[Thriller] „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ – Gillian Flynn

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Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Herzlich willkommen in Carthage, Missouri. Herzlich willkommen in der 50er-Jahre Atmosphäre eines typisch amerikanischen Kleinstädtchens am Ufer des träge dahinfließenden Mississippi. Mark-Twain-Land – nur wenige Meilen von Hannibal entfernt, dem idyllischen Örtchen, an dem der berühmte Schriftsteller lebte und zu Tom Sawyer inspiriert wurde.

Klingt beschaulich – fühlt sich auch so an…! Träge und in eigener klangloser Melodie fließt das Leben durch die Straßen. Es könnte so schön sein, würde da nicht das mysteriöse Verschwinden einer jungen Frau das ganze Land in Aufruhr versetzen. Gone Girl… eine treusorgende Ehefrau, die scheinbar grundlos von jetzt auf gleich von der Bildfläche verschwindet und einen mehr als ratlosen und verzweifelten Ehemann zurücklässt.

Es hätte so idyllisch sein können…

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Wäre da nicht… ein Anruf in der kleinen Bar von Nick Dunne, die er nach seinem Umzug aus New York in diesem kleinen Nest gemeinsam mit seiner Schwester betreibt. „Eure Haustür steht offen… und das soll wahrscheinlich nicht so sein, oder?“

Wäre da nicht… ein kurzer Sprint nach Hause, um festzustellen, dass hier wirklich nichts mehr so ist, wie es sein sollte. Tür offen, lähmende Stille, das Wohnzimmer verwüstet, Glasscherben und ein zerstörter Tisch, auf dem Boden verstreute Bücher und von seiner Ehefrau Amy keine Spur… absolut keine Spur mehr… wie vom Erdboden verschluckt…

Wären da nicht… fleißige Polizisten, die (wie dies so üblich ist) im Zuge ihrer Suche nach Vermissten zuerst das direkte Umfeld ausschließen müssen, bevor sie sich in entferntere Regionen vorwagen… und hier beginnen sie mit dem verzweifelten ahnungslosen Ehemann.

Wären da nicht… Unstimmigkeiten, die genau diesen armen Mann nun in ein Licht rücken, das ihn in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Geldsorgen, eine beseitigte Blutlache in der Küche (natürlich Amy`s Blutgruppe), ein mitgehörter heftiger Streit der Eheleute am Vorabend des Verschwindens und ein fehlendes Alibi. Die Schlinge beginnt sich immer weiter um den Hals des Ehemannes zu schließen.

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Aus seiner Sicht muss Amy Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein. Aus seiner Sicht ist alles ganz klar. Aus seiner Sicht hat er sich nichts zuschulden kommen lassen. Ein klein wenig Streit, eine verkorkste Ehe, Arbeitslosigkeit und die üblichen Beziehungskrisen… nun gut, aber mehr auch nicht… definitiv nicht… und doch verstrickt sich Nick Dunne in Widersprüche. Kleinigkeiten zwar, aber die Zweifel an ihm werden größer. Eigentlich könnte man ihm fast glauben.

Wäre da nicht… das Tagebuch von Amy Elliot Dunne, das uns Leser von der ersten Seite der Geschichte an begleitet. Es setzt viele Jahre vor ihrem Verschwinden an und zeichnet ein deutliches Bild von einer Beziehung, die immer mehr den Mississippi runtergeht. Angst zieht auf im gemeinsamen Leben und Amy beginnt sich zunehmend unwohl zu fühlen. Unsicher im eigenen Haus… bedroht vom eigenen Mann.

Fast hätten wir dem guten Nick geglaubt, aber jede Zeile im Tagebuch der Vermissten zeichnet ein immer deutlicheres Bild von einem Mann, für den Gewalt in der Ehe kein Tabu zu sein schien. Die öffentliche Meinung schließt sich diesem Bild an und Nick gerät als Hauptverdächtiger ins Kreuzfeuer der Medien. Nur seine Schwester hält zu ihm und anfangs können sich auch Amy`s Eltern nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihr Schwiegersohn… ausgerechnet am fünften Hochzeitstag… sie glauben ihm… anfänglich.

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas gar nicht stimmt. Die Amy des Tagebuches ist so perfekt, so liebevoll und so chronisch missverstanden, dass man bald nicht mehr weiß, wie weit man ihren Zeilen glauben darf, da sie sich von der Wahrnehmung ihres eigenen Mannes so sehr unterscheiden.

Und dann beginnt der richtige Sturm mit voller Fahrt über Nick Dunne hereinzubrechen. Gleichzeitig mit dem Tagebuch seiner Frau taucht zu allem Überfluss auch noch seine junge Freundin auf. Ehebruch… eine verschwundene Frau, Blut und tausend Indizien. Das passt. Wir haben sie am Arsch, Mr. Dunne.

Wäre da nicht… in der Mitte des Buches eine Eintragung im Tagebuch der Ehefrau, die so gar nicht mehr in unser fertiges Vorurteilsbild passt. Wäre da nicht eine plötzliche Erkenntnis, die alles zum Wanken bringt. Auch uns Leser. Unser einfaches und wundervolles Schwarz-Weiß-Bild beginnt sich einzufärben und unsere schlauen Spekulationen erhalten erste tiefe Risse. Plötzlich ist nichts mehr wie es scheint. Es ist so gar nichts mehr so, wie es jemals den Anschein hatte.

Gone Girl - Das perfekte Opfer - mit einem Klick zum Buch

Gone Girl – Das perfekte Opfer – mit einem Klick zum Buch

Gillian Flynn macht uns lesend sprachlos. Sie raubt uns die Luft und den Verstand. Sie hat einen Thriller konstruiert, der so greifbar ist, dass es erschreckt und aufrüttelt. Alles war so klar. Sympathie und Antipathie waren perfekt verteilt und dann sitzt man plötzlich vor den Trümmern der eigenen vorschnellen Schlussfolgerungen. Das Problem dabei: Wir Leser wissen mehr als die Polizei und wir wissen viel mehr als der scheinbar verzweifelte Ehemann.

Aber wir können niemandem helfen. Nur lesen und staunen. Unsere Schnappatmung kontrollieren und beginnen zu hassen. Dieses Buch weckt Gefühle, die beim Lesen eigentlich nur selten entstehen. Man sollte sich wappnen dagegen – man sollte darauf gefasst sein, dass man in die Abgründe der Seele von Menschen blickt und dabei der eigenen atemlosen Verachtung ins Auge schaut.

Hilfloser Hass… ein solches Gefühl hat mir ein Buch noch nie vermittelt – bis zur letzten Seite. Oh könnte man doch nur… oh hätte man doch… und wenn man die Möglichkeit bekäme, man würde wohl die Kontrolle über sich verlieren, wenn man einer der Romanpersonen Auge in Auge gegenüber stünde. Gone Girl wühlt auf und beschäftigt nachhaltig. Glaubt mir das.

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Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Ach ja… kommen wir doch kurz auf den Schauplatz zurück und schauen uns die von der brillanten Autorin auf der Landkarte ihres Thrillers versteckten Metaphern einmal genauer an. Hatte nicht Hannibal damals seine Heimat Karthago verlassen, mit einer bis zu den Zähnen bewaffneten Armee und einigen furchterregenden Elefanten die Alpen überquert um seinen Feind unmittelbar vor dessen eigener Haustür in Rom von der Landkarte zu tilgen?

Hoch war der Blutzoll der Römer und scheinbar unbesiegbar zog Hannibal von Stadt zu Stadt. Hilflos mussten die Römer erkennen, dass er in der offenen Feldschlacht nicht zu besiegen war, also drehte man den Spieß um und vertraute auf den psychologischen Effekt eines Krieges. Rom verschiffte seine Truppen vor die Tore des ungeschützten Carthagos und machte es dem Erdboden gleich. Hannibal verlor seine Heimat und damit den eigentlichen Grund, gegen Rom zu kämpfen.

Was das mit „Gone Girl“ zu tun hat? Augenscheinlich nichts, aber die metaphorische Bedeutung des Schauplatzes ist einfach zu genial, um sie außer Acht zu lassen. Ihr müsst nur selbst herausfinden, wer hier Hannibal ist und wessen Heim mit tiefenpsychologischen Kriegsmitteln zerstört wird. Viel Spaß dabei… und passt einfach genau auf, aus welcher Mücke in Carthage bei Hannibal, Missouri, wahre Kriegselefanten werden.

Blick in den Spiegel gefällig? Täter oder Opfer?

Blick in den Spiegel gefällig? Täter oder Opfer?

In „Gone Girl“ ist der Leser „Das perfekte Opfer… mehr wird nicht verraten 😉 Ein Muss für Freunde psychologischer Hochspannung bis zum letzten Atemzug. Dieser wahnsinnige Thriller wird nächstes Jahr die Kinos erobern. Die Dreharbeiten haben bereits begonnen und mit Ben Affleck und Rosamund Pike stehen bereits die hochkarätigen Schauspieler fest, die uns auf der rasanten Reise in die Abgründe der menschlichen Seele begleiten werden.

Ihr wollt wirklich wissen, ob ihr für dieses Buch bereit seid? Dann stellt euch einfach dem offiziellen Gone Girl – Psychotest und lasst euch überraschen, was dort zutage gefördert wird…. Vorsicht… Vielleicht wollt ihr das Ergebnis gar nicht wissen 😉

Traut euch ruhig... es ist beängstigend...

Traut euch ruhig… es ist beängstigend…

Wenn man nun der feuilletonistischen Presse glauben darf, dann lohnt sich ein Vergleich zweier Werke. “Wer <Gone Girl> gelesen hat, der muss auch <Die Amerikanische Nacht> lesen”, so heißt es landauf, landab. Wir haben beide Romane intensiv eingesaugt und am Ende aller Seiten wagen auch wir den Vergleich: hier…

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Ein Vergleich

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Ein Vergleich

„Das Skript“ von Arno Strobel geht unter die Haut…

Arno, Arno, Arno. Was hast du da nur wieder mit uns angestellt. Die Spannung zog sich durch das ganze Buch, sogar bevor das Buch bei uns eintraf, waren wir schon unter Hochspannung. Das Ganze ging sogar so weit, dass Bianca täglich etwas eher ihren Arbeitsplatz verließ, um zu schauen, ob dein Buch da ist, und um dann so schnell wie möglich zu beginnen. Bei Arndt lag es ja schon und rief laut. Und dann endlich war es da, mit wundervoller Widmung und Autogrammkarte. Jetzt sofort abtauchen, zwischen die Seiten, hinein in Das Skript – so der literatwoische Plan.

Der UPS-Mann brachte der Studentin Nina Hartmann ein Päckchen, welches ihr entspanntes Leben von jetzt auf gleich veränderte. Ein Päckchen, dessen Inhalt das blanke Grauen enthielt. Haut, wahrscheinlich Menschenhaut, mit einer Botschaft auf einen Rahmen gespannt.

Unmittelbar zur selben Zeit verschwindet Heike Kleenkamp, 21 Jahre jung und Tochter des erfolgreichen Dieter Kleenkamp, dem Herausgeber der Hamburger Allgemeinen Tageszeitung (HAT).

Die Polizei muss handeln und gründet die besondere Aufbauorganisation Heike. Oberkommissar Stephan Erdmann und Hauptkommissarin Andrea Matthiesen arbeiten zusammen, um den brutalen Täter zu finden. Der Täter scheint vor nichts zurückzuschrecken, denn er tötet die Frauen nicht nur, sondern quält sie und schneidet ihnen bei lebendigem Leib die Haut vom Körper um dann auf diese seinen Roman, den kein Verlag veröffentlichen wollte, zu schreiben. Die Vorgehensweise und das Verhalten des Täters gleichen dem Roman „Das Skript“ von Autor Christoph Jahn.

Der Bestsellerautor wird verdächtigt, denn es ist nicht das erste Mal, dass ein Roman von ihm nachgespielt wird. Bereits sein früherer Roman „Der Nachtmaler“ wurde damals, als er noch in Köln lebte, nachgespielt. Dieses Grauen brachte seinem Buch größten Erfolg und hohe Verkaufszahlen. Doch Jahn weißt alle Verdächtigungen von sich und auf den verrückten Fan, der für ihn wohl vor keinem Verbrechen zurück schreckt.  Es scheint eine Verbindung zwischen der Paketempfängerin Hartmann und Heike Kleenkamp zu geben, da diese zu „Das Skript“ vor einiger Zeit einen Verriss geschrieben hat, welcher in der HAT abgedruckt wurde. Allerdings machen sich Hartmanns Freund und dessen Kumpel mit ihren Aussagen und ihrem Verhalten ebenfalls verdächtig.

Auch die Buchhändlerin Miriam Hansen, die Christoph Jahn ebenfalls verehrt und seine Romane liebt, rückt in den Verdächtigtenkreis auf.   Die Zeit läuft gegen die Ermittlungen, denn der Täter hält sich akribisch an die Romanvorlage und in kurzer Zeit wird wohl das nächste Päckchen seinen Empfänger erreichen, auf dem die nächsten Zeilen zu finden sein werden, geschrieben auf Menschenhaut.

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Der Trakt“, „Das Wesen“ und jetzt „Das Skript. Arno Strobel hat es mal wieder geschafft, um es gleich zu sagen. Wie immer wünscht er kurzweiliges Lesevergnügen und wie immer erfüllt sich sein Wunsch. Sein dritter Roman steht unter Strom, einmal in der Hand, setzt er unter Hochspannung und ein Loslassen ist bis zur letzten Seite somit unmöglich.

In seinem neusten Werk bleibt er in seinem Arbeitsgebiet, denn „Das Skript“ spielt auch im Skript, ein Roman im Roman, ein absoluter Kunstgriff, denn diese Tatsache beschert Extragänsehaut. Strobels tägliches Umfeld von Leser, Fan, Rezensent, Verlag, Lektor und schließlich ein Autor selbst, ist zu finden. Gerade dieses Szenario ist authentisch und interessant, da man als Leser selbst seine Position darin wiederfindet,  gespickt  mit einer bestialischen Gewalttat, die aber zum Glück Fiktion bleibt.

Arno Strobel trägt zu Recht den Namen Psychothrillerautor, denn er ist ein Meister des Verstrickens und Verwebens. Er schafft es mit einer überschaubaren Anzahl an Protagonisten zu verwirren und auf falsche Fährten zu leiten.

Seine Handlungspersonen haben sehr authentische Charakterzüge und wachsen dem Leser sofort ans Herz oder stoßen den Leser ab. Für „Das Skript“ braucht man wieder starke Nerven, denn ist im Gegensatz zu seinen vorherigen Büchern regelrecht brutal und enthält einige Horrorelemente. Der Roman wird aus zwei Sichtweisen erzählt, zum größten Teil besteht er aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit, zum anderen aus den Häutungsszenen des Mörders und der Gefühls- und Gedankenwelt des Opfers.

„Das Skript“ hat uns vollkommen überzeugt, alle offenen Fragen, die sich während des Lesens gebildet haben, konnten am Ende plausibel beantwortet werden. Auch wenn wir bereits vor der hundertsten Seite wussten oder erahnen wollten, wer hinter diesem grausamen Monster steckt, blieb uns bis zum Ende dennoch die Ungewissheit, denn Arno macht es seinen Lesern nicht leicht, er führt sie von Wort zu Wort mit seinen Romanfiguren an der Nase herum, lässt die Spannung von Kapitel zu Kapitel steigen und setzt die Gänsehautschauer immer genau dann ein, wenn der Leser am empfindlichsten dafür ist.

Wer von Arno Strobel nicht genug bekommt, findet am Ende des Romans noch ein Miniinterview mit ihm und die Leseprobe zu seinem nächsten Psychothriller „Der Sarg“.

Vorsicht Hochspannung!

Unbedingt lesen…