„Mary, Tansey und die Reise in die Nacht“ von Roddy Doyle

Roddy Doyle - Mary, Tansey und die Reise in die Nacht ("A Greyhound of  a Girl")

Roddy Doyle – Mary, Tansey und die Reise in die Nacht („A Greyhound of a Girl“)

Es gibt Träume im Leben von Menschen, die so unrealistisch wirken, dass man sich schneller von ihnen verabschieden sollte, als noch länger darüber nachzudenken. Es werden Träume geträumt, die trösten und Halt geben. Es gibt Traumbilder, denen man sich niemals entziehen kann, besonders wenn es um gelebte und gefühlte Verantwortung geht. Und wenn es um Liebe geht.

Ich träume oft davon, in ferner Zukunft, wenn ich schon gar nicht mehr existiere, genau dann bei meiner kleinen Tochter aufzutauchen, wenn sie im Begriff ist, diese Erde zu verlassen. Ich würde sie gerne halten in diesem Moment. Würde ihr gerne sagen, wie lieb ich sie habe und dann würde ich bis zu dem Moment in dem sich ihre Augen schließen das tun, was ich zeitlebens für das kleine Mädchen getan habe, wenn es ihm nicht besonders gut ging.

Ich würde ihre Füße massieren – ich würde damit den Schmerz besiegen, der vielleicht genau in dem Moment von ihr Besitz ergreift, der für dieses vitale Wesen der schlimmste ihres Lebens ist. Es lastet auf mir, dies nicht tun zu können und doch ist dieser Wunsch so groß, dieser Traum so präsent, dass ich ihn sehr oft träume. Und sorry für diese Gefühle – er hält mich und ich sehe mich oft am Bett einer vielleicht 90jährigen Frau stehen, ihre zarten Fußgelenke in Händen und höre mich sagen: „Jetzt sieh´ mal einer an, wie alt mein Mädchen geworden ist…!“

Ich würde dies so gerne für sie tun… und bei Gott, es würde mir so viel bedeuten, wenn sie dann einfach nur so lächeln würde, wie in jenen magischen Momenten, wenn der Schmerz ihren kleinen Körper über die massierten Füße verlässt. Einfach da zu sein in diesen Minuten – mehr wünsche ich mir manchmal nicht vom Leben.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Lebenslange Liebe

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Lebenslange Liebe

Was das mit diesem Buch zu tun hat, wird man sich jetzt fragen? Mary, Tansey und die Reise in die Nacht (CBJ-Verlag) ist für mich persönlich, als hätte Roddy Doyle meinen Träumen gelauscht und mich am Bett jener alten Frau beobachtet. Als hätte jemand in mein Herz geschaut und begriffen, wie viel Halt ein solcher Gedanke geben kann. Als hätte jemand gespürt, wie schön dieser Traumgedanke ist.

Dieser Roman beinhaltet eines der denkbar schönsten Bilder die jemals zuvor über den Umgang mit Verlust, über das Loslassen-Können und verantwortungsvolle Liebe geschrieben wurden. Dieses Buch ist ein Traum, der uns beschäftigen… der uns halten kann… und der uns in den schwersten Zeiten Hoffnung und Flügel verleiht.

Mehr als drei Generationen einer Familie werden sich in den seltensten Fällen persönlich begegnen. Soviel steht fest. Und so sind es immer Großmütter, Mütter und Enkelinnen auf der weiblichen Seite eines Stammbaums, die Hand in Hand durchs Leben gehen und sich gegenseitig Halt geben. Urgroßmütter kennt man aus Erzählungen und vielleicht von alten Fotos. Drei Generationen leben, trauern, freuen, lachen und leiden gemeinsam.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Ein magisches Band - Der Stammbaum

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Ein magisches Band – Der Stammbaum

Mary O`Hara trägt mit ihren 12 Jahren schwer an der Situation, dass ihre Großmutter Emer im Sterben liegt. Einerseits fürchtet sie sich vor dem Verlust der geliebten Oma, andererseits fühlt sie sehr intensiv, wie schwer es für ihre eigene Mutter Scarlett wäre, ihre Mutter zu verlieren. Die Wurzel der Familie – den Ursprung des Stammbaums und die Basis eines eigenen Lebens. All dies verkörpert Emer… bettlägerig… voller Schmerz und Angst vor der letzten Reise ihres Lebens.

Emer – Mutter, Großmutter und selbst Tochter und Enkelin – ist die Summe aller generationsübergreifenden Leben dieser Familie. Emer steht in deren Zentrum und bereitet sich darauf vor, ihren Platz an ihre Tochter zu übergeben. Abschied… so kann man  überschreiben, was sich bei Besuchen im Krankenhaus ereignet. Die lähmende Trauer vor dem Tod… die Angst vor dem nächsten Besuch, der ein letzter sein kann… Angst vor Unausgesprochenem und dem unklaren Danach.

Genau in diesem Moment begegnet Mary einer merkwürdigen Frau. Sie wirkt durchscheinend und nicht sehr konturiert, als würde sie schimmern und außerdem sieht sie Scarlett ein wenig ähnlich und ihre Ausdrucksweise erinnert an Emer. Seltsam – sehr seltsam. Vertrautheit stellt sich ein und die Frau stellt sich Mary als Tansey vor, eigentlich Anastasia, aber so hätte man sie nie genannt. Und dann eröffnet sie dem jungen Mädchen das Unfassbare.

Vier Generationen - Die Summe vieler Leben

Vier Generationen – Die Summe vieler Leben

Tansey ist ein Geist – aber immerhin ein sehr nah verwandter Geist. Sie ist die Urgroßmutter von Mary und konnte nach ihrem Tod im Jahr 1928 die Erde nicht verlassen, da sie so sehr in Sorge um ihre dreijährige Tochter Emer war, dass sie den letzten Schritt nicht gehen konnte. Tansey verkörpert die vierte Generation – viel zu früh verstorben und immer geblieben, um ihrer Tochter die Angst zu nehmen, wenn diese einmal im Sterben liegen würde. Diese Zeit scheint gekommen.

Mary bringt Tansey und Scarlett zusammen, die es kaum fassen kann, ihrer eigenen Großmutter zu begegnen, die sie nie kennen lernen durfte. Gemeinsam fassen sie einen geheimnisvollen Plan. Tansey will ihre Tochter Emer im Krankenhaus besuchen und ihr die Angst vor dem Sterben nehmen. Eine letzte Begegnung und vielleicht ein letzter Wunsch – das hat sie sich selbst versprochen und so begeben sich drei Frauen auf ihre bedeutende Mission zu einer vierten.

Eine von ihnen schon tot.
Eine steht mitten im Leben.
Eine an der Schwelle zur Jugend.
Eine stirbt.

Vier Generationen vereint durch ein ewig währendes magisches Band. Es ist der Beginn einer besonderen Reise in die Nacht und dabei lernen sie einander intensiver kennen, als dies jemals möglich gewesen wäre.

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Roddy Doyle erzählt eine hoffnungsvolle Geschichte von ewiger Liebe und immer währender Verantwortung. Leuchtend und froh sind die Bilder, die er inmitten der Reise in die Nacht in den Herzen der Leser erzeugt.  Er thematisiert nicht die ursprüngliche Angst, jemanden zu verlieren und trauernd zurückzubleiben. Er schreibt nicht über Trauer im eigentlichen Sinn. Er stellt einen Gedanken in den Mittelpunkt,  der so sehr nachzuempfinden ist:  Die Sorge was passiert wenn man selbst gehen muss und sich selbst nicht mehr kümmern kann – die Sorge davor, der eigenen Verantwortung nicht gerecht zu werden – eine Sorge, die Tansey schließlich bleiben lässt. Mehr als ein Leben lang.

Roddy Doyle lässt uns davon träumen, bleiben zu dürfen und in einem letzten emotionalen Moment dasein zu können, wenn wir wirklich gebraucht werden. In seinem Buch für Jugendliche und Erwachsene vermittelt er nicht nur Trost – er weckt auch das eigene Interesse für die Vergangenheit der Familie – er weckt Interesse am eigenen Stammbaum. „A Greyhound of a Girl“ heißt der Roman in der Originalfassung. Ein Windhund von einem Mädchen.

Vieles haben die vier Frauen im Roman gemeinsam – vieles davon unbewusst. Aussehen, Ausdrucksweise und Vorlieben. Eine lebt in der Anderen weiter. Und manchmal ist die Jüngste ein eben solcher Windhund wie ein ehedem junges Mädchen, das heute seine letzte Reise antritt.

Jeder Einzelne ist ein wundervolles Blatt im Stammbaum der Familie und beim Blick in einen Baum erkennt man die Summe aller Generationen in ihren schillerndsten Farben und ihrer vollsten Vitalität. Ein starkes Buch!

Roddy Doyle - Eine Geschichte voller Magie - "A Greyhound of a Girl"

Roddy Doyle – Eine Geschichte voller Magie – „A Greyhound of a Girl“

Spiegelkind trifft Peggy Steike

Wort trifft Bild und wird zum Sinnbild für Spiegelkind

Eine Malerin – Ein Buch – Eine Autorin – Eine magische Begegnung

Kaum haben wir das Jahr 1913 und damit den magischen Sommer des Jahrhunderts verlassen so werden wir auch schon von einer Dimension des Buches eingeholt. Florian Illies hatte uns die Tür zu bedeutenden Malern des beginnenden 20. Jahrhunderts geöffnet und vieles über ihre Beweggründe und Ziel erzählt. Vielen dieser Malern – besonders jedoch den Vertretern der abstrakten Form dieser bildenden Kunst standen wir bis zu diesem Buch sehr skeptisch gegenüber. Dieses Bild hat sich gewandelt. Wir haben begonnen, zu verstehen.

Nun ist dies nicht unser erster Kontakt zur Malerei. Bei unserem Schreiben Gegen das Vergessen von Holocaust und Genozid sind wir der „Politischen Malerin“ Peggy Steike begegnet, die mit ihren unvergleichlichen Bildern das gleiche Ziel verfolgt. Ein gemeinsamer Artikel in Wort und Bild entstand auf diesem Wege:

Peggy Steike - Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

„Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht… 

„Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu…“ 

Bei einem Besuch in ihrem Atelier wurde aber schnell klar, dass dies nur eine Dimension ihres Schaffens ist. Neben den Bildern verfolgter und gedemütigter Menschen erschafft sie Portraits ihrer Tochter, Gemälde von Tieren und Landschaften und viele weitere bildliche Impressionen – sie weisen den Weg zu einer Künstlerin, die ihr Herz in vielschichtiger Form in die Hand zu nehmen vermag, um Emotionen auszudrücken oder sich einfach selbst ein Bild vom Leben zu machen.

Als wir dann in aller Tiefe Alina Bronskys Jugendbuch Spiegelkind lasen, mussten wir an vielen Stellen an Peggy Steike denken, da die Botschaft dieses Romans eine tragfähige Brücke aus dem Bereich der Fantasy in unser reales Leben schlägt. Was passiert, wenn man einer Tochter sagt, dass ihre Mutter verbotenes getan hat? Was passiert, wenn die Mutter unversehens von der Bildfläche verschwindet und was passiert, wenn man der Tochter die letzten Lebensbeweise der Mutter nimmt? Würde nicht jedes Mädchen zur Furie werden und die Fackel des Protests durch ihr Leben tragen?

So ist es im Roman Spiegelkind. Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch nur Juli selbst nimmt Anstoß daran. Die einzige Erinnerung sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Bilder. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie…. Und Juli begreift immer mehr: Die Werke ihrer Mutter gelten als „verbotene Kunst“. Sie sind zu vernichten und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen.

Ein Bild verbindet Bücher

Ein Bild verbindet Bücher

Sieht man die Gemeinsamkeiten nicht auf einen Blick? Fallen dem Leser da nicht alle Schuppen aus den geneigten Augen? Auch Peggy Steike ist Mutter (und welch Zufall – ihre Tochter trägt den gleichen Vornamen, wie die Autorin von Spiegelkind) und in den meisten Zeitfenstern des vergangenen Jahrhunderts wären ihre Bilder definitiv verboten gewesen – entartet – politisch gefährlich – und damit wäre auch sie selbst vom herrschenden  System beiseite gefegt worden.

Und heute? Ist nicht das Malen gegen „RECHTS“ gefährlich? Ist nicht jedes Ausstellen ihrer Kunstwerke riskant und gleichsam mutig? Und was würde Alina tun, wenn man ihr erklärte, dass die Werke der Mutter vernichtet werden müssten? Was wohl?

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Spiegelkind ist ein absolut großes Jugendbuch mit einer unfassbar intensiven Botschaft. Uns haben die Bilder bewegt – uns hat der Vergleich bewegt und wir konnten keinen anderen Weg gehen, als Peggy Steike und Spiegelkind zusammenzubringen.

Nicht zum ersten Mal haben wir Kreise geschlossen, die es vorher gar nicht gab. Nicht zum ersten Mal beobachten wir nun Dinge, auf die wir in gewisser Weise mehr als stolz sind. Peggy Steike und Alina Bronsky stehen miteinander in Kontakt und nicht nur das. Peggy Steike würde wohl kein Buch rezensieren – sie würde wohl keinen Artikel schreiben (obwohl sie dies natürlich könnte) – aber sie hat eine andere Art auszudrücken, wie sehr ihr „Spiegelkind“ gefallen hat und was der Roman in ihr ausgelöst hat.

Die Hütte im Wald - Peggy Steike - Inspiriert durch Alina Bronsky - Spiegelkind

Die Hütte im Wald von Peggy Steike – Inspiriert durch Alina Bronsky

Sie hat die Hütte auf dem Bild in Julis Zimmer gemalt. Und zwar in einer solchen Art und Weise, dass jedem Leser Hören und Sehen vergehen muss vor lauter Freude. Es ist die Hütte – mit dem Geschirrtuch und dem Futternapf für die Katze – die Hütte, die sich immer ein wenig verändert, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen…..

Könnt ihr es sehen? Alina Bronsky schrieb auf Facebook zu diesem Bild: „Peggy Steike hat mir in den Kopf geschaut“. Alina hat diesen Blick durch ihr großes Buch zugelassen und Peggy Steike hat wohl die emotionalste Rezension des Jahres gemalt.

Gemeinsam gehen wir den Weg auch in die Fortsetzung und freuen uns auf „Spiegelriss“. Und was ist mit dem Bild, werdet ihr fragen. Es ist auf dem Weg zur Autorin. Peggy hat es sorgsam verpackt und die blühende Pflanze dorthin geschickt, wo der Samen des ersten Gedankens gesät wurde. Zu Alina Bronsky. Diese Geschichte musste erzählt werden… Wahrhaftig…

Ein Bild geht auf Reisen

Ein Bild geht auf Reisen

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als eine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Was bitte kann Malerei mehr bewirken, als einen solchen Ruf der Zeit zu reflektieren? Wort und Bild im Schulterschluss. Wir danken fürs Lesen….

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

Spiegelkind von Alina Bronsky

Fantastische Dystopien kommen meist in einem stereotypen Kleid daher und leben durch ihre Abwandlungen in Bezug auf Charaktere oder den situativen Kontext der Geschichte. Man könnte meinen, es reicht aus, sich ein paar Distrikte, Wohngebiete, Areas oder ähnliches auszudenken; eine intrigante Regierung zu platzieren; Rechtsformen zu erdenken, die das Leben einzelner Menschen erschweren und dann eine kleine und unbedeutende Person durch dieses Szenario zu treiben und sie an den Rahmenbedingungen wachsen zu lassen.

Die Offensichtlichkeit des dystopischen Settings verursacht bei uns immer wieder einen Hauch fehlender Plausibilität, da selbst unterprivilegierten Protagonisten in ärmsten Verhältnissen ein scharfer Blick auf die komplexen Strukturen des Plots gewährt wird und sie klarsichtig von Cliffhanger zu Cliffhanger spazieren. Und dies oft über mehrere Fortsetzungen eines Mehrteilers hin.

Alina Bronsky - Scherbenpark und Spiegelkind

Alina Bronsky – Scherbenpark und Spiegelkind

Bei „Spiegelkind“ handelt es sich zweifellos um einen dystopischen Jugendroman. Spiegelkind könnte man jederzeit unterstellen, nach dem bekannten Strickmuster geschrieben und konstruiert zu sein. Und doch hebt sich das neueste Buch der deutschen Autorin Alina Bronsky (bekannt durch Scherbenparkund hier rezensiert von Bianca) umso deutlicher von vergleichbaren Geschichten ab. Das Leben im Symptom charakterisiert die Perspektive der Protagonistin. Sie nimmt ihre Umwelt passiv wahr, fast wie ein Patient in der Diagnosephase während einer schweren Erkrankung.

Die Symptome verheißen nichts Gutes, sie häufen sich und langsam entsteht ein Bild von einem komplexen Krankheitsbild. Am Scheideweg des eigenen Lebens heißt es dann, dem Schicksal eine Richtung zu geben oder zu kapitulieren. Doch Juli Rettemi gehört definitiv nicht zu den Menschen, die ihre Flinte ins Korn werfen – Juli drischt auf das Korn ein, um besser zielen zu können!

Stell` dir vor du bist fünfzehn Jahre alt und führst ein relativ normales und behütetes Leben. Es könnte schöner sein – wohl war. Deine Eltern haben sich getrennt und teilen sich das Sorgerecht, aber immerhin kannst du wechselweise mit Vater oder Mutter im gemeinsamen Haus der Familie leben. Es gibt Schlimmeres. Wohl wahr. Finanziell geht es euch gut, deine Geschwister und du besuchen beste Schulen und alles ist recht normal.

So normal, wie deine Schuluniform. So normal, wie die Ordnung und Sauberkeit in deinem Stadtviertel. So normal, wie die Verhaltensnormen und Regeln der Gesellschaft und natürlich so normal wie die Maßregelungen, wenn man gegen diese verstößt. Stinknormal eben. Nicht so wie bei den Freaks in anderen Stadtvierteln – absolut nicht so!

Stell` dir vor, du wirst morgens wach und findest im gemeinsamen Wohnzimmer eine Unordnung vor, die auf einen Einbruch schließen lässt. Stell` dir vor, man teilt dir unvermittelt mit, deine Mutter sei verschwunden und stell` dir vor, wie dein Blutdruck langsam steigt und die Angst dein Adrenalin in die Höhe schießen lässt.

Und nun stell` dir vor, dass in deinen Hilfeschrei hinein jeder dir zu erklären versucht, dass alles ganz normal sei. Man sagt dir, es habe niemals einen Einbruch gegeben und die Polizisten räumen fleißig die Wohnung auf und selbst dein Vater meint, Mutter sei wohl mal eben nur so aus dem Haus gegangen.

„Mamas kommen, Mamas gehen“ – dieser Satz eines Polizisten verankert sich wie eine Schockwelle in Juliane Rettemis Nervensystem.

Das Einzige was bleibt sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Gemälde. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie….

An diesem Tag beginnt die Veränderung von Juli Rettemi. An diesem Tag wird aus einem Mädchen eine junge Frau und als sie in der Schule mit Ksü konfrontiert wird gerät alles ins Wanken. Ksü ist nicht normal, weder im Benehmen, noch in ihrem Äußeren. Als Freak müsste man sie bezeichnen – sie trägt keine Schuluniform, ist auffällig tätowiert und genießt an der strengen Schule fast Narrenfreiheit.

Aus Juli und Ksü werden Gefährtinnen und beide helfen einander, Licht ins Dunkel der großen Geheimnisse zu werfen, denn auch Ksüs Leben ist so verworren, wie das von Juli. Verbunden sind die Wege der Mädchen durch die Gemälde von Julis Mutter und es verdichten sich die Gerüchte, dass Laura alles andere als normal gewesen sei. Das Wort „Phee“ macht die Runde und jeder, der es hört zuckt erschrocken zurück.

Kann es sein, dass ihre Mutter eine jener geheimnisvollen und verrufenen Gestalten ist? Kann es sein, dass sie über Fähigkeiten verfügte, die in der normalen Welt nur Angst und Schrecken hervorriefen? Kann es sein, dass die Bilder von Laura nicht nur magisch wirken, sondern vielleicht…? Kann es sein, dass Juliane selbst…. Wenn ihre Mutter eine ist… vielleicht eine Phee… undenkbar! Und kann es sein, dass der eigene Vater seine Frau verraten hat?

Als ein ganz normales Sonderkommando die letzten Bilder ihrer Mutter abholt, um sie als verbotene Kunst zu vernichten, beginnt Juli zu kämpfen. Für ihre Mutter – für sich selbst und gegen jede Normalität. Und sie ist nicht allein – Ksü steht ihr bei und deren Bruder Ivan weiß mehr über Pheen, als jeder vermutet.

Eine magische Reise in die eigene Befreiung beginnt. Gefahrvoll, furios und temporeich. Die Bilder sind nicht nur Bilder – sie weisen Juli den Weg in eine ganz besondere Richtung. Sie muss sich nur trauen. Und sie traut sich… Sie ist wie ihre Mutter…

Alina Bronsky legt mit Spiegelkind den ersten von drei Teilen einer dystopischen Jugendreihe vor und erzählt eine große Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Anderssein, von der engen Bindung zur eigenen Mutter und vom mutigen Kampf eines jungen Mädchens. Auch ohne dystopische Struktur, auch ohne „Pheen“ ist dieser Plot tragfähig. Ein Mensch auf dem Weg in sein eigenes Leben muss so empfinden, wie Alina Bronsky es schreibt. Ein Mensch, dessen Fantasie durch Spiegel begrenzt wird muss ausbrechen….

Wenn auch ihr Juliane Rettemi begleiten möchtet, dann könnt ihr natürlich den Roman lesen – aber so ganz nebenbei besteht die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zur Rettung der „Pheen-Kulur“ zu leisten… Schaut mal hier

Wir freuen uns auf die Fortsetzung des Bronsky-Universums. „Spiegelriss“ erscheint schon bald und wir vertrauen der Autorin, dass sie uns über den finalen Cliffhanger des ersten Teils hinaus auch durch den berstenden Spiegel in ein neues Leben der Juliane Rettemi führen wird.

Es gibt einen ganz persönlichen Grund, warum uns dieses Buch mit seinen Gemälden so sehr in seinen Bann gezogen hat. Wir kennen eine Malerin, deren Bilder ebenfalls mehr sind, als bloße Pinselstriche. Auch sie sind in der Lage, Türen in eine andere Welt zu öffnen. In anderen Zeiten wären ihre Werke ebenso verboten gewesen, wie die Bilder aus dem Hause Rettemi.

Damit möchten wir auf keinen Fall behaupten, dass es sich bei der politischen Malerin Peggy Steike ebenfalls um eine „Phee“ handelt. Wir sind jedoch mehr als gespannt darauf, was „Spiegelkind“ bei ihr auslöst – als Malerin und Mutter einer Tochter. Wir mussten beim Lesen oft an sie denken und das Buch befindet sich bereits in ihrem Atelier. Bleibt gespannt, in welchen Farben wir uns die Zeit bis zum Erscheinen von „Spiegelriss“ ausmalen werden.

Mit einem Klick zu einer magischen Beggnung

Mit einem Klick zu einer magischen Begegnung

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

„Ein Flüstern in der Nacht“ von Moya Simons

Ein Flüstern in der Nacht - Moya Simons

Ein Flüstern in der Nacht – Moya Simons

Es gibt immer wieder Bücher in unserem Leben, die uns an den Wurzeln unserer Existenz berühren und Fragen aufwerfen, vor deren Beantwortung wir eher zurückschrecken. Wie hätten wir uns in den Jahren der NAZI-Diktatur verhalten? Wie hätten wir auf die Ungerechtigkeit in unserem Umfeld reagiert – und wesentlich schlimmer – wie wären wir damit umgegangen, wenn wir zur Gruppe der Verfolgten gehört hätten?

Gedanken, die unbeantwortet im Raum stehen. Gedanken, die keine Antworten finden und oftmals Gedanken, die verdrängt werden möchten. Vielleicht aus Angst vor der einen Antwort, die den Atem rauben könnte: Feigheit, Selbstaufgabe oder Willenlosigkeit.

Ein Flüstern in der Nacht von Moya Simons (CBJ) ist im Bereich der aktuellen Jugendbücher (Erscheinungsdatum: 22.10.2012) ein leuchtendes Beispiel für eine aufrüttelnde, emotionale und doch hoffnungsvolle Geschichte im dunkelsten Kapitel der deutschen Zeitgeschichte. Der auf realen Fragmenten beruhende Roman ist ein zeitloser Zeitzeuge, der Jugendliche zur rechten Zeit mit den wesentlichen Fragen des Lebens konfrontiert und uns Erwachsene einen tiefen Blick in die eigene Lebensphilosophie werfen lässt.

Oft bleibt nicht viel vom eigenen Leben... Manchmal nur ein Schal

Oft bleibt nicht viel vom eigenen Leben… Manchmal nur ein Schal

Wir befinden uns im Leipzig des Jahres 1938 und erleben den Alltag im Leben des fünfjährigen jüdischen Mädchens Rachel. Aus ihrer Sicht sehen wir, wie sich im Laufe der kommenden Jahre die Schlinge des NAZI-Regimes enger um sie, ihre Familie und die jüdischen Mitbürger zieht. Die Reichskristallnacht hinterlässt ihre Spuren und die Lebensbedingungen in einem Land, das seine Unschuld kollektiv verloren hatte, werden Tag für Tag unmenschlicher.

„Kauft nicht bei Juden“, eine der Parolen, die man Rachel noch nicht vorliest, um sie ihre Kindheit genießen zu lassen. Ausgehverbot ab 20:00 Uhr, eine der Repressalien, die man ihr spielerisch zu vermitteln versucht. Die Rationierung des Essens; das Verbot öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen; das Tragen des „Judensterns“ und im Jahr 1941 schließlich der Verlust der eigenen Wohnung; die Umsiedlung in ein „Judenhaus“ – Meilensteine auf dem Weg der Entrechtung.

Rachel spürt mehr und mehr, wie eng es im Leben der Familie wird. Ihre ältere Schwester Miri führt verzweifelt Tagebuch, um zumindest in der tiefe der Zeilen abtauchen und fliehen zu können. Für eine richtige Flucht ist es längst zu spät. Die Eltern stehen der Entwicklung hilflos gegenüber und fügen sich der Gewalt. Rachels Mutter strickt gegen ihre Verzweiflung an und so entsteht „der längste schal der Welt“ – Masche um Masche eine Erinnerung an ein Leben vor dem Chaos.

Der Holocaust macht vieles fassungslos - nur ein Tagebuch bleibt greifbar

Der Holocaust macht vieles fassungslos – nur ein Tagebuch bleibt greifbar

1943 bricht Rachels Welt völlig zusammen. Sie ist 10 Jahre alt, als die GESTAPO die Familie zur Deportation aus der Wohnung abholt. Jeder Leser weiß, was dies bedeutet. Der Holocaust – die Vernichtung klopft an die Tür eines kleinen Kindes.

Hier beginnt der Vater endlich zu handeln. Er versteckt die kleine Rachel unter der Spüle und schärft ihr ein:

„Denk daran, du rührst dich nicht, egal was du hörst. Du musst ganz still sein, wie ein Mäuschen.“

Das sind die letzten Worte, die Rachel hört, bevor sie einsam und verlassen die Geräusche der abfahrenden LKWs hört. Allein. Verlassen. Ohne Familie. Ein letzter Akt der Hoffnung musste den Vater veranlasst haben, sich in diesem Moment lieber von seinem Kind zu trennen, als mit Rachel gemeinsam ins KZ zu kommen. Rachel bleiben nur „der längste Schal der Welt“ und das Tagebuch ihrer Schwester.

Rachel wartet und bewegt sich nicht, bis sie von Deutschen entdeckt wird, die sich mit der Plünderung des jüdischen Eigentums über Wasser halten. Eine Frau blickt mit Rachel dem Schicksal ins Gesicht und beschließt, das Mädchen zu verstecken. Die ersten Worte, die Rachel allerdings vom Enkel ihrer Retterin vernehmen muss, lassen sie in Schweigen und Verzweiflung versinken:

„Ein Kind ist sie schon, aber kein Mensch!“

Und doch lohnt sich der aufrechte Kampf gegen die stumpfe Masse...

Und doch lohnt sich der aufrechte Kampf gegen die stumpfe Masse…

Moya Simons hat ein wahrlich wichtiges und großes Jugendbuch geschrieben. Wichtig und groß nicht nur aufgrund der Art und Weise, wie sie diese Geschichte erzählt. Wichtig und groß, weil sie ihre kleine Rachel nicht alleine lässt. Sie stellt ihr Menschen an die Seite, die nicht blind sind für das Leid. Sie gibt auch den Deutschen einen Platz im Roman, die unter Einsatz ihres Lebens helfen wollten und Wege fanden, dies zu tun.

Es mögen nicht viele gewesen sein, aber es hat sie gegeben. Und so können wir Rachel auf ihrem Weg in die Zukunft begleiten. Werden Zeuge ihrer Befreiung und der Versuche, ihr in einem Flüchtlingsheim in England das Sprechen beizubringen. Bis zum Ende des Jahres 1945 hat sie kein Wort mehr gesprochen.

„Papa, bitte sag mir, dass ich ab jetzt wieder sprechen darf.“

Diese Bitte bleibt lange Zeit unerhört…

Dann kommen die Briefe, dann beginnt das Leben, dann kommen die tragischen Verluste, dann kommt die Zukunft. Moya Simons schenkt ihren Lesern und Rachel kein ungetrübtes Happy End – aber sie schenkt uns den Glauben an ein kleines Wunder in dunklen Zeiten. Moya Simons schenkt uns sehr viel. Fahrt ihr mit nach Sydney?

Die Lehren eines Lebens....

Die Lehren eines Lebens….

Seit Jahren trage ich die Weisheiten eines Leselebens für meine Tochter in ein Notizbuch ein, dessen Existenz ein großes Geheimnis ist. Die Einträge handeln von Schicksalen junger Mädchen in Zeiten des Holocaust. Sie handeln von letzten Zeilen in Tagebüchern im KZ im Vergleich zum Freundebuch von heute. Sie handeln vom Tod, weil man sich nicht von einer Puppe trennen wollte und der endlosen Suche nach einem Plüschlöwen in der heutigen Zeit.

Sie handeln vom Glauben eines Vaters, dem man in Polen sagte, die Kinder würden evakuiert und in Sicherheit gebracht – nur um später an einem Massengrab dem Grauen ins Gesicht zu schauen. Sie handeln von mir, der sich geschworen hat, niemals und unter keinen Umständen – bis hin zur Selbstaufgabe – eine solche Trennung zuzulassen.

BEDENKE – NIEMALS TRENNEN – NIEMALS TRENNEN.

In dicken Buchstaben habe ich dieses Mantra in das kleine Buch geschrieben, das ich ihr schenke, wenn sie 18 wird.

Moya Simons bringt mich nicht von diesem Weg ab. Nichts kann das. Erschüttert habe ich das Buch gelesen – mit Kloß im Hals und eiserner Klammer ums Herz. Es hat Spuren hinterlassen und auch den wichtigen Samen der Hoffnung gesät. Und genau diese Hoffnung, die differenzierte Betrachtung der Menschen in jener Zeit und die emotionale unschuldige Erzählperspektive der kleinen Rachel machen dieses Buch für mich zu einem Herzensbuch.

Glaubt an das Glück – aber verdammt nochmal kämpft auch darum!

Unsere Serie "Gegen das Vergessen" - mit einem Klick zum Verzeichnis

Unsere Serie „Gegen das Vergessen“ – mit einem Klick zum Verzeichnis

„Legend – Fallender Himmel“ von Marie Lu

"LEGEND" von Marie Lu - Dystopische Utopie mit magischen Momenten

„LEGEND“ von Marie Lu – Dystopische Utopie mit magischen Momenten

Wieder einmal. Das war unser erstes Gefühl, als wir uns dazu entschlossen, den Jugendroman Legend – Fallender Himmel von Marie Lu gemeinsam zu lesen. Wieder einmal eine Trilogie, wieder einmal eine düstere Dystopie und wohl wieder einmal eine dramatische Liebesgeschichte in einer eigens dafür geschaffenen Szenerie.

Wie oft haben wir uns frohen Mutes auf die mehrteiligen Lesewege begeben, die uns genau an die Schwelle einer solchen Geschichte brachten und wie oft haben wir dann im Laufe der Fortsetzungen festgestellt, dass der jeweils außergewöhnlichen Grundidee sehr oft auch grundlegende Schwächen folgten.

Die Tribute von Panem hatten am Ende jede nachvollziehbare emotionale Plausibilität verloren, Auswahl und Flucht konfrontierten den Leser bereits im zweiten Teil mit einer schwer nachvollziehbaren Trennung der Protagonisten (wohl um das Buch auf drei Teile zu strecken) und bei Bestimmung hegten wir bereits im ersten Teil grundsätzliche Zweifel an der Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen der handelnden Personen.

Gelesen haben wir sie alle – teilweise begeistert, manchmal ein wenig enttäuscht und immer hoffnungsvoll, dass die Konstruktion der jeweiligen Trilogie durch alle Bände tragen möge.  Mit diesen Erfahrungen und Hoffnungen öffneten wir die wertvolle Vorschau-Box des Loewe Verlages, staunten nicht schlecht über die wertvolle Aufmachung von „Legend“ und das beigefügte stylische Notizbuch.

Wir sollten es wirklich benötigen… es hat uns wertvolle Dienste erwiesen.

Begeben wir uns in das Amerika der Zukunft und betrachten den Handlungsrahmen von „Legend“. Das Land ist überbevölkert und knapp. Naturkatastrophen haben für eine Konzentration der Menschen auf wenige, nicht überflutete Regionen der Republik gesorgt. Wahrzeichen von einst sind die Relikte von heute. Die Regierung sorgt mit systematisch angelegten Plänen für die Überlebensfähigkeit seiner Bürger und steht dabei im kriegerischen Konflikt mit Bewohnern der Kolonien und Rebellen aus dem Inneren.

Man hat sich diesen Plänen zu fügen – man hat seine Rolle zu spielen und sich einzugliedern, unterzuordnen, ansonsten steht man auf der falschen Seite. Alle Jugendlichen werden einem komplizierten Auswahltest unterzogen und entsprechend ihrem jeweiligen Resultat den zukünftigen Tätigkeiten für das Land und die Gesellschaft zugeordnet.

Je besser das Ergebnis ausfällt, desto angesehener ist die Rolle, die man zukünftig einzunehmen hat. Und Versagern versagt die Regierung so ziemlich alles. Sie sind wertlos im Kampf gegen innere und äußere Feinde – wertlos für die Gemeinschaft und wohl auch nicht überlebensfähig angesichts der drohenden Seuchen, die das Land immer wieder heimsuchen.

Genau hier lernen wir unsere zukünftigen Wegbegleiter kennen. In einer Gesellschaft, deren Regierung mit den üblichen Machtinstrumenten (Information, Gesundheit und Schutz der Gemeinschaft) agiert und in der das Individuum sehr schnell in den Fokus geraten kann… Day und June stehen im Fokus – jeder auf eine besondere Weise!

Die 15jährige June – gehorsame Tochter einer Elitefamilie – lebt einem der wohlhabendsten Distrikte der Republik, sieht ihre Zukunft im leidenschaftlichen Dienst für ihr Land und gilt als absolutes Wunderkind. Nur sie hat es bisher geschafft, den „großen Test“ mit der maximalen Punktzahl zu bestehen – und dies mit Leichtigkeit. June steht eine große Karriere im Militär bevor und sie befindet sich zu Beginn der Geschichte auf einer der besten Universitäten – dem eigentlichen Zeitplan um vier Jahre voraus.

„Ich bin schlau. Ich habe das, was die Republik als gute Gene bezeichnet – und je besser die Gene, desto besser die Soldaten…“

Der 15jährige Day hingegen scheint in einer anderen Welt zu leben. Aufgewachsen in den Slums des seuchengeplagten Lake Sektors gilt Day, nachdem er sang- und klanglos beim „großen Test“ versagt hat und anschließend untertauchte, als der Staatsfeind Nummer 1. Terroristische Anschläge, Körperverletzung, Brandstiftung und Behinderung militärischer Einsätze werden ihm zur Last gelegt und sein Fahndungsvideo wird pausenlos und landesweit ausgestrahlt.

„Die Republik hat keine Ahnung, wie ich aussehe… Darum hassen sie mich so, darum bin vielleicht nicht der gefährlichste Verbrecher des Landes, aber der meistgesuchte. Denn ich lasse sie ziemlich alt aussehen!“

Eigentlich hätten sich die Wege von June und Day niemals gekreuzt. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Junes Bruder wird bei einem Polizeieinsatz ermordet und der landesweit gesuchte Hauptverdächtige heißt Day! Den gefährlichsten Verbrecher des Landes kann nur das allseits anerkannte Wunderkind zur Strecke bringen und so wird June persönlich auf den Staatsfeind Nummer 1 angesetzt.

Die Jagd beginnt!

Doch schon die erste Begegnung zwischen Jägerin und Gejagtem wirft Fragen auf, die das ganze Potential der Geschichte offenbaren. Wie kann ein Junge, der den Test nicht besteht so intelligent und stark sein, ein ganzes Land in Atem zu halten? Sind seine Motive wirklich so bösartig, wie von allen Medien behauptet wird? Wenn all dies eine Lüge ist, wozu ist die Regierung insgesamt bereit, um an der Macht zu bleiben? Und wenn Day unschuldig ist, wer hat dann Junes Bruder ermordet?

Der einmal ins Wasser geworfene Stein des Zweifels beginnt konzentrische Kreise zu ziehen und kleine Details erlangen große Bedeutung. Days Amulett – ein Geschenk seines Vaters – verbirgt in seinem Inneren eine Münze, die mehr ist als eine bloße Erinnerung. Und June erhält eine Nachricht von ihrem toten Bruder – eine zu seinen Lebzeiten erstellte Internetseite, die ihre dunkelsten Ahnungen bestätigt. Es geht um die verheerenden Seuchen und ihre Ursachen…

„Legend“ beginnt im Stile eines großen Pageturners genau an dieser Stelle seinem Untertitel „Fallender Himmel“ eine eigene Dimension zu verleihen. Nichts ist, wie es scheint und weder June noch Day sind gewillt, sich in die Rolle von Spielbällen der Regierung zu fügen. Die Kulissen geben Zug um Zug ihre Geheimnisse preis und mit dem fallenden Himmel erwacht zwischen June und Day mehr als das Gefühl, nur gemeinsam etwas ändern zu können.

Es erwacht DAS Gefühl zwischen ihnen, das sie fortan verbindet…

Eine Legende auf Literatwo… Ganz pur und ohne Schnörkel

So fällt unser gemeinsames Fazit mehr als euphorisch aus! Was für ein Auftakt für eine dystopische Trilogie. Keine Probleme mit situativer oder persönlicher Plausibilität, keine Zweifel an der Motivation der Protagonisten und soviel Potential für die Fortsetzungen, auf die man nun wirklich gespannt sein muss. Marie Lu lässt ihren Lesern kaum eine Atempause, sie erreicht wahrhaftig ein breit gestreutes All-Age-Publikum und vermag es durch die brillante Charakterzeichnung eine große Portion Indentifizierungspotential mit June und Day zu schaffen.

Im Vergleich zu unseren bisherigen dystopischen Trilogien wohl der verheißungsvollste Startband. Wir werden June und Day auf der Spur bleiben, wissen schon jetzt, welche Probleme in der Fortsetzung auf beide warten und ahnen ein wenig, dass uns die Schriftstellerin zwar manchmal auf die falsche Fährte locken wird – aber an der literarischen Nase führt sie uns nicht herum. Das ist die Form von Vertrauen, die ein Leser gerade bei mehrteiligen Romanen zum Schriftsteller aufbauen muss.

Wir vertrauen! Legendär…

„Zu schnell“ von John Boyne… Eine Sekunde, die alles verändert

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Es sind die Augenblicke im Leben, die auf einen Schlag alles verändern können, vor denen wir uns oftmals so sehr fürchten. Es sind diese schicksalhaften Momente, die das bisherige Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es ist unsere Angst vor der Hilflosigkeit im Angesicht dieser Situationen, die uns nachts aufschrecken lässt. Es ist eine menschliche Urangst, die uns allen innewohnt.

Zu schnell“ von John Boyne greift dieses Thema auf einzigartige Weise auf. Er wählt nicht nur die Perspektive eines 12jährigen Jungen, dessen Leben sich in genau dieser einen Sekunde dramatisch verändert, John Boyne geht noch einen bedeutenden Schritt weiter und erzählt diese Geschichte in der Sprache eines Heranwachsenden. Dieses Stilmittel erzeugt eine unmittelbare Nähe zum Protagonisten und lässt uns in eine Situation eintauchen, die so noch nicht erzählt wurde.

Danny freut sich eigentlich auf einen sorglosen Sommer und nicht enden wollende Fußballspiele mit seinem besten Freund Luke. Das Leben ist unbeschwert und Danny wächst in einem intakten Umfeld auf. Eine schöne Jugend, könnte man sagen. Bis er an einem Mittwochabend im Juli nach Hause kommt und feststellt, dass er völlig alleine ist. Mit seinem Vater kann er erst in einer Stunde rechnen, aber dass er seine Mutter nicht antrifft ist mehr als ungewöhnlich.

Als sein Vater von der Arbeit kommt fehlt immer noch jede Spur von Dannys Mutter Rachel. Ratlosigkeit macht sich breit – sie hat keine Nachricht hinterlassen und überraschende Ausflüge kennt man nicht von ihr. Wie es sich in solchen Situationen gehört, wird der 12jährige erstmal ins Bett geschickt – alles weitere würde sich finden. Typisches Elternverhalten eben.

Doch dann kommt alles anders, als Rachel in sichtlich schockiertem Zustand von der Polizei nach Hause gebracht wird. Danny erfährt noch am gleichen Abend von seinem Vater, dass sie einen Unfall hatte. Ein kleiner Junge sei ihr vors Auto gelaufen, er liege im Krankenhaus und es ginge ihm zwar nicht gut, aber Danny solle sich keine Sorgen machen! „Alles wird wieder gut“ – ein typischer „Vaterspruch“.

„Hoffentlich wurde er wieder gesund. Aber irgendetwas sagte mir, dass er nicht wieder gesund werden würde. Und dass bei uns zu Hause nichts je wieder so sein würde wie vorher.“

Dannys Gefühl scheint sich zu bestätigen, als erste Gerüchte an sein Ohr dringen: Seine Mutter sei schuld gewesen, weil sie wohl betrunken war und der Junge liege im Koma und es sehe nicht gut aus – unvorstellbar. Alles kommt zum Erliegen – das Leben steht still und die erdrückenden Schuldgefühle legen sich auf das Elternhaus wie ein dunkler Schatten. Und Dannys Mutter liegt nur noch im Bett – nicht ansprechbar.

Danny bleibt nur die Rolle des passiven Beobachters – ihm bleibt nur zuzuhören, wie Vorwürfe von allen Seiten laut werden und er fühlt die Isolation zunehmend Raum ergreifen. Bis wenige Tage nach dem Unfall plötzlich ein fremdes Mädchen vor dem Haus der Familie zu lauern scheint, um Danny zu beobachten.

So lernt er die gleichaltrige Sarah kennen – die Schwester des Jungen, der im Koma liegt und schnell bemerkt Danny, dass sie ein schreckliches Geheimnis mit sich herumschleppt. Beide vertrauen einander ihre Gefühle an und begehen in ihrer Hilflosigkeit einen verhängnisvollen Fehler!

„Wir waren wie zwei Geheimagenten, die von dem ganzen Theater die Schnauze voll hatten und beschlossen, aus der Deckung zu kommen.“

John Boyne und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg...

John Boyne und Literatwo – Ein langer gemeinsamer Weg…

Ein langer gemeinsamer Leseweg verbindet Literatwo mit John Boyne. Wir müssen nicht mehr erwähnen, dass er der Autor des Welt-Bestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist, da man dieses Prädikat nicht mehr benötigt für einen Schriftsteller, der mit Büchern wie Der Junge mit dem Herz aus Holz und Das späte Geständnis des Tristan Sadler immer gezeigt hat, dass er genreübergreifend zu faszinieren vermag.

Seine Romane verbindet das Schicksal von Menschen, die sich in ihrer jeweiligen Situation allein fühlen,  isoliert werden und in aller Ausweglosigkeit doch ihren eigenen Weg finden. „Zu schnell“ reiht sich nahtlos in diese Lebensbibliothek des irischen Erfolgsautors ein und setzt eben aufgrund der sprachlichen Dimension erneut Maßstäbe.

Ein herausragendes Jugendbuch über den Umgang mit Schuld, Verlustängsten und den Kampf um Akzeptanz in der Welt der Erwachsenen. Sprachlich eignet sich „Zu schnell“ in besonderer Art und Weise für Schüler, die in Dannys Alter sind. Der Fischerverlag hat anschauliches Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt und es bleibt zu hoffen, dass diese Geschichte bald Einzug in die Lehrpläne unserer Schulen hält.

Wer darüber hinaus wissen möchte, wie sehr sich John Boyne mit seinen Charakteren identifiziert, dem sei unser exklusives Buchmesseinterview ans Herz gelegt. Es war eine magische literatwoische Begegnung mit einem überraschenden Geständnis des Schriftstellers!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

Mit einem Klick zum Literatwo- Interview mit John Boyne

Der Himmel über Jerusalem

Können Bücher Mauern einreißen? Der Himmel über Jerusalem…

Literatwo schreibt regelmäßig „Gegen das Vergessen„. Wir versuchen, in Erinnerung zu rufen, was nie verdrängt werden darf. Wir kämpfen mit unseren Worten dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.

Wir stehen mit unseren Artikeln aufrecht gegen Verfolgung aus religiösen, ethnischen oder ideologischen Gründen. Wir verzagen nicht in unserem Streben und doch ist uns bewusst, dass Worte oftmals nicht ausreichen, dass Worte manchmal nur eine stumpfe Waffe im politischen Alltag sind und wir wissen, dass weltweit viele historisch angelegte Konflikte schwelen und die Jugend von heute einen Krieg ausfechten muss, dessen Wurzeln sie nie erlebt hat.

Worte heizen hier Konflikte an – Worte verursachen Handlungen – Worte machen zu Tätern und Opfern und Worte setzen eine Spirale der Gewalt und Gegengewalt in Gang, die schwerlich aufzuhalten ist. Hier haben Worte Macht… Überlieferungen und Legenden erzielen hier oftmals größere Erfolge, als jedes vermittelnde Wort… Rache wärt ewig… Träume entstehen auf verbrannter Erde.

Wir träumen von Träumen auf immergrünen Wiesen.  Wir träumen auch vom Frieden in Israel. Der Himmel über Jerusalem von Gabriella Ambrosio träumt diesen Traum mit uns. Vorbehaltlos und ohne Partei zu ergreifen. Lasst uns von ihrer Geschichte erzählen – vielleicht geht ihr die Traumstraße gemeinsam mit uns. Und vielleicht – ja ganz vielleicht – verändert man den Lauf der Geschichte auch mit solchen Büchern. Wir hoffen dies sehr.

Man kann es drehen, wie man will – es gibt nur Opfer! Der Himmel über Jerusalem

Wenn wir uns heute den Himmel über Jerusalem anschauen, dann finden wir tiefe Spuren der Geschichte. Narben, die der Holocaust der Nazis im Zweiten Weltkrieg in ein Land geschlagen hat. Wunden, die nach diesem Krieg verursacht wurden, weil man im Versuch, den überlebenden Juden eine Heimat zu geben, ein historisches Pulverfass künstlich gestaltete.

„Wir waren zu müde, als wir auf diesem Boden angekommen sind, Nathan. Wir sind angekommen nach mehr als zweitausend Jahren Verfolgung und einer Shoah, die jeden zweiten von uns getötet hat. Einer Shoah, die bei uns nicht nur Schmerz, Verbitterung… und Schrecken, sondern auch Scham hinterlassen hat. Die Scham darüber, dass wir uns nicht gewehrt haben, dass wir uns wie Schafe zur Schlachtbank führen ließen. Dass wir eine Million Kinder… nicht beschützt haben.“

Die neuen Bürger Israels, traumatisiert und sich ihrer letzten territorialen Chance bewusst, wollten ein solches Desaster nicht erneut erleben und kämpften fortan um ihr Leben.

Die neue Heimat erwies sich jedoch nach kurzer Zeit als lebensfeindliches Territorium. Palästinenser wurden umgesiedelt, enteignet und aus religiösen Gegnern wurden erbitterte politische Feinde, um den verlorenen Lebensraum zurück zu gewinnen. Israel setzte sich gegen jeden Protest zur Wehr. Selbstmordanschlägen folgten Vergeltungsschläge und diesen folgten erneute Anschläge.

Eine neue Welt aus den Angeln. Ein Leben ohne Sicherheit und Balance. Menschen auf zwei Seiten und doch bleiben nur Opfer am Wegesrand der Geschichte zurück. Unversöhnlich bis zum heutigen Tag. Der Himmel über Jerusalem trägt Trauer.

Hier begegnen wir zwei 18jährigen Frauen, Myriam und Dima. Beide von ihrem Umfeld geprägt und perspektivlos auf der Suche nach der Verwirklichung ihrer eigenen Träume. Beide Opfer der bisherigen Geschichte.

Die Jüdin Myriam verlor ihren Freund bei einem Selbstmordanschlag und ihr Bruder erlebt als Soldat den täglichen Schrecken angesichts der pausenlosen Attentate. Sie sieht ihre Zukunft nicht mehr in Israel – die Angst ist übermächtig. Eigentlich sieht sie kaum eine Zukunft, aber das Leben hat sie zu sehr enttäuscht, um sich noch Träume erlauben zu dürfen.

Die Palästinenserin Dima, traumatisiert von unaufhörlichen Israelischen Vergeltungsschlägen, den Repressalien, einem Leben in Flüchtlingslagern und niemals enden wollenden Ausgangssperren, sieht für sich nur einen einzigen Ausweg: Ihrem Volk als Märtyrerin zu dienen!

Wir begegnen den beiden Frauen, als sie gleichzeitig ein Einkaufszentrum betreten. Am Rande ihrer Träume – an der Grenze der eigenen Zukunft und mit unterschiedlichen Lebenszielen. Zwei junge Frauen, die einander ähneln, als seien sie Schwestern – zwei Frauen eines Landes – und doch unterscheidet sie an diesem Tag nicht nur ihre Herkunft und ihr Glaube.

Dima trägt eine Tasche bei sich, in der eine Bombe darauf wartet, inmitten einer Menschenmenge gezündet zu werden. 

„Der Himmel über Jerusalem“ ist kein Buch der idyllischen Hoffnung – es ist kein versöhnendes Buch, lindert keine Schmerzen und löst keine Konflikte. Der Roman orientiert sich an der wahren Geschichte von Ayat al Akhras und Rachel Levy, und genau dies macht die Geschichte so greifbar. Es erlaubt uns nicht, an den Beweggründen zu zweifeln, es erlaubt uns nicht zu vermuten, dass es sich so nie zugetragen haben kann.

Das Buch erlaubt uns aber erstmals einen Blick ohne jegliche Stigmatisierung, ohne Schuldspruch, ohne Verurteilung. Dank Gabriella Ambrosio werfen wir einen Blick auf zwei Opfer ihrer Zeit. Wir erleben zwei Mädchen an der Schwelle des selbständigen Lebens und können nachvollziehen, welche Zwänge und Verletzungen ihrem Handeln zugrunde liegen. Die Jugend von heute führt die Kriege, die sie niemals verursacht hat.

Der Himmel über Jerusalem“ ist ein großes Werk des Verstehens, da jegliche schwarz-weiß-Zeichnung unterbleibt. Ambrosios Roman wurde in Palästina und Israel verlegt und allein dies gibt doch ein wenig Grund für einen leichten Hoffnungsschimmer.

Was wir lernen können? Ich denke, man muss sich bewusst machen, dass ein Stein, den wir heute werfen, in genau 60 Jahren zu einer Explosion führen kann. Wir tragen Verantwortung für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Wenn wir hier versagen, bleiben nur Opfer zurück… Vergebliche Opfer!

Nach der wahren Geschichte von Ayat al Akhras und Rachel Levy

Wir beide irgendwann…

Wir beide irgendwann. Eine moderne Zeitreise via Facebook…

Tote Mädchen lügen nicht… Mit diesem zeitlosen Roman hat sich Jay Asher einen sicheren Platz in der ewigen Bestenliste von Literatwo erobert. Gespannt warteten wir nun auf sein neues Buch „Wir beide irgendwann“ und schon seit der Buchmesse in Leipzig konnten wir es kaum erwarten, uns der Frage zu widmen, was wohl passiert, wenn man via Facebook einen Blick in die eigene Zukunft werfen könnte.

Was würden wir sehen, was wollten wir sehen und was auf keinen Fall…? Wir haben uns diesem Roman von zwei Perspektiven aus genähert. Werfen wir zuerst einen Blick zurück und dann einen Blick nach vorne… Folgt uns einfach.

Wir beide, irgendwann – Eine Zeitreise dank Facebook

Binea:

1999 – ein Computer zieht in mein Jugendzimmer ein. Von AOL gibt es eine CD Rom, auf der steht, dass die ersten 100 Stunden Internetnutzung frei sind. Internet – endlich. Was war das für ein tolles Gefühl, auch Zuhause surfen zu können. Bisher kannte ich es ja nur aus der Schule. Also los, CD rein und eine Verbindung herstellen. Das Modem machte Knack- und Piepgeräusche und dann war es geschafft. Ich legte mir eine Emailadresse an und die Dame von AOL begrüßte mich mit „Willkommen“. An diese Zeit erinnere ich mich auf den ersten Seiten von „Wir beide irgendwann“ zurück.

Auch Emma geht es so, dass sie zum ersten Mal das Internet von ihrem Zimmer aus betreten kann, denn sie hat wie ich damals, 100 Freistunden. Stundenlang könnte sie also online bleiben, wären da nicht ihre Eltern, die sie davon abhielten. Absolut authentisch, denn mir ging es genauso. Meine Eltern baten mich ebenfalls, die Verbindung zu trennen, da sie sonst nicht telefonieren können. Ich zögerte den Moment so lange wie möglich heraus, da ich gerade die Chaträume von AOL entdeckte und zudem noch Emails versenden wollte.

Wir beide, irgendwann – Was wäre, wenn ich heute wüsste…?

Ein Facebook-Button begegnete mir allerdings nicht, Emma schon. Genau hier endet das gemeinsame Erlebnis, das ich mit der Protagonistin teilte. Emma kann nicht fassen, was sie gerade sieht. Sie entdeckt ihr Profil in der Zukunft. Ihr Nachbar und ehemaliger bester Freund Josh hat ihr die CD Rom mit den Freistunden geschenkt, er muss wissen, was es mit dieser merkwürdigen Seite auf sich hat. Sie möchte ihm die Seite zeigen und mit ihm darüber reden, was sie darauf gefunden hat. Genau sie, Emma Nelson Jones, wird in der Zukunft unglücklich sein, stellt sie anhand der Einträge fest. Ein Punkt der auf ihr lastet, ihr nicht mehr aus dem Kopf geht.

Sie findet Einträge von sich aus der Zukunft, liest sich alle Meldungen durch, die sie finden kann und blättert durch ihre Zukunfts-Fotogalerie. Emma kann es nicht glauben und auch Josh ist sprachlos fasziniert. Beide wollen das Geheimnis für sich behalten und vermuten, Klassenkameraden spielen ihr einen Streich. Die Onlinezeit wird durch die Eltern begrenzt und so können beide erst am nächsten Tag wieder auf das Facebook-Profil von Emma zugreifen.

Wir beide, irgendwann – Bin das wirklich ich? Emma…

Keine vierundzwanzig Stunden später stellt sich heraus, dass sich einige Statusmeldungen vom gestrigen Tag verändert haben. Die Zukunft scheint nicht, noch nicht, festgelegt zu sein und einige Ereignisse können anscheinend positiv wie negativ beeinflusst werden.

Mr. Rail:

So weit, so gut… Genau bis zu diesem Punkt waren wir gefesselt von der Ausgangssituation und in vielen Telefonaten haben wir unseren Gedanken freien Lauf gelassen und spekuliert, welche Irrungen und Wirrungen wohl noch auf Emma und Josh zukommen würden. Dabei hatten wir stets Jay Asher im Hinterkopf, da wir seit Tote Mädchen lügen nicht genau wussten, in welche Abgründe und Tiefen er abzutauchen vermag. Wir waren bereit zum Tauchgang… Wir waren es wirklich…

Wir beide, irgendwann – Warum ist heute bald gestern?

Doch schon früher als uns lieb war mussten wir feststellen, dass wir mit unseren Erwartungen ein wenig über die Realität dieses Romans hinausgeschossen waren. Die brillante Idee fand in ihrer Umsetzung lediglich dort ihren Niederschlag, wo es darum ging, jeden Morgen die „Zeitmaschine“ Facebook zu öffnen und auf der eigenen Profilseite lediglich die fokussierte Beziehungszukunft zu betrachten.

Allein eine Frage steht im Mittelpunkt: „Mit wem bin ich denn diesmal verheiratet?“  Und sollte einer der Einträge im Profil von Emma nicht den persönlichen Wünschen entsprechen, dann wird eben schnell durch eine Entscheidung im Jahr 1996 die Zukunft geändert. Dabei reicht es in der Theorie der Romankonstruktion aus, sich zum Beispiel klar und deutlich einzureden „Ich werde nie in London wohnen“, um einen möglichen Lebenspartner loszuwerden, der laut Facebook mal eben Emmas Geld für ein IPad ausgegeben hat.

Am nächsten Tag ist auf Emmas Profil von jenem Ehemann keine Spur mehr zu finden und die Geschichte entwickelt sich in eine andere Richtung, hin zum nächsten „unmöglichen“ Weggefährten, während die Zukunft von Emmas bestem Freund Josh sich weitgehend unverändert an der Seite des reichsten und tollsten Mädchens der gemeinsamen Schule vollzieht…

Unfassbar!

In Emma haben wir keine romantische und hoffnungsvolle Protagonistin gefunden, sondern eher eine von Neid und Egoismus angetriebene junge Frau, die nicht nur ihr Leben pausenlos verändern möchte, sondern auch Josh nicht ansatzweise sein persönliches Glück zu gönnen scheint. Kein Stoff für eine große Romanze oder gar eine Liebesgeschichte. Zumindest nicht für uns.

Wir beide, irgendwann – Ein Blick in die Zukunft – Unbekanntes

Augenscheinliche Oberflächlichkeiten geben den Ausschlag für jede Richtungsänderung und wenn Emma sich immer mehr der Frage widmet, was Josh eigentlich so anziehend macht, dann nur, weil sie seine Zukunft an der Seite einer so hübschen Frau nicht verkraftet. Der (eigentlich zu viel verratende) Romantitel „Wir beide irgendwann“ klingt dann immer mehr nach einer Drohung, als nach romantischer Fügung des Schicksals. Er klingt nach Emmas Drohung…!

Das größte Manko des Romans ist für uns allerdings das Ausblenden jeglicher gesellschaftlichen Veränderung in den 15 Jahren bis hin zu Emmas Facebook-Profil. Der Roman spielt eher im seichten Taka-Tuka-Land, als im von Wirtschaftskrise, Krieg und Terror (Nine Eleven) massiv veränderten Amerika. Jede Tiefe, die an jeder Stelle des Buches locker zu erzeugen gewesen wäre, bleibt auf der Strecke der seichten Oberfläche… Mehr als schade…

Ein einziger Schulfreund zum Beispiel, der den Weg in die Army gewählt hätte und im Jahr 2011 auf Klassenfotos eines Ehemaligentreffens nicht mehr auftaucht, hätte ausgereicht, die Handlung in einen plausiblen Kontext einzubetten. Die Tatsache, dass Emma auch nur auf ihrer Profilseite landet und es scheinbar keine Startseite gibt, auf der sie viel über das Leben des Jahres 2011 erfahren hätte, dient hierbei nur der besseren Oberflächenhaftung der Handlung.

Wir beide, irgendwann – Wird wirklich alles fortgesetzt?

So bleibt uns nur ein Fazit: Wer ein leicht und locker geschriebenes Buch im Stile einer üblichen College-Lovestory lesen möchte, dabei die grundlegende Idee einer virtuellen Zeitreise nicht unsympathisch findet und sich einfach mal nur unterhalten lassen möchte, dem sei der Griff zu „Wir beide irgendwann“ empfohlen. Ein durchaus schönes Sommerbuch!

Wer allerdings, besonders vor dem Hintergrund des Namens Jay Asher, mehr erwartet, der wird vielleicht so enttäuscht wie wir auf dem Weg zurückbleiben. Wenig Liebe, kaum wahre Gefühle, oberflächliche Romantik und eine weitgehend verpuffte Idee von einer Zeitreise via Facebook haben uns nicht überzeugt!

Gegen das Vergessen – Lienekes Hefte

Lienekes Hefte – Ein Vater schreibt seiner Tochter – Gegen das Vergessen

Vor unserer Abreise versammelte uns Mama um ihr Bett, das sie wegen ihrer Krankheit nicht verlassen konnte.

„Von heute an“, hat sie zu uns gesagt, „können wir nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns eine Zeitlang nicht sehen. Von heute an sind wir nicht mehr dieselbe Familie. Alles muss sich ändern. Ihr seid nicht mehr die, die ihr einmal wart…

Ihr seid keine Juden mehr.“

Lienekes Hefte – Getrennt von seiner Tochter rettet ein Vater ihre Fantasie

Im Jahr 1940 besetzen deutsche Truppen die Niederlande und bringen neben Gewaltherrschaft und Unterdrückung auch das ideologische Banner ins Land, auf dem die Vernichtung des Judentums geschrieben steht.

Als die ersten Judendeportationen beginnen beschließen die Eltern der neunjährigen Lieneke van der Hoeden unterzutauchen. Die Familie trennt sich und das kleine Mädchen wird von einer Schutzfamilie zur nächsten weitergereicht, stets unter Lebensgefahr für alle Beteiligten.

Die vorerst letzte Station auf der Flucht des inzwischen 11jährigen Mädchens führte sie nach Den Ham, wo sie bis zum Kriegsende im Haus von Dr. Hein Kohly versteckt wird. Trotz des behüteten Lebens bei den Freunden ihrer Eltern vereinsamt Lieneke zusehends und fühlt sich ohne Eltern und Geschwister verlassen und verloren.

Doch eines Tages erreicht sie ein Brief ihres Vaters – nein, mehr als das – es ist ein phantasie- und liebevoll gestaltetes Schulheft, in dem er seiner Tochter sehr hoffnungsvoll und fröhlich aus seinem Alltag berichtet, ihr Neuigkeiten von der Familie erzählt und beginnt, am Leben seiner jüngsten Tochter aktiv teilzunehmen.

Lienekes Hefte – Schulhefte zeugen von der Existenz der Familie – Hoffnung

Dr. Kohly war im Widerstand organisiert und erhielt diese kleinen Heftchen über seine geheimen Verbindungen. Nach und nach gingen insgesamt neun dieser zu Heftchen gebundenen Briefe bei ihm ein. Lieneke durfte jedes Lebenszeichen ihres Vaters nur einen Tag lang behalten; danach sollte es vernichtet werden, damit bei einer Durchsuchung durch die Gestapo kein gefährliches Beweismaterial vorgefunden würde.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs folgte dann doch eine große Überraschung für Lieneke – sie durfte auch ihren Frieden machen… Mit allen Briefen ihres Vaters. Kohly hatte sie in einer Dose unter einem Apfelbaum im Garten versteckt und es nach eigener Aussage „nicht übers Herz gebracht“, die Heftchen zu vernichten. Als Lienekes Vater seine Tochter drei Wochen nach der Kapitulation der Nazis in die Arme schließen konnte, trübte der Tod der Mutter das Glück des Wiedersehens. Alle anderen Familienmitglieder hatten die Wirren des Krieges weitgehend unbeschadet überlebt.

Die Familie wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, Lieneke heiratete und lebt noch heute dort unter dem Namen Nili Goren. Die originalen Briefe ihres Vaters übergab sie dem israelischen Kindermuseum Yad LaYeled.

Dort wurde die französische Schriftstellerin Agnes Desarthe auf die Heftchen aufmerksam, nahm Kontakt mit der Familie auf und begann, in aller Tiefe zu recherchieren. Sie veröffentlichte alle neun Briefe in einem Schuber unter dem Titel Lienekes Hefte (derzeit leider nicht im Schuber erhältlich) und erzählt in einem zehnten Heft die Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Ein wunderbares literarisches Kleinod…

Neun Hefte des Vaters und in einem zehnten Heft erzählt Agnès Desarthe

Die kleine Kassette enthält diese zehn einzigartigen Dokumente, die gleichzeitig Zeugnis väterlicher Hilflosigkeit als auch Zeichen des gelebten Widerstandes und Kampfes für die eigene Familie sind. Wer sich und seine Kinder heute diesem Thema behutsam und nachhaltig nähern möchte, dem sind dies Heftchen besonders ans Herz zu legen.

Jeden Mittag um viertel drei
kommt der Briefträger vorbei.
Meistens geht er dann schnell weiter,
hat ja nichts für mich dabei.

Jeden Tag wart ich erneut
auf eine Karte – einen Brief.
Es gibt doch so viele Leut`
doch wohl niemand hat mich lieb.

Aber heut`, hurra, hurra!
Heut` gibt es was zu lesen,
Heut` ist in der Morgenpost,
was für mich dabei gewesen.

Mit einem Klick hinein in die Hefte… traumhaft…

Nachtrag: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrte unter Anderen das Ehepaar Kohly als „Gerechte unter den Völkern“. Wir denken – mit Recht. Zivilcourage kann Maßstäbe setzen und unvergessen bleiben – und Vaterliebe kann seltsame Wege beschreiten – dieser hier ist einzigartig!

Literatwo schreibt weiter „Gegen das Vergessen“ – Wir danken fürs Lesen dieser Zeilen… Bleibt aufrecht…

Als gäbe es einen Himmel…

Literatwo gegen das Vergessen – Als gäbe es einen Himmel – Els Beerten

Literatwo hat sich das Schreiben „Gegen das Vergessen“ auf die literarische Fahne geschrieben. Bücher, die geschrieben wurden, um uns die Vergangenheit vor Augen zu führen und die dafür Sorge tragen, dass Begriffe wie Holocaust, Genozid, Deportation und Verfolgung nie in Vergessenheit geraten, stehen hierbei im Vordergrund.

Sie bilden für uns die Ausgangssituation, ein neues Aufflammen solcher Ideologien schon in unserem Denken für alle Zukunft einzudämmen und viele dieser Neuerscheinungen oder Klassiker sollten zur Pflichtlektüre in unseren Schulen erhoben werden, da sie nicht nur stilistische Meisterwerke sind, sondern eine Botschaft transportieren, an der man nicht achtlos vorübergehen darf!

Mit dem Roman „Als gäbe es einen Himmel“ von Els Beerten nähern wir uns diesem Herzensanliegen diesmal von einer Seite, die für diktatorische Systeme idealtypisch ist. Die Beeinflussung Jugendlicher, ihre Verführung und die kollektive Verblendung sowie die lebenswichtige Entscheidung zwischen Mitlaufen, Kollaborieren oder Widerstand sind die zentralen Themen des zeitlos bewegenden Jugendbuches.

Als gäbe es einen Himmel von Els Beerten

Ich habe meine Freunde nie verraten.
Wer das dennoch tat, wurde schwer bestraft.
Denn man überlebt dank der Freunde.

Und nicht trotz seiner Freunde…

Kein Zitat aus dem Roman „Als gäbe es einen Himmel“ trifft den Kern der geschilderten Geschehnisse treffender – kein Satz bleibt länger im Gedächtnis als dieser.

Belgien kurz nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg. Die Geschwister der Familie Claessen leben im wohlbehüteten Kokon einer kleinen Schutzinsel namens „Wegschauen“ und „Nicht Auffallen“. So versucht der Vater seine kleine heile Welt zu bewahren. Verbunden durch die gemeinsame Leidenschaft zur Musik und im Kontakt mit den Angehörigen des kleinen Orchesters muss die kleine Familie allerdings schnell realisieren, dass ihre geschlossene Gemeinschaft im Dorf so langsam zu bröckeln beginnt.

Das nationalsozialistische Gedankengut beginnt wie ein Spinnennetz zu wuchern und um den Kokon der Familie einen zweiten zu legen, der umso undurchdringlicher scheint, je mehr Zeit ins Land geht. Es wird eng im Dorf. Das Misstrauen geht auf wie eine gut gedüngte Saat.

Mitläufer, Kollaborateure und die Widerstandsbewegung stehen in härterem Kampf gegeneinander, als ein vereinigtes Belgien der Flamen gegen die Deutschen stehen könnte.

Die Strategie der Machthaber scheint aufzugehen. Nur die Familie Claessen versucht allen äußeren Einflüssen zu trotzen. Bis Ward erscheint. Ein brillanter Saxophonist, der mit seiner Mutter ins Dorf kommt. Er ist so anders, faszinierend und charismatisch. Bei einer Orchesterprobe lernt er die Geschwister Claessen kennen.

Er bringt das Leben der Familie durcheinander. Die Tochter Renée verliebt sich in ihn, der ältere Bruder Jef wird zu seinem Weggefährten und der jüngere Bruder Remi träumt davon, Wards bester Freund zu werden, wenn er nur endlich älter wäre. Doch besonders an Ward gehen die Parolen der NAZIS nicht spurlos vorüber und aufgestachelt durch Lehrer und die gemeinsame Angst vor einem noch viel mächtigeren Feind aus dem Osten, beschließt er, seine Zukunft in die eigene Hand zu nehmen und auf Seiten der Deutschen gegen die Russen zu kämpfen. Er wählt den Weg in die Waffen-SS.

Eine Entscheidung, die beide Kokons der Familie zu zerreißen droht. Denn im Widerstreit der unterschiedlichen Parteien ist ein behütetes Zuschauen nicht mehr möglich und jede individuelle Entscheidung ist eine für oder gegen das eigene Land – und auch eine Entscheidung für oder gegen Ward. Und eine Entscheidung gegen Ward ist die Entscheidung für den Widerstand.

Alles entscheidet sich in einer einzigen Nacht – alles gipfelt in einer Katastrophe – alles verändert sich in der Stunde, in der Besatzer und die Resistance aufeinandertreffen und Jef zum Helden wird…. Zumindest aus Sicht der Widerstandsbewegung.

Els Beerten – Als gäbe es einen Himmel – Beginn eines neuen Denkens

Als gäbe es einen Himmel…. Als gäbe es jenen Himmel, zu dem jeder betet, den jeder in seinen gequälten Stunden sucht, an den jeder seine Hoffnungen richtet und der sich doch für alle Beteiligten so sehr zu verdunkeln scheint. Als gäbe es jenen Himmel, versucht jeder seinen Weg durch die Katastrophe des Krieges zu finden… aber es gibt keinen Himmel im Belgien der Jahre 1940 – 1945. Es gibt nur Wolken und Blitze, Donner und Niederschlag. Es gibt keinen Himmel – zumindest keinen gemeinsamen.

Ein multiperspektivischer Roman, der gerade durch die wechselnden Sichtweisen die Dynamik des Lebens in einem zerrissenen Dorf hervorhebt. Jeder kommt zu Wort – jeder sieht das Geschehen nur aus seiner Sicht und jeder erkennt nur seine Wahrheit. Wir Leser besitzen das Privileg das Prismenglas dieser Perspektiven scharf stellen zu können und im brutalen Fokus der gebündelten Lichtstrahlen der einzelnen Handlungsstränge die EINE Wahrheit zu erkennen, die zum völligen Desaster führt.

Ein großer Roman über Vorverurteilung, Heldenverehrung und ein Leben in der letzten Konsequenz der eigenen Entscheidung. Ein großes Buch der Missverständnisse und vertanen Chancen. Ein wichtiges Buch. Es trägt dazu bei, sich über den Gräbern von einst die Hand zu reichen… Ein nicht zu unterschätzender Beitrag, den die Literatur heute zu leisten vermag!

Hier geht es sofort weiter! Mit einem deutschen Mädel und dem Befehl ihres Vaters.