Sieben Minuten nach Mitternacht – im Gespräch mit Patrick Ness…

„Und jetzt ist es an der Zeit, den Stab an Euch weiterzureichen. Geschichten hören nicht bei denen auf, die sie schreiben, egal, wie viele von uns ins Rennen gegangen sind.

Hier ist das, was Siobhan und ich uns ausgedacht haben.
Und nun lauft. Lauft damit los.

Stiftet Unruhe.“

Patrick Ness

Wenn man sich jahrein, jahraus mit Neuerscheinungen auf dem hart umkämpften Büchermarkt beschäftigt und versucht, die Perlen des eigenen Leselebens zu finden, dann wird mann hellhörig bei folgenden Schlagzeilen:

  • Britischer Erfolgsautor vollendet die Idee einer verstorbenen Kollegin Siobhan Dowd
  • Ein tröstendes Monster bewegt England.
  • Das Buch erscheint in Deutschland in zwei Ausgaben für unter-schiedliche Altersgruppen

Darüber hinaus war ich noch mehr fasziniert von diesen Neuigkeiten, da es sich um ein Buch des von mir sehr geschätzten Schriftstellers Patrick Ness handelt. Und genau auf dieses Buch hatte ich im letzten Interview (Januar 2011) mit ihm hingewiesen, ohne zu ahnen, was daraus werden könnte.

Die erste CBJ Druckfahne war schnell im Haus und nach nur wenigen Stunden wusste ich, dass ich etwas mehr als Besonderes in Händen hielt. Schnell lesen, nach Dresden verschickt und auch von Binea kam die mehr als emotionale Bestätigung: “Wow… ein unfassbares Meisterwerk!” Eine Mail an Patrick und die Verabredung zu einem zweiten Interview für einen Hintergrundartikel zum Buch war fix!

Auch über dieses Bild kommt ihr zum kompletten Artikel und dem Interview mit Patrick Ness…

Die Vorgeschichte:

Die britische Autorin Siobhan (sprich Schyvonne) Dowd stirbt am 21. August 2007 im Alter von nur 47 Jahren. Mitten aus dem schreibenden Leben gerissen hinterließ sie berührende Bücher, wie zum Beispiel “Ein reiner Schrei”, mit dem sie unter Anderem für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert war.  Und nicht nur das – sie hinterließ eine Idee. Die Idee zu einer großen Geschichte über den Umgang mit Verlustangst und die Bewältigung von Trauer. Die Idee, wie man mit einer Geschichte Trost spenden könnte. Eine Geschichte über einen Jungen und ein Monster. Sie starb zu früh, um das Buch selbst zu schreiben.

Patrick Ness, Autor der “New World” – Trilogie wurde gefragt, ob er sich vorstellen könnte, diese Idee zu realisieren und die ersten Schritte von Siobhan Dowd zu vollenden. Nach erstem Zögern wurde er jedoch von den Grundzügen des literarischen Erbes seiner Kollegin “infiziert” und er schuf mit “Sieben Minuten nach Mitternacht” ein ganz eigenes Werk, das ohne Siobhan jedoch nie das Licht der Welt erblickt hätte!

“A Monster Calls” begeisterte England und ganz besonders die unzähligen Anhänger der verstorbenen Autorin.  Ein Buch war plötzlich in aller Munde und egal ob Jung oder Alt – die Welle der Zuneigung für dieses Projekt uferte sprichwörtlich aus!

Diese Welle ist nun auch in Deutschland angekommen und beginnt, unsere Herzen zu fluten!

Der Inhalt:

Conor wird wach. Nicht ungewöhnlich – er schläft sowieso nicht gut zur Zeit und ist von Albträumen geplagt. Es geht seiner Mutter nicht gut – gar nicht gut und die Angst, sie zu verlieren dominiert sein Leben. Lähmt den Elfjährigen im Denken und Handeln – verstellt seinen Blick für die Realität und lässt ihn Menschen verägern, die ihm eigentlich die Hand reichen wollen.

Conor wird wach. Diesmal jedoch nicht wegen eines Traums. Ein leibhaftiges Monster lehnt an seinem Fenster und behauptet, ihm helfen zu wollen Das Monster erzählt Conor drei Geschichten. Geschichten, die eins gemeinsam haben: Jede Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Das Monster verlangt von Conor, die vierte Geschichte selbst zu erzählen… die Geschichte, die ihn nicht ruhen lässt – die Geschichte von Angst und Trauer. Aber auch diese Geschichte hat einen noch nicht erzählten Rest.

Ein Buch für wen?

Sieben Minuten nach Mitternacht ist eine Geschichte für Kinder – zweifelsohne… Es ist ein Jugendbuch. Unstrittig… es ist ein Buch für Erwachsene – so viel steht fest!

Es ist eine Geschichte für Kinder, weil wir unseren Kindern immer mal wieder solche Situationen näherbringen müssen, die für uns selbst so wenig fassbar sind, dass wir uns in Bilder oder Fabeln retten. Wir wollen dabei trösten, halten und Ängste nehmen. Und doch wollen wir nicht unmittelbar von uns reden – und ein Monster wie das in “Sieben Minuten nach Mitternacht” hilft uns dabei ungemein. (Altersempfehlung – ab 12 Jahre).

Es ist ein Jugendbuch weil Jugendliche ihre eigenen Wege gehen, um beklemmende Situationen zu bewältigen. Sie interpretieren und reflektieren schon sehr zielgerichtet und können aus diesem Buch Kraft schöpfen, weil sie vom Autor nicht wie unmündige Leser behandelt werden. Er lässt ihnen den Platz, selbst zu fühlen und zu denken… Patrick macht das Buch zu ihrem Buch!

Es ist ein Erwachsenenbuch weil wir es sind, die unseren Kindern die Geschichten weitergeben müssen, weil wir es sind, die es mit Jugendlichen zu diskutieren haben und weil wir es sind, die für die entstehenden Ängste verantwortlich sind. Und in besonderem Maße, weil wir einen weiten Weg hinter uns haben, der mit so vielen Abzweigungen in diese Geschichte mündet, dass es uns hilft, eigene Erfahrungen besser zu verarbeiten und verbleibende Zeit so ganz anders zu nutzen.

Insofern ist es die richtige Entscheidung, die bei Randomhouse getroffen wurde, diese Geschichte in einer Form zu publizieren, die es ermöglicht, das Buch überall dort zu finden, wo alle Lesergruppen es finden können.

Regal-, kategorien- und altersunabhängig! Den Verantwortlichen nimmt man die Herzensangelegenheit ab, die bei Siobhan Dowd ihren Ursprung fand und über Patrick Ness den Weg in unsere Bücherregale finden sollte!

Das Interview mit Patrick Ness:

Hallo Patrick, herzlich willkommen zurück im Forum Lovelybooks. Nach unserem ersten Interview zur “New World”-Trilogie ist es mir ein besonderes Vergnügen, dir einige Fragen zu deinem neuen Buch “Sieben Minuten nach Mitternacht” stellen zu können.

Was bedeutet es für dich, dass der Roman in Deutschland von Randomhouse in zwei Ausgaben publiziert wird? Einerseits in einer Jugendbuchausgabe bei CBJ und andererseits für erwachsene Leser bei Goldmann. Gleichzeitig erscheint das prominent besetzte Hörbuch.

Ich könnte nicht glücklicher sein, als über den Umstand, dass Randomhouse sich dazu entschieden hat, das Buch in zwei unterschiedlichen Ausgaben zu veröffentlichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Roman Leser jeden Alters anspricht und ich unterstütze natürlich jeden Schritt, der geeignet ist, ein Buch in die Hände des “richtigen Lesers” zu legen.

Und das Ergebnis ist in beiden Fällen so schön. Es sind sehr schöne Ausgaben geworden. Darüber hinaus liest Maria Furtwängler das Hörbuch und so fühle ich mich sehr, wirklich sehr gut behandelt in Deutschland. Ich fühle mich damit äußerst wohl.

Die Geschichte basiert auf einer Idee von Siobhan Dowd. Sie starb bevor sie jemals die Chance hatte, sie niederzuschreiben. Wieviele Anteile der Handlung hast du in ihren Aufzeichnungen oder in ihrem Manuskript gefunden? Kannst du uns erklären, was für ein Gefühl es war eine Geschichte zu verfassen, die zum Vermächtnis einer verstorbenen Autorin gehört?

Sie hat einen perfekten Anteil hinterlassen. Gerade so viel, dass es die Entwicklung der Geschichte in die von ihr beabsichtigte Richtung zugelassen hat und genau so viel, dass ich ganz genau wusste, wo ich ansetzen konnte. Ihre Idee war dermaßen plastisch, überzeugend und potent, dass sie andere Ideen in meiner Phantasie wachsen ließ und ich konnte gar nicht anders, als mit dem Schreiben zu beginnen. Ein wahres Geschenk für jeden Schriftsteller und für jede Story.

Meine Emotionalität lag im Wesentlichen darin begründet, dass es sich um eine emotionale Geschichte handelt. Der Prozess des Schreibens war für mich ein großer Glücksmoment, eine aufregende und sehr private Unterhaltung zwischen mir und Siobhan.

Es ist eine Geschichte über Verlust und Hoffnung. Ich war mehr als berührt, als ich nach der Reise durch dieses Buch sehr betroffen die letzte Seite schloss. Unvergesslich. Welche Absicht hast du schreibend verfolgt? Wolltest du die Leser bewusst zum Denken und Fühlen bringen oder wohin führte dich deine Reise als Autor?

Wie in jedem Buch, das ich schreibe, war es meine einzige Intention, die ehrlichste Geschichte zu schreiben, die ich zu schreiben in der Lage bin. Jenseits aller anderen Erwägungen denke ich, dass ein Autor ausschließlich darauf achten MUSS, was eine Story benötigt – ansonsten besteht die Gefahr, sie zu schwächen.

Ich wollte tatsächlich die äußerste Wahrheit dessen fühlen und entdecken, was Conor widerfährt und wie er damit zurechtkommt. Ich fühlte ganz genau, dass wenn mir dies gelingt, alles Andere automatisch folgt.

Denkst du, dass “Sieben Minuten nach Mitternacht” Siobhan gefallen würde? Ist diese Frage wichtig für Dich?

Das war mein einziges Ziel!

Nicht ein Buch zu schreiben, von dem ich denken konnte, sie hätte es selbst verfasst (das wäre lediglich Nachahmung gewesen und Nachahmung lässt schlechte Bücher entstehen) sondern eines, das sie gemocht hätte. Wer wird dies jemals erfahren? Aber ich hoffe es so sehr!

In deiner Einleitung musste ich sehr über folgenden Satz schmunzeln “Hier ist das was Siobhan und ich uns ausgedacht haben. Jetzt seid Ihr dran. Lauft los. Stiftet Unruhe.” Denkst Du, dass Schreiben immer auch Unruhe stiften heißt? Sind die Menschen inzwischen zu abgestumpft, um dies zu begreifen?

Ich denke in unseren Köpfen ist zu viel LÄRM (ich schrieb mit New World drei Bücher darüber, wie Du weißt), aber Geschichten können wundervolle Pausen in diesem Lärm bedeuten. Ich bin mir nicht sicher, dass dies allen Menschen bewusst ist. Wenn es so wäre, dann gäbe es mehr Geschichtenerzähler.

Alle bereits vorliegenden Reaktion auf diese Gechichte, ob in der Testlesegruppe bei Lovelybooks oder in Vorab-Rezensionen, zeugen von einer großen Rührung und von vielen vergossenen Tränen. Andererseits setzt sich die Tragfähigkeit der Hoffnung überall durch und überstrahlt alles. Wie haben Siobhan Dowds Fans und die britische Öffentlichkeit auf den Roman reagiert? Vergleichbar?

Es gab, wie du es beschreibst, sehr viele emotionale Reaktion und auch Tränen. Ganz besonders von den Menschen, die Siobhan Dowd verehren (und das sind sehr viele von uns).

Sehr interessant finde ich die Unterschiede in der Reaktion zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen. Kinder lieben die Geschichte besonders, weil sie es zu schätzen wissen, bewegt zu werden, indem ich ehrlich mit ihnen umgehe (dies bedeutet ihnen mehr als alles andere). Erwachsene dagegen bringen ihre eigenen Verlusterfahrungen mit in dieses Buch und sind gerade deshalb oft wesentlich bewegter, als junge Leser. Dies ist das Härteste und Interessanteste an Trauer und Verlust, dass sie so persönlich sind.

ABER, genau wie du sagst, überall ist Hoffnung – ganz besonders am Ende des Romans. Es ist die Gechichte eines Jungen der sich durch Trauer und Verlust kämpft .. ich denke, dass die Menschen dies sehr würdigen.

Deine Erzählperspektive aus Sicht des jungen Conor ist beeindruckend. Verlustangst und dadurch begründete Sturheit charakterisieren ihn. Er versucht, seinen eigenen Weg zu finden, dabei am Liebsten seine Augen zu verschließen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Denkst du es bedarf eines Monsters, um Kindern die Augen zu öffnen und ihnen zu helfen oder hast du einen anderen Ratschlag für Erltern?

Nun, junge Menschen reagieren auf Geschichten, weil sie manchmal Erklärungen für Situationen liefern, denen sie selbst sprachlos gegenüberstehen.

Manchmal sollten Eltern solche Geschichten erzählen, da auch sie keine anderen Möglichkeiten haben, solche Situationen besser zu beschreiben. Ich denke, das ist sehr wichtig und sollte niemals unterbewertet werden. Monster sind hier nur ein Weg, etwas zu beschreiben – aber ich denke die Geschichte selbst ist das Wichtigste!

Dein Roman ist im Forum Lovelybooks gerade in aller Munde. Es wird in der CBJ-Leserunde heiß diskutiert und besprochen. Er entwickelt sich gerade zu einem Schneeball, der klein beginnt… und wächst… Welche Bedeutung misst du einem solchen literarisch orientierten sozialen Netzwerk zu? Wird deine traditionelle Rolle als Schriftsteller dadurch nachhaltig verändert?

Einerseits JA – natürlich. Es bringt dich dem Leser wesentlich näher, aber andererseits, und das ist sehr wichtig, NEIN, da eine Story immer (sogar heute und jetzt) mit einer Person und einer Idee beginnt, die nach bestem Wissen und Gewissen ausarbeitet wird.

Es mag eine Vielzahl von anderen Wegen geben, Geschichten zu schreiben und zu erzählen, aber was auch immer Bücher entstehen lässt und Geschichten trägt, das Geschichtenerzählen bleibt das Gleiche. Gott sei Dank, weil sie so wertvoll sind!

Patrick – noch ein Gruß an deine deutschsprachigen Leser?

Klar! Ich werde ab dem 12. September auf Tour sein, Wien, Zürich Berlin und Hamburg besuchen und kann es wirklich kaum noch erwarten einige der exzellenten deutschen Leser von denen ich seit Jahren so viel gehört habe zu treffen. Ich bin ehrlich sehr gespannt darauf!

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

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Patrick Ness – Autor der New World Trilogie – im Gespräch mit Lovelybooks

Nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels zum Thema “Freud` und Leid mit Mehrteilern – Teil 2″ tauchte die Frage auf, ob auch ich an einer Artikeltrilogie arbeite. Ich hätte nicht gedacht, so schnell eine Fortsetzung schreiben zu können. Aber ich habe Anlass dazu.

Nachdem ich im Rahmen dieses Berichtes auch die Trilogie “New World” von Patrick Ness vorgestellt habe und sie aus meiner Sicht als absolut lesenswert und ohne Schwächen bezeichnet habe, erhielt ich eine mehr als freundliche Rückkopplung des in England lebenden Autors. Aus der ein oder anderen gewechselten Mail entstand ein Interview für den Blog.Lovelybooks, in dem Patrick Ness über die Entstehung der Trilogie und die Bedeutung seiner deutschen Leserschaft Auskunft gibt.

Für mich war es am Ende der Trilogie “New World” vollkommen klar, dass Patrick Ness schon beim Schreiben der ersten Zeilen gewusst haben musste, wie die Story ausgeht.

Es war nicht nur ein Gefühl. Ich war mir da sehr sicher.

Die Konstruktion war so plausibel und ohne Widersprüche, dass es mir leicht gefallen ist, dem Autor über die drei Bände hinweg zu vertrauen und seinen Protagonisten durch die neue Welt zu folgen. Beim Schließen des letzten Bandes war ich am Ziel einer mehrjährigen Reise angekommen – an einem Punkt, der es mir ermöglichte, mich von der Geschichte zu trennen und sie in Gedanken doch ein wenig weiterzuspinnen. Ganz für mich alleine. Der Schluss der Trilogie gehört für mich zu den Highlights der bisher von mir gelesenen Mehrteiler.

Darüber hinaus fühlte ich mich beim Lesen von New World sprachlich und in bestimmten erzeugten Bildern an David Foster Wallace erinnert. Schmerzlich einerseits, weil er fehlt, freudig andererseits, weil ich diesen beschreibenden und malerischen Stil persönlich sehr schätze.

Ich hatte also viele Fragen an Patrick Ness und die “Interview-Cloud” füllte sich rasend schnell:

DAS INTERVIEW:

Patrick,ich muss die Frage einfach stellen. Gehe ich recht in der Annahme, dass du das Ende der Trilogie bereits kanntest, als du den ersten Satz des Buches geschrieben hast?

Dein Gefühl ist absolut richtig. Ich hatte tatsächlich die letzten Sätze aller drei Bücher vor Augen, bevor ich mit dem Schreiben des ersten Bandes “Die Flucht” begonnen habe.

Einerseits mag ich Geschichten, die ein “sauberes” Ende vorweisen können und andererseits gaben mir diese Sätze die Richtung vor, auf die ich mich als Autor zubewegen konnte. Ich wusste nicht genau, wie ich dort ankommen sollte, aber genau zu wissen, wie ich den Leser am jeweiligen Ende eines Bandes und schließlich am Ende der Trilogie zurücklassen würde, war sehr wichtig für mich.

Kennst / magst du den “Unendlichen Spaß” von David Foster Wallace? Ist es vorstellbar, dass dieses Buch dich in irgendeiner Art und Weise beeinflusst hat. Deine Fantasie oder Deinen Stil zu schreiben? Oder bin ich da Gefangener meiner eigenen Vorstellungskraft?

Es ist GROSSARTIG, dass du diese Frage stellst. Ich bin ein riesiger Fan von David Foster Wallace und seinem Roman “Unendlicher Spaß”. Es ist ein fantastisches Buch – grandios.

Ich bin mir nicht sicher, ob sein Stil mich beeinflusst hat, weil er so fokussiert und nach Innen gerichtet ist und ich meinen eigenen Stil, bezogen auf New World, absichtlich einfacher und offener gewählt habe (ich beschreibe eher die Gedankenwelt eines Teenagers der lernt und erwachsen wird).

Aber alleine Wallaces schierer Ehrgeiz und seine große Gabe, eine Welt zu erfinden die alleine auf der Grundlage einer unmissverständlichen Beschreibung einen perfekten Sinn ergibt, sind unglaublich. Ich denke ich habe ein wenig von diesem Gefühl verinnerlicht.

New World ist eine Dystopie. Sie spielt in einer fiktiven Gesellschaft, die auf dem Weg ist, sich zum Negativen zu entwickeln und zeigt die Rahmenbedingungen des Lebens in dieser Utopie. Spielt deine Geschichte in der Zukunft oder sind wir schon Teil davon?

Ach ich denke, die Welt ist bereits heute schon sehr “laut”. Es gibt eine Fülle an Informationen (Handy, Internet, Facebook, Twitter usw., usw., usw.) und so ist ein Teil des Buches mit unserem aktuellen Leben vergleichbar.

Aber ich denke, es besteht Hoffnung.

Gerade wenn alles schwierig scheint, ist das Wunder, wie zwei Menschen einander zu vertrauen lernen ein großer Hoffnungsschimmer. Wenn wir das auf einem entsprechend hohen Level realisieren können, dann sind wir auch fähig uns selbst zu retten. Wer weiß? Ich bleibe dennoch hoffnungsvoll. Die Menschheit ist zu den schrecklichsten Dingen in der Lage, aber Menschen stehen auch für Schönheit und Liebe, was am Ende mehr zählen könnte.

Dein Roman handelt ebenfalls vom Verlust der Privatsphäre und von der totalen Informationskontrolle. Jeder Mann in New World kann die Gedanken der anderen Männer hören. Nur Präsident Prentiss kann dies kontrollieren und nutzt diese Fähigkeit als Machtbasis. Allerdings ist kein Mann in der Lage, die Gedanken der Frauen zu vernehmen.

Und hier sind wir doch nicht mehr im Land der Fantasie. Frauen sagen doch andauernd, dass wir Männer nicht in der Lage sind ihre Gedanken und Wünsche zu lesen ,-)

Ach ja – es gab schon ein paar spaßige Anmerkungen zu diesem Thema. Ich wollte es wirklich nicht so mysteriös anlegen, obwohl Männer oft darüber scherzen, nie zu wissen was Frauen wirklich denken.

Ich wollte einen Unterschied darstellen und ihn so extrem wie möglich gestalten. Ich denke, das schlimmste Wesensmerkmal unserer Spezies ist die Unfähigkeit, einen Unterschied einfach nur als Unterschied zu akzeptieren. Entweder erheben wir ihn auf die Stufe “besser als wir selbst” und müssen ihn niederreißen, oder wir erniedrigen ihn andererseits zum “schlechter als wir” um ihn dann auszubeuten.

Wir würden so vieles besser machen, wenn wir nur akzeptieren könnten, dass Unterschiede einfach nur Unterschiede sind und kein BESSER oder SCHLECHTER.

Ich dachte, ich gestalte den Unterschied zwischen Männern und Frauen so extrem und beobachte, wie meine Figuren damit umgehen. In manchen Bereichen waren die Konsequenzen grausam, in anderen jedoch haben die Menschen hart dafür gekämpft, die Gesellschaft zusammen zu halten. Das war es, was mich interessiert hat.

Woher kam die Idee zu New World?

Ich dachte über neue Grenzen nach – wie Amerika oder Australien – und wo die nächste wohl verlaufen könnte. Offenbar würde sie „irgendwo da Draußen“ liegen und ich begann mich zu fragen, ob wir immer und immer wieder die gleichen Fehler begehen würden. Unsere regionalen Probleme im Gepäck, die Ureinwohner in gewohnter Weise unterdrücken usw., usw. Diese Gedanken waren es – ja.

Was empfindest du für deine Protagonisten? Du hast Todd und Viola von einem Desaster ins nächste geschrieben und dir oft recht viel Zeit gelassen, ihnen einen kleinen Fluchtweg freizuschreiben. Kein schlechtes Gewissen?

Ich liebe Todd und Viola. Ich weiß, dass ich ihnen viele Schwierigkeiten bereitet habe, aber ich war eben immer daran interessiert, zu sehen wie sie reagieren. Das Thema des Romans dreht sich um den Punkt, die eigene Menschlichkeit in unterschiedlichsten Situationen zu bewahren. Ich denke, beide haben ihre Fehler gemacht – das ist es, was Menschen eben tun – aber sie haben ebenso ultimativ gelernt, einander zu vertrauen um menschlich zu bleiben. Ich empfinde sie beide als berührend – und wünsche ihnen Gutes.

Im Gegensatz zu seinem Alter von 13/14 Jahren ist Todd eine ausgeprägt starke Persönlichkeit. Er ist mutig, selbstsicher und zielbewusst. Gibt es ein reales Vorbild für ihn – finden wir gar der jugendlichen Patrick Ness in dieser Figur wieder? Und wer ist Viola? Nur eine Erfindung?

Ich befürchte, es gibt kein reales Vorbild für Todd. Ich selbst war nicht annähernd so selbstbewusst wie er, aber es kann sein, dass ich in weiten Teilen so dachte. Im Wesentlichen sind beide, Todd und Viola, erfunden. Ich hatte eine Vorstellung von ihnen und setzte sie dann bestimmten Situationen aus um zu sehen, wie sie damit umgingen und wuchsen.

Vielleicht haben sie so begonnen, ein eigenes Leben zu führen.

Todd musste ohne seine Eltern aufwachsen, hatte jedoch in Ben und Cillian zwei exzellente Ziehväter. Beide sind verantwortlich für seine Stabilität auf dem schwierigen Weg, den er zu meistern hat. Welche Bedeutung hat Erziehung für dich?

Die Liebenswürdigkeit ist wichtig, teilweise erkennt man genau daran, dass Todd nicht wirklich gut mit seinem Ziehvater Cillian auskommt. Am Ende jedoch begreifen wir, dass Cillian ihn liebt und nur sein Bestes will. Ich denke, Liebenswürdigkeit ist wirklich das Schlüsselwort.

Wir gehen so lieblos mit uns selbst um, dass es auf unsere Kinder ausstrahlt. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass wir Kindern immer alles geben sollten, was sie gerade begehren! Aber immer zu wissen, dass man geliebt wird ist meiner Meinung nach das Beste was man jemals für sein Kind tun kann.

Du bist gebürtiger Amerikaner, hast einige Jahre in Hawaii, Washington und Los Angeles verbracht, bevor du nach London gezogen bist. Ist es das tropische Klima der englischen Hauptstadt oder gibt es einen anderen Grund, dort zu leben?

Mein Partner ist Engländer – so einfach ist das. Das Wetter ist vergleichbar mit dem in Seattle, wo ich einen Großteil meiner Jugend verbrachte, und insofern stellt es für mich kein Problem dar. Mir gefällt es sehr hier und ich fühle mich wohl.

Welche Bedeutung hat es für dich, zu wissen, dass deine Bücher weltweit, ganz besonders natürlich in Deutschland, gelesen werden? Stehst du in Kontakt zu deutschen Lesern und wie sieht das Feedback aus?

Ich hatte viele Kommentare von deutschen Fans auf meiner Webseite und einige sehr schöne Rückmeldungen. Ich bin mehr als erfreut darüber, Leser in Deutschland zu haben. Ich spreche ein ganz klein wenig, ein klitzeklein wenig, ein winzig wenig Deutsch (“bisschen”) und deshalb ist es immer großartig, von euch zu hören.

(Zitat aus der englischen Originalfassung des Interviews: I speak a teeny, tiny, wee little bit of German (ein bisschen), so it’s always great to hear from you.)

Auf welche Frage, die man dir noch nie gestellt hat, würdest du gerne antworten?

“Darf ich dir einen Drink ausgeben?” – Meine Antwort: Ja.

Gibt es neue Projekte? Dürfen wir uns auf eine neue Trilogie oder einen neuen Roman freuen oder fällt das in die Kategorie “Top Secret”?

Im Mai erscheint mein neuer Roman “A Monster Calls” in England. Dazu wird es bestimmt bald auch in Deutschland interessante Neuigkeiten geben, aber das ist wirklich noch streng geheim.

Patrick – danke für dieses Interview!

You’re very welcome. Chusst! (nach einer Rückfrage bei Patrick erschließt sich mir das englisch – umgangssprachlich – verdeutschte Chusst als “Tschüss” )