Holocaust-Gedenktag 2014 – „Hanas Koffer“ von Karen Levine

Hanas Koffer von Karen Levine - Das nie gelebte Leben der Hana Brady

Hanas Koffer von Karen Levine – Das nie gelebte Leben der Hana Brady

„Die Vergangenheit wirft ihren Schlagschatten auf gegenwärtiges und zukünftiges Gelände. Vergegenkunft nannte ich später meinen Zeitbegriff…“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

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Seit wir gemeinsam „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust schreiben, werden wir Literatwos ständig mit diesem zeitlosen Zeitbegriff konfrontiert, da wir den historischen Schlagschatten des Erinnerns gerade in Büchern immer wieder spüren. Manchmal sind es Namen, oftmals Orte und immer wieder auch Gegenstände, die uns einholen und den Blick in die Vergangenheit richten lassen. Einer dieser Gegenstände ist ein Ring, über den ich vor kurzem schrieb. Jener Ring eines gefallenen Soldaten, der nun in meinen Händen liegt und damals alles veränderte: Weihnachten 1944…

Schlagschatten… Aus ihnen möchten wir selbst täglich lernen und anderen Menschen immer wieder vor Augen führen, dass sich Automatismen der Vergangenheit nur dann wiederholen können, wenn wir sie bis heute nicht verstehen. Erinnern heißt für uns auch Verhindern! Im Schreiben hier, in Gesprächen mit Freunden und im Dialog mit Jugendlichen an Schulen.

Wir wollen nicht vergessen und versuchen anhand ausgewählter Literatur, ganz besonders aus dem Bereich Jugend- und Kinderbuch, konstant dem Erinnern ein Gesicht zu geben. Wenn ihr das Gestern vergesst, werdet ihr das Morgen nicht bewusst erleben!

Hanas Koffer von Karen Levin - Dem Erinnern einen Namen geben

Hanas Koffer von Karen Levin – Dem Erinnern einen Namen geben

So öffnen wir anlässlich des Holocaust Gedenktages 2014 einen ganz besonderen Koffer. Er gehörte einst einem kleinen jüdischen Mädchen und ist augenscheinlich der letzte Gegenstand, der an dessen Existenz erinnert. Ansonsten ist er absolut leer. So wie die Erinnerung. Die Geschichte dieses Koffers beginnt vor langer Zeit mit der Deportation einer gewissen Hana Brady. Aber eigentlich beginnt seine Geschichte vor wenigen Jahren in Tokio….

Hanas Koffer“ von Karen Levine (Ravensburger)

Fumiko Ishioka wurde 1998 Leiterin eines kleinen Museums in Tokio. Die Mitarbeiter des „Tokyo Holocaust Center“ hatten sich zur Aufgabe gesetzt, japanische Schulkinder über die Verfolgung und Vernichtung millionenfachen Lebens in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland zu informieren. Fumiko traf sich mit Überlebenden und war von Anfang an bestrebt, dem Museum mehr Leben zu verleihen und den Kindern das Erinnern näher zu bringen. Erst im Jahr 2000, und nach vielen erfolglosen Versuchen, erhielt sie ein Paket aus dem „Auschwitz-Museum“.

Der Inhalt: Ein Kinderstrumpf und ein Schuh, ein Kinderpullover, ein Behälter mit der Aufschrift ZYKLON B und ein Koffer, der mit den Worten „Hana Brady, 16. Mai 1931 – Waisenkind“ gekennzeichnet war. Hanas Koffer. Und obwohl dieser Koffer unscheinbar aussah, öffnete er mit seiner bloßen Anwesenheit die Tür zu seiner vergessenen Besitzerin. Die japanischen Kinder hatten endlich ein greifbares Zeichen aus der Zeit des Holocaust – sie erkannten, dass jene Hana ebenfalls ein Kind war, als sie mit 13 Jahren in Auschwitz ankam. Und so rückte jenes unbekannte und gesichtslose Mädchen in den Mittelpunkt einer intensiven Spurensuche.

Hanas Koffer von Karen Levine - Mit Hanas Augen

Hanas Koffer von Karen Levine – Mit Hanas Augen

Inspiriert von den Fragen der Kinder und unterstützt durch eine kleine Gruppe von Schülern, die sich selbst „Die kleinen Flügel“ nannten, begann Fumiko Ishioka auf eigene Faust zu recherchieren. Reisen nach Auschwitz und Theresienstadt, Besuche in einigen Museen und Archiven brachten sie dem unbekannten Mädchen Schritt für Schritt näher. Sie entdeckte Zeichnungen mit Hanas Unterschrift, die während des Aufenthaltes in Theresienstadt entstanden sein mussten und jedes neue Detail diente als Triebfeder für weitere Reisen „Gegen das Vergessen“.

Der Koffer war der Auslöser. Die Aufschrift, das einzige greifbare Indiz und doch ließen sich die japanischen Schüler und die Leiterin des kleinen Holocaust-Museums nicht entmutigen. Der Durchbruch gelang, als man eine Liste fand. Eine jener berüchtigten Listen der Nazis, auf denen sie Namen und Zielorte der deportierten Juden dokumentierten und auf der Liste mit Hanas Namen fand sich ein zweiter Name… der ihres Bruders Gerorge. Und das Besondere an diesem Namen: er war nicht abgehakt worden, was vielleicht bedeutete, dass er Auschwitz nie erreicht hatte.

Konnte das bedeuten, dass er den Holocaust überlebt hatte? Konnte es sein, dass er vielleicht noch lebt?

Am Ende aller Recherchen steht ein Brief Fumikos nach Kanada. Der Adressat ein gewisser George Brady und der Inhalt eine aufrührende Bitte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, wenn er tatsächlich der Bruder von Hana wäre. Nun konnte man in Japan nichts weiter tun, als zu warten und zu hoffen, dem Geheimnis des Koffers endlich einen bedeutenden Schritt nähergekommen zu sein.

Hanas Koffer - Die kleinen Flüge - weltumspannend

Hanas Koffer – Die kleinen Flüge – weltumspannend

Karen Levine beschreibt in ihrem bewegenden Buch „Hanas Koffer“ die Geschichte dieser Spurensuche auf beeindruckende Art und Weise. Sie nähert sich der Neugier der Kinder in Tokio ebenso behutsam an, wie jener kleinen Hana, der die ganze Spurensuche galt. Das Ergebnis ist berührend, verstörend und hoffnungsvoll zugleich. Denn das Wunder trat tatsächlich ein. George Brady antwortete und er schrieb nicht nur einen emotionalen Brief an die Kleinen Flügel, er legte auch die Geschichte seiner Schwester und einzigartige Bilder von Hana bei. Er öffnete sein Herz und seine Geschichte für die Kinder, die seine Schwester nicht vergessen wollten.

Und so öffnet sich auch für uns Leser die Lebensgeschichte einer verfolgten Familie, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebte. Einer jüdischen Familie, die in die Fänge der Nazis geriet und dem Holocaust gnadenlos ausgeliefert war. Das Schicksal der beiden Geschwister trifft den Leser auf jeder Seite ins hilflose Herz und doch zeigt das Buch, dass nur das Vergessen das endgültige Todesurteil für ein Menschenleben bedeutet. Die Kleinen Flügel und Fumiko Ishioka haben ihre Schwingen über die Welt ausgebreitet und einem vergessenen Schicksal ein Gesicht gegeben – Karen Levine hat dieser Geschichte in einer für Kinder ab 10 Jahren angemessenen Form einen ewigen Platz in unserer Erinnerung gegeben. Der Ravensburger Verlag hat eigens Unterrichtsmaterial zum Buch veröffentlicht und es ist für uns einer der größten Anwärter auf die Bezeichnung: Pflichtlektüre!

Hana Brady war erst 13, als sie am Ende ihres kurzen Lebens in Auschwitz vergast wurde. Sie gehört zu den vielen Millionen Opfern eines unvorstellbaren Massenmordes und sie hatte noch so viel Leben vor sich, das nicht gelebt werden durfte. Doch sie hatte einen Wunsch: sie wäre so gerne Lehrerin geworden und hätte gerne Kinder unterrichtet. Dieser Wunsch wurde ihr von einer Museumsleiterin, den Kleinen Flügeln, vielen Kindern weltweit und einer vorzüglichen Autorin erfüllt. Hana lehrt die Kinder der Welt, dass sich Auschwitz nicht wiederholen darf. Ihr Koffer reist durch die Welt und erzählt ihre Geschichte.

Die Sinnlosigkeit des Sterbens in Vergessenheit wurde diesem kleinen Mädchen genommen. Es war die vielleicht schwerste Last, die Hana Brady zu tragen hatte.

Hanas Koffer - Gegen das Vergessen

Hanas Koffer – Gegen das Vergessen

„So wird meine Rede zwar ihren Punkt finden müssen, doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschecht gäbe sich auf.“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

Diesem zeitlos magischen Satz unseres Literatur-Nobelpreisträgers schließen wir uns lebenslänglich an. Dem Erinnern neue Dimensionen, dem Gedenken Farbe und Flügel verleihen, und dies nicht nur im Internet sondern auch im Dialog mit der Jugend von heute, dem haben wir uns verschrieben. Wir danken an dieser Stelle unseren Wegbegleitern und allen Verlagen, die dieses ehrgeizige Projekt bereits seit mehr als drei Jahren mit unfassbarem Engagement unterstützen.

Literatwo schreibt weiter „Gegen das Vergessen“ der Opfer jeglicher Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen. Wir kämpfen mit unseren Waffen für das aufrechte Gedenken an die Opfer des Holocaust und erinnern an jene, deren Auslöschung ideologisches Programm war und ist. Wir gehören keinem Menschengeschlecht an, das sich aufgegeben hat… Wir sind gerade erst aufgestanden!

Arndt Stroscher & Bianca Raum Literatwo

Literatwo "Gegen das Vergessen" - Eine Lebensaufgabe

„Gegen das Vergessen“ – Eine Lebensaufgabe

Ein mehr als persönlicher Nachtrag sei nach diesem persönlichen Text noch gestattet. Das Schicksal hat Hana Brady noch mehr als nur durch dieses Buch mit Literatwo verbunden. Ebenso wie bei Bianca fällt Hanas Geburtstag auf einen 16. Mai. Nur eben genau 54 Jahre, bevor auch Bianca das Licht der Welt erblickte. Dieser Geburtsagsverbundenheit wird zukünftig bei uns an jenem magischen Tag dadurch gedacht, dass wir Hanas Wiegenfest bei uns feiern. Leider hat sie nicht viele Geburtstage feiern können, aber wir werden es ihr schön machen.

Versprochen, Hana…

Mit einem Klick zu aktuellen "Holocaust-Projekten auf AstroLibrium

Mit einem Klick zu aktuellen „Holocaust-Projekten auf AstroLibrium

Juni 2014 – „Hanas Koffer“ tritt eine Reise „Gegen das Vergessen“ an! Werdet Teil des Projekts und begrüßt das Buch bei euch zu Hause… und es kommt nicht allein!

Hanas Koffer - Mit einem Klick zu Lesereise - Seid dabei...

Hanas Koffer – Mit einem Klick zu Lesereise – Seid dabei…

„Ich war ein Glückskind“ – Marion Charles auf der Flucht vor den Nazis

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – was für ein schöner und glücklich anmutender Buchtitel aus dem Hause CBJ! Wer kann schon von sich behaupten, in der Rückschau auf das eigenen Leben genau bei diesem Begriff zu enden, der alles erklärt, alles bezeichnet und keine Frage offen lässt? Und doch wird der Kontext des Titels schnell klar – das Cover spricht eine deutliche Sprache.

Dunkle Gleise ins Nirgendwo, ein unbeschwert dreinblickendes junges Mädchen und dann der grausame Hammerschlag eines dunklen Untertitels „Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport“. Glück definiert sich für Marion Charles anders. Das war Bianca und mir schon klar, als wir uns das Buch gemeinsam aussuchten.

Gegen das Vergessen des Holocaust lesen wir – gegen dieses Vergessen schreiben wir und so denken wir auch in unsere Tage hinein, wenn wir erkennen, dass sich Vergangenes zu wiederholen scheint. Glück war damals relativ. Es bedeutete manchmal nur das nackte Überleben. Das wissen wir seit Eva Mozes Kors Buch Ich habe den Todesengel überlebt – in den Zeiten der Nazi-Herrschaft schrieb man das Wort Glück sehr klein und mit einer gehörigen Portion negativem Beigeschmack. Denn Glück ging Hand in Hand mit Verlust.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Spurensuche

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Spurensuche

Marion Charles war gerade einmal 11 Jahre alt, als sie ihre Eltern und ihre geliebte Heimatstadt Berlin verlassen musste. Ein Spielzeug durfte sie mitnehmen und nur die allernotwendigste Kleidung. Nicht viel für ein junges Leben. Sie durfte sich nicht verabschieden auf dem Bahnhof. Unauffällig hatte die Abreise erfolgen. Aufsehen sollte man keinesfalls erregen. Nur der Vater durfte seine Tochter zum Abschied begleiten. Ein Abschied für wie lange? Diese Frage schwebte wie ein Damoklesschwert über der kleinen Familie.

Am 4. Juli 1939 verließ die Jüdin Marion Charles Berlin in einem Kindertransport. Unter den aus Nazi-Sicht „normalen“ Fahrgästen befanden sich viele jüdische Kinder und Jugendliche, die im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion einflussreicher britischer Kreise aus Deutschland evakuiert wurden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und vor dem unfassbaren Höhepunkt der Judenverfolgung eine der letzten offenen Türen ins Ausland. Marion gehörte zu diesen Glückskindern.

Allerdings, der Preis für dieses Glück war unsäglich hoch. In ihrem Lebenszeugnis beschreibt Marion Charles anhand ihres Tagebuches und ihrer sehr persönlichen Kommentare aus heutiger Sicht ihre Ängste, Sorgen, das Gefühl der Verlorenheit und die ständige Angst um die geliebten Eltern, die in einem Land zurückbleiben mussten, das sich zum tödlichen Amboss für die jüdische Bevölkerung entwickeln sollte.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Ein Denkmal

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Ein Denkmal

Unvergessen sind die Kindertransporte im Britischen Königreich. Ganze Dörfer hatten gesammelt, um die Kost und Logis für die Flüchtlingskinder aufzubringen. Mehr als 10000 jüdische Mädchen und Jungen fanden eine neue Heimat. Die Nazis hatten einen perfiden Plan. Sie wollten zunächst den Osten (Polen) erobern und streuten den Westmächten durch das Zugeständnis zu diesen Transporten Sand in die ach so blinden Augen!

Glückskinder… sollte man meinen. Und doch kamen sie aus einem Land, in dem sie sich verfolgt fühlten, in dem die täglichen Übergriffe auf Juden dramatischer wurden, in dem jüdische Blinde bald schon keine Blindenbinde mehr tragen durften (wie perfide… wie niederträchtig… wie sollte man auf Blinde aufpassen? Man stelle sich das alleine mal vor!) – aus einem Land, in dem die Vernichtung jüdischen Lebens bald an der Tagesordnung war.

Ebendiese geretteten Kinder kamen in ein Land an der Schwelle zum Krieg. Hier waren sie Deutsche… primär Feinde und erst beim tiefen Blick hinter die Kulissen ihres Lebens erschloss sich der Grund ihrer Anwesenheit. Marion Charles beschreibt dieses England, ihre neue Heimat, ihre neuen Gastfamilien, sehr differenziert. Viele handelten selbstlos und wurden zu Helden der Menschlichkeit, andere jedoch versuchten sich der jüdischen Kinder zu bedienen.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Hoffen und Bangen

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Hoffen und Bangen

Dieses Buch ist mehr als lesenswert. Es ist auf jeder Seite bewegend und wirft Fragen auf, die wir heute nicht beantworten können. Emotional arbeitet und wühlt man sich durch die Lebensaufzeichnungen eines Mädchens, das sich zwar in Sicherheit wähnt, aber vor Sorge um die eigenen Eltern fast stirbt.

Das Buch bringt Erinnerungen zutage, die auch bei uns noch sehr präsent sind. „The King`s Speech, vielen durch einen grandiosen Film ein Begriff, in der jener stotternde König von England den Krieg gegen Deutschland ausruft, seine Untertanen zusammenschweißt und ihnen den Sieg verspricht. Auf Marion wirkte diese Rede wie ein Desaster. Ihre Eltern waren jetzt nicht nur von den Nazis bedroht, sondern auch mitten im Krieg.

Wir erinnern uns an die Rede der jungen Prinzessin Elisabeth, die allen Kindern, die ihr Heim und ihre Familie verloren haben, eine neue Heimat verspricht. Eine Rede, die sie bereits in jungen Jahren zur Legende werden ließ. Eine unvergessene Rede, die für Marion Charles neue Hoffnung transportierte. Beide Zeitzeugen von einst leben noch. Marion schreibt, Elisabeth regiert.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Wir haben dieses Buch gemeinsam gelesen. Wir Literatwos haben uns mit Tan Ja und Petra zwei Leser ins Boot geholt, die den schweren Weg mit uns gehen wollten. Uns ist vieles gemeinsam widerfahren beim Lesen. Wir wurden wütend auf die Unterdrücker, wir litten mit der jungen Marion und wir verfolgten ihren schweren Weg von Familie zu Familie. Hier kommt ihr mit nur einem Klick zu den Statements unserer Weggefährten dieser Lesereise.

Wir hielten es für unmöglich, mit nur 25 Worten mit unseren Eltern schreiben zu dürfen – das war die Regel, die das Rote Kreuz mit den Machthabern ausgehandelt hatte. Lange vor Twitter galt es sich hier auf das Lebenswichtige zu beschränken. Wir haben geflucht, geheult und gehofft. Bis zuletzt. Für uns war und ist Marion Charles ein Glückskind, das einen hohen Preis für dieses kleine individuelle Glück gezahlt hat. Sie hat viel verloren in diesem Krieg… fast alles und trotzdem ist ihr Buch ein großes Werk der Hoffnung und Größe.

Wer diese Größe hat, sich selbst nach diesem schweren Weg als Glückskind zu bezeichnen, der hat dem Bösen ins Auge geschaut und ist wie Phoenix aus der Asche in unsere moderne Zeit aufgestanden. Wir sollten uns erheben, um Marion Charles in die Augen zu schauen. Ihre Größe ist nicht nur literarischer Natur. Sie macht uns zu Glückskindern, wenn wir ihre Zeilen lesen dürfen… und wir sind die Lernenden von heute.

Ich war ein Glückskind - Mit einem Klick zu den Meinungen

Ich war ein Glückskind – Mit einem Klick zu den Meinungen

„Ich war ein Glückskind“ erschließt sich in seiner erzählerischen Wucht jedem Menschen, dessen Herz ohne Vorurteile und freiheitsliebend schlägt. Ganz besonderes jedoch bewegt es den Leser, wenn er sich auf einen Perspektivwechsel einlässt. Wir haben dies gewagt und in der Betrachtung unserer eigenen Situation losgelöst von jeglicher geschichtlicher Einordnung viel nachgedacht.

Ich als Vater einer jungen Tochter kann mir wohl vorstellen, dass ihr Überleben in solchen Zeiten das höchste aller Ziele darstellen würde. Diese Trennung jedoch ist in ihrer Dimension nicht zu überbieten. Ohne Abschied und ohne die grundlegende Hoffnung eines schnellen Wiedersehens glaube ich nicht, dass ich die Kraft zum Loslassen hätte. Das Bild eines Mädchens am Bahnhof auf dem Weg ins Ungewisse würde eine lebenslange Wunde schlagen… und diese hat Marions Vater auch nicht verkraftet.

Bianca in ihrer ganz besonderen Beziehung zu ihren Eltern würde sich auch nicht abreisend am Bahnsteig sehen. Sie würde um ihr Bleiben kämpfen und dem Schicksal die Stirn bieten. Das Bild des zurückbleibenden Vaters würde eine lebenslange Wunde in ihr hinterlassen, die zum unheilbaren Wegbegleiter aufwachsen würde. Zu gewaltig und schmerzhaft wäre dieser Einschnitt – zu endgültig diese Trennung.

Wir hoffen bei Gott, niemals eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Keine Ahnung, ob wir stark genug wären…

Hier geht es weiter… Und auf Facebook schon mehr zu Austerlitz

Austerlitz von W.G. Sebald – Auch ein Kindertransport.

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OBIAD – Andre Biakowski und die Evolution der Versöhnung

OBIAD - Andre Biakowski öffnet ein Fenster des Verstehens

OBIAD – Andre Biakowski öffnet ein Fenster des Verstehens

„OBIAD“ – Nur ein einziges Wort reicht dem 29jährigen Mann aus, um Türen zu öffnen. Mehr braucht es nicht. Wirklich nicht. Aus der Wechselsprechanlage erklingt lediglich ein gehauchtes „TAK“ als Erwiderung und der Weg ist frei. Anfänglich kennt der Mann die Bedeutung des Wortes nicht, mit dem sich ihm – ausgerechnet ihm – eine verborgene Welt öffnet. Er weiß nicht, was ihn genau erwartet – er weiß nur eines: Er muss diesen Weg gehen! Und dies nicht nur für sich selbst.

Hinter dem kleinen Wort „OBIAD“ verbirgt sich nichts weiter als der Begriff „Mittagessen“… und doch ist dieser geheimnisvolle Code der Schlüssel zur Tür eines besonderen Kapitels deutsch-polnischer Geschichte. „OBIAD“ gewährt Zutritt zu Menschen, die aufgrund ihres Glaubens Opfer der nationalsozialistischen Diktatur waren – jüdische Menschen, für die das Wort Auschwitz mehr ist als nur ein Ort – mehr als ein Begriff und mehr als eine Gedenkstätte.

Sie waren dort. Opfer des Holocaust – Überlebende zwar, aber gezeichnet für ihr Leben. Überlebende! Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur den Holocaust haben sie überlebt – nicht nur den eigenen programmierten Tod haben sie überlebt – auch Freunde, Bekannte und ihre eigenen Familien haben sie überlebt. Und nun öffnen sie ihre Türen – ausgerechnet ihm: einem 29jährigen Deutschen, der sich entschieden hat ein Jahr lang nicht nur mit den Opfern zu leben, sondern auf besondere Weise für sie zu leben.

Andre Biakowski – Absolvent einer Kunstakademie, Werbekaufmann und Marketingspezialist – erzählt in seinem ersten Buch:

OBIAD – Mehr als nur ein Mittagessen – Mein Jahr in Polen mit Überlebenden des Holocaust

von seiner einjährigen beruflichen Auszeit und seinen Erfahrungen als freiwilliger Helfer des Maximilian-Kolbe-Werks. Ein Jahr lang lebte er in Lodz, betreute Überlebende unterschiedlicher Konzentrationslager und Ghettos, brachte ihnen das tägliche Mittagessen nach Hause und leistete seinen ganz eigenen Beitrag auf dem Weg zur Versöhnung mit den Menschen, die ihm auf diesem Weg begegneten.

Man kann viel über die damalige Zeit schreiben, man kann seinen Lebensweg mit Lippenbekenntnissen und großen Gesten pflastern und sich darauf verlassen, dass die große Politik in ihren Bestrebungen um Versöhnung und Verständigung die richtigen Zeichen setzt. Aber letztlich ist es der Königsweg, den Andre Biakowski beschritten hat. Die finale Stufe in der Evolution der Versöhnung mit den Überlebenden von einst. Der Kniefall von Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos; die große Rede von Bundespräsident Roman Herzog anlässlich des 50. Jahrestages des Warschauer Aufstandes oder die Umarmung zwischen Helmut Kohl und dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki – all diese großen diplomatischen Gesten wären inhaltsleer, wenn sie nicht von Menschen mit Leben gefüllt würden.

Andre Biakowski vollendet diese tiefe politische Gestik durch gelebte Zwischenmenschlichkeit. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass die große Politik ihm die Türen geöffnet hat – er realisiert aber auch, dass es Menschen geben muss, die sich durch diese offenen Türen wagen. „OBIAD“ – ein kleines Wort zeigt, dass der Samen der Versöhnung inzwischen zu einem weiten Feld geworden ist, denn wie der Autor des Buches selbst, so leisten viele junge Menschen ihren Dienst im Sinne des Verstehens und der Verständigung. Sie tragen alle dazu bei, dass sich Opfer nicht vergessen fühlen und Mut schöpfen in der Hoffnung, dass nicht alles vergebens war.

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OBIAD – Die Evolution der Versöhnung – Große Gesten mit Leben füllen

Andre Biakowski stellt nicht sich in den Mittelpunkt seines Buches. Er gewährt diesen Platz abseits jeglicher Eitelkeit den Menschen, denen er begegnet. Er selbst empfindet den Überlebenden gegenüber keine Schuld – er empfindet eine aus der Geschichte abgeleitete Verantwortung und dieses Selbstbild trägt ihn zu Menschen, die von ihm keine Entschuldigung, sondern nur Verständnis erwarten.

„Sie wissen, ich bin zu jung, um Schuldgefühle zu tragen, und schweigen mit mir in ein gegenseitiges Verstehen hinein.“

Diese Begegnungen sind nicht leicht. Und doch schlagen sie eine Brücke, die bei offenen Wunden beginnt und bei schlecht verheilten Narben endet – aber die Brücke trägt, da man sich mit höchstem menschlichem Respekt begegnet.

Es sind absolut keine elitären Begegnungen auf rein theoretischer DiskussionsbasisNEIN – es sind die Augenblicke des Zuhörens oder Schweigens – es sind die Momente der Handreichung, die hier eine Verbindung schaffen. Das Essen auf Rädern wird zum letzten und wichtigsten Brückenglied in dieser Kette. „OBIAD – mehr als nur ein Mittagessen“ – diesen Titel trägt das Buch mit bestem Recht.

Es lohnt sich, Andre Biakowski lesend zu folgen. Atemlos zu schweigen, wenn er schweigt und zu lauschen, wenn er mit immer besser werdendem Polnisch versucht, auch die größte Sprachbarriere zu meistern. Er führt uns zu den wohl letzten Zeitzeugen eines Massenmordes und hält uns, ebenso wie jene Überlebenden, ohne erhobenen Zeigefinger vor Augen wie wichtig es ist, sich gegenüber zu sitzen und Verständnis zu zeigen. Sich gegenseitig die Hand zu reichen und damit die Narben der Geschichte ein wenig zu glätten.

„Ich trage die Botschaft von vielen Begegnungen und Gesprächen in mir. Diese Menschen dürfen nicht vergessen werden. Sie zu vergessen, bedeutet Geschichte zu relativieren.“

„OBIAD“ ist ein wichtiges Buch. Es vermittelt vielschichtige Gedanken und zeigt, dass Versöhnung nicht auf Vergebung oder Schuld beruht. OBIAD füllt eine Lücke im gegenseitigen Verständnis und ist mehr als ein Fenster in die Vergangenheit. Der Blick zurück ermöglicht den Blick in die Zukunft und es ist nicht schwer, das Fenster auch für sich selbst ein Stück weit zu öffnen.

Wie sehr dieses Jahr in Polen Andre Biakowski selbst verändert hat zeigt sein beeindruckendes Nachwort. Zwei Jahre später kehrt er nach Polen zurück. Er kehrt in ein Stück Heimat zurück, das er sich erlebt hat.

Lesenswert – lebenswert.

OBIAD - mit einem Klick zur Buchseite beim Acabus Verlag

OBIAD – mit einem Klick zur Buchseite beim ACABUS Verlag

Ein Artikel aus der Reihe „Gegen das Vergessen“ von Holocaust, Genozid und ideologisch begründeter Verfolgung von Minderheiten aus religiösen, ethnischen und sonstigen Gründen…