„Spiegelriss“ von Alina Bronsky

Alina Bronsky - Spiegelriss folgt Spiegelkind

Alina Bronsky – Spiegelriss folgt Spiegelkind

„Es wird eine Trilogie“ – mit diesen magischen Worten, oftmals vom Verlag ausgesprochen, fangen sie meist an: Die wahren Probleme des Autorenlebens. Existierte bis zu diesem Zeitpunkt die ausformulierte Grundidee für einen Roman, so gilt es nun zu strukturieren und einen gedanklichen Ablauf zu entwickeln, an welchen Stellen man den geneigten Leser im frisch geknüpften Spannungsbogen alleine lässt, wo man ihn wieder abholt und wie darüber hinaus der Wunsch gesät werden kann, sich auf die Fortsetzung zu freuen – ihr entgegen zu fiebern – es nicht mehr erwarten zu können. Vor Neugier zu platzen…

Ein Cliffhanger ist nach wie vor das probateste aller Mittel, die Spannung bis zu einem bestimmten Punkt zu treiben und dann auf dem siedend heißen Höhepunkt die magischen Worte folgen zu lassen: „Fortsetzung folgt!“ Film und Buch gehen da strategisch oft Hand in Hand.

Spiegelkind“ von Alina Bronsky bildete den Auftakt der „Spiegel-Trilogie und Literatwo hat diesem viel beachteten Auftaktband bereits zwei Artikel gewidmet. Nicht nur uns hat Spiegelkind berührt und bewegt, auch die Malerin Peggy Steike hat ihrer grenzenlosen Fantasie freien Lauf gelassen und ein magisches Bild entstehen lassen, das inzwischen seinen Weg zu Alina Bronsky gefunden hat.

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als seine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Eine Botschaft eines jungen Mädchens: Juliane Rettemi

Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch für niemanden scheint dies ungewöhnlich zu sein. Die einzigen Erinnerungen sind die niemals richtig heilenden Narben auf Julis Rücken und die Bilder ihrer vermissten Mutter. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser magischen Gemälde, auf dem sich Details wie von Geisterhand zu verändern scheinen – eine Hütte im Wald.

Und genau diese Bilder werden nach dem Verschwinden der Mutter im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Juli begreift immer mehr: Diese Werke gelten als „verbotene Kunst“. Sie werden vernichtet und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen. Und diesen Kampf führt sie nicht nur gegen die Verteidiger der „Normalität“ sondern auch gegen ihren eigenen Vater… Kann es sein, dass er für das Verschwinden der Mutter verantwortlich ist?

Alina Bronsky definiert den Begriff Cliffhanger in vielerlei Hinsicht völlig neu. Am Ende von Spiegelkind bleiben viele Fragen offen, die uns in die Fortsetzung „Spiegelriss“ tragen. Die wichtigste aller Fragen ist die nach der wahren Herkunft von Juli Rettemi. Wenn ihre Mutter eine „Phee“ ist, dann muss auch sie selbst über außergewöhnliche Gaben verfügen. Es gilt nur ihre Mutter zu finden und dann könnte sich alles auflösen… irgendwie… denkt Juli…! Spiegelkind endet an einem Punkt der uns sprachlos gemacht hat… nachdenklich und emotional.

Juliane Rettemi - Gesucht - Gefährlich - PHEE

Juliane Rettemi – Gesucht – Gefährlich – PHEE

Es war ein magischer Moment, mit Juliane gemeinsam den Weg zu ihrer Mutter zu finden. Die Quadren waren nicht nur normale Bilder, sondern gleichsam die Pforten zur ihre Zufluchtsstätte. Der Weg zur Mutter führt im wahrsten Wortsinn durch die Bilder.  Die Begegnung mit ihrer Mutter öffnet allerdings eine Tür zu weit größeren Geheimnissen, die Juli niemals für möglich gehalten hätte. „Dein Vater ist nicht dein Vater!“

Recht atemlos vor Spannung schlugen wir die ersten Seiten von „Spiegelriss“ auf, um uns auf die Spur der wahren familiären Herkunft Julis zu begeben und plötzlich verstanden wir, warum das Buch seinen bezeichnenden Titel trägt. Wer der Meinung war, das „Vater“-Geständnis sei ein Cliffhanger, der wird schon zu Beginn von Spiegelriss davon überzeugt, dass Alina Bronsky es noch sehr gut mit ihren Lesern gemeint hat. Denn das Buch beginnt mit einem wahren Paukenschlag.

Juliane Rettemi ist vor ihrer Mutter geflohen – erbost, weil ihr die Wahrheit über das eigene Leben verschwiegen wurde und nun befindet sie sich in der Gesellschaft von zwielichtigen Gestalten relativ behütet inmitten des geheimnisvollen Waldes. Ein Rudel hat sich ihrer angenommen – und dies obwohl Juli inzwischen gesucht wird – landesweit.

Als Mörderin ihres Vaters…!

Das Pheen - Gefängnis - Dementio

Das Pheen – Gefängnis – Dementio

Aus einer jungen Frau wird die meistgesuchte „Nicht-Normale“ des Landes. Gehetzt und im ständigen Kampf ums Überleben stehen ihr nur wenige wahre Freunde bei und selbst diese scheinen geheimnisumwitterter zu sein, als Juli es für möglich hält. Kojote zum Beispiel, ein junge aus dem Rudel, wird zu ihrem Weggefährten und Beschützer, scheint allerdings dabei seine eigenen Ziele zu verfolgen und Julis bester Freundin Ksü geht es von Tag zu Tag schlechter. Sie scheint zu verschwinden.

Durch grenzenlosen Verrat gerät Juli in die Fänge der Häscher und findet sich im berüchtigten Pheen-Gefängnis „Dementio“ wieder. Verhöre, psychischer Druck und die drohende Todesstrafe lassen in Juliane Rettemi Kräfte erwachsen, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Eine wahre Phee erwacht…

Alina Bronsky erzählt nicht – sie schreibt nicht – sie schleicht sich mit ihren Ideen in unsere Köpfe und Herzen. Wir wissen immer ein wenig mehr, als Juliane und wir versuchen insgeheim zu erahnen, in welche Richtung der Weg führen könnte.

Alina Bronsky - Spiegelriss - Ein Scheiterhaufen

Alina Bronsky – Spiegelriss – Ein Scheiterhaufen

Wir realisieren, welche Fähigkeiten in Juli zum Vorschein kommen – für sie selbst ist dies ein schleichender und eher unbewusster Vorgang. Ihre Sinne scheinen sich zu schärfen – ihre Wahrnehmung lässt sie Dinge erkennen, die sich dem „normalen“ Menschen entziehen. Und ihre Sinne bewegen sich nicht mehr linear, sondern auf unterschiedlichen Zeitebenen. Und dies ist nur der Anfang!

Doch gerade diese Wahrnehmungen sind präziser als die Trugbilder hinter denen man sie ein Leben lang versteckt hat. Zeit, den Weg zu gehen – Zeit ihre eigene Geschichte zu entdecken – Zeit die Spiegel einer Zerreißprobe zu unterziehen, wie nur eine wahre „Phee“ dies kann – Zeit nicht nur sich zu helfen, sondern ihren Freunden und vielleicht dem mächtigsten Verbündeten: dem Wald, der immer dichter wird, näher rückt  und  für die Normalität zur ultimativen Bedrohung wird.

Genau jenem Wald, in dem eine einsame Hütte steht… Der Wald, in dem Julis Mutter lebt und der Wald, der versucht, in Frieden mit den Menschen zu leben. Kann Juliane Rettemi mehr als nur sich selbst vor der Normalität bewahren?

Eine mehr als grandiose Fortsetzung – ein meisterlich konstruierter Spannungsbogen und ein Hauch einer Ahnung, an welcher Stelle uns Alina Bronsky zum dritten Teil abholen wird. Wir werden da sein.

Versprochen….

Und zum guten Ende haben wir noch eine Überraschung für alle Leser, in deren Bücherregal „Spiegelkind“ noch ganz alleine steht. Ein funkelnagelneues Exemplar von „Spiegelriss“ würde sich gerne auf die Reise zu seinem Vorgänger machen, weil einfach nicht getrennt sein darf, was zusammengehört. Kommentiert doch einfach diesen Artikel und teilt uns mit, warum das Buch ausgerechnet zu euch reisen muss… Wir werden uns die Entscheidung nicht leicht machen 😉

Spiegelkind trifft Peggy Steike

Wort trifft Bild und wird zum Sinnbild für Spiegelkind

Eine Malerin – Ein Buch – Eine Autorin – Eine magische Begegnung

Kaum haben wir das Jahr 1913 und damit den magischen Sommer des Jahrhunderts verlassen so werden wir auch schon von einer Dimension des Buches eingeholt. Florian Illies hatte uns die Tür zu bedeutenden Malern des beginnenden 20. Jahrhunderts geöffnet und vieles über ihre Beweggründe und Ziel erzählt. Vielen dieser Malern – besonders jedoch den Vertretern der abstrakten Form dieser bildenden Kunst standen wir bis zu diesem Buch sehr skeptisch gegenüber. Dieses Bild hat sich gewandelt. Wir haben begonnen, zu verstehen.

Nun ist dies nicht unser erster Kontakt zur Malerei. Bei unserem Schreiben Gegen das Vergessen von Holocaust und Genozid sind wir der „Politischen Malerin“ Peggy Steike begegnet, die mit ihren unvergleichlichen Bildern das gleiche Ziel verfolgt. Ein gemeinsamer Artikel in Wort und Bild entstand auf diesem Wege:

Peggy Steike - Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

„Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht… 

„Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu…“ 

Bei einem Besuch in ihrem Atelier wurde aber schnell klar, dass dies nur eine Dimension ihres Schaffens ist. Neben den Bildern verfolgter und gedemütigter Menschen erschafft sie Portraits ihrer Tochter, Gemälde von Tieren und Landschaften und viele weitere bildliche Impressionen – sie weisen den Weg zu einer Künstlerin, die ihr Herz in vielschichtiger Form in die Hand zu nehmen vermag, um Emotionen auszudrücken oder sich einfach selbst ein Bild vom Leben zu machen.

Als wir dann in aller Tiefe Alina Bronskys Jugendbuch Spiegelkind lasen, mussten wir an vielen Stellen an Peggy Steike denken, da die Botschaft dieses Romans eine tragfähige Brücke aus dem Bereich der Fantasy in unser reales Leben schlägt. Was passiert, wenn man einer Tochter sagt, dass ihre Mutter verbotenes getan hat? Was passiert, wenn die Mutter unversehens von der Bildfläche verschwindet und was passiert, wenn man der Tochter die letzten Lebensbeweise der Mutter nimmt? Würde nicht jedes Mädchen zur Furie werden und die Fackel des Protests durch ihr Leben tragen?

So ist es im Roman Spiegelkind. Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch nur Juli selbst nimmt Anstoß daran. Die einzige Erinnerung sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Bilder. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie…. Und Juli begreift immer mehr: Die Werke ihrer Mutter gelten als „verbotene Kunst“. Sie sind zu vernichten und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen.

Ein Bild verbindet Bücher

Ein Bild verbindet Bücher

Sieht man die Gemeinsamkeiten nicht auf einen Blick? Fallen dem Leser da nicht alle Schuppen aus den geneigten Augen? Auch Peggy Steike ist Mutter (und welch Zufall – ihre Tochter trägt den gleichen Vornamen, wie die Autorin von Spiegelkind) und in den meisten Zeitfenstern des vergangenen Jahrhunderts wären ihre Bilder definitiv verboten gewesen – entartet – politisch gefährlich – und damit wäre auch sie selbst vom herrschenden  System beiseite gefegt worden.

Und heute? Ist nicht das Malen gegen „RECHTS“ gefährlich? Ist nicht jedes Ausstellen ihrer Kunstwerke riskant und gleichsam mutig? Und was würde Alina tun, wenn man ihr erklärte, dass die Werke der Mutter vernichtet werden müssten? Was wohl?

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Spiegelkind ist ein absolut großes Jugendbuch mit einer unfassbar intensiven Botschaft. Uns haben die Bilder bewegt – uns hat der Vergleich bewegt und wir konnten keinen anderen Weg gehen, als Peggy Steike und Spiegelkind zusammenzubringen.

Nicht zum ersten Mal haben wir Kreise geschlossen, die es vorher gar nicht gab. Nicht zum ersten Mal beobachten wir nun Dinge, auf die wir in gewisser Weise mehr als stolz sind. Peggy Steike und Alina Bronsky stehen miteinander in Kontakt und nicht nur das. Peggy Steike würde wohl kein Buch rezensieren – sie würde wohl keinen Artikel schreiben (obwohl sie dies natürlich könnte) – aber sie hat eine andere Art auszudrücken, wie sehr ihr „Spiegelkind“ gefallen hat und was der Roman in ihr ausgelöst hat.

Die Hütte im Wald - Peggy Steike - Inspiriert durch Alina Bronsky - Spiegelkind

Die Hütte im Wald von Peggy Steike – Inspiriert durch Alina Bronsky

Sie hat die Hütte auf dem Bild in Julis Zimmer gemalt. Und zwar in einer solchen Art und Weise, dass jedem Leser Hören und Sehen vergehen muss vor lauter Freude. Es ist die Hütte – mit dem Geschirrtuch und dem Futternapf für die Katze – die Hütte, die sich immer ein wenig verändert, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen…..

Könnt ihr es sehen? Alina Bronsky schrieb auf Facebook zu diesem Bild: „Peggy Steike hat mir in den Kopf geschaut“. Alina hat diesen Blick durch ihr großes Buch zugelassen und Peggy Steike hat wohl die emotionalste Rezension des Jahres gemalt.

Gemeinsam gehen wir den Weg auch in die Fortsetzung und freuen uns auf „Spiegelriss“. Und was ist mit dem Bild, werdet ihr fragen. Es ist auf dem Weg zur Autorin. Peggy hat es sorgsam verpackt und die blühende Pflanze dorthin geschickt, wo der Samen des ersten Gedankens gesät wurde. Zu Alina Bronsky. Diese Geschichte musste erzählt werden… Wahrhaftig…

Ein Bild geht auf Reisen

Ein Bild geht auf Reisen

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als eine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Was bitte kann Malerei mehr bewirken, als einen solchen Ruf der Zeit zu reflektieren? Wort und Bild im Schulterschluss. Wir danken fürs Lesen….

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

Spiegelkind von Alina Bronsky

Fantastische Dystopien kommen meist in einem stereotypen Kleid daher und leben durch ihre Abwandlungen in Bezug auf Charaktere oder den situativen Kontext der Geschichte. Man könnte meinen, es reicht aus, sich ein paar Distrikte, Wohngebiete, Areas oder ähnliches auszudenken; eine intrigante Regierung zu platzieren; Rechtsformen zu erdenken, die das Leben einzelner Menschen erschweren und dann eine kleine und unbedeutende Person durch dieses Szenario zu treiben und sie an den Rahmenbedingungen wachsen zu lassen.

Die Offensichtlichkeit des dystopischen Settings verursacht bei uns immer wieder einen Hauch fehlender Plausibilität, da selbst unterprivilegierten Protagonisten in ärmsten Verhältnissen ein scharfer Blick auf die komplexen Strukturen des Plots gewährt wird und sie klarsichtig von Cliffhanger zu Cliffhanger spazieren. Und dies oft über mehrere Fortsetzungen eines Mehrteilers hin.

Alina Bronsky - Scherbenpark und Spiegelkind

Alina Bronsky – Scherbenpark und Spiegelkind

Bei „Spiegelkind“ handelt es sich zweifellos um einen dystopischen Jugendroman. Spiegelkind könnte man jederzeit unterstellen, nach dem bekannten Strickmuster geschrieben und konstruiert zu sein. Und doch hebt sich das neueste Buch der deutschen Autorin Alina Bronsky (bekannt durch Scherbenparkund hier rezensiert von Bianca) umso deutlicher von vergleichbaren Geschichten ab. Das Leben im Symptom charakterisiert die Perspektive der Protagonistin. Sie nimmt ihre Umwelt passiv wahr, fast wie ein Patient in der Diagnosephase während einer schweren Erkrankung.

Die Symptome verheißen nichts Gutes, sie häufen sich und langsam entsteht ein Bild von einem komplexen Krankheitsbild. Am Scheideweg des eigenen Lebens heißt es dann, dem Schicksal eine Richtung zu geben oder zu kapitulieren. Doch Juli Rettemi gehört definitiv nicht zu den Menschen, die ihre Flinte ins Korn werfen – Juli drischt auf das Korn ein, um besser zielen zu können!

Stell` dir vor du bist fünfzehn Jahre alt und führst ein relativ normales und behütetes Leben. Es könnte schöner sein – wohl war. Deine Eltern haben sich getrennt und teilen sich das Sorgerecht, aber immerhin kannst du wechselweise mit Vater oder Mutter im gemeinsamen Haus der Familie leben. Es gibt Schlimmeres. Wohl wahr. Finanziell geht es euch gut, deine Geschwister und du besuchen beste Schulen und alles ist recht normal.

So normal, wie deine Schuluniform. So normal, wie die Ordnung und Sauberkeit in deinem Stadtviertel. So normal, wie die Verhaltensnormen und Regeln der Gesellschaft und natürlich so normal wie die Maßregelungen, wenn man gegen diese verstößt. Stinknormal eben. Nicht so wie bei den Freaks in anderen Stadtvierteln – absolut nicht so!

Stell` dir vor, du wirst morgens wach und findest im gemeinsamen Wohnzimmer eine Unordnung vor, die auf einen Einbruch schließen lässt. Stell` dir vor, man teilt dir unvermittelt mit, deine Mutter sei verschwunden und stell` dir vor, wie dein Blutdruck langsam steigt und die Angst dein Adrenalin in die Höhe schießen lässt.

Und nun stell` dir vor, dass in deinen Hilfeschrei hinein jeder dir zu erklären versucht, dass alles ganz normal sei. Man sagt dir, es habe niemals einen Einbruch gegeben und die Polizisten räumen fleißig die Wohnung auf und selbst dein Vater meint, Mutter sei wohl mal eben nur so aus dem Haus gegangen.

„Mamas kommen, Mamas gehen“ – dieser Satz eines Polizisten verankert sich wie eine Schockwelle in Juliane Rettemis Nervensystem.

Das Einzige was bleibt sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Gemälde. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie….

An diesem Tag beginnt die Veränderung von Juli Rettemi. An diesem Tag wird aus einem Mädchen eine junge Frau und als sie in der Schule mit Ksü konfrontiert wird gerät alles ins Wanken. Ksü ist nicht normal, weder im Benehmen, noch in ihrem Äußeren. Als Freak müsste man sie bezeichnen – sie trägt keine Schuluniform, ist auffällig tätowiert und genießt an der strengen Schule fast Narrenfreiheit.

Aus Juli und Ksü werden Gefährtinnen und beide helfen einander, Licht ins Dunkel der großen Geheimnisse zu werfen, denn auch Ksüs Leben ist so verworren, wie das von Juli. Verbunden sind die Wege der Mädchen durch die Gemälde von Julis Mutter und es verdichten sich die Gerüchte, dass Laura alles andere als normal gewesen sei. Das Wort „Phee“ macht die Runde und jeder, der es hört zuckt erschrocken zurück.

Kann es sein, dass ihre Mutter eine jener geheimnisvollen und verrufenen Gestalten ist? Kann es sein, dass sie über Fähigkeiten verfügte, die in der normalen Welt nur Angst und Schrecken hervorriefen? Kann es sein, dass die Bilder von Laura nicht nur magisch wirken, sondern vielleicht…? Kann es sein, dass Juliane selbst…. Wenn ihre Mutter eine ist… vielleicht eine Phee… undenkbar! Und kann es sein, dass der eigene Vater seine Frau verraten hat?

Als ein ganz normales Sonderkommando die letzten Bilder ihrer Mutter abholt, um sie als verbotene Kunst zu vernichten, beginnt Juli zu kämpfen. Für ihre Mutter – für sich selbst und gegen jede Normalität. Und sie ist nicht allein – Ksü steht ihr bei und deren Bruder Ivan weiß mehr über Pheen, als jeder vermutet.

Eine magische Reise in die eigene Befreiung beginnt. Gefahrvoll, furios und temporeich. Die Bilder sind nicht nur Bilder – sie weisen Juli den Weg in eine ganz besondere Richtung. Sie muss sich nur trauen. Und sie traut sich… Sie ist wie ihre Mutter…

Alina Bronsky legt mit Spiegelkind den ersten von drei Teilen einer dystopischen Jugendreihe vor und erzählt eine große Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Anderssein, von der engen Bindung zur eigenen Mutter und vom mutigen Kampf eines jungen Mädchens. Auch ohne dystopische Struktur, auch ohne „Pheen“ ist dieser Plot tragfähig. Ein Mensch auf dem Weg in sein eigenes Leben muss so empfinden, wie Alina Bronsky es schreibt. Ein Mensch, dessen Fantasie durch Spiegel begrenzt wird muss ausbrechen….

Wenn auch ihr Juliane Rettemi begleiten möchtet, dann könnt ihr natürlich den Roman lesen – aber so ganz nebenbei besteht die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zur Rettung der „Pheen-Kulur“ zu leisten… Schaut mal hier

Wir freuen uns auf die Fortsetzung des Bronsky-Universums. „Spiegelriss“ erscheint schon bald und wir vertrauen der Autorin, dass sie uns über den finalen Cliffhanger des ersten Teils hinaus auch durch den berstenden Spiegel in ein neues Leben der Juliane Rettemi führen wird.

Es gibt einen ganz persönlichen Grund, warum uns dieses Buch mit seinen Gemälden so sehr in seinen Bann gezogen hat. Wir kennen eine Malerin, deren Bilder ebenfalls mehr sind, als bloße Pinselstriche. Auch sie sind in der Lage, Türen in eine andere Welt zu öffnen. In anderen Zeiten wären ihre Werke ebenso verboten gewesen, wie die Bilder aus dem Hause Rettemi.

Damit möchten wir auf keinen Fall behaupten, dass es sich bei der politischen Malerin Peggy Steike ebenfalls um eine „Phee“ handelt. Wir sind jedoch mehr als gespannt darauf, was „Spiegelkind“ bei ihr auslöst – als Malerin und Mutter einer Tochter. Wir mussten beim Lesen oft an sie denken und das Buch befindet sich bereits in ihrem Atelier. Bleibt gespannt, in welchen Farben wir uns die Zeit bis zum Erscheinen von „Spiegelriss“ ausmalen werden.

Mit einem Klick zu einer magischen Beggnung

Mit einem Klick zu einer magischen Begegnung

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung: