Weihnachten 1944 – Ein Ring der alles veränderte…

Die Geschichte eines Rings... Weihnachten 1944

Die Geschichte eines Rings… Weihnachten 1944

Weihnachten 1944. Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, will das allerdings nicht wahr haben. Unvermindert erntet der Tod auf den Schlachtfeldern der Welt die aufgegangene Saat des Grauens. Unvermindert sterben Soldaten aller Seiten in den abgelegensten Regionen, die sie vor dem Krieg nicht mal auf dem Atlas gefunden hätten. Gar nicht unvermindert, sondern auf dem absoluten Höhepunkt befindet sich die Dimension des Holocaust, der in den Konzentrationslagern der Nazis den Begriff Massenmord zu sprengen beginnt. Völkermord trifft es viel eher.

Deutschland befindet sich bereits flächendeckend unter einem Bombenteppich. Das gewählte Mittel der Alliierten, um das Dritte Reich dort zu schlagen, wo die Unterstützung für die Diktatur zu suchen ist. In der Zivilbevölkerung. Massensterben auch hier. Und wo noch nicht gestorben wird, da zittert man um die Angehörigen, um die Söhne im Krieg und vor der herannahenden Katastrophe. Man beginnt, sich vor dem Sturm zu ängstigen, den man selbst gesät hat. Dresden bleibt nur dieses Weihnachten, bevor es im Februar 1945 untergeht. Victor Klemperer hat uns alles darüber in seinen Tagebüchern erzählt. Vieles brennt. Noch viel mehr wird brennen.

Auch in meiner Heimatstadt Trier wartet man in diesen Tagen auf das Weihnachtsfest. Meine Großeltern harren in ihrer Bäckerei aus und versuchen, das Angebot an Brot durch Improvisation und Geschick aufrecht zu halten. Und sie warten auf Post von der Front. Zwei Söhne dienen dem Reich. Eingezogen und verpflichtet – beide nun knapp 20 Jahre alt. Im Osten unterwegs… seit zwei Jahren. Warten auf Neuigkeiten ist in diesen Tagen ein Graus. Zeitungen veröffentlichen Todeslisten der Armeen und die Nachrichten sprechen von der großen Flucht aus Ostpreußen… Weihnachten 1944…

Die Tagebücher des Victor Klemperer - Dresden - Das letzte Weihnachtsfest

Die Tagebücher des Victor Klemperer – Dresden – Das letzte Weihnachtsfest

Nachrichten und Briefe von Karl-Heinz und Franz-Josef bleiben aus. Brüder und Angehörige der Wehrmacht, Mosaiksteine des Vernichtunsgkrieges im Osten. Mannschaftsdientsgrade beide und in eisiger Kälte winzige Teile einer untergehenden Armee. Tausende Kilometer von der Heimat Trier entfernt. Da erreicht ganz kurz vor Weihnachten ein Telegramm meine Großeltern. Der Inhalt niederschmetternd: Franz-Josef, der ältere der beiden Brüder, sei am 2. August 1944 in der Gegend von Yassi gefallen und ein Paket mit seinem persönlichen Nachlass folge per Feldpost nach Trier.

Ein Sohn tot. Die Nachricht lastet schwer auf der Familie und voller Furcht wartet man auf weitere Post. Den Briefträger nur zu sehen… ein Grauen. Die Tage zu überstehen – für Vater und Mutter eine Seelenfolter. Und nun kommt Weihnachten. Das Fest der Liebe und ein Fest für die Familie. Und mit diesem Fest kommt das Paket von der Front. Unscheinbar und klein. Nicht viel bleibt von einem Soldaten in diesen Tagen. Es wird geöffnet – man findet unter Tränen Bilder von sich selbst, eine verkohlte Brieftasche, das unkenntliche Soldbuch, eine halbe Erkennungsmarke und einen Ring. Einen Siegelring der zum Zusammenbruch der Eltern führt.

Diesen Ring gab es nur ein einziges Mal in der Familie. Nur ein Sohn trug ihn. Und es war der Jüngere. Das Paket war nicht das erwartete. Der Siegelring von Karl-Heinz war schneller als das Telegramm, das auch seinen Tod am 19. Oktober 1944 in Ostpreußen verkündete. Mit diesem Inhalt konnte man nicht rechnen. Auf einen Schlag war alles verloren. Beide Jungs gefallen… nur noch ein Sohn übrig. Und der war zu jung für den Krieg – mein Vater. Bruderlos nun. Weihnachten 1944. Kein Fest mehr und die Weihnachtspost hatte für die Überlebenden der Familie bis zu ihrem Tod etwas Bedrohliches – die Traumatisierung jener Tage wurde zum unheilbaren Teil ihres Wesens.

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet - Lenas Tagebuch

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet – Lenas Tagebuch

Weihnachten 2013 – knapp 70 Jahr später ist durch ein sichtbares Band mit jenen Tagen verbunden. Ich kenne kaum Bilder der Brüder meines Vaters. Ich habe lange recherchiert, wie sie lebten und fielen. Was sie taten und an welchen Operationen sie beteiligt waren im Krieg. Wenig ist zu erfahren. Zu unbedeutend war ihr Beitrag als Miniatur im riesigen Räderwerk der Geschichte. Und doch verbindet uns ein sichtbares Symbol. Jener Ring von einst liegt heute neben mir.

Ausgerechnet neben mir, möchte ich rufen. Denn seit Jahren schreibe ich nun schon mit Bianca „Gegen das Vergessen, gemeinsam versuchen wir den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht zu geben und ihre Geschichten und die Bücher darüber unvergessen zu machen. Gemeinsam ziehen wir durch die Lande und tragen diese Botschaft vor uns her und auf der Basis unserer Bücherliebe verbindet uns dies ebenfalls mit einem unzerreißbaren Band.

Und genau dieser Ring lässt mich nicht los. Er war an der Hand meines Onkels, als er in Ostpreußen fiel. Das Landgut Klein Trakehnen wurde in diesen Oktobertagen des Jahres 1944 evakuiert und ein langer Flüchtlingsstrom zog sich, auf der Flucht vor der Roten Armee, in Richtung Westen. Dieser Ring war sein Wegbegleiter und manchmal wünschte ich, er könnte erzählen. Einfach nur reden und mitteilen, was er sah, was er mit anschauen musste, wie sehr die Hand vor Kälte zitterte, die ihn trug. Wie sehr sie vor Angst zitterte und wie oft sie sich zum Kampf erhob – und gegen wen…

Evakuiert heißt nicht gerettet - Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Evakuiert heißt nicht gerettet – Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Er schweigt. Und manchmal denke ich, dass es gut ist, dass er seine Geheimnisse behält. Er hat es nicht geschafft, bei meinem Onkel zu bleiben. Selbst im größten Chaos muss es jemanden gegeben haben, der ihn von der sterbenden Hand entfernte und mit wenigem anderen Hab und Gut in einen versiegelten Umschlag steckte und ihn mit dem Flüchtlingstreck nach Hause schickte. Wenige haben diesen Marsch überlebt. Der Ring hat es geschafft. Weihnachten 1944 erreichte er Trier. Und Jahre später erreichte er mich. Ein Erbe mit Symbolkraft.

Seit ich „Gegen das Vergessen“ schreibe, begleitet er mich. Ich stelle mir oft die Frage, ob die kleine Lena Muchina vor diesem Ring zittern musste, da er vielleicht an der Belagerung Leningrads beteiligt war. Lenas Tagebuch wurde lesend für mich erneut zu einer Suche nach den Soldaten auf der anderen Seite… von ihr aus betrachtet. Der Ring schwieg dazu sein schweigendes Lied.

Ich war ein Glückskind von Marion Charles warf für mich auf jeder Seite die Frage auf, ob sie auch vor Menschen, wie jenen in meiner Familie geflohen ist und nach England evakuiert wurde. Sie wirft die Frage auf, ab wann Juden in der Bäckerei meiner Großeltern nicht mehr bedient wurden, werden durften… oder wie auch immer man das nennt. Sie wirft die Frage auf, ob sie etwas unternommen haben… Aber sie wirft nicht die Frage auf, ob man etwas gewusst hat. Das setze ich voraus. Diese Sichtweise kann mir niemand nehmen. Jeder wusste, und jeder hat funktioniert. Jeder in seiner eigenen Dimension in einem Land, das öffentlich dem jüdischen Leben ein Ende bereitete.

Das Ecjholot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Das Echolot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Der Ring schweigt beharrlich. Er erzählt nichts. Auch im Echolot“ von Walter Kempowski wurde ich lesend nicht fündig… er sammelte wenig über die letzten Kriegsmonate und die Tagebuchaufzeichnungen von Soldaten im Russlandfeldzug zeigten mir, wie sie gefühlt haben, aber sie zeigten mir keine Spur zu jenem Ring. Ich las und schrieb. Und wenn ich nicht las oder schrieb, dann sprach ich mit Bianca über diese Gefühle und auch über ihre Erlebenswelt zu dieser Zeit, die unfassbar tiefe Sichtweise ihrer Oma und auch über die Opfer in Dresden.

Ich fühle mich auf einer Mission, die mich vor wenigen Tagen an der Seite der politischen Malerin Peggy Steike in zwei 9. Klassen einer Hauptschule trieb. Über den Holocaust reden. Verhindern, dass sich ähnlicher Terror auch in kleinem Maßstab wiederholt, das Vergessen zu verhindern und dies ohne Schuldgefühl oder Angst vor erhobenem Zeigefinger – dieser Mission stelle ich mich leidenschaftlich – und gottlob nicht allein. Und auch an diesem Tag war der Ring bei mir. Ganz heimlich. Er schwieg.

Ich möchte niemanden verurteilen, ich möchte niemanden von seiner Schuld freisprechen, ich neige nicht zu wilden Spekulationen, aber nach Jahren des Schreibens „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust und angesichts der Vielzahl der Artikel über wichtige Bücher zu diesem Thema erlaube ich mir, den Menschen zu Gedenken, die in einem besonderen Moment ihres Lebens nur Söhne waren, die ein verlorenes Leben erneut und endgültig verloren. Menschen, die auf eine unfassbare Art und Weise ebenfalls zu Opfern wurden und doch dafür mitverantwortlich waren, dass wieder andere Menschen bis heute Opfer sind.

Bücher - Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Bücher – Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Ich wünsche mir oft, dieser Ring wäre an der Hand meines Onkels nach Hause gekommen. Beide Brüder wären heute fast 90 Jahre alt. Ich hätte gerne mit ihnen gesprochen. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Der Träger des Rings, Karl-Heinz, hat kein Grab gefunden – nur ein Eintrag in einem Gedenkbuch an die Toten der Kriege legt Zeugnis über sein Leben ab. Sein Bruder Franz-Josef liegt in Rumänien – in fremder Erde. Vielleicht besuche ich sein Grab und bringe ihm den Ring seines Bruders. Ich sollte das tun, denke ich…

Und nun schließe ich meine Hand um jenen Ring und erlaube mir, um beide zu weinen… sorry…

Literatwo und Peggy Steike - Eine Allianz des Erinnerns

Raily und Peggy Steike – Eine Allianz des Erinnerns

Spiegelkind trifft Peggy Steike

Wort trifft Bild und wird zum Sinnbild für Spiegelkind

Eine Malerin – Ein Buch – Eine Autorin – Eine magische Begegnung

Kaum haben wir das Jahr 1913 und damit den magischen Sommer des Jahrhunderts verlassen so werden wir auch schon von einer Dimension des Buches eingeholt. Florian Illies hatte uns die Tür zu bedeutenden Malern des beginnenden 20. Jahrhunderts geöffnet und vieles über ihre Beweggründe und Ziel erzählt. Vielen dieser Malern – besonders jedoch den Vertretern der abstrakten Form dieser bildenden Kunst standen wir bis zu diesem Buch sehr skeptisch gegenüber. Dieses Bild hat sich gewandelt. Wir haben begonnen, zu verstehen.

Nun ist dies nicht unser erster Kontakt zur Malerei. Bei unserem Schreiben Gegen das Vergessen von Holocaust und Genozid sind wir der „Politischen Malerin“ Peggy Steike begegnet, die mit ihren unvergleichlichen Bildern das gleiche Ziel verfolgt. Ein gemeinsamer Artikel in Wort und Bild entstand auf diesem Wege:

Peggy Steike - Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

„Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht… 

„Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu…“ 

Bei einem Besuch in ihrem Atelier wurde aber schnell klar, dass dies nur eine Dimension ihres Schaffens ist. Neben den Bildern verfolgter und gedemütigter Menschen erschafft sie Portraits ihrer Tochter, Gemälde von Tieren und Landschaften und viele weitere bildliche Impressionen – sie weisen den Weg zu einer Künstlerin, die ihr Herz in vielschichtiger Form in die Hand zu nehmen vermag, um Emotionen auszudrücken oder sich einfach selbst ein Bild vom Leben zu machen.

Als wir dann in aller Tiefe Alina Bronskys Jugendbuch Spiegelkind lasen, mussten wir an vielen Stellen an Peggy Steike denken, da die Botschaft dieses Romans eine tragfähige Brücke aus dem Bereich der Fantasy in unser reales Leben schlägt. Was passiert, wenn man einer Tochter sagt, dass ihre Mutter verbotenes getan hat? Was passiert, wenn die Mutter unversehens von der Bildfläche verschwindet und was passiert, wenn man der Tochter die letzten Lebensbeweise der Mutter nimmt? Würde nicht jedes Mädchen zur Furie werden und die Fackel des Protests durch ihr Leben tragen?

So ist es im Roman Spiegelkind. Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch nur Juli selbst nimmt Anstoß daran. Die einzige Erinnerung sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Bilder. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie…. Und Juli begreift immer mehr: Die Werke ihrer Mutter gelten als „verbotene Kunst“. Sie sind zu vernichten und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen.

Ein Bild verbindet Bücher

Ein Bild verbindet Bücher

Sieht man die Gemeinsamkeiten nicht auf einen Blick? Fallen dem Leser da nicht alle Schuppen aus den geneigten Augen? Auch Peggy Steike ist Mutter (und welch Zufall – ihre Tochter trägt den gleichen Vornamen, wie die Autorin von Spiegelkind) und in den meisten Zeitfenstern des vergangenen Jahrhunderts wären ihre Bilder definitiv verboten gewesen – entartet – politisch gefährlich – und damit wäre auch sie selbst vom herrschenden  System beiseite gefegt worden.

Und heute? Ist nicht das Malen gegen „RECHTS“ gefährlich? Ist nicht jedes Ausstellen ihrer Kunstwerke riskant und gleichsam mutig? Und was würde Alina tun, wenn man ihr erklärte, dass die Werke der Mutter vernichtet werden müssten? Was wohl?

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Spiegelkind ist ein absolut großes Jugendbuch mit einer unfassbar intensiven Botschaft. Uns haben die Bilder bewegt – uns hat der Vergleich bewegt und wir konnten keinen anderen Weg gehen, als Peggy Steike und Spiegelkind zusammenzubringen.

Nicht zum ersten Mal haben wir Kreise geschlossen, die es vorher gar nicht gab. Nicht zum ersten Mal beobachten wir nun Dinge, auf die wir in gewisser Weise mehr als stolz sind. Peggy Steike und Alina Bronsky stehen miteinander in Kontakt und nicht nur das. Peggy Steike würde wohl kein Buch rezensieren – sie würde wohl keinen Artikel schreiben (obwohl sie dies natürlich könnte) – aber sie hat eine andere Art auszudrücken, wie sehr ihr „Spiegelkind“ gefallen hat und was der Roman in ihr ausgelöst hat.

Die Hütte im Wald - Peggy Steike - Inspiriert durch Alina Bronsky - Spiegelkind

Die Hütte im Wald von Peggy Steike – Inspiriert durch Alina Bronsky

Sie hat die Hütte auf dem Bild in Julis Zimmer gemalt. Und zwar in einer solchen Art und Weise, dass jedem Leser Hören und Sehen vergehen muss vor lauter Freude. Es ist die Hütte – mit dem Geschirrtuch und dem Futternapf für die Katze – die Hütte, die sich immer ein wenig verändert, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen…..

Könnt ihr es sehen? Alina Bronsky schrieb auf Facebook zu diesem Bild: „Peggy Steike hat mir in den Kopf geschaut“. Alina hat diesen Blick durch ihr großes Buch zugelassen und Peggy Steike hat wohl die emotionalste Rezension des Jahres gemalt.

Gemeinsam gehen wir den Weg auch in die Fortsetzung und freuen uns auf „Spiegelriss“. Und was ist mit dem Bild, werdet ihr fragen. Es ist auf dem Weg zur Autorin. Peggy hat es sorgsam verpackt und die blühende Pflanze dorthin geschickt, wo der Samen des ersten Gedankens gesät wurde. Zu Alina Bronsky. Diese Geschichte musste erzählt werden… Wahrhaftig…

Ein Bild geht auf Reisen

Ein Bild geht auf Reisen

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als eine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Was bitte kann Malerei mehr bewirken, als einen solchen Ruf der Zeit zu reflektieren? Wort und Bild im Schulterschluss. Wir danken fürs Lesen….

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Eine weites Feld – Das Spektrum der politischen Malerin Peggy Steike

Gegen das Vergessen lesen und schreiben – Ich habe mich diesem Ziel verschrieben. Den Opfern von Verfolgung, Genozid und Holocaust gedenken und Hintergründe beleuchten, dies wollen wir mit unseren Artikeln über die Literatur zu diesem Thema bewirken. Gegen das Vergessen zu schreiben ist auch in der heutigen Zeit das mutige Ziel vieler Schriftsteller. Schade, dass viele Menschen nicht lesen wollen, oder nicht bereit sind, sich mit den Lehren aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Im weiten Feld der Kultur ist die Konfrontation mit den dunklen Stunden der Weltgeschichte nicht nur auf die Literatur begrenzt. Die Malerei ist eines der wohl eindrucksvollsten Felder, Gedankenketten auszulösen und Bildersamen in die Herzen der Menschen zu pflanzen.

Mit nur einem vorsichtigen Klick gelangt ihr ins Atelier von Peggy Steike

Wir begegnen Peggy Steike, die man wohl mit Fug und Recht als politische Malerin bezeichnen kann. Die Künstlerin setzt sich intensiv und erfolgreich mit den Epochen auseinander, die man unter der Überschrift „Verfolgung“ zusammenfassen kann.

Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des atemlosen Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht. Jedes ihrer Bilder verknüpft sich mit einem unserer Bücher, einem Artikel oder der Vision des Schreckens. Eindrücke, denen wir ruhelos folgen um aufzurütteln.

Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu und wir möchten mit ihr gemeinsam zeigen, was geschieht, wenn wir zusammenführen, was zusammengehört. Wort und Bild… Text und Impression…

Die Mehrdimensionalität des Erinnerns!

Wort trifft Bild – Eine Symbiose gegen das Vergessen

DAS AUSCHWITZ-ALBUM

Holocaust – Lili Jacob – Ein unbeschreibliches Schicksal

Es geschah im Mai 1944. Ein Zug fährt ein – Viehwaggons im Schlepptau – jeder einzelne von ihnen sinnlos überfüllt mit hungernden Menschen jüdischen Glaubens. Dieser Transport war nur einer von unzähligen Deportationszügen, die an der Todesrampe ankamen.Von der ganzen Welt scheinbar unbemerkt und hinter einem Schleier des Schweigens verborgen erreichte Lili Jacob (18) das Todeslager Auschwitz in Polen.

An diesem Tag jedoch geschah etwas unfassbares…

Mit den Photos, die im „Auschwitz Album“ veröffentlicht wurden, haben SS – Offiziere ungewollt das Schweigen gebrochen – sie haben zwar mit keinem Wort etwas ausgesagt, und doch mehr veröffentlicht als sie jemals zu beabsichtigen glaubten. Sie griffen an einem Tag im Mai 1944 in Auschwitz zu einem Photoapparat und dokumentierten den Ablauf der industrialisierten Massentötung am Beispiel eines Transportes ungarischer Juden. (weiter…)

Porträt des befreiten Häftlingskindes Janek Szlajtsztajn (Haft-Nr. 116543 – Lager Buchenwald – von Peggy Steike

Peggy Steike – Buchenwald 1945

Peggy Steike zu ihrem Bild: 

Ich hatte von diesem Ort schon als Kind gehört. In der Schulzeit waren wir dort zur „Besichtigung“. Ich kann nicht beschreiben was in mir vor ging – schon als Kind habe ich gespürt das dieser Ort über die Jahre nichts von seiner Grausamkeit eingebüßt hat. Auch die schöne Gegend konnte nicht darüber hinwegtäuschen, ich erinnere mich, wie unwirklich mir das vorkam.

Ich bin älter geworden, habe selbst ein Kind, bin belesen und habe mich mit dem Thema Shoa auseinandergesetzt. Doch die Unfassbarkeit von damals ist geblieben. Angesichts der heutigen Gesellschaft ist es mir mehr als nur ein Anliegen aufzurütteln und zu erinnern. Denn das wozu der Mensch damals fähig war, darf sich nicht wiederholen. Und leider gibt es auch heute noch jene, die diese Form der Intoleranz fortsetzen…

GEDANKENKETTEN

Bücher lösen Gedankenketten aus – Die Vergangenheit immer im Sinn

Das große Eingangstor mit der Aufschrift “Jedem das Seine” machte mir damals Angst. Es zu durchschreiten, war als ob ich in eine anderen Welt ging, in die ich nie gehen wollte, die es für mich am Liebsten nie gegeben haben sollte. Eva Mozes Kor musste das Tor mit der Aufschrift “Arbeit macht frei” damals in Auschwitz kennen lernen, ein Tor das auch sie ganz sicher nie durchschreiten wollte.

Ihr war kalt, mir war an diesem Tag kalt und doch war ich nur zur Besichtigung dort, sie musste um ihr Überleben kämpfen. Bedrückend, ungeheuerlich, eine Vorstellung die schmerzt. (weiter…)

Jedem das Seine (Eingangstor KZ Buchenwald) – von Peggy Steike

Peggy Steike – Buchenwald

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Im Konzentrationslager Buchenwald stand die zynische Inschrift, nach innen gerichtet, auf dem Haupttor. Der inhaftierte Bauhauskünstler Franz Ehrlich gestaltete diese. Was müssen sich die Menschen gedacht haben, die dieses Tor zum sicheren Tod durchschritten haben?

Wir waren damals Kinder, Schüler einer 6. Klasse und wir alle verstummten schlagartig als wir durch das Tor gingen. Jeder von uns musste seine Gedanken und Gefühle für sich ordnen. Keiner war zu einer Äußerung fähig. Erst auf der Heimfahrt wurde langsam und flüsternd über das Gesehene gesprochen… 

DIE KUNST DES VERGEBENS

Eva Mozes Kor – Eine Überlebende verzeiht den Tätern

Eva und Miriam Mozes verloren alles, was ein Kinderleben in der heutigen Zeit ausmacht. Ihre Identitäten, ihr wohlbehütetes Elternhaus, ihre Menschenrechte und ihre Würde. Als Laborkinder wurden sie über Monate vom „Todesengel“ von Auschwitz, Dr. Josef Mengele für pseudomedizinische Versuche missbraucht.

Krankheitserreger wurden der einen Schwester injiziert– unbekannte Substanzen der anderen. Vergleichen wollte Mengele. Vergleichsgut waren Zwillinge. Nach dem Tod des Einen wollte er dann über die gesunden Organe des Anderen verfügen. Pervers – menschenverachtend. (weiter…)

Zdenka Hlavica (ermordet in Auschwitz) – von Peggy Steike

Peggy Steike – Zdenka Hlavica – ermordet in Auschwitz

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Zdenka Hlavica – Ein Portrait nach einem Lichtbild (Erfassungsfoto aus dem KZ Auschwitz, 1942) aus der Häftlingskartei des KZ Auschwitz. Die 1900 geborene Jüdin Zdenka Hlavica starb zwei Monate nach ihrer Deportation nach Auschwitz.

Es gibt Bilder, die mich zum Malen zwingen. Dieses Portrait ist eines davon. Die junge Frau ist auf dem Foto etwa so alt wie ich. Hatte sie Kinder? Einen Mann? Wer war sie? Sie sieht freundlich aus, wie die Frau von nebenan. Sie könnte eine Freundin sein…. Fragen die ich mir unweigerlich stellte und Gedanken die mir im Kopf kreisten als ich das Foto vor mir hatte und in diese warmen, angstgefüllten Augen sah.

Aber wie kann ich all diese Gefühle zu Papier bringen die ich in Ihren Augen lesen kann? Niemals! Und doch musste ich es wenigstens versuchen..

DRESDEN BRENNT

Dresden brennt – Die Bombennacht des 13.02.1945

Dresden, 13. Februar 1945.

Es ist eine kalte Dienstagnacht – man hört ein sonores Geräusch am Himmel und die „Volksempfänger“ warnen vor feindlichen Bomberverbänden. Sirenen heulen, Lichtkegel erhellen die Nacht. Sekunden später versinkt eine Stadt im Flammenmeer. Für tausende und abertausende Menschen bedeutet dieses barbarische Flächenbombardement den sicheren Tod. (weiter…)

Dresden 2005 von Peggy Steike

Peggy Steike – Dresden

Peggy Steike zu ihrem Bild:

Dieses Bild entstand kurz nach einem Bild welches Dresden 1945 zeigt. Es ist der Abschluss einer Serie oder Werkgruppe in der die Deutsche Normalisierung im Vordergrund steht und die Personen die dies ermöglicht haben.

Meine Großmutter ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Mein Großvater hat an der Semperoper mitgebaut, er war Maurer. Mein Bezug zu dieser wunderschönen Stadt kommt also nicht von ungefähr. Zum Zeitpunkt der Angriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 lebten beide ca. 60 Kilometer entfernt.

Mein Großvater sagte einmal zu mir: „Wir waren so weit weg. Aber wir haben bis hierher den Himmel brennen sehen…“ Diese Worte habe ich nie vergessen. Es war für mich damals unfassbar, wie man denn das sehen konnte, es war doch so weit entfernt. Ja, der Krieg ist unfassbar. Er ist unfassbar grausam. Er bringt unfassbares Leid mit sich.

Die Frauenkirche war für mich ein Mahnmal dessen und ich muss gestehen das ich erst unbegeistert war, als es hieß sie wird wieder aufgebaut. Heute sehe ich es als Abschluss. Nicht als Abschluss bei dem man vergisst, sondern als Abschluss bei dem man bewältigt…

In der Vorbereitung zu diesem Artikel schrieb uns ein Facebook-User, dessen Profilbild ihn als leidenschaftlichen Motorrad-Fan zeigt: Lass uns nicht vergessen in die Zukunft zu schauen…“. Wir möchten diesen Artikel gerne mit der Antwort auf diesen Hinweis beenden und versprechen schon jetzt, dass wir Peggy Steike in einem exklusiven Interview für Literatwo wieder begegnen werden. Und ihre Bilder werden wir mit nach Dresden nehmen.. Das ist Ehrensache… Da müssen sie einfach mal hin!

Doch nun meine Antwort zum Blick nach vorne: „Der Blick in den Rückspiegel ist die Lebensversicherung, auch für Motorradfahrer. Mit der Geschichte ist es ähnlich… Gute Fahrt 😉