So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und absoluter Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket - John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Für treue Leser von Literatwo ist es kein großes Geheimnis: Ein langer Lebensleseweg verbindet uns mit John Boyne. Nach „Der Junge im gestreiften Pyjama“, „Zu schnell“, „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ und „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ ist der irische Erfolgsautor selbst schuld daran, dass unsere literarische Erwartungshaltung  sehr hoch ist.

Die boyne`sche Messlatte hat er selbst auf Rekordhöhe geschraubt. Ob er sie mit seinem neuesten Kinder- und Jugendbuch Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket (KJB) überspringen und einen Literatwo-Höhenrekord aufstellen würde, diese Frage beschäftigt uns seit jenem magischen Tag in Leipzig, als er uns in einem exklusiven Buchmesse-Interview davon erzählte, woran er gerade schrieb:

„Es geht um eine Familie, in der die Eltern es nicht akzeptieren können, wenn jemand in irgendeiner Beziehung „anders“ ist. Zwei ihrer Kinder entsprechen ihren Vorstellungen, aber da gibt es eben noch ihren Sohn „Barnaby“ und er ist alles andere als normal“ – so John Boyne im März 2012.

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket - John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Das Anderssein ist wohl das zentrale Leitthema im Lebenswerk von John Boyne. All seine Protagonisten kämpfen dagegen an, nicht akzeptiert zu werden, ausgegrenzt zu sein oder aufgrund ihrer Lebenshaltung und -umstände von ihrem unmittelbaren Umfeld in eine Schublade gesteckt und an den äußersten Rand unserer Gesellschaft gedrängt zu werden.

Das deutliche autobiographische Element dieses Leitmotivs strahlt über all seinen Büchern wie ein leuchtender Fixstern im boyne`schen Erzähl-Universum. Das haben wir damals im persönlichen Gespräch deutlich gespürt. Auch John Boyne fühlte sich „Anders“ und auch er führte einen langen verzweifelten Kampf gegen die scheinbare Normalität.

Dass er jedoch in seinem neuesten Buch – wohl im Wissen um die Höhe der Messlatte  – einen mehr als genialen Geniestreich seiner Fantasie zu einer Geschichte werden ließ, das hat uns mehr als überwältigt. Auch hier steht das „Anderssein“ im Vordergrund – auch hier wird ein kleiner Junge in einer Welt voller Klischees von seinem „ach so normalen“ Umfeld in eine Ecke gedrückt und im wahrsten Sinne des Wortes  auf dem Boden der Tatsachen gehalten…

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket - John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Mit dem achtjährigen Barnaby Brocket betritt einer der wohl außergewöhnlichsten Protagonisten der Literaturgeschichte die Bühne der normalen Welt.

Und er wird sie nachhaltig verändern….

Denn Barnaby Brocket trotzt den Gesetzen der Schwerkraft – er schwebt und kann nichts dagegen tun. Gar nichts. Schon seine Geburt wird für seine auf Normalität bedachten Eltern zum reinen Fiasko. Flutsch und weg, könnte man sagen. Nicht in der Hand der Hebamme landet der winzige Neugeborene, sondern an der Decke des Kreißsaals ist er zu finden. Erstaunte Blicke und große Verwunderung auf allen Seiten sind die logischen Folgen dieser Abnormität.

Und Besserung ist nicht in Sicht. Erste Versuche, sich mit der Situation abzufinden münden in einen verzweifeltem Kampf um Normalität. Matratzen werden an die Decken des Elternhauses genagelt, um dem heranwachsenden Barnaby einen Schlafplatz zu ermöglichen. Er wird in den ersten Jahren seines Lebens versteckt und lernt nur seine Eltern, seine beiden Geschwister und den treuen Hund der kleinen Familie kennen. Nach draußen lässt man ihn nicht. Das wäre peinlich und gefährlich, so der einhellige Tenor.

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket - John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Es kommt jedoch, wie es kommen muss. Man kann auch in der größten Normalität der Gesellschaft ein Kind nicht lebenslang unter Verschluss halten und spätestens die drohende Schulpflicht sorgt dafür, dass Barnaby Brocket das Licht der Welt zum ersten Mal so richtig erblickt. Und dieser Schritt liefert ihn den Blicken einer Welt aus, für die alles Unnormale schier unfassbar scheint. „Das ist doch nicht normal,“ so lautet die einhellige Meinung der Nachbarschaft auf das Kind, das nur an der langen Leine hinter seiner Mutter herschweben kann, wenn man gemeinsam das Haus verlässt.

Ein schwerer, mit Sand gefüllter, Rucksack hält ihn erstmals am Boden und vermittelt dem Umfeld einen leichten Hauch von Normalität, aber Barnaby fühlt sich gefesselt und stellt sich immer häufiger die Frage, wie es ihm wohl jemals gelingen wird, wahre Freunde zu finden… in einer Flughöhe eines Mittelstreckenflugzeugs…. Schwierig. Die Auswahl der Schule macht im dann klar, welche Rolle er im Leben seiner Eltern wirklich einnimmt. Die „Ultimative Akademie für unerwünschte Kinder“ scheint auf Problemfälle ausgerichtet, aber auch hier schwebt Barnaby über den Dingen.

Als die Situation für die Brockets eine Grenze erreicht, die sie für unerträglich halten, treffen sie einen mehr als folgenschweren Entschluss. Ein gemeinsamer Spaziergang zu einem lauschigen Aussichtspunkt in Sidney (Barnaby natürlich mit Sand im Rucksack beschwert) ein kleines „Versehen“ mit einer zufällig mitgeführten Schere und schon beginnt der Sand zu rieseln und Barnaby schwebt davon. Jetzt hatte man seinem Egoismus endgültig einen Riegel vorgeschoben. Um den Preis der Normalität lassen die Brockets ihren kleinen Barnaby im Alter von acht Jahren einfach fliegen.

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket - John Boyne

Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket – John Boyne

Was dann folgt möchten wir an dieser Stelle nur vage andeuten. Es beginnt eine wundervolle Reise in eine Welt, die sich Barnaby ganz anders vorgestellt hätte. Aufgefangen von zwei älteren Damen in einem Heißluftballon, liebevoll aufgepäppelt mit dem bisher fehlenden Selbstbewusstsein und der tiefen Einsicht, dass seine Fähigkeit nicht unnormal sondern besonders ist, macht sich Barnaby auf den Weg durch die Welt. Er begegnet Menschen, die so viel mit ihm gemeinsam haben, nur dass ihr Schweben ein anderes ist. Sie sind ebenso anders wie er selbst und es gelingt ihm bei jeder dieser emotionalen Begegnungen, seine neuen Weggefährten davon zu überzeugen, dass sie besonders sind.

Und doch will Barnaby wieder nach Hause. Dafür nimmt er alles in Kauf, denn er glaubt nach wie vor an die Liebe seiner Eltern und seiner Geschwister. Er schreibt liebevolle Ansichtskarten von unterwegs und gewinnt von Tag zu Tag mehr Vertrauen in sich selbst und in seine Fähigkeiten. Er beginnt an sich zu glauben. Wird er seinen Weg finden und kann er seine Eltern davon überzeugen, dass er als einzigartiger Mensch eine ganz besondere Normalität in sich trägt? Kann er bewirken, dass man ihn mehr liebt, als auf die Meinung der Anderen zu hören? Wird er jemals wieder einen Platz in seiner Familie finden?

Dies verrät uns John Boyne in „Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“. Ein Buch für Leser jeden Alters – ein Roman der so leicht ist, dass er selbst zu schweben scheint. PostIts bleiben beim Lesen nicht an ihrem Platz, sondern schweben schwerelos mit dem Auge des Lesers von Seite zu Seite und von einer liebevollen Illustration aus der Feder von Oliver Jeffers zur nächsten . Ungläubig, bewegt und durch keinen Sand der Welt auf den Boden der Realität zu bringen. Wir haben uns in Barnaby verliebt, da dieser kleine Junge zum Sinnbild für die Besonderheit des Unnormalen wurde. Mit ihm gemeinsam schliefen wir unter der Decke, flogen an Hundeleinen befestigt zu kleinen Spaziergängen und trugen seinen bleischweren Rucksack.

Mit einem einzigen Klick beginnt der Flug zu John Boyne auf Literatwo

Mit einem einzigen Klick beginnt der Flug zu John Boyne auf Literatwo

Folgt der unfassbaren Leichtigkeit des Lesens und begegnet dabei einem Jungen, der euer Lesen verändern kann. In unglaublicher Herzlichkeit und angetrieben von großen Gefühlen hat er die hohen Erwartungen an diesen Roman bei Weitem übertroffen und einen neuen Rekord in literarischer Flughöhe aufgestellt. Barnaby Brocket ist ein ganz besonderer kleiner großer Held, der eure Herzen im Sturm erobern wird. Bei mir ist ihm das gelungen und wenn ich an dieses bezaubernde Buch denke, dann blicke ich auf… und niemals nach unten.

Denn John Boyne und Barnaby Brocket sind nur dort zu finden: GANZ OBEN….

Alles von John Boyne bei AstroLibrium – HIER

„Zu schnell“ von John Boyne… Eine Sekunde, die alles verändert

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Es sind die Augenblicke im Leben, die auf einen Schlag alles verändern können, vor denen wir uns oftmals so sehr fürchten. Es sind diese schicksalhaften Momente, die das bisherige Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es ist unsere Angst vor der Hilflosigkeit im Angesicht dieser Situationen, die uns nachts aufschrecken lässt. Es ist eine menschliche Urangst, die uns allen innewohnt.

Zu schnell“ von John Boyne greift dieses Thema auf einzigartige Weise auf. Er wählt nicht nur die Perspektive eines 12jährigen Jungen, dessen Leben sich in genau dieser einen Sekunde dramatisch verändert, John Boyne geht noch einen bedeutenden Schritt weiter und erzählt diese Geschichte in der Sprache eines Heranwachsenden. Dieses Stilmittel erzeugt eine unmittelbare Nähe zum Protagonisten und lässt uns in eine Situation eintauchen, die so noch nicht erzählt wurde.

Danny freut sich eigentlich auf einen sorglosen Sommer und nicht enden wollende Fußballspiele mit seinem besten Freund Luke. Das Leben ist unbeschwert und Danny wächst in einem intakten Umfeld auf. Eine schöne Jugend, könnte man sagen. Bis er an einem Mittwochabend im Juli nach Hause kommt und feststellt, dass er völlig alleine ist. Mit seinem Vater kann er erst in einer Stunde rechnen, aber dass er seine Mutter nicht antrifft ist mehr als ungewöhnlich.

Als sein Vater von der Arbeit kommt fehlt immer noch jede Spur von Dannys Mutter Rachel. Ratlosigkeit macht sich breit – sie hat keine Nachricht hinterlassen und überraschende Ausflüge kennt man nicht von ihr. Wie es sich in solchen Situationen gehört, wird der 12jährige erstmal ins Bett geschickt – alles weitere würde sich finden. Typisches Elternverhalten eben.

Doch dann kommt alles anders, als Rachel in sichtlich schockiertem Zustand von der Polizei nach Hause gebracht wird. Danny erfährt noch am gleichen Abend von seinem Vater, dass sie einen Unfall hatte. Ein kleiner Junge sei ihr vors Auto gelaufen, er liege im Krankenhaus und es ginge ihm zwar nicht gut, aber Danny solle sich keine Sorgen machen! „Alles wird wieder gut“ – ein typischer „Vaterspruch“.

„Hoffentlich wurde er wieder gesund. Aber irgendetwas sagte mir, dass er nicht wieder gesund werden würde. Und dass bei uns zu Hause nichts je wieder so sein würde wie vorher.“

Dannys Gefühl scheint sich zu bestätigen, als erste Gerüchte an sein Ohr dringen: Seine Mutter sei schuld gewesen, weil sie wohl betrunken war und der Junge liege im Koma und es sehe nicht gut aus – unvorstellbar. Alles kommt zum Erliegen – das Leben steht still und die erdrückenden Schuldgefühle legen sich auf das Elternhaus wie ein dunkler Schatten. Und Dannys Mutter liegt nur noch im Bett – nicht ansprechbar.

Danny bleibt nur die Rolle des passiven Beobachters – ihm bleibt nur zuzuhören, wie Vorwürfe von allen Seiten laut werden und er fühlt die Isolation zunehmend Raum ergreifen. Bis wenige Tage nach dem Unfall plötzlich ein fremdes Mädchen vor dem Haus der Familie zu lauern scheint, um Danny zu beobachten.

So lernt er die gleichaltrige Sarah kennen – die Schwester des Jungen, der im Koma liegt und schnell bemerkt Danny, dass sie ein schreckliches Geheimnis mit sich herumschleppt. Beide vertrauen einander ihre Gefühle an und begehen in ihrer Hilflosigkeit einen verhängnisvollen Fehler!

„Wir waren wie zwei Geheimagenten, die von dem ganzen Theater die Schnauze voll hatten und beschlossen, aus der Deckung zu kommen.“

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Ein langer gemeinsamer Leseweg verbindet Literatwo mit John Boyne. Wir müssen nicht mehr erwähnen, dass er der Autor des Welt-Bestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist, da man dieses Prädikat nicht mehr benötigt für einen Schriftsteller, der mit Büchern wie Der Junge mit dem Herz aus Holz und Das späte Geständnis des Tristan Sadler immer gezeigt hat, dass er genreübergreifend zu faszinieren vermag.

Seine Romane verbindet das Schicksal von Menschen, die sich in ihrer jeweiligen Situation allein fühlen,  isoliert werden und in aller Ausweglosigkeit doch ihren eigenen Weg finden. „Zu schnell“ reiht sich nahtlos in diese Lebensbibliothek des irischen Erfolgsautors ein und setzt eben aufgrund der sprachlichen Dimension erneut Maßstäbe.

Ein herausragendes Jugendbuch über den Umgang mit Schuld, Verlustängsten und den Kampf um Akzeptanz in der Welt der Erwachsenen. Sprachlich eignet sich „Zu schnell“ in besonderer Art und Weise für Schüler, die in Dannys Alter sind. Der Fischerverlag hat anschauliches Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt und es bleibt zu hoffen, dass diese Geschichte bald Einzug in die Lehrpläne unserer Schulen hält.

Wer darüber hinaus wissen möchte, wie sehr sich John Boyne mit seinen Charakteren identifiziert, dem sei unser exklusives Buchmesseinterview ans Herz gelegt. Es war eine magische literatwoische Begegnung mit einem überraschenden Geständnis des Schriftstellers!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler – John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler - John Boyne

Das späte Geständnis des Tristan Sadler – John Boyne

John Boyne kann vor allem eines: So richtig gut erzählen…

John Boyne verfügt über eine narrative Begabung, die uns in seinen Weltbestsellern „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und Der Junge mit dem Herz aus Holz“ bereits mehrfach vom literarischen Hocker gehauen hat. Geschichten, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen und buchige Begegnungen, die unvergessen bleiben, prägen seine Werke. Besonders für jugendliche Leser beinhalten seine bisherigen Romane einen wahren Schatz als zentrale Botschaft.

„Anders“ zu sein ist immer ein Problem… aber Du kannst es überleben… – Du kannst damit zurecht kommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Was kann man einem Menschen mehr mit auf den Weg geben, der sich in einer emotionalen Findungsphase befindet und grundsätzlich das Gefühl vermittelt bekommt, doch so ganz „aus der Art geschlagen“ zu sein? Wer kennt das nicht?

Nun wendet sich John Boyne in „Das späte Geständnis des Tristan Sadler mit einem großen Weltkriegsroman an seine erwachsenen Leser. Er schreibt in aller Härte von der unbegreiflichen Brutalität des Krieges und gibt dabei jedoch seinem Protagonisten Raum genug, in seinen Gefühlswelten zu versinken. Zu leiden, zu lieben, zu verzagen und zu träumen. Der erste Weltkrieg wird zum alles zermalmenden Rahmen – Uniformität und Gehorsam werden zum Programm – ein Abweichen von diesen Normen führt unweigerlich zum individuellen Versagen.

Gleichförmigkeit und gesellschaftliche Restriktionen lassen keinen Platz für das „Ich“.

Da wir John Boyne inzwischen mehr als gut kennen, wissen wir, dass auch dieser Roman vom Unterschied geprägt ist. Seine Botschaft zieht sich durch sein Schaffen, wie jener unsichtbare rote Faden seine Geschichten miteinander verbindet.

Eine Flucht in den Krieg - Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Eine Flucht in den Krieg – Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Tristan Sadler zieht in den Krieg…. Nicht ganz freiwillig, zugegeben, aber es ist dennoch eine Erlösung für ihn, die Flucht zu ergreifen und sich als vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft in Not zu empfinden. Ein Skandal in der Schule hat ihn isoliert… verstoßen von Freunden, Lehrern und letztlich auch dem eigenen Vater meldet er sich freiwillig an die Front…

„Vielleicht haben wir alle Glück und du wirst als einer der Ersten getroffen…“ – diese Worte seines Vaters lasten schwer auf dem Gefühl des jungen Mannes. Flucht in den Krieg und niemand wartet zuhause auf seine Rückkehr. Zu sehr hat er die Konventionen verletzt. Was für ein Skandal.

„Anders sein“ als Ursache für die gesellschaftliche Ächtung… und dies allein wegen eines Kusses… Nur war eben kein Mädchen Ziel seiner zärtlichen Gefühle…

Vor dem ersten Einsatz an der Front lernt Tristan seinen Kameraden Will Bancroft kennen und sie beginnen sich von Tag zu Tag besser zu verstehen. Das gemeinsame Schicksal als Frontsoldat knüpft ein stabiles Band, wäre da nicht ein gewisses „Mehr“, das sich in aller Intensität über ihre Freundschaft legt. Und diese Freundschaft wird der schwersten Belastungsprobe unterzogen, die sich ein Mensch nur vorstellen kann.

"Anders sein" in Zeiten des Krieges... lebensgefährlich..

„Anders sein“ in Zeiten des Krieges… lebensgefährlich..

Gefühle führen zum Denken – Denken führt zu Zweifel und Zweifel führt zur inneren Verweigerung. Feigheit nennen es die Anderen. Man macht es sich sehr einfach mit den Schubladen – besonders in Zeiten des Krieges.

Tristan kehrt alleine aus Frankreich zurück. Im Gepäck trägt er die größte Schuld seines Lebens und die Briefe, die Will an der Front von seiner Schwester erhielt. Tristan droht an dieser Last zu zerbrechen und wagt es trotzdem, die junge Frau zu besuchen, um ihr die Briefe zu übergeben.

Wird er es auch wagen, ihr von seinen wahren Gefühlen gegenüber Will zu berichten? Wird er darüber reden können, welche Schuld er trägt und was Will in Frankreich zugestoßen ist? Wird er reden können?

Die weiße Feder - Das Symbol für Feigheit im Krieg - Ein Makel?

Die weiße Feder – Das Symbol für Feigheit im Krieg – Ein Makel?

John Boyne bleibt sich selbst treu. Stilistisch ausgereift, spannend und hochemotional ist sein Roman. Er scheut sich hier nicht mehr davor, die Andersartigkeit beim Namen zu nennen und verstrickt seine Protagonisten in eine doppelte Außenseiterrolle. Liebe in Kriegszeiten ist ein Fremdwort – Homosexualität ein Tabu – und wenn Liebe unter Männern auch noch dazu führt, dass der Sinn des Kämpfens in Frage gestellt wird, dann gibt es nur eins….

John Boyne hat uns im exklusiven Interview viel zu diesem Roman erzählt und sich sehr weit geöffnet.

Ein bewegendes Interview - John Boyne und Literatwo - Hier klicken

Ein bewegendes Interview – John Boyne und Literatwo – Hier klicken

Sein Bekenntnis, Tristan Sadler sehr nahe zu stehen ist für uns ein persönliches Bekenntnis der besonderen Art und mehr als ein Vertrauensbeweis gegenüber seinen Lesern. Wir haben den roten Faden aufgenommen – Anders zu sein trägt für uns keinen Makel. Damit zu leben und zu überleben verlangt in jedem gesellschaftlichen Rahmen vielleicht mehr ab, als eine stromlinienförmige Existenz ohne das Bekenntnis zu sich selbst.

Dieses Buch bedeutet uns viel – unser Interview ist ein Meilenstein in unserem Schreiben und vor John Boyne ziehen wir unsere Hüte!

Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler - Signiert

Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler – Signiert

Wichtige Information für Fans des Romans: Unbedingt lesen – „So fern wie nah“ von John Boyne… ihr werdet euch wundern:

So fern wie nah - John Boyne - Ein Klick und alles wird klar

So fern wie nah – John Boyne – Ein Klick und alles wird klar

Das frühe Geständnis des John Boyne…

John Boyne – tiefe Worte zu Tristan Sadler und Noah Barleywater

Erst vor wenigen Tagen haben wir darüber berichtet, dass der irische Erfolgsautor John Boyne auf der Leipziger Buchmesse 2012 gleichzeitig mit dem All-Age-Märchen „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ und dem Weltkriegsdrama „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ vertreten ist.

Nach seinem Welterfolg „Der Junge im gestreiften Pyjama zeigt er uns Lesern die breite Palette seiner Kreativität und trotz der augenscheinlich großen thematischen Unterschiede scheinen seine Bücher magisch miteinander verbunden zu sein. Wir haben John Boyne in Leipzig beim Arche Verlag zu einem exklusiven Interview getroffen und viel darüber erfahren, was es für ihn bedeutet, literarisches Neuland zu betreten.

„Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten…“ – John Boyne

Lassen Sie uns bitte einige Fragen zu Ihren beiden aktuellen Büchern stellen, Herr Boyne. Unsere Neugier, zu erfahren, wie er aussieht, der ideale Leser von John Boyne und für wen Sie Ihre Bücher schreiben, begründet sich in der Unterschiedlichkeit der beiden Werke. Ist es der jugendliche oder doch eher der erwachsene Leser?

Der Erste an den ich denke, wenn ich ein Buch schreibe, bin ich selbst. Ich versuche Bücher zu schreiben, die ich gerne selbst lesen würde. Ob dies nun in einem Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenbuch geschieht, ist eher zweitrangig, da ich in erster Linie emotionale und zu Herzen gehende Geschichten erzählen möchte. Das ist meine Wesensart. Ich denke gar nicht so sehr an die Leser – das habe ich auch nicht getan, als ich noch nicht veröffentlicht wurde. Ich dachte eigentlich nie, dass irgendjemand meine Geschichten lesen würde, also habe ich den Blick eher nach innen gerichtet. Es ist schwer zu realisieren, dass man dann doch gelesen wird. Der Blick auf mich selbst hält mich in Bewegung und genau dies ist sehr wichtig bei den Geschichten, die ich schreibe.

Ist es nicht ein wenig problematisch, dass Ihre beiden Bücher gleichzeitig in Deutschland publiziert werden?

Nein, auf gar keinen Fall. Es ist eher als ungewöhnlich zu bezeichnen. Ich mache die erfreuliche Erfahrung, auf diese Weise feststellen zu können, dass meine Kinder- und Jugendbücher von Erwachsenen gelesen werden und die Bücher für Erwachsene auch von intelligenten Jugendlichen (und davon gibt es ja in Deutschland eine ganze Menge!). Beide Bücher gleichzeitig vorzulegen, ermöglicht es mir, den deutschen Lesern beide Seiten meines Schreibens zeigen zu können. Ich schließe in diesem kreativen Prozess keine Zielgruppe aus und damit öffne ich jedem die Türen zu beiden Erzählungen.

„Tristan Sadler“ ist eine ernsthafte, emotionale historische Geschichte. „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ ist vielmehr eine besondere Art von Fantasy – etwas, das ich zuvor noch nie geschrieben habe. Es war sehr spannend für mich, dieses Neuland zu betreten. Es ist amüsant zu vermuten, dass Leser nicht auf die Idee kämen, dass diese beiden Bücher vom gleichen Autor verfasst wurden. Aber genau so ist es eben.

„Der Junge mit dem Herz aus Holz“ führt jeden Leser zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt des Lesens zu einer der emotionalsten und einfallsreichsten Begegnungen, die wir jemals zuvor erlesen durften. Haben Sie keine Angst, dass Rezensenten oder Kritiker diesen magischen Moment verraten und den Leser um diese Begegnung betrügen?

Ich denke, dass Rezensenten der Geschichte gegenüber eine Sensibilität an den Tag legen, die genau dies verhindert. Bei der Veröffentlichung des Buches in England hat niemand das Geheimnis verraten. Aber jeder hat auf diese Begegnung hingewiesen und sie besonders hervorgehoben. Ich kann nur hoffen, dass dieser Teil der Geschichte ein Geheimnis zwischen meinen Lesern und mir bleiben darf.

Dies ist im eigentlichen Sinne auch die Verbindung zwischen den beiden Geschichten. In „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ erkennt man, mit wem man es eigentlich im Buch zu tun hat und in „Tristan Sadler“ realisiert man, wie lange es dauert, bis Tristan am Ende seiner Reise endlich Worte für sein großes Lebensgeheimnis findet. Dies ist die Aufgabe des Lesers in beiden Romanen. Ich denke, dass auf diese Weise genau die Spannung erzeugt wird, die sich ein Leser erhofft. Wenn der Moment der Erkenntnis reift, möchte ich, dass die Entwicklung der Charaktere bis zu diesem Moment genau nachvollzogen und verstanden werden kann. Und wenn der Autor seinen „Job“ gut gemacht hat, dann stellt sich der Moment der Überraschung ein.

„Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben …“ – John Boyne

Wenn wir versuchen, John Boyne in seinen Büchern wiederzufinden, wie viel John Boyne ist in Noah Barleywater und wie viel in Tristan Sadler verborgen?

Oh, man findet mich in all meinen Hauptfiguren wieder. Das hat schon mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ begonnen. Ich bin wie Bruno – ein Entdecker, liebe Bücher, mein Lieblingsbuch ist ebenfalls „Die Schatzinsel“ und ich sammle ständig gute Zitate. Ganz besondere Nähe empfinde ich natürlich zu Tristan Sadler. Ich habe niemals zuvor über Homosexualität geschrieben und es war völlig neu für mich, dafür Worte zu finden. Gerade die frühe Phase des Erwachsenwerdens und das Experimentieren mit der eigenen Sexualität habe ich niemals zuvor zum Teil meiner Geschichten werden lassen.

Ja, Bruno und Tristan sind wohl die beiden Figuren, die mir am ähnlichsten sind.

Auch Noah Barleywater fühle ich mich sehr nah. Die Geschichte beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit. Es begann damit, dass ein Junge in unserer Schule den Tod seiner Mutter zu verkraften hatte, und damit kamen wir alle in eine Phase, in der wir unter einer enormen Verlustangst zu leiden begannen. Ich habe eine riesige Furcht empfunden, weil ich erlebte, dass er eine Erfahrung machen musste, die selbst für Erwachsene kaum zu bewältigen ist. Ich habe mich dann von dem Jungen distanziert, weil ich mich nicht mehr getraut habe, mit ihm über dieses traumatische Ereignis zu reden, und das hat mich eigentlich niemals losgelassen. Diese Kindheitserinnerung und die damit verbundene Angst war die Triebfeder für „Der Junge mit dem Herz aus Holz“.

John Boyne und Patrick Ness – Bücher voller Hoffnung

Haben sie jemals von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ gehört? Das zentrale Thema des Romans von Patrick Ness beschäftigt sich ebenfalls mit dieser kindlichen Urangst und der Flucht eines Jungen vor der Realität.

Aber natürlich – ich habe das Buch vor wenigen Monaten gelesen und ich halte den Roman für absolut brillant. Ich war angenehm erstaunt über das Buch, da Patrick und ich das gleiche Thema für uns entdeckt hatten. Er ist ein herausragender Autor und unsere Romane haben viel gemeinsam. Und genau hier liegt das Faszinierende für mich. Typisch für das Genre Kinder- und Jugendbuch enden beide Geschichten an einem Punkt der Hoffnung. Darauf können wir beide mehr als stolz sein. Ich möchte Kinder bewegen und ihnen zeigen, dass Gefühle nie verborgen werden sollten. Und trotzdem verdränge ich die Realität nicht. Menschen sterben – das ist es, was passiert – aber du selbst kannst es überleben. Du kannst deine Erinnerungen bewahren, die Zeit bis zum Abschied richtig nutzen, trauern und schließlich selbst überleben. Ich möchte meinen Geschichten genau diese Dimension der Hoffnung verleihen.

Ich kann nicht für Patrick sprechen, aber ich denke, auch er hat genau diese Botschaft im Sinn gehabt, als er seine Geschichte erzählte. Du kannst es überleben.

[Anmerkung von Literatwo: John Boyne hat richtig vermutet – siehe unser Interview mit Patrick Ness zu dessen Roman]

Gibt es auch Hoffnung für Tristan Sadler?

Bei Tristan Sadler sieht es natürlich wesentlich dunkler aus. Das ist ein reines Erwachsenenbuch. Tristan ist nicht in der Lage „er selbst“ zu sein. Es ist der falsche Zeitpunkt in der historischen Vergangenheit, so zu sein wie er. Er kann sich selbst nicht von seiner Schuld befreien. Auch wenn eine Geschichte ein dramatisches Ende hat, so vermag sie doch den Leser davon zu überzeugen, dass unser Leben einfach zu kurz ist, um es zu verschwenden, oder uns nur nach der Wahrnehmung der „Anderen“ zu richten. Dies ist der falsche Weg – er bedeutet, sein ganzes Leben wegzuschmeißen. Wir sollten uns unseres Lebens freuen.

Welches Projekt bewegt das kreative Herz von John Boyne im Moment?

Das nächste Buch ist ein Kinderbuch und wird im August in England erscheinen. Es geht um eine Familie, in der die Eltern es nicht akzeptieren können, wenn jemand in irgendeiner Beziehung „anders“ ist. Zwei ihrer Kinder entsprechen ihren Vorstellungen, aber da gibt es eben noch ihren Sohn Barnaby“ und er ist alles andere als „normal“. Er schwebt. Und er ist einsam. Wie will man auch in zehn Metern Höhe Freunde finden?

Seine Eltern schämen sich sehr für dieses Kind und lassen es ziehen.

John Boyne fliegt mit Barnaby… Mit einem Klick seid ihr dabei…

Unsere Interviews enden traditionell mit der gleichen Frage und wir sind auch bei Ihnen sehr gespannt auf die Antwort. Gibt es eine Frage, die Sie in einem solchen Gespräch gerne einmal beantworten würden? Das einzige Problem: Sie wurde Ihnen noch nie gestellt!

(lacht) Oh ja – bisher hat mich noch niemand gefragt: „Wenn Sie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ niemals geschrieben hätten, wie wäre wohl Ihre Karriere verlaufen?“ Dieser Roman hat so viele Türen geöffnet und meine ersten vier Bücher wurden vorher kaum zur Kenntnis genommen. Ich habe mich schon oft selbst gefragt, was heute wäre, wenn das Buch nicht einen solchen Erfolg gehabt hätte.

Herr Boyne, mir fällt da ganz spontan eine letzte Frage ein. Denken Sie, Ihre Karriere hätte ohne „Der Junge im gestreiften Pyjama“ einen vergleichbaren Verlauf genommen?

Eine wirklich überraschende Frage! Ich denke: JA. Im Rückblick auf mittlerweile neun Bücher stelle ich fest, dass jedes neue Buch ein wenig besser erscheint als das vorherige. Ich entwickle mich ständig weiter und messe den Erfolg eines Romans nicht an Verkaufszahlen, sondern an seinem Inhalt. Es ist mir wichtig, dass meine Erzählungen interessant und einfach gut sind. Ich bin auf mein neuestes Buch „Das späte Bekenntnis des Tristan Sadler“ mehr als stolz. Ich habe das Gefühl, mein Bestes gegeben zu haben. Das ist mehr als wichtig für mich – das alleine zählt.

Herr Boyne, wir freuen uns auf ihren neuen Roman und danken für dieses Gespräch….

Zwei Genres – zwei große Romane – ein Autor – John Boyne

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Mit einem Klick zu unserer Rezension zu „Der Junge mit dem Herz aus Holz“

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz… und mehr…

John Boyne – Der Junge mit dem Herz aus Holz

„Noah Barleywater runs away“, der Originaltitel des neuesten Werkes von John Boyne, dem Autor des Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“, trifft den Kern der märchenhaft anmutenden Parabel mit dem deutschen Verlagstitel „Der Junge mit dem Herz aus Holz“ mehr als auf den Punkt.

Noah Barleywater läuft weg…. Er kann nicht mehr… er mag nicht mehr… er hat Angst, zu lange zu warten. Er hält es zuhause einfach nicht mehr aus. Zu übermächtig ist die Furcht davor, der Erkrankung seiner geliebten Mutter ins Auge zu schauen – zu übermächtig ist der Wunsch, einfach zu fliehen – zu gewaltig ist die Verlustangst, die Noah schlaf- und hoffnungslos werden lässt.

Noah läuft weg. Viel zu jung für eine solche Flucht, viel zu schwer beladen mit tonnenschweren Gefühlen, aber mit jedem Meter, den er sich von seinen Eltern entfernt, mit jedem Zentimeter wachsender Distanz beginnt er klarer zu sehen. Der Albtraum zerfließt im aufziehenden Nebel der selbst gewählten Blindheit.

Noah Barleywater läuft weg.

John Boyne macht uns fortan zum Fluchtbegleiter des achtjährigen Jungen. Wir folgen atemlos dem Weg, der immer märchenhafter zu werden scheint und an mancher Abzweigung sind wir versucht, Noah zu warnen, ihn aufzuhalten – aber das ist uns nicht möglich. Zu aufregend sind die kleinen Geschichten, die er in den Dörfern erlebt, die am Wegesrand auf ihn zu warten scheinen und zu magisch ist seine Begegnung mit einem scheinbar lebenden Baum. Das vorläufige Ziel seiner Reise liegt unmittelbar neben jenem Baum, der seine Äste hinter seinem Stamm versteckt, wenn man sich ihm nähert.

Ein Spielzeugladen der besonderen Art lässt Noahs Augen größer werden und fasziniert von einer bunten Welt aus Holz betritt er das Reich des betagten Holzschnitzers…. Lange schon scheint kein Kunde mehr nach den nostalgisch anmutenden Marionetten, Figuren, Spielen und Formen gefragt zu haben. Einsam und in sich gekehrt wirkt der alte Mann, als habe er nur auf Noahs Ankunft gewartet. Als hätte er ihn kommen sehen… als hätte er ihn geahnt.

Das Schnitzen als Metapher …

Ach, wie hat sich dieses Geschäft in meinem Herzen verankert. Leblosem Holz eine neue, bleibende Form zu geben erweckt das Herz jeden Lesers und man fühlt, mit welchem Maß an Liebe der alte Spielzeugmacher zu Werke geht. Ich konnte den Holzleim und die Farben plötzlich riechen, habe den Geschmack von Sägespänen im Mund verspürt und mich herzlich über die skurrilen Gegenstände amüsiert, denen ich in die Arme lief.

Jenen murrenden Wecker, der nur leicht angesäuert dazu bereit war, seine Aufgabe zu erfüllen.
Die vergessliche Türglocke, die in ihren tiefen Erinnerungen kramen musste um dann doch wesentlich zu spät den Besuch eines Kunden zu signalisieren.
Diese einzige Türe im Haus, die an einem vorbeihuscht, wenn man sich auf die Treppe zum Obergeschoss begab. Man musste sie an sich vorbei lassen, damit sie sich rechtzeitig oben befand, um sich zu öffnen.
Die schlecht gelaunte Kuckucksuhr, an deren widerwilligen Klang man ihre Stimmung besser ablesen konnte, als die Zeit.
Und schließlich die Fußbodendielen in der Küche, die durch rasende Bewegungen versuchten, das Fehlen ihrer im Feuer bereits verloderten Gefährten zu ersetzen.

Ach wie warm und wohl war mir ums Herz, als ich mit Noah Barleywater beim alten Holzschnitzer zu Gast war. Und genau dieser magischen Atmosphäre bedurfte es, um Noahs Zunge zu lösen, um die Belastung abfallen zu lassen und seine Geschichte zu erzählen. Im Gegenzug für die Geschichten des alten Mannes, die für den Jungen zu einem Blick in den auf Hochglanz polierten Spiegel des eigenen Lebens werden. Ein Blick zur rechten Zeit – an jener Kreuzung, die ein Umkehren unmöglich macht, wenn man sich einmal für einen Weg entschieden hat.

Mehr darf nicht verraten werden – mehr kann nicht verraten werden – und wer mehr verrät, der beraubt den Leser um eine der sensationellsten Begegnungen der Literaturgeschichte. Jeder lesende, lebende, erzählende, hörende und singende Mensch – jeder, der jemals seinen Kopf der Fantasie der Literatur überlassen hat, wird zu einem individuellen Zeitpunkt in diesem großen Roman das Gefühl bekommen, jemanden sehr gut zu kennen.

Dieses Gefühl wächst mit der Spannung der Geschichten – dieses Gefühl gipfelt in einem Moment des Erkennens und dieser Moment gehört dann dem Leser selbst. Es ist das größte Geschenk der Fantasie, das ich von John Boyne erhalten habe. Dieses Erkennen werde ich niemals vergessen und ich werde niemanden um sein Gefühl betrügen…. Deshalb sei hier nichts weiter verraten.

Nur soviel, dass ihr lesen müsst. Lesen müsst … ansonsten entgeht euch ein großer Moment der Literatur.

Wir werden John Boyne auf der Buchmesse in Leipzig zu einem Interview treffen und freuen uns bereits jetzt schon sehr darauf, diesem kreativen Genie einige Fragen stellen zu können.

Ganz besonders hervorheben muss man das weite Feld seiner Schaffenskraft, legt er doch gleichzeitig zum All-Age-Märchen Der Junge mit dem Herz aus Holz den Erwachsenenroman Das späte Geständnis des Tristan Sadler vor.

Das Weltkriegsrama erzählt die Geschichte des 1919 traumatisiert aus dem Grabenkampf in Nordfrankreich zurückkehrenden jungen Soldaten Tristan Sadler. Er reist nach Norwich, um dort die Schwester seines toten Kameraden Will zu treffen. Ein Bündel Briefe trägt er mit sich, aber dies ist nicht die einzige Last, die er zu schultern hat. In seinen Erinnerungen begleiten ihn die Gräuel des Zermürbungsskrieges, die gemeinsamen Erlebnisse an der Front, das menschenunwürdige Dahinsiechen junger Männer, Gefühle der Zuneigung und des Vertrauens – aber auch das unaussprechliche Geheimnis um die wahre Todesursache seines Freundes.

Ein Roman, der nichts beschönigt und in seiner Sogwirkung den Leser immer tiefer in sich aufnimmt, obwohl er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiß, ob er die ganze Wahrheit des Tristan Sadler überhaupt ertragen kann. Ein großes Buch… Ein Drama in Reinform…

Zwei druckfrische Neuerscheinungen auf der Buchmesse zu präsentieren, zwei so unterschiedliche Genres in dieser Qualität mit seinem Namen zu belegen – das ist ganz großes Kino….

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Wir sehen uns in Leipzig, Mister Boyne….