Margrit Schriber erzählt ein Leben: „Syra – Die Stripperin“

Syra - Die Stripperin - Ein bewegendes Buch von Margrit Schriber

Syra – Die Stripperin – Ein bewegendes Buch von Margrit Schriber

„Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere tot. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen – bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Bergmassen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Risse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse, gleich Schwertern und Lanzen aufschossen zum Zenith.“

Mark Twain „Eine Rigi-Besteigung“

Margrit Schribers Leseperlen - Eine bedeutende Kollektion

Margrit Schribers Leseperlen – Eine bedeutende Kollektion

Wir sind nicht zum ersten Mal in der Schweiz und keinesfalls sind wir alleine unterwegs. Mit Mark Twain bestiegen wir einst bedeutende Gipfel und nun ist erneut eine unserer absoluten Lieblings-Autorinnen mit uns unterwegs. Seit ihrem Buch Die hässlichste Frau der Welt gingen wir sehr oft mit Margrit Schriber durch ihre Schweiz. Sie erklärte uns in ihren historischen Romanen auf eine ganz eigene Art und Weise die Menschen und ihre Hoffnungen, die Landschaft und die Faszination des Lebens in dieser Region.

Ihre Sprache ist geradezu hingebungsvoll schlicht. Sie verkünstelt nicht und verfällt nicht in endlosen, romantisierenden Deskriptionsschleifen. Margrit schreibt auf den Punkt. Sie schreibt ohne Umwege ins Herz und in die Seele und bleibt dabei in ihrer Erzählweise so authentisch, als würde man sich dem beschriebenen Menschen selbst bis auf Augenhöhe nähern. So ist es uns zuletzt auch bei der Begegnung mit Leny Bider ergangen. Für Literatwo war dieser Roman viel mehr als Das zweitbeste Glück

Wenn wir im Leben einen Wunsch frei hätten, dann müsste Margrit unsere Geschichte schreiben. Nur sie könnte dies und nur von ihr kennen wir dieses unerschütterliche Maß an Zuneigung gegenüber ihren Protagonisten. Sie stellt nicht bloß, sie brüskiert nicht – nein, Margrit Schribers Werke sind eine Hommage an die Menschen, deren Geschichte sie zu Papier bringt.

Dies macht sie zu einer der ganz großen Erzählerinnen unserer Zeit.

Syra - Die Stripperin - Von der Schweiz auf die Bühnen der Welt

Syra – Die Stripperin – Von der Schweiz auf die Bühnen der Welt

Mit der Lebensgeschichte der Josefina Magdalena Marty verhält es sich ebenso. Unter dem Namen „Syra Marty“ ging sie in den 1950er und 1960er Jahren als das wohl erste „Glamour-Girl“ in die unbefleckte Geschichte der Schweiz ein und wurde zu einer der berühmtesten Stripperinnen auf den weltweiten Burlesque-Bühnen.

Die unbescholtene „Dächli-Leni“ verließ ihre Familie und das Rigi-Gebirge am Vierwaldstätter See, um sich einen Namen zu machen. Diesen Entschluss fasst sie genau auf dem Gipfel, den Jahre zuvor ein gewisser Mark Twain bestieg, um das Alpenpanorama zu genießen. Ihr einziger Trumpf: Ihre Schönheit:

„Ich war die schönste Frau, die ich je gesehen habe.“

Der erste Schritt aus dem sicheren Alpen-Nest führte sie in die Fänge eines Vergewaltigers und verletzt an Leib und Seele wählte sie den Weg nach vorne. Kämpferisch, trotzig und beharrlich. So kennen wir die Schweizer Frauen, über die Margrit schon so oft geschrieben hat.

Syra - Die nStripperin - Angekommen auf den Bühnen der Welt

Syra – Die nStripperin – Angekommen auf den Bühnen der Welt

Glückliche Fügungen und ein mehr als gewiefter Manager an ihrer Seite katapultierten sie als „Syra – Die Stripperin“ zuerst auf die europäischen Bühnen und ließen sie schnell zu einem Magneten des Nachtlebens werden. Ihr Weg nach Hollywood war vorgezeichnet, doch er verlief nicht geradlinig und ohne Probleme.

Im Glitzerlicht der Scheinwerfer blieb das Gefühl auf der Strecke und aus Syra wurde eine Marke. Ein Automat, der von Auftritt zu Auftritt hetzte. Filmgrößen wie Gregory Peck und Cary Grant kreuzten ihren Weg und zum Zeitpunkt des Attentats auf John F. Kennedy hatte sie ein Engagement im Club eines gewissen Jack Ruby. Als dieser Club-Besitzer den mutmaßlichen Mörder Kennedys erschoss, weitete sich der Skandal auch bis zu Syra aus.

Schlagzeilen bestimmten ihr Leben. Covergirl, PinUp-Girl, all dies wollte sie sein und all diese Bilder füllte sie mit Leben aus. Nur in der Heimat reagierte die Familie am Rigi oftmals verstört über die Nachrichten vom kleinen „Dächli-Leni“. Und trotzdem wurde die kleine Gaststätte der Eltern am Rigi-Kulm zur Pilgerstätte der begeisterten Syra-Fans.

Syra - Die Stripperin - Erinnerungen an ein Leben

Syra – Die Stripperin – Erinnerungen an ein Leben

Margrit Schriber hat eine einzigartige Perspektive eingenommen, um sich Syra zu nähern. Wir begegnen ihr im Alter von über 90 Jahren in einem kleinen Haus in Florida. Umgeben von den Abziehbildern und der Staffage ihres Lebens wartet sie immer noch auf die unerfüllte Liebe. Eine Betreuerin versucht sie davon zu überzeugen, sich von ihren Erinnerungen zu trennen und in ein Seniorenheim umzusiedeln. Doch dies wäre gleichsam der Abschied von einem ganzen Leben.

Syra beginnt zu kämpfen – um ihre Erinnerungen, um ihre Vergangenheit und letztlich auch um etwas, das ihr selten entgegengebracht wurde: Würde und Achtung. Margrit Schriber erreicht vieles mit diesem biografischen Roman. Sie hat in ihren Büchern immer das Maximale für ihre Protagonisten getan. Für uns lüftet sie die Schleier einer Striptease-Tänzerin und lässt sie nackt vor unseren Augen tanzen – dann geht sie einen Schritt weiter und entkleidet die Seele dieser „öffentlichen“ Frau. Dabei umhüllt sie die nackte Tänzerin allerdings mit dem wärmenden Mantel der Zuneigung und Empathie. Schribers Charaktere erfrieren nie!

Aus einer schamlosen Burlesque-Tänzerin wird ein Mensch mit Gefühl und Geschichte. Syra ist immer das „Dächli-Leni“ geblieben… und bei Gott sie hatte Stil! Ein großer Schweizer Roman einer großen Schweizer Autorin über eine große Schweizer Frau. Dieser Linie bleibt Margrit so treu, wie wir ihren Büchern treu bleiben.

Vorhang auf für „Syra – Die Stripperin“ – kein Skandalbuch… Ein großes Lebenspanorama voller Erotik, Gefühl und Zeitgeschichte… und mittendrin ein Mädchen vom Land.

Autoren wie diese....

Autoren wie diese….

Das zweitbeste Glück – Margrit Schriber im Aufwind

Ein kurzes Leben voller Träume – Leny Bider

Margrit Schriber zieht uns immer wieder in ihren Bann.

„Das zweitbeste Glück“ in der Hand zu halten fühlt sich gut an, denn wir ahnen schon vorher, was uns passieren wird. Margrit Schriber taucht tief nach Wortperlen, fädelt Perle an Perle zu einer Kette um diese dann in die Hand des Lesers zu legen. Am passenden Ort zum Buch, für uns der literatwoische Schriber-Salon, schlugen wir den Roman auf und betraten die Welt der Leny Bider.

Julie Helene Bider ist tot. Erschossen. Selbstmord. Am 07. Juli 1919. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Nicht in ihrem Zuhause erlosch ihr bewegtes Leben, sondern in einem Hotelzimmer. Sie liebte es, in Pensionen und Hotels zu leben, sie brauchte kein Zuhause. Ihre Mutter war schon vor langer Zeit an Krebs gestorben, nun auch starb ihr Vater Jakob. Von da an gab es nur noch sie und ihren berühmten Bruder Oskar. Ein Flieger, ein Pilot, ein angesehener Flugpionier den scheinbar keiner vom Himmel holen kann, ein perfekter Himmelsstürmer. So eine Himmelstürmerin wollte auch sie werden. Nicht in einem Flugzeug, aber als Schauspielerin auf einer Bühne.

„Wenn ich nur einmal auftreten dürfte und nach geendigtem Spiel gefeiert würde. Nur dieser Wunsch.“

Eine junge Frau im Internat – interniert – gefangen…

Ein Wunsch der weder zeit- noch standesgemäß zu sein schien. Eine Actrice werden zu wollen entsprach fast einem Skandal im familiären Umfeld. Man kämpfte dagegen an und internierte Leny in Internaten. Ihren Geist konnte niemand bändigen – nichts konnte ihre Gedanken und Wünsche im Zaum halten…

Sie brach aus. Sie sprengte ihre Fesseln um ein eigenes Leben im Glanz führen zu können. Dabei immer im Blick: Die Erfolgsgeschichte ihres Bruders, der als einer der ersten Schweizer Piloten den Ruf eines Nationalhelden genoss. Glanz und Strahlkraft – das war die Welt des Oskar Bider.

Julie Helene Bider, später unter dem Künstlernamen Leny Harold bekannt, stand ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders. Und doch vermochte sie sich in seinem Glanz zu sonnen. Die Geschwister galten gleichsam als Traum- und als Skandalpaar, um das sich viele Gerüchte rankten. Nun trauert sie…

Um ihren geliebten Bruder, den sie so sehr verehrte, der ihre Seele war. Und kurz nach ihm ist auch Leny tot, ihr junges Leben hat sie mit einem Schuss aus ihrem Revolver, den sie bei sich trug, beendet. Sie hat diesen Revolver nur einsetzten wollen, wenn ihr Bruder doch irgendwann vom Himmel fallen sollte. Aus Angst vor diesem Tag, wurde er zu ihrem Begleiter, genau wie das Tagebuch, welches sie bei sich trug, welchem sie sich oft anvertraute. Der Tag des Absturzes von Oskar Bider war der letzte Tag im Leben seiner Schwester.

Das vertraute Geschwisterpaar gehört der Vergangenheit an, wenige Stunden nur trennen den gemeinsamen Todeszeitpunkt.

Der große Bruder – Oskar Bider – ein Nationalheld…

Margrit Schriber lässt den Leser der rebellischen, aufmüpfigen Leny begegnen. Dem verwöhnten Prinzesschen ihres Vaters. Eine Göre, ein Weibsbild, ein Luder, welches den Drang hat berühmt zu werden, anders zu sein als alle anderen Frauen in der Gesellschaft. Sie ist nur auf sich bedacht, versucht das Größtmögliche für sich herauszuholen und sich einen Namen zu schaffen.

Der Anfang war ein Stummfilm, ihr richtiger Durchbruch gelang ihr als Schauspielerin im ersten großen Schweizer Kinofilm „Bergführer“. Dabei blickt sie selten nach rechts und links, ihr Tunnelblick galt sich, neben ihrem Vater und ihrem Bruder, selbst.

Erstmals prangte ihr Name auf den Plakaten der jungen Kinogeschichte – erstmals stand sie selbst im Rampenlicht und erstmals fühlte sie sich am Ziel ihrer Träume!

Große Momente – Seite an Seite – gelebte Träume…

Der biografische Roman hat den gewohnten schriberisch Tiefgang, die Wortperlen sind wunderschön und lösen gewaltige Fluten an Bildern aus. Margrit Schriber schreibt sich endgültig in die erste Reihe der nationalen Geschichtenerzähler ihres Heimatlandes. Die Bedeutung der aufstrebenden Luftfahrt, die Rolle im Ersten Weltkrieg und das traditionelle Frauenbild prägen den Rahmen der Geschichte – die Lebendigkeit der Charaktere lassen ein Diorama lebendiger Historie entstehen.

Margrit Schriber ist nie so neutral wie ihre Heimat – aber sie ist der erzählerische Inbegriff für die Schweiz!

Von technischer Einmaligkeit ist der Kunstgriff der Erzählperspektive. Dabei hat sie zwei Romanfiguren eingebracht, die sie sprechen lässt, die einen Zugang zu Leny hatten, auch wenn es nicht der üblich vermutete Zugang ist. Die Geliebte von Lenys Vater, die von Leny gehasste Pariserin, beleuchtet das wilde Leben der Hauptprotagonistin.

Aber vor allem ihr Sohn gibt dem Roman den emotionalen Herzschlag. Der Sohn der Leny abgöttisch liebt und verehrt, der Junge, der Mann, der Kavalier, der unerfüllt hoffende Kamelienblütenschicker. Sie und ihr Sohn sind lebenslang an ihrer Seite, haben ein Auge auf sie und vor allem er schenkt ihr die Liebe, die sie nie wollte. Und doch war er so wichtig – er spielte die Rolle des stillen Verehrers – und ohne ihn wäre ihr Glanz nicht so strahlend gewesen, wie wir ihn heute wahrnehmen.

Der gemeinsame Weg endet am 7. Juli 1919 – Ein Absturz und ein Schuss…

Margrit Schribers schriftstellerische Note ist auch in diesem Werk unverkennbar. Der Roman beginnt nicht mit dem Leben der Leny, sondern mit dem tragischen Tod, der in wiederkehrendem Rhythmus die einzelnen Kapitel einleitet. Von diesem wird in das lebendige Leben der Protagonistin zurück geschrieben. Eine Struktur die dem Leser zu einem leichten Einstieg in den historischen Roman verhilft.

Ein Thema mit dem die Autorin Geschichte schreibt, nicht nur historisch, sondern eine berührende, dramatische und vor allem emotional nachdenklich machende Geschichte aus der Geschichte der zwei berühmten Schweizer.

Wunderschöne Lebensleseperlen aus dem Hause Schriber

Margrit Schribers Bücher begleiten uns durch unser Leseleben – ihre Perlen werden bei uns gesammelt und liebevoll aufbewahrt. Vom Mittelalter schreibt sie sich nun so langsam in unsere Zeit. Greifbar und fühlbar erleben wir die Aufbruchstimmung der Schweiz nach dem ersten großen Krieg. Wir sind gespannt, wie weit sich die große Schweizerin noch nach vorne schreibt. In unseren Herzen hat sie dies bereits erreicht.

Und die schönste Leseperle aus ihrer Feder liegt tief verborgen in einer gut geschützten Auster…. Danke dafür, Margrit…