriftsteller in den Ring zu steigen. Muss man erst sterben in diesem Land – diese Frage stellte ich mir öffentlich, als Günter Grass wegen seines Buches „Grimms Wörter“ ins Kreuzfeuer der Kritik gezogen wurde. Ausgerechnet wegen eines Buches, das für seine Leser und ihn selbst zu den harmlosesten zählt.

Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen – mit dieser Überschrift machte ich meinem Ärger über das jüngste Gedicht des großen Schriftstellers Luft, in dem er unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ allzu politisch einseitig wurde und sich in Ziel und Formulierung deutlich vergriff.  Einige Worte machten mich wütend, andere sprachlos und ein Satz trieb mir Tränen in die Augen:

Günter Grass - DANZIGER TRILOGIE

Günter Grass – DANZIGER TRILOGIE

Die Zeile: “Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte” macht mich traurig, weil ich ahne, dass der Stift bald versiegt sein wird. Ehrfurcht darf Triebfeder von Kritik sein… manchmal muss es so sein, wenn man liebt!

Umso größer ist die Freude, Zeuge einer wahren Grass-Rennaissance zu werden. Erleben zu dürfen, wie sich auch die kritischsten Zungen immer ausgewogener mit seinem Lebenswerk auseinandersetzen und dabei den jeweiligen situativen Kontext der Entstehung des jeweiligen Buches mit in ihre Betrachtung einfließen lassen. Grass ist zeitlos, aber die Dimension seines Schreibens darf nicht von der Ebene des realen gesellschaftlich-historischen Hintergrundes losgelöst werden.

Wie bei einem Tattoo fällt immer nur das augenfällige Muster ins Auge. Man begutachtet die Qualität und lässt sich die Aussage der Tätowierung erklären. Aber nur ganz selten betrachtet man die Haut, die darunter liegt. Selten sieht man, in welchem Alter die Hautzeichnung entstand und noch weniger interessieren die Lebensumstände, die zu dieser Entscheidung führten. Günter Grass ist gezeichnet und voller literarischer Narben. Jede in der Tiefe eines Romans. Ohne seine zerfurchte Haut anzusehen, werdet ihr die Aussagekraft der künstlerischen Muster seiner Bücher nie verstehen.

Hundejahre - Günter Grass im Land des Hechelns

Hundejahre – Günter Grass im Land des Hechelns

Für mich persönlich ist es ein ganz besonderes Jubiläum, auf den fünfzigsten Jahrestag der Veröffentlichung seines Romans „Hundejahre“ zurückblicken zu können. Dieses Buch findet seine literarische Einordnung in der so genannten „Danziger Trilogie“, die sich von der „Blechtrommel“ über die „Hundejahre“ bis zu „Katz und Maus“ erstreckt. Eine offene Trilogie, die durch den zeitlich linearen Verlauf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geklammert ist und deren zentraler Schauplatz der Geburtsort des Autors, Danzig, ist.

Genau zu diesem Jubiläum präsentiert der Hausverlag des deutschen Nobelpreisträgers, Steidl, nun einen prachtvollen Schuber, der diesen wichtigen Roman über das Deutschland unter dem dunklen Stern des Nationalsozialismus in drei Bänden beinhaltet. Drei Bücher – Eine Geschichte. Eine ganz normale Männerfreundschaft, die von der Mitte der 1920er bis in die 1950er Jahre reicht, zeigt die Auswirkungen der politischen Umwälzungen, die Eduard Amsel und Walter Matern tief in ihren Sog bannen. Die Protagonisten sind Spiegel ihrer Zeit und durch diesen literarischen Kunstgriff werden die Lebensumstände der Menschen in dieser Epoche umso greifbarer.

Hundejahre in drei Büchern“ – welch ein edles Grass-bibliophiles Sammelstück, das nicht nur bei Grass-Jüngern einen gediegenen Platz im Bücherregal finden wird, vereint nicht nur die ursprüngliche und gewaltige Erzählung von Günter Grass, es ist auch angereichert mit den einzigartigen Illustrationen des Autors. Vielfältig talentiert überzeugt er auch immer wieder mit seinen bildlichen Interpretationen seiner eigenen großen Worte. „Die Hundejahre in einer neuen Dimension“ – anders kann man es nicht sagen. Und selbst für den gewachsenen Grass-Sammler ist es ein absolutes MUST HAVE (Anglizismus hin oder her).

Günter Grass und Mr. Rail - Eine Lebenssammlung

Günter Grass und Mr. Rail – Eine Lebenssammlung

Ich möchte mich nicht auf den Rezensentenirrweg begeben, Bücher der großen Danziger Trilogie in irgendeiner Art und Weise inhaltlich vorzustellen oder in ihrer Substanz zusammenzufassen, da sie aus meiner Sicht zum Allgemeingut der deutschen Literatur gehören und vielfach in geeigneter Form besprochen wurden. Was ich jedoch versuchen möchte, ist es, meinen Leseweg mit den Hundejahren zu skizzieren um zu verdeutlichen, wie nachhaltig dieser Roman im Gedächtnis haften bleibt.

Egal ob zur Schulzeit, oder nach intensivem Lesen in den letzten Tagen, die wichtigste Erkenntnis, die mich immer begleiten wird, ist meine Sicht auf den Titel des Romans. Hundejahre sind es, über die geschrieben wird. Hundejahre für ein ganzes Land, das den Rest der Welt in den Krieg zieht und NAZI-Deutschland war damals ein Land der Hunde. Austauschbar sind die Protagonisten – ersetzbar durch Hunde… Alle Protagonisten schlüpfen in das Fell der Tiere, die so sinnbildlich sein können für diese Zeit.

Ein Land des Hechelns… wild und unersättlich… Arm nach oben zum pawlowschen Sabberreflex.

Bluthunde, Spürhunde, Schweißhunde, Kampfhunde, kleine Kläffer, große gutmütige Hütehunde und letztlich die große Masse der Rudelhunde, die alles in der geduldeten Unterordnung ertragen, um ihren niedrigen Platz in der Nahrungskette zu bewahren. Rassehunde gegen den Rest der Meute, welches Bild könnte es besser treffen als dieses. Ein Stammbaum wird zum Lebensretter oder zum Todesurteil und das Rudel schaut zu. Tatenlos niemals, denn an der Jagd ist jeder Hund direkt beteiligt und man ernährt sich gemeinsam von der Beute. Hundejahre.

günter grass hundejahre in drei büchern spacers

Die beiden Hauptfiguren des Romans verkörpern dieses Bild auf beeindruckende Weise. Eduard Amsel der Halbjude ist Prügelknabe und „Underdog“ im wahrsten Sinne des Wortes, während Walter Matern die Rolle des Rassehundes spielt. Gewaltbereit und doch in seiner eigenen Empfindung nur Mitläufer, der die großen Zusammenhänge nicht erkennt. Und doch verändert das Dritte Reich die Freundschaft auf dramatische Art und Weise. Bis es in der Kanalisation zu einer folgenschweren Auseinandersetzung kommt und der Underdog wie eine Ratte behandelt wird.

Grass gelingt in „Hundejahre“ ein sehr faszinierendes Wechselspiel aus großer Erzählung und Spiegelbild auf die dunkelste Epoche dieses Landes. Alle Interpretationen zu seiner eigenen Vergangenheit im Dritten Reich werden mit den Schilderungen in den Hundejahren in Verbindung gebracht. Vielleicht hat er sich wirklich im Rudel versteckt und später lieber geschwiegen. Vielleicht hat er es sich zu leicht mit sich selbst gemacht. Mit diesem Roman hat es es sich nicht leicht gemacht. Nicht sich – nicht seiner Heimat – nicht dem Leser.

Der Steidl Verlag macht es uns pünktlich zum Weihnachtsfest des Jahres 2013 leicht, dieses epochale Meisterwerk in einer ganz besonderen Jubiläumsausgabe neu zu entdecken. Es ist ein großes Vergnügen in diese drei Bände einzutauchen und den Illustrationen des Autors zu folgen. Es ist ein großes Vergnügen, in der heutigen Zeit ein solches Gesamtkunstwerk der grass`schen Lebensbibliothek hinzufügen zu dürfen. Es ist ein Vergnügen, am Ende allen Lesens erneut festzustellen, wie groß die Verehrung ist. Oder ist es doch eine besondere Liebe?

Ja… ich gestehe… es ist Liebe…!

Günter Grass - Eine Begegnung

Günter Grass – Eine Begegnung

Am 20. November 2014 ist es soweit… wir sehen uns in München, Herr Grass!

Ein Wiedersehen in München - AstroLibrium und Günter Grass

Ein Wiedersehen in München – AstroLibrium und Günter Grass

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Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen!

Was gesagt werden muss – Günter Grass

Muss man erst sterben in diesem Land?

Mit diesem Artikel habe ich mich einst als bekennender Verfechter der Grass`schen Literatur vor mein schreibendes geistiges Idol gestellt! Damals schrieb ich:

Muss Günter Grass erst sterben? Muss er unter der Erde liegen, um die Wertschätzung zu erfahren, die der wohl größte deutsche Schriftsteller unserer Zeit mehr als verdient? Was hebt dann das Geschrei an vom Verlust “unseres” Nobelpreisträgers, vom Fehlen des letzten und größten zeitgenössischen Gesellschaftskritikers und vom Verstummen der gewaltigsten literarischen Stimme einer Generation.

Kritiker gäben sich die Klinke in die Hand beim schluchzenden Eintrag in das Kondolenzbuch einer frisch geborenen, obschon gerade erst verstorbenen Legende. ”Deutschland ein Jammertal – die Blechtrommel hat ihren letzten Schlag getan” – so oder so ähnlich würden die Schlagzeilen des BILDungsbürgertumblättchens lauten.

Das schrieb ich einst!

Was gesagt werden muss – Günter Grass

Und nun liegt sein „Gedicht“ „Was gesagt werden muss“ vor mir und ich halte inne. Schlucke, lese und versuche aus allen Teilen schlau zu werden. Es fällt mir nicht leicht. Günter Grass ist mein Idol – und nun?

Wir gehören hier mitnichten zur von Günter Grass so bezeichneten „gleichgeschalteten Presse“ – ich bin lebenslanger Lesewegbegleiter des für mich immer noch größten Schriftstellers Deutschlands. Ich habe immer wieder darauf gehofft, dass er der großen Schar der Kritiker mit einem Schlag den Wind aus den Segeln nehmen würde, indem er sich offen mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzte.

Dies hat er beim „Häuten der Zwiebel“ und auch zuletzt in „Grimms Wörter“ immer wieder in Ansätzen getan, aber nie geschafft, die Zwiebel so zu Häuten, dass die wahre und reine Essenz des Günter Grass künftig unbelastet zu den Themen unserer Zeit Stellung nehmen kann.

Und genau deshalb muss ich heute widersprechen – das muss auch mal gesagt werden:

NEIN – Herr Grass, Sie mussten nie schweigen – nicht in diesem Land.
NEIN – der Iran ist nicht geeignet für die verharmloste Opferrolle.
NEIN – Herr Grass, Israel ist nicht per se als Kriegstreiber zu bezeichnen.
NEIN – es ist fatal, eine Diskussion zur Sicherheitspolitik auf die Substanz des vorgehaltenen Antisemitismus zu verdichten.

Und:

NEIN – es ist nicht legitim, sich poetisierend endlich dahin zu stellen, wo man ohne den Kunstgriff dieses „Gedichtes“ nie gestanden hätte: Auf die Seite derer, die mit reinem Gewissen moralisieren dürfen.

Und doch möchte ich ihm gerne zuhören. Mich auf ihn einlassen. Auf „meinen“ Günter Grass:

Und so gelingt es ihm, mit einem Schlag eine Diskussion in Gang zu setzen, die vielschichtiger nicht sein kann. Die wenigsten Leser seiner Zeilen begeben sich auf die rein inhaltliche Seite seines Gedichts, sondern polemisieren auf der Grundlage der selbstgewählten Lebensideologie vor sich hin. Die Vielzahl unsachlicher Kommentare in den großen Onlinemedien spricht hier Bände. Und Zustimmung erhält Grass ausgerechnet dort, wo er sie zeitlebens nicht gesucht und vermutet hätte… am rechten Rand der politischen Deutschlandkarte.

Eine Diskussion auszulösen, dies sei seine Absicht gewesen – als Intellektueller unseres Landes gar seine Pflicht. Und gerade hier liegt das Hauptproblem. Gerade er hätte wissen müssen, dass diese Diskussion sich nicht um den Kern seiner Aussagen drehen wird, sondern fast ausschließlich um ihn selbst. Seiner Sache – seinem Anliegen hat er damit keinen guten Dienst erwiesen und den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Er hätte erklären können, warum er zu sich selbst geschwiegen hat. Denn dies ist unstrittig.

Ja – Herr Grass! Sie haben geschwiegen zu Ihrer Vergangenheit.

Und: JA – Herr Grass! Das hat Sie zu einem normalen Schriftsteller gemacht. Sie sind keine moralische Instanz, die nun durch verklärten Perspektivwechsel auf eine Ebene gelangt, die eine Diskussion lostritt, die so wenig zeitgemäß ist, wie dieses Gedicht!

Die Zeile: „Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte“ macht mich traurig, weil ich ahne, dass der Stift bald versiegt sein wird und trotzdem formuliere ich meine Frage von damals um:

Muss man erst moralischen Selbstmord begehen in diesem Land…? Ich bin traurig…

Ein Leseleben lang…

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Muss man erst sterben in diesem Land?

Ein Leserleben – erlesen eben…

Diese Frage stelle ich mir in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. Medien sind in der Lage die literarischen Talente dieses Landes in den Himmel zu heben und sie genau so schnell wieder im bodenlosen Fall in die Versenkung zu verstoßen. Erst nach dem Tod des jeweils nach medialem Bedarf hochgelobten tiefgestürzten, mit vernichtenden Zeilen geschlagenen (Schlagzeile wohl deshalb) „Begabten“ wird das Gejammer groß und die feuilletonistischen Abgesänge überholen sich unmittelbar nach der Zielgeraden eines bedeutenden Lebens.

Muss Günter Grass erst sterben? Muss er unter der Erde liegen, um die Wertschätzung zu erfahren, die der wohl größte deutsche Schriftsteller unserer Zeit mehr als verdient? Was hebt dann das Geschrei an vom Verlust „unseres“ Nobelpreisträgers, vom Fehlen des letzten und größten zeitgenössischen Gesellschaftskritikers und vom Verstummen der gewaltigsten literarischen Stimme einer Generation. Kritiker gäben sich die Klinke in die Hand beim schluchzenden Eintrag in das Kondolenzbuch einer frisch geborenen, obschon gerade erst verstorbenen Legende.“Deutschland ein Jammertal – die Blechtrommel hat ihren letzten Schlag getan“ – so oder so ähnlich würden die Schlagzeilen des BILDungsbürgertumblättchens lauten.

Quicklebendig…

Lebendig ist er – und mehr als das. Schreibwütig, nicht tot zu kriegen und viel lauter als jemand der bald zu verstummen droht. Grass lebt!

Und ich schätze mich glücklich, Leser in einer Zeit zu sein, die durch seine Bücher und sein Leben geprägt ist!

Aber da er lebt, kann man ihn bei jedem neuen Buch wie die literarische Sau durchs buchige Dorf treiben – auf ihn einschlagen, seine Sätze als „durchaus bemüht“ oder „nicht ungeschickt“ bezeichnen. Kritikersätze die jedoch selbst jeglicher grammatikalischer Konstruktion entbehren, diese gar der ach so teuren Spaltenzahl opfern, um einzuschlagen – draufzuhämmern und zu poltern auf der so oft gezwiebelten und gehäuteten Blechtrommel der deutschen Kultur!

Grimms Wörter – Eine Liebeserklärung

Und nun hat die Trommel mit „Grimms Wörter“ (Steidel Verlag) zu neuem Wirbel angesetzt.

Sie rief mich rhythmisch in die nächstgelegene Buchhandlung und zog mich zum neuesten Werk meines (und das gestehe ich unumwunden) Lieblingsautors. Der Klang des Grass`schen Schlagzeuges ist nicht modern – er erinnert mich eher an das 19. Jahrhundert, als die Trommelstöcke zu Revolution und Krieg in Europa riefen. Die Trommeln führen mich zu den Gebrüdern Grimm und dem Untertitel des Buches zufolge handelt es sich um eine Liebeserklärung.

Was nur hat Grass bei den Märchenonkeln verloren – was treibt ihn zurück – oder besser – was hat er mit mir vor? Ich war gespannt.

Das mit den Onkeln nehme ich natürlich sofort wieder zurück. Nicht nur Märchen wurden von den ungleichen Brüdern gesammelt, auch das 1837 begonnene Deutsches Wörterbuch hatten sie sich auf die Fahne geschrieben, um aus dem Flickenteppich der kleindeutschen Staaten ein einiges Vaterland, zumindest sprachlich voranzutreiben. An dieser Aufgabe war Jacob Grimm 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung, wie so viele andere engagierte Deutsche gescheitert.

Günter Grass - Mehr als ein Wörterbuch

Günter Grass – Mehr als ein Wörterbuch

Die Grimms unpolitisch in Erinnerung zu behalten wäre fatal, verloren sie wegen anhaltender Kritik an den Regierenden ihre Lehrstühle an der Göttinger Universität und zumindest Jacob wurde ausgewiesen – verbannt ins ferne Hessen. Um die erzwungene schöpferische Leere auszufüllen wurde ihnen das Mammutprojekt des Deutschen Wörterbuchs angeboten. Nach anfänglichem Zögern sagten sie zu und versuchten ein schier unmögliches Unterfangen beharrlich zu realisieren, um die Gegenwartssprache (seit Luther recht verkümmert) zu erneuern.

Einerseits sollte eine organische deutsche Sprachgeschichte, andererseits ein Hausbuch entstehen, das jeder Deutsche regelmäßig zur Hand nehmen sollte, um seine Sprache aufzufrischen. Der Versuch musste scheitern… Alleine der Umfang von mehr als 331 000 Wörtern mit über einer Million Belegen (Zitaten die den Ursprung des Wortes in der deutschen Sprache von Luther bis Goethe nachwiesen) auf 34 000 Seiten war in einem Menschenleben nicht zu schultern. Und veraltet war das Werk bereits beim Erscheinen des ersten Bandes.

Für die Schriftsteller der heutigen Zeit ist dieses Wörterbuch ein nationales Sprachmonument, eine Fundstelle und Quelle der ureigensten Sprachkultur und Günter Grass hat seine 32 Bände immer wieder erwähnt in seinen Werken. Nun legt er mit der Liebeserklärung mehr als eine Hommage an die Gebrüder Grimm vor. Er führt die Arbeit fort – er trägt zusammen, was in die heutige Zeit gehört, er ergänzt, schlägt Brücken von Arbeyth zur Agentur für Arbeit und Arbeitslosigkeit, von Einheit zu Einheitsbrei, von Jakob, der sein Weib erkannte bis zum Erkennungsdienst im geteilten Deutschland. Er wird zur Wanderer zwischen den Zeiten und verknüpft sein Wortgefühl mit seiner eigenen Vita.

Muss man erst sterben in diesem Land?

Muss man erst sterben in diesem Land?

Und genau bei dieser Wanderung legt Günter Grass viele der Mäntel ab, mit denen er sich vormals vor der Kälte der Kritik zu schützen suchte – und er reflektiert seine Phasen des Vergessens und Verdrängens einer Vergangenheit im nationalsozialistischen Deutschland. Wer diese Selbstkritik finden will und kann, der wird einen erstaunlichen Nachlass finden. Bekenntnisse und Episoden die ein Schriftstellerleben prägten und noch prägen. Wer nicht finden möchte, dem kann hier nicht geholfen werden…

Beeindruckend sind seine Aussagen zur Deutschen Einheit und seine Verweigerung des Eides auf unsere Verfassung, da sie den Bürgern eines geeinten Volkes gegenüber wortbrüchig wurde. Und genau dabei gesteht er früher geleistete Eide und seinen falschen Umgang mit der Vergangenheit. Kritisch stellt er seine Bemühungen um die Einheit des Landes dar, als er ungehört mit der Idee einer Föderation mit gleichen Rechten am Rande der Geschichte stand.

Bedrückend ist es zu lesen, wie sich Günter Grass mit dem eigenen Alter auseinandersetzt. Bedrückend ist es, einen Teil Vermächtnis und letzten Wunsch zu finden. Mich fröstelt, wenn er über seinen Tod schreibt: “Noch fremdelt er, wird aber vertrauter mit jeder schlafarmen Nacht. Ich weiß: auf ihn ist Verlass.” Es macht mich nachdenklich zu lesen, dass er daran denkt, dass jedes Wort sein letztes sein könnte.

Für mich ist diese Liebeserklärung nicht die eines selbstverliebten alten Mannes an sich selbst (so sehen es viele Kritiker…), sondern ein behutsames, lautes, zartes, krakelendes, schreiendes und flüsterndes persönliches Reflektieren unserer Sprachwurzeln mit einem meisterlichen Brückenschlag in unsere Zeit.

Muss man erst sterben in diesem Land, um…. Muss man erst unter der Erde liegen…? Ich hoffe, diese Zeilen werden noch für lange Zeit in der Versenkung verschwinden, bevor sie von starren Kritikern leise mit Zustimmung versehen werden.

Was gesagt werden muss - Günter Grass

Was gesagt werden muss – Günter Grass

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