NEARER, MY GOD, TO THEE – Der 15. April 1912

Dieser Text wurde zu folgendem Choral geschrieben – vielleicht sollte man ihn auch beim Lesen hören. Ich denke, das sollte man vielleicht…

Ruhig war es geworden… immer ruhiger. Und schlagartig dunkel. Die Geräusche von berstendem Stahl, die Hilfeschreie von Menschen im Wasser und die Musik an Bord waren verstummt. Die letzen Erinnerungen an den Choral „Nearer, my God, to Thee“ schienen sich in den leichten Wellenbewegungen des friedlichen Atlantiks zu spiegeln. Tief in sich zusammengesunken, betend, murmelnd, weinend und lachend saßen sie nun bunt zusammengewürfelt und nicht mehr nach Klassen getrennt in den Rettungsbooten der White Star Line.

Mit einem letzten schrecklichen Seufzer war sie vor wenigen Stunden gesunken. Der Stolz der Meere – das größte Passagierschiff seiner Zeit – die Titanic existierte nicht mehr. Mit an Bord unzählige Geschichten und Schicksale, die unerwähnt geblieben sind. Mit an Bord unzählige Legenden und Mythen, die ein Jahrhundert überdauert haben.

Mit an Bord: Ehemänner, erwachsene Söhne und Besatzungsmitglieder, die einem uralten Ehrenkodex folgend, den Weg in die Rettungsboote niemals antraten.

Mit an Bord: Frauen, die sich nicht von ihren Partnern trennen wollten; Familien, die zu spät an Deck erschienen und die stattliche Anzahl der Unglücklichen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Die wenigen Überlebenden froren bitterlich, trieben in heilloser Ungewissheit und, trotz der Erleichterung über die eigene Rettung, gezeichnet von großen Verlusten und schlechtem Gewissen an der Oberfläche des Atlantiks, der noch Stunden zuvor zum nassen Grab für Verwandte, Freunde und Kameraden geworden war.

Überlebt… und doch keine Erleichterung. Wenige Stunden zuvor noch hatte man sich an Bord zum Essen verabredet, lauschte dem Klang der Pianos, suchte in den jeweiligen Kabinen nach den so begehrten Einreiseunterlagen und träumte von einem Leben in einer anderen und vielleicht besseren Welt. Man überlegte, was man seinen Freunden erzählen konnte – wie man ihnen vermitteln würde, wie faszinierend die Fahrt an Bord der Titanic verlaufen war. Die Faszination wich nun dem Schrecken und der Schrecken dominierte das Denken.

Wer war noch am Leben? Wo waren all die Anderen? Wie mutig muss man gewesen sein, um bis zum letzten Atemzug, die Kessel zu befeuern um die Titanic so lange wie möglich am Leben zu halten. Wie verzweifelt muss man gewesen sein, schwimmend zu realisieren, dass die Rettungsboote nicht umkehren würden. Wie hilflos muss man gewesen sein, wenn man dann doch realisierte, was es an diesem Tag bedeutete nicht zu der Gruppe der „Frauen und Kinder zuerst“ zu gehören.

Und wie große musste die Angst gewesen sein, als das letzte Kommando an Bord erteilt wurde: „Rette sich wer kann…. Gentlemen, every man for himself“.

Hoffnungen und Träume waren untergegangen. Familien waren zerrissen, junge Ehen durch den Tod geschieden und kleine Kinder des ersehnten langen Lebens beraubt. So trieben sie in den neuen Tag. Trieben, ohne selbst handeln zu können – traumatisiert und im Wechselbad der Gefühle. Treibgut einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte.

„Nearer, my God, to Thee“ waren sie niemals zuvor und nun mussten sie hoffen, dass ihre neuen Gebete erhört wurden. Sie trieben und waren sich darüber im Klaren, welch Unterschied das Treiben im Vergleich zum Sinken darstellte. Leben.

Als am Horizont die Schornsteine der Carpathia auftauchten, schloss sich das Kapitel des Untergangs der Titanic und der Rettung ihrer Überlebenden. Und gleichzeitig begann die Welt um diese wenigen Menschen herum neue Bücher zu schreiben – neue Kapitel aufzuschlagen, die dieses Drama romantisierten, glorifizierten und mystifizierten.

Die Realität sah anders aus. Not und Leid griffen um sich. Die White Star Line zum Beispiel betrachtete die Stunde des Untergangs ihres Vorzeigeschiffs gleichzeitig als das automatisierte Vertragsende mit der Besatzung. Überlebende erhielten ihre Heuer bis zu genau dieser Stunde und Angehörige von ertrunkenen Heizern, Matrosen und Offizieren wurden ebenfalls so abgefunden. Die Heuer wurde so zum Ungeheuer. Da war nichts mit Romantik, mit Mythos oder Heldentum.

Die Realität war hart. Den Menschen, die an Bord geblieben waren galt die Aufmerksamkeit. Den Überlebenden wurden die unterschiedlichen Stempel aufgedrückt: Glück, Feigheit oder Bestechung lauteten ihre Inschriften.

Man hatte sich zu schämen…. als Überlebender. Was für ein Leben. All dieser Menschen gedenken wir heute, 100 Jahre nach dem Untergang der Krone der maritimen Schöpfung. Der Toten der Titanic, wie der Überlebenden gedenken wir. Und doch kann sich niemand auch nur näherungsweise vorstellen, wie die Einen fühlten und die Anderen litten.

Niemand kann das…. Nearer, my God, to Thee

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Der Klang des Pianos – Der Titanic-Roman

Elisabeth Büchle - Der Klang des Pianos - Ein Titanic-Roman

Als Leser muss man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man in einem aktuellen Titanic-Roman versinkt. Man darf nicht erwarten, im maritimen Handlungsstrang Überraschungen zu erleben – man darf davon ausgehen, dass man Personen begegnet, die historisch verbrieft sind und dadurch wenig Spielraum für Interpretationen lassen und letztlich darf man nicht darauf hoffen, dass der Autor oder die Autorin zum Ende des Romans in einer heldenhaften Korrektur der Seegeschichte das Ruder der Titanic im wahrsten Sinne des Wortes herumreißt. Das muss man wissen – das wussten wir.

Als Autor muss man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man einen modernen Titanic-Roman schreibt. Man wird niemals dafür gelobt werden, wie brillant die Idee mit dieser Schiffskatastrophe doch sei – niemand wird ein Wort darüber verlieren, welche Vielfalt an Protagonisten sich in den verschiedenen Klassen des schwimmenden Palastes eingefunden haben und in den meisten Fällen erntet man maximal Kritik, wenn die historisch verbürgten Fakten nicht so wiedergegeben wurden, wie sie im kollektiven Gedächtnis von Generationen überlebt haben. Dies muss Elisabeth Büchle gewusst haben, bevor sie die ersten Zeilen ihres Titanic-Romans „Der Klang des Pianos“ zu Papier brachte.

Eine schmale Gratwanderung also für Schriftsteller und Publikum, sich auf das dünne Eis eines der berühmtesten und doch namenlosen Eisberge der Neuzeit zu begeben, um in diesem Szenario eine neue Handlung zu platzieren und neue (natürlich fiktive) Charaktere dem vorprogrammierten Untergang entgegenstreben zu lassen.

(Nur am Rande sei hier auf den Literatwo-Artikel zum verantwortungsvollen Umgang der schreibenden Zunft mit der historischen Titanic unter dem Titel: „Kann die Literatur ein Schiff versenken?“ verwiesen)

Der Klang des Pianos - Elisabeth Büchle - Ein Welte Piano an Bord

Literatwo begab sich gemeinsam und gleichzeitig auf diesen Grat – mit intensivsten Kenntnissen zur Katastrophe versehen, da wir gerade zu diesem Schwerpunkt im Rahmen unseres Titanic-Projektes (LINK) mehr zum Thema gelesen haben, als jemals zuvor. Uns konnte nichts mehr überraschen – alles war ja von vorneherein klar und so gaben wir an einem ruhigen Abend vor wenigen Tagen das Kommando „Leinen los“ und folgten Elisabeth Büchle zum „Klang des Pianos“ in das Jahr 1912.

Also – kurz gesagt, es waren keine Überraschungen möglich! Dachten wir… eigentlich…

Wenn wir den historischen Kontext der Schiffstragödie im Roman beleuchten, dann fällt auf, dass der Autorin in der Einbettung ihrer Handlung keinerlei – und hiermit meinen wir nicht den Kleinsten – Fehler begangen hat. Die Schilderung des Hintergrundes und der realen Persönlichkeiten ist stilsicher und durchweg Vielschichtig. Der Fokus richtet sich nicht nur auf die Passagiere der Ersten Klasse oder den viel zitierten Konflikt zwischen Arm und Reich – nein – Elisabeth Büchle wandert mit uns ebenso gewandt über das Promenadendeck, wie sie ihre Leser in die Tiefen der Maschinenräume entführt. Ihr intensiver Blick in den Bereich der Zweiten Klasse ist hier eine Perspektive, die sich allzu selten in historischen Romanen zum Untergang der Titanic wiederfindet.

So sagte „Titanic-Expertin“ und Sachbuchautorin Linda Maria Koldau in unserem Exklusivinterview gerade zu dieser Problematik: „Die Zweite Klasse bietet eben keinen spannenden Stoff für einen Roman.“ Elisabeth Büchle hat bewiesen, dass es anders geht – ein eindeutiges Plus in diesem Roman- sozusagen der „Titanische Missing-Link“ in der Weltliteratur zum Thema!

Der Klang des Pianos - im Blickpunkt: Die Zweite Klasse...

Dieser Linie bleibt die Autorin in der reinen Romanhandlung treu. Elisabeth Büchle hat wohl den allerersten Titanic-Mittelklasseroman geschrieben – und dies ist KEINE Wertung! Richard Martin, Angestellter eines mittelständischen Unternehmens erhält den Auftrag, an Bord der Titanic eines jener legendären automatischen Klaviere in Betrieb zu setzen. Dort begegnet er der Stewardess Norah Casey. Es ist nicht ihr erstes Treffen. Als Verwandte seines Arbeitgebers war sie kurze Zeit zuvor in Deutschland, und Richard musste sich in dieser Zeit aufgrund seiner fundierten Englischkenntnisse um das impulsive Energiebündel kümmern.

Als strebsam kann man Richard bezeichnen – als nach Höherem strebenden Menschen, der so wenig wie möglich Fehler machen möchte und alles dem persönlichen Erfolg unterordnet – auch seine eigene Persönlichkeit. Mit Norah begegnet ihm zum ersten Mal eine junge Frau, die vor Lebenslust und Energie zu platzen scheint und sich trotz ihrer gesicherten Stellung nicht nach oben orientiert, sondern den Menschen verbunden bleibt, denen es weitaus schlechter geht.

Norah und Richard – ungleicher können Mann und Frau nicht sein und doch gilt auch hier das Mantra „Gegensätze ziehen sich an“. Vor der Abfahrt der Titanic lernt Richard Norahs Familie kennen und sie erkennen in ihm den „traurigen Deutschen“ aus den Erzählungen Norahs. Eine Begegnung, die zwei Leben verändert.

Der Klang des Pianos - Norah & Richard - ein ungleiches Paar

Denn Norah verbirgt ein dunkles Geheimnis. Ihre soziale Ader sorgt dafür, dass sie sich zunehmend in Gefahr bringt und einigen Menschen ein wahrer Dorn im Auge ist. Wird Richard rechtzeitig wach? Kann er über seinen langweiligen Schatten springen? Und wie entscheidet er sich, als die reiche Tochter seines adeligen Gastgebers ein eigenwilliges Auge auf ihn wirft. Zerrissen vom Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg und dem Aufsteigen ernster Gefühle befindet er sich am Tag der Abreise unplanmäßig an Bord der Titanic. Aber die Fahrt wird in jeder Beziehung anders verlaufen, als er sich dies jemals hätte vorstellen können.

Elisabeth Büchle gelingt es sehr gut, ihren Liebesroman in das historische Setting der Titanic und ihrer Zeit einzubetten. Sie hat dabei Bilder erzeugt, die neu waren – sie ist tief in die Epoche der großen technischen Entwicklungen eingestiegen und hat die Menschen von einst zu Wort kommen lassen. Besonders deutlich wird dies an den Stellen, wo der unbedingte Glaube an Gott das einzige zu sein scheint, das noch Halt bieten kann. Diese Bilder wirken nach.

Es ist keine Überraschung, dass die Titanic auch bei Elisabeth Büchle das Duell mit dem Eisberg verliert. Man mag das eigentliche „Romanende“ vielleicht als ein wenig „kitschig“ bezeichnen oder gar, ab einer bestimmten Stelle, sogar ein wenig vorhersehbar. Dramaturgisch passt es zum Buch und fügt sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Wir haben lange telefoniert, als wir die letzten Seiten von „Der klang des Pianos“ beendet hatten. Wir haben diskutiert und beratschlagt, wir haben uns einige Varianten einfallen lassen, wie das Ende auch hätte geschrieben sein können. Ist es nicht schön, dass ein gemeinsam gelesenes Buch uns dazu bringt, alles noch mal durchzuspielen, alles neu zu denken und dabei doch so tief im Stoff zu bleiben?

Das ist schön…. Sehr sogar…

Am Sonntag mit an Bord der MS-Literatwo - Elisabeth Büchle (o.li.)

Wir freuen uns sehr darüber, dass nun auch Elisabeth Büchle zu den Passagieren der MS Literatwo gehören wird. Anlässlich des 100. Jahrestages der Titanic-Katastrophe kommen wir zum vorläufigen Ende unserer Artikelserie und gehen mit vielen Freunden von Literatwo auf eine Social-Media-Gedenkreise. Morgen dazu mehr und man kann natürlich immer noch einchecken.

Wie das geht? Einfach unseren Artikel: „Rückblick auf unser titanisches Treffen auf der Buchmesse in Leipzig“, die Überseekoffer packen und einchecken…

Bis Sonntag bei Literatwo...

Linda Maria Koldau im Interview zu „Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden“

Linda Maria Koldau - Das Interview

Eine Katastrophe ist keine Sache – ein Traum ist keine Sache – Leid ist keine Sache und Schicksal ist keine Sache. Dieses Buch mag ein Sachbuch sein – aber es ist keine Sache… es lebt…

Unter dieser Überschrift haben wir erst vor wenigen Tagen Linda Maria Koldaus Buch „Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden“ vorgestellt. Die Vielschichtigkeit und der schwungvolle Stil des inhaltsreichen Werks haben uns überzeugt und wir waren mehr als glücklich, die Autorin während der Buchmesse in Leipzig zu einem exklusiven Interview am Stand des C.H. Beck Verlages treffen zu dürfen.

Wir hatten viele Fragen in unseren Überseekoffern und stießen auf eine mehr als sympathische und aufgeschlossene Schriftstellerin.

Linda Maria Koldau im Interview mit Literatwo - TITANIC

Frau Koldau, was hat Sie dazu veranlasst, das 1000ste Sachbuch zum Untergang der Titanic zu schreiben, den 1000sten Ablaufplan der Katastrophe zu entwerfen und wie ist es Ihnen gelungen, es dann doch so deutlich von der Masse der Publikationen zu diesem Thema abheben zu können?

Der Ursprung ist lustigerweise immer noch in meiner „Erstqualifikation“ verankert. Ich bin ja Professorin für Musikwissenschaft und habe darüber natürlich sehr viel zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Ich bin dann irgendwann über U-Boote zur Filmmusik gekommen und durch diese Filmmusikarbeit habe ich dann für meine Vorlesungen angefangen, nach guten Filmen zu suchen an deren Beispiel man Studenten erklären konnte, wie Filmmusik funktioniert.

Ich habe 1997 den Film „Titanic“ von James Cameron nicht gesehen, sondern kam erst viele Jahre später zur DVD. Die Filmmusik ist gut und ich habe festgestellt, dass es noch viel mehr Titanicfilme gibt. Genau an dieser Stelle begann mein Interesse zu wachsen. Mein im Sommer erscheinendes Ursprungsprojekt über die „Titanic im Film“ und ein geplantes Kapitel über die komplexen Hintergründe der Katastrophe führten dazu, dass ich mir unwahrscheinlich viel über das Schiff angeeignet und sehr viel Material gesammelt hatte. Irgendwann stellte sich im direkten Kontakt zum C.H. Beck Verlag die Frage, ob nicht Interesse an einem eigenständigen kulturhistorischen Buch über die Titanic besteht.

Das Interesse war da und so entstand dieses Buch. Es hat einen riesigen Spaß gemacht, weil es eben nicht im harten wissenschaftlichen Stil mit unendlichen Fußnoten und Quellenangaben versehen werden sollte, sondern, rein journalistisch aufbereitet, mein Wissen in lockerer Art und Weise vermitteln durfte. Und nach Abschluss der Arbeiten an diesem Buch gelang es mir an einem Nachmittag, das historische Kaptiel für das englische Buch zu Papier zu bringen. Insofern ist dieses Kapitel eigentlich ein Buch im Buch, wobei mir die journalistische Aufbereitung in meinem Buch eigentlich viel besser gefällt…

Mit einem Klick zu: "Titanic - Das Schiff - Der Untergang - Die Legenden"

Wir haben in den letzten Jahren viele Bücher zum Thema gesammelt und unsere kleine Bibliothek reicht vom Kinderbuch (Polar – Der Titanic Bär) über die Bildbände zu Filmen bis hin zu reinen Sachbüchern. Wir waren angenehm überrascht, schon im Inhaltsverzeichnis Ihres Buches zu erkennen, dass Sie Themen mit aufgreifen, die in einem solchen Sachbuch eigentlich keinen Raum einnehmen. Legenden, Filmmusik und Mythen findet man selten in anderen Werken… und Sie nähern sich den Passagieren der „Zweiten Klasse“ an, die bisher immer ausgeblendet wurden. Wie kamen Sie auf diesen Schwerpunkt?

Das gehört eigentlich zum Mythos Titanic. Der Untergang dieses Schiffes ist eigentlich nur ein einzelnes Ereignis und trotzdem beschäftigt es die Menschen seit fast genau 100 Jahren. Das hat mich vor dem kulturwissenschaftlichen Hintergrund sehr interessiert. Es gibt sogar ein Pixi-Buch für Kleinkinder über die Katastrophe. Wie gesagt, es ist ein Mythos, der sich das ganze 20. Jahrhundert über erhalten und je nach historischem Kontext verändert, vieles aber auch beibehalten hat.

Wissenschaftlich lässt sich der Mythos am besten in die sogenannten „Kategorien“ der modernen Kulturwissenschaft fassen. Ich persönliche sehe das nicht so gerne in harten Rastern, denn man kann mit Theorien nicht die Welt erklären. Aber es ist eben so, dass einige Themen immer wieder kommen, egal in welcher Kultur, und die Titanic bietet einfach alles, was hier gebraucht wird. Die Geschlechterrollen, die Klassenunterschiede, nationale Eigenarten und Identitäten, Religion und gerade bei den verschiedenen Klassen werden alle Klischees perfekt bedient. Die schillernde Erste Klasse mit all ihrem Reichtum und die Dritte Klasse der armen aber ehrlichen Menschen. Diese Klasse dient im Mythos eigentlich eher zur Vermittlung von Lokalkolorit, und zwar auch bei James Cameron, der ja so gerne „politically correct“ dastehen will: Jack Dawson ist ja nur zufällig in der Dritten Klasse gelandet und bewegt sich in der Ersten mit aller Selbstverständlichkeit. Er steht im Film über allen Klassen, eben der Superheld.

Die langweilige Zweite Klasse hat hier scheinbar nichts zu bieten – daüber kann man keine guten Geschichten schreiben. „SOS Titanic“ bildet hier eine absolute Ausnahme (der Film ist übrigens deutlich besser, als sein Ruf… man kann sich in der Originalfassung auf Youtube davon überzeugen), da der Zweite-Klasse-Passagier Lawrence Beesley eine wichtige Rolle spielt. Aber grundsätzlich ist es so. Die zweite Klasse bietet einfach zu wenig gute Geschichten.

Was halten Sie von Verschwörungstheorien über den Untergang der Titanic? Sind Sie im Rahmen Ihrer Recherchen auf solche Anhaltspunkte gestoßen?

Die Theorien, die gerade in den letzten 20 Jahren aufgekommen sind, versuchen aus meiner Sicht lediglich Aufmerksamkeit zu erregen, und es ist mir immer noch absolut unverständlich, wie nach dem Auffinden des Wracks die Theorie weiter verbreitet werden kann, es sei die Olympic gewesen. Man kann doch überall die Produktionsnummern erkennen.

Verschwörungstheorie klingt mir einfach zu stark, aber es ist etwas Typisches geschehen, das war ein ganz normaler Prozess: Die White Star Line und der Mutterkonzern haben versucht, so weit wie möglich die Verantwortung abzuwälzen und sehr viel unternommen, dass ihre Angestellten daran mitwirken. Hier müsste sich jemand, der sich sowohl juristisch als auch psychologisch gut auskennt, den Untersuchungsprotokollen widmen. Das wäre sehr, sehr spannend.

Ich habe die Protokolle durchgearbeitet und mir ist aufgefallen, dass eben sehr viel ausgewichen wird. Es ist auffällig, dass bei besonders heiklen Fragen zu Notsignalen und Leuchtraketen genau an der Stelle, an der es spannend wird, die Richtung geändert wird. Man biegt ab und wechselt das Thema im Kreuzverhör. Das weist darauf hin, dass viel getan wurde, um Probleme auszublenden. Das Ziel kann nur gewesen sein, zu verhindern, dass die Verantwortung der White Star Line deutlich wird.

Linda Maria Koldau - Die Titanic - über Verantwortung und Verdrängung

Hier sind wir in einem ganz aktuellen Themenbereich: Verantwortungskultur. Die Titanic hat in der Bewältigung der Katastrophe im maritimen Bereich sicherlich Maßstäbe gesetzt. Fühlen Sie sich betroffen, wenn Sie heute in den Nachrichten verfolgen, wie die Verantwortlichen mit der Havarie der Costa Concordia umgehen?

Ich würde jetzt gar nicht über die Costa Concordia sprechen, sondern über die Universitätskultur, die ich in Dänemark erlebe und die gerade im Lande sehr diskutiert wird. Das ist Verantwortungsleugnung in ganz großem Stil. Man hat es hier mit einer Leitung zu tun, die alles unternimmt, damit nicht über den Begriff Verantwortung gesprochen wird und alles tut, damit im Konfliktfall die Verantwortung auf den Konfliktgegner abgeschoben wird.

Im Fall der Costa Concordia weiß ich nicht, wie der Stand der Seeuntersuchung steht. Ich werde mich im Sommer intensiv damit auseinandersetzen, weil ich einen Artikel schreiben werde mit dem Titel „Titanic und Costa Concordia“. Hier ist der Vorteil, gegenüber der Universitätskultur, das es ganz klare Regeln und ein großes öffentliches Interesse gibt. Ich denke, hier wird sich die Reederei nicht ganz so leicht aus der Verantwortung ziehen können. Auffällig ist (wenn man der Berichterstattung aufmerksam folgt) dieser „Schurkenkapitän“. Man kann sich eigentlich als normaler Mensch nicht vorstellen, dass sich jemand so dusselig und so unmöglich verhält. Wenn dies den Tatsachen entspricht, dann hat man den idealen Sündenbock. Für mich stellt sich jedoch eher die Frage, ob hier nicht weitaus mehr Verantwortung von anderen mitgetragen werden muss. Es kann nicht sein, dass hier einer alleine die Verantwortung hat!

Es ist für mich sehr interessant zu beobachten, wie in unserer Gesellschaft diejenigen, die in der Verantwortung stehen und dafür auch richtig gut bezahlt werden, damit umgehen, wenn sie gefragt sind. Es scheint zur Norm zu werden, erstmal alles abzuwälzen und das schwächste Glied zu identifizieren. Und das kann man ja dann feuern!

Fahren Sie selbst zu See? Unternehmen Sie Kreuzfahrten?

Nein… (lacht) – ich glaube auch nicht, dass ich mir das antun würde. Im Hotel habe ich gerade einen Bericht über Kreuzfahrten gesehen und ich musste mich fragen, wie man sich sowas freiwillig antun kann. Ich wohne bei Kiel und ich finde es schon sehr beeindruckend, den riesigen Fähren beim Auslaufen zuzusehen. Also das könnte ich mir vorstellen – eine Fährfahrt über die Ostsee nach Oslo. Aber wochenlang auf einem Schiff eingesperrt zu sein, nur im Kreis laufen zu dürfen.. das wäre nichts für mich!

Hören Sie eine bestimmte Musik, wenn Sie an Ihr Buch denken – welche Hintergrundmusik würden Sie Ihren Lesern empfehlen?

Das kann man eigentlich nicht sagen, auch wenn der Verdacht naheliegen könnte, dass es die Filmmusik zu Titanic ist. Diese Filmmusik höre ich gelegentlich, wenn ich arbeite und mich nicht sehr auf die Musik konzentrieren möchte. Aber nicht diesen Popsong, obwohl ich zugeben muss, dass er handwerklich sehr gut gemacht ist. Das Lied ist perfekt und erreicht genau das, was beabsichtigt ist. Mich faszinieren die Filmmusikpassagen zum Untergang des Schiffes, aber ob man dabei konzentriert lesen kann, wage ich zu bezweifeln…

Wenn wir uns 100 Jahre in die Zukunft versetzen und gemeinsam in eine große Bibliothek gehen. Unter „T – wie Titanic“ ist die Weltliteratur aufgereiht und jemand greift zu Ihrem Buch. Was würden Sie sich wünschen, wenn er etwas dazu sagen sollte: „Die Koldau hat damals…“?

„…endlich den Anfang gemacht, dass Leute begonnen haben, diese Legenden aufzudecken und den Mythos genauer unter die Lupe zu nehmen – einen Mythos, der aus einer nicht zu entflechtenden Verquickung von Legende und Wahrheit besteht. Und es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, weil es flott geschrieben ist!“. Das wäre toll…

Auf welche, nie gestellte, Interviewfrage würden Sie gerne einmal antworten?

Gefragt wurde ich, obwohl das ja nahe läge, nie: „Warum schreiben Sie eigentlich?“ Das ginge dann wirklich an den Kern!

Wie würde ich darauf antworten? Weil ich das Schreiben brauche, wie die Luft zum Atmen – weil ich es liebe, spannendes Wissen in spannende Sprache zu fassen – weil ich es liebe, mich auf neue Themen einzulassen und so richtig tief zu graben – weil ich meine, dass es noch immer so viel zu sagen gibt – weil ich erzählen und fesseln will – weil ich den Kontakt mit anderen Menschen will, über das Wort…

Nicht nur mit dem Wort hat sie uns begeistert... Linda Maria Koldau

Nach dem Interview ist vor dem Interview, könnte man sagen. Der Kontakt zu Linda Maria Koldau ist bis zum heutigen Tag nicht abgerissen und sie gab uns sogar die Ehre, unser Literatwo-Treffen in Leipzig mit ihrer Anwesenheit zu bereichern.

Der Umstand, dass sie ausgerechnet die „Eisberg-Karte“ für unsere Titanic-Aktion am 15. April gezogen hat, darf keinerlei Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit zulassen. Gewöhnlich gut unterrichtete Quellen wissen zu berichten, dass sie diese Karte seit Leipzig immer bei sich trägt 😉

Wir danken für die Offenheit und freuen uns darauf, Linda Maria Koldau auch am nächsten Sonntag an Bord der MS Literatwo begrüßen zu dürfen!

Alle Mann an Bord... Leinen los am 15. April...

Kann die Literatur ein Schiff namens Titanic versenken?

Sind die Schriftsteller dieser Welt schuld am Untergang der Titanic?

Ein guter historischer Roman zeichnet sich dadurch aus, dass er fundiert recherchierte reale Begebenheiten zur Grundlage einer dann oftmals fiktionalen Handlung erhebt. Dabei werden den gesichert existenten und historisch verbrieften Persönlichkeiten erfundene Weggefährten beiseite gestellt und schon ist der Weg bereitet, durch diese neu geschaffene Perspektive reale Handlung und Romanstoff zu einem großen Ganzen zu verdichten. Der so erschaffene künstliche Charakter lässt uns Leser einen präzisen Blick auf die Lebensumstände einer Epoche, auf die denkweise der Menschen und letztlich natürlich auch das Handeln der prominenten realen Persönlichkeiten werfen.

Das ist insofern unproblematisch, wenn sich diese Technik auf Ritterromane, Erzählungen aus dem 30jährigen Krieg oder die englischen Rosenkriege beschränkt. Das Feld ist hier im wahrsten sinne des Wortes weit und die erfundenen Gestalten bevölkern einen Landstrich in dem sie weiter nicht ins Gewicht fallen.

Dies trifft in seiner Ausgangsbetrachtung sowohl für das gute Buch als auch für den historischen Film zu (und jener basiert häufig auf literarischen Vorlagen oder zumindest auf einem von Autorenhand geschriebenen Drehbuch).

So haben Schriftsteller und Regisseure aller Generationen beharrlich dafür gesorgt, dass den abertausenden geschichtlichen Gestalten eine ebenso große Heerschar an fiktiven Personen rein buchig über den Weg gelaufen ist…. Und dies zu unser aller Vergnügen!

Was aber, wenn sich die versammelte Autorenschar (und hier meinen wir sehr wohl auch Drehbuchautoren) an einem Szenario vergreift, das gar keinen Platz für zusätzliche Protagonisten lässt? Was, wenn die Rahmenhandlung bereits dermaßen überbevölkert erscheint, dass schon ein einzelner fiktionaler Akteur zu weiterem Ungemach führt und im Sinne des Ganzen nicht wirklich plausibel dort sein kann, wo er hingeschrieben wurde?

Was dann?

Zu viele Bücher für einen einzigen Luxusliner? Titanic...

Sind sich die Autoren der Gefahren bewusst, die sie da heraufbeschwören oder handeln und denken sie nicht im kollektiv der Weltkulturschaffenden, sondern eher egozentrisch und frei nach dem Motto „Den habe ich jetzt erfunden und da bleibt er auch – was die Anderen vor mir gemacht haben interessiert doch mich nicht!“?

Ja – es bleibt festzuhalten – Autoren, die so denken, handeln grob fahrlässig und verändern den Lauf der Geschichte. Vor diesen Menschen muss gewarnt werden. Wir versuchen dies am Beispiel der Titanic zu belegen. Jenes Schiffes, das uns aufgrund des nun anstehenden 100. Jahrestages seines Untergangs und durch unser lang angelegtes Projekt besonders ans Herz gewachsen ist.

Haben die Literatur und das große Kino die Titanic versenkt? Wir denken (und das ist noch vorsichtig formuliert): JA

Betrachten wir die historisch gesicherte Ausgangssituation der ersten und letzten Fahrt der Titanic. Als größtes Passagierschiff der Welt und in nie zuvor erlebten Dimensionen maritimen Komforts beherbergte sie insgesamt 1339 Passagiere in den Kabinen der Ersten bis zur Dritten Klasse und stellte diesen insgesamt 885 Mann / Frau Bestatzung zur Seite. Trotzdem das Schiff nicht bis auf den letzten Platz ausgebucht war, reichten die vorhandenen Rettungsmittel auch bei einem idealtypisch positiv verlaufenden Unglücksszenario nur für 1178 Menschen an Bord.

Lediglich 20 Rettungsboote befanden sich an den eigens dafür vorgesehenen Davits – fast genau 40 hätten es eigentlich sein müssen! Es ist also augenscheinlich, dass jeder zusätzliche Passagier das Missverhältnis zwischen Rettungsboot und Mensch dramatisch verändert hätte.

Der Katastrophe fielen 820 Passagiere und 693 Angehörige der Crew zum Opfer (also insgesamt 1513 Menschen), während lediglich 711 Menschen mit dem Leben davonkamen. Ein hoher Blutzoll für die Verbreitung der Nachricht, dass die unsinkbare Technik des aufstrebenden 20. Jahrhunderts die Naturgewalten besiegt hatte.

Aber stimmen diese Zahlen aus rein kultureller (also buchiger und cineastischer) Sicht? Was hat die Literatur seit dem Untergang der Titanic mit diesem bereits überbuchten Luxusliner veranstaltet? Und man darf als gesichert annehmen, dass kein Autor der Welt in seinem jeweiligen Roman zur Titanic auch nur einen einzigen realen Passagier „von Bord geschrieben“ hat, um andererseits Platz für seine erfundenen Charaktere zu schaffen.

Ein paar trockene Fakten:

Es gibt insgesamt c.a. 350 Romane, die sich mit dem Untergang der „Unsinkbaren“ beschäftigen und insgesamt 12 filmische Großproduktionen haben das größte Schiff der damaligen Zeit immer und immer wieder gegen den gleichen Eisberg fahren lassen. Subsummieren wir dies unter dem Sammelbegriff Literatur, da wie schon beschrieben auch die Filme auf entsprechenden Büchern basieren.

Alleine die Entourage von Rose Dewitt Bukater hätte zwei Rettungsboote benötigt...

In jedem einzelnen dieser Werke wurden, im guten Stil historischer Romane, fiktionale Gestalten an Bord der Titanic versetzt. Alleine schon James Camerons an Bord versammelte Großfamilie einer gewissen Rose Dewitt Bukater, inklusive Zofen, Dienern und Pagen, einem zufällig aufgegabelten Zeichner namens Jack, dessen Freunden und erfundenen Randfiguren hätte dazu geführt, dass die Titanic bereits vor ihrem Auslaufen eine dezente Schlagseite aufgewiesen hätte. Vom Gepäck der Herrschaften einmal ganz abgesehen.

Eine überschaubare Rechnung:

Pro Roman ca.:
3 erfundene Charaktere = 1116 fiktionale Passagiere
1 erfundenes Besatzungsmitglied = 362 erdachte Crewmitglieder

Pro Roman:
Werden von diesen Protagonisten durchschnittlich die Hälfte gerettet = 739 Glückliche

Die Folge:

Die Literatur hat die Titanic mit insgesamt 3702 Menschen an Bord auf ihre Jungfernfahrt geschickt. Kein einziger realer Passagier wurde von Bord geschrieben, kein Rettungsboot zusätzlich erfunden! Nachweislich haben sich 739 fiktionale Charaktere in Rettungsbooten und auf sonstigem Treibgut retten können.

Unverantwortlich, was die schreibende Zunft in den letzten einhundert Jahren diesem legendären Schiff aufgebürdet hat. Einerseits wäre sie bereits beim Auslaufen gekentert, andererseits fehlt aus der Sicht der Belletristik von den realen 711 Überlebenden eigentlich jede Spur, da jeder Autor sich, frei nach dem Motto „Kinder und Protagonisten zuerst“, nur um seine Schäfchen kümmerte. Fatal!

Ein Schiff als Großraumtatort - Die Titanic...

Nur am Rande sei erwähnt, dass die Literatur während der ansonsten langweiligen Überfahrt mehr Verbrechen an Bord der Titanic stattfinden ließ, als es weltweit bei vergleichbarer Population nachweisbar gewesen wäre. Mordfälle, Diebstähle, Schmuggel, Vergewaltigungen, Befehlsverweigerungen und Körperverletzungen hätten eigentlich die Anwesenheit einer Hundertschaft Bereitschaftspolizei erforderlich gemacht. Aber für die war nun wirklich kein Platz mehr.

In Anbetracht dieser Fakten haben sich die Passagiere der Titanic in allen Klassen nur so gestapelt, während ihnen aus allen Richtungen Kugeln um die Ohren flogen. Nichts da mit gediegenem Ambiente und ein wenig Tanzen oder Promenieren. Und der Eisberg erscheint vor diesem Hintergrund fast als das geringste Übel.

Die Belletristik hat die Titanic versenkt – soviel steht fest. Die Literatur hat die wenigen Überlebenden zusätzlich dezimiert, um die eigenen Helden zu retten. Die Literatur hat die Titanic zum Zentrum der Kriminalität erhoben. Und es ist zu vermuten, dass dies endlos weitergeht. Ich möchte nicht wissen, wie viele Protagonisten ihren Fahrschein schon in irgendeinem Manuskript gelöst haben. Ich mag keine Ahnung davon haben, welche neuen Verbrechen man sich zur Abwechslung ausdenkt, um die langatmige Überfahrt ein wenig mit Spannung zu würzen.

Ich weiß nur, dass spätestens in 100 Jahren das Gleiche mit der Costa Concordia geschehen sein wird. Zu gewissenlos sind die Autoren unserer Zeit und schon bald werden Atomwaffenschmuggler und Serienmörder auf diesem traurigen Schiff einchecken, um ihr Unwesen zu treiben.

Macht nur weiter so, liebe Autoren – aber seid Euch der Konsequenzen bewusst…. Ihr verändert mit jedem Wort die Geschichte…. Auch wenn ihr das niemals zugeben würdet… (und jetzt lese ich mit Bianca gemeinsam in Elisabeth Büchles Titanicroman „Der Klang des Pianos“ weiter und wir freuen uns darauf, mit der Stewardess Norah Casey und dem Klavierbauer Richard Martin an Bord zu gehen…. Beide natürlich ERFUNDEN…. Aber einfach gut) 😉

So hätte sie aussehen müssen - die Titanic für alle Romanfiguren der Literatur.

Die „Sinnlosigkeit“ – Futility

Futility – Der Roman der den Untergang der Titanic vorhersagte…

Was würde man wohl heute davon halten, wenn ein Autor bereits im Jahr im Jahr 1990 einen Thriller geschrieben hätte, in dem arabische Terroristen sich mit entführten Passagierflugzeugen in das World Trade Center stürzten, um die Weltmacht USA an den Rand eines Krieges zu zwingen?

Ich denke, die Frage ist leicht zu beantworten… Bis zu den fatalen Anschlägen hätte man den Schriftsteller wohl als fabulierenden Spinner bezeichnet und unmittelbar danach wäre das Buch als „Die große terroristische Prophezeiung“ in die Bestsellerlisten katapultiert worden. Und heute würde der Autor in einem Atemzug mit Nostradamus genannt und durch die Talkshows dieses Medienplaneten gejagt werden.

Was hat man im Jahr 1912 davon gehalten, dass ein Autor namens Morgan Robertson im Jahr 1898 einen Roman namens „Futility“ (Sinnlosigkeit) veröffentlichte, in dem das größte Passagierschiff der Welt – getauft auf den Namen TITAN – in einer kalten April-Nacht einen Eisberg rammt und sinkt, obwohl es für unsinkbar gehalten wurde. Was haben die Menschen gedacht, als sie davon lasen, dass es zu wenige Rettungsboote gab, dass die TITAN die Strecke Liverpool – New York befuhr, dass ungefähr 3000 Passagiere an Bord waren und das größte Schiff der Welt innerhalb kürzster Zeit über den Bug in den Tiefen des Atlantiks versank? Beiläufig sei vermerkt, dass die Titan natürlich unter britischer Flagge die Weltmeere befuhr und den Eisberg mit der Steuerbordseite rammte – ungefähr 900 Seemeilen von New York entfernt… eben nur beiläufig erwähnt…

Bis zum Vorabend der Titanic-Katastrophe war dieser Roman das, was er augenscheinlich auch heute noch ist. Ein mühsam zu lesendes, teilweise offensichtlich langatmiges Buch, dem einzig eine gute Grundidee zugrunde zu liegen scheint. Es gab sogar Leser, die das Buch schon damals als eine der größten Katastrophen der Literaturgeschichte bezeichneten, schlimmer als jeder Schiffsuntergang! Sprachlich kommt der Roman wie der Erlebnisbericht eines gelangweilten Journalisten daher, der alle Tugenden des Schreibens mit den letzten Rettungsringen über Bord geworfen hatte. Ein wirklich nicht sonderlich bewegendes Werk…

Über Nacht zur Legende – Futility…

Am Abend nach dem Untergang der Titanic jedoch geschah das Unfassbare. „Futility“ wurde der Status einer unglaublichen Prophezeiung verliehen und der Verlag kam mit dem Druck entsprechender Neuauflagen nicht nach. An einen Zufall wollte plötzlich niemand mehr glauben. Wie konnte es sonst auch zu einer so großen Namensähnlichkeit zwischen der „Titan“ und der „Titanic“ gekommen sein? Esoteriker aller Länder machten aus dem Buch innerhalb von Tagen eine Legende. Die Presse trug natürlich nicht unwesentlich zu diesem „Hype“ bei.

Morgan Robertson schrieb anschließend noch weitere Romane – mit leidlichem Erfolg. „Futility“ machte ihn jedoch über Nacht populär und legendär. Und diese Legende hat die Zeit überdauert. Wie bei den modernen Verschwörungstheorien zum Terrorismus wabern auch in der heutigen Zeit Vergleiche zwischen der „Titan“ und der „Titanic“ durch das Internet und der Schriftsteller steht immer noch auf dem hoch erhobenen Schild eines visionären Schreibers.

Er selbst konnte diese Fähigkeiten nicht bestätigen. Keines seiner folgenden Werke hatte sich erneut bewahrheitet und so könnte „Futility“ eine Randnotiz der maritimen Geschichtsschreibung sein. Ist es aber nicht – gerade bei Unglücken und Dramen, die man sich mit menschlicher Vorstellungskraft nicht zu erklären vermag, greift man auf das Übersinnliche und Mystische zurück. Gerade an einem Punkt, der den Totalverlust des Vertrauens in die technischen Entwicklungen der Neuzeit bedeutete, greift man gerne auf schicksalhafte Begriffe wie Bestimmung und „Vorhersehbarkeit“ zurück.

Das Übersinnliche hilf uns oft, die Sinnlosigkeit zu begreifen oder zu verarbeiten.

Futility war und ist ein Meilenstein im Prozess der Mystifizierung des Untergangs der Titanic. Futility bietet über all die vergangenen Jahre hinweg einen hervorragenden Diskussionsstoff und die offensichtlichen Unterschiede zur realen Tragödie verschwinden schneller aus dem Blickfeld, als jene magisch anmutenden Übereinstimmungen des Orakels Robertson.

Futility – auch nach mehr als 100 Jahren viel diskutiert…

Ihr zweifelt?

Das englische E-Book „Futility“ kann derzeit bei Amazon kostenlos heruntergeladen werden. Das Buch ist schlicht und einfach geschrieben – ich hatte meinen Spaß und konnte beim Lesen schon nachvollziehen, was den Menschen nach dem 15. April 1912 durch den Kopf gegangen sein muss, wenn sie in diesen Kapiteln versanken… so wie Stunden zuvor die Titanic in den Tiefen des Atlantiks versank.

Und wenn ich Spaß sage, dann meine ich Spaß… es ist mehr als grotesk und fabelhaft, wenn sich der Protagonist von „Futility“ mit einem beherzten Sprung auf den Eisberg rettet, um dann schließlich einem waschechten Eisbären gegenüber zu stehen und in einen weiteren Kampf auf Leben und Tod verwickelt zu werden. Was habe ich gelacht, als ich mir den Blick des treibenden Eisbären vorgestellt habe, der erst ein riesiges Schiff erblickt, gerammt wird und dann auch noch einen Menschen erlebt, der plötzlich auf „seinen“ Eisberg springt…. ich sagte ja: Grotesk…

Titanic – der Mythos lebt noch heute – Futility ist daran mit Sicherheit nicht unbeteiligt… aber urteilt doch einfach selbst… Der Untergang der Titanic hat den Titel des Romans jedenfalls ad absurdum geführt… „Futility“ – Sinnlosigkeit…

Zwei Nachrichten noch zum guten Schluss:

1. Eine Stadt bekennt sich zu seinem Ozeanriesen:

Belfast – eine Stadt bekennt sich zu ihrem Schiff – ein Museum

Nach nunmehr fast genau 100 Jahren schließt sich ein Kreis, da die nordirische Stadt Belfast eine große Lücke in der Bewältigung der großen Schiffskatastrophe von 1912 geschlossen hat. Wollte man über viele Jahrzehnte nicht direkt mit dem Unglück in Verbindung gebracht werden, so bricht nun der Stolz einer Großstadt heraus und unter der Überschrift Besuchen sie die Geburtsstätte der Titanic ist ein monumentales und modernes Museum entstanden. Wir wollen einfach einmal dorthin und haben Belfast fest in unsere Reiseagenda aufgenommen.

Tausende Werftarbeiter aus aller Herren Länder, darunter besonders viele Iren, haben damals an der Titanic gearbeitet und auch ihnen widerfährt so endlich Gerechtigkeit, da sie mit dem Unglück nichts zu tun hatten. Die Betroffenheit in Belfast war jedoch fast erdrückend, da sehr viele Angehörige der Titanic-Crew aus dieser Stadt stammten und ihre Familien einer ungewissen Zukunft überließen.

2. Neue Passagiere an Bord der MS Literatwo:

Die Passagierliste für die MS Literatwo wächst beharrlich…

Nachdem wir Leipzig wieder verlassen haben, stellen wir mit Freude fest, dass an unserem Check-In-Counter nach wie vor Hochbetrieb herrscht und wir dürfen heute mit Freude bekanntgeben, dass einige neue Passagiere den Weg an Bord finden werden. Mit ihren individuellen Karten ausgestattet, warten sie nur darauf, endlich über unsere Gangway den Weg in die Erste Klasse antreten zu dürfen.

Wir begrüßen Jeannette Hagen (die Autorin der Slopinsky-Geschichten), Elisabeth Büchle (die Autorin des Titanic-Romans  „Der Klang des Pianos), Claudia Marina Jadownicki (in Begleitung von Bastian Bär) und natürlich Sabrina Cremer an Bord!

Und es liegen weitere Anmeldungen vor. Wir berichten natürlich darüber und ihr könnt noch einchecken. Einfach dem Link zum Artikel folgen!

Mit einem Klick an unsere Rezeption…

POLAR – Der Titanic Bär

Polar – Der Titanic Bär – Ein trauriges Jubiläum…

Am heutigen Tag, kurz vor dem 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe und im Rahmen unserer Artikelserie zu diesem immer noch aktuellen Thema, möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich in eine Zeit zurückzuversetzen, die längst vergangen ist. Ein Kinderbuch von einst liegt in meinen Händen und ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass kein anderes „Bilderbuch“ mein Denken und Fühlen so nachhaltig beeinflusst hat, wie dieses magische Werk.

Es ist schön, endlich darüber zu schreiben – es ist schön, den Gefühlen zu diesem Buch freien Lauf zu lassen und es ist ein Wunder, mich heute wieder von der Geschichte verzaubern lassen zu dürfen. Dies passiert mir nie alleine, denn auch Bianca ist inzwischen im Besitz eines der wenigen noch verfügbaren Exemplare des Buches… ein schönes Gefühl!

Douglas Spedden und sein bester Freund… Polar…

Der Nebel lichtet sich und das Signalhorn der Titanic zerreißt die Stille des anbrechenden Tages. Ein kleiner Junge befindet sich auf dem Promenadendeck – sorglos und ganz in sein kindliches Spiel mit einem Kreisel vertieft. Douglas Spedden ist sieben Jahre alt und ein glückliches Kind. Als Sohn reicher Eltern genießt er den Luxus der Überfahrt als Passagier der Ersten Klasse.

Behütet von seinen liebevollen Eltern und gehegt von seinem Kindermädchen „Muddie Boons“, erfreut sich der kleine Douglas seines Lebens und fühlt sich sicher. In seiner Begleitung befindet sich „Polar“ – der wohl erste „Begleitbär“ der Weltgeschichte. Der originale Steiff-Eisbär ist sein wahrer Lebens- und Weggefährte. Sie feiern gemeinsam Geburtstag, gehen baden und teilen die schönsten Stunden eines noch so jungen Lebens. Keinen Schritt geht Douglas ohne seinen Bären. Polar und Douglas – eine große Freundschaft, die nur nachempfinden kann, wer seine Kindheit in den Armen eines Steiff-Teddys verbringen durfte….

Die scheinbare Ruhe an Bord ist diejenige vor Beginn des Sturms. Es sind die letzen Minuten vor der Kollision – die letzen Minuten im Leben der meisten Passagiere der Titanic.

Das Drama nimmt seinen Lauf, doch die Speddens scheinen in dieser Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im Glück zu baden. Sie finden Platz in einem Rettungsboot. Die gesamte Familie entkommt und der glücklichen Fügung des Schicksals ist es zu verdanken, dass auch Douglas` Vater einsteigen darf, da sich nicht genügend Frauen und Kinder eingefunden haben. Diese freien Plätze sind ein Privileg und Verpflichtung für das zukünftige Leben. Die Speddens kümmern sich fürsorglich um die anderen Bootsinsassen, bevor sie nach Stunden des bangen Wartens an Bord der Carpathia endgültig in Sicherheit sind.

Und Polar ist mit an Bord… ein unglaublicher Zufall hat auch den Steiff-Eisbären in das Rettungsboot gespült….

Unten: Titanic von James Cameron – Oben: Das Originalbild von Douglas

Soweit die wahre Geschichte von Douglas Spedden.

Sie ist so wahr, wie das Original-Photo des Jungen während seines Spiels mit dem Kreisel. Sie ist so wahr, wie die Filmsequenz im großen Titanic-Film von James Cameron, in der er dem kleinen Jungen ein cineastisches Denkmal setzt. Und die Geschichte ist wahrhaftiger als wahr, weil genau am Tag der Rettung das Schicksal schon zu wissen schien, dass keine Rettung ewig währt.

Daisy Corning Stone Spedden schrieb aus Dankbarkeit für diese Rettung und als lebenslange Erinnerung für ihren Sohn ein Kinderbuch. Nur für ihn. Weihnachten 1913 fand der kleine Douglas ein liebevoll gestaltetes Bändchen mit dem Titel Polar – Der Titanic Bär unter dem Tannenbaum. Aus der Perspektive des Teddys war es Daisy Spedden gelungen, das Drama des vergangenen Jahres niederzuschreiben und damit auch schließlich den großen Schrecken dieser Nacht zu verarbeiten. Liebevoll beschreibt sie den „tapferen“ Bären, der an der Seite ihres Sohnes zu einem mutigen und herzlichen Glücksbringer zu werden scheint.

Das Buch heute in Händen zu halten macht nachdenklich und betroffen… Es ist der Ausschnitt einer wahren Geschichte und das Symbol für die Dankbarkeit einer Mutter, die das Überleben ihres einzigen Kindes unsterblich machen wollte. Ihre Tagebücher waren ihr dabei die wohl wichtigste Hilfe.

Die Speddens auf der Liste der Erste-Klasse-Passagiere der Titanic…

Das ist Daisy Spedden nicht gelungen…. Leider nicht… Drei Jahre nach dem Untergang der Titanic rannte der nun neunjährige Douglas auf die Straße, wurde von einem Auto erfasst und getötet. Seine Mutter schrieb keine Zeile mehr in ihre Tagebücher… keine einzige. Sie starb 1950, nur drei Jahre nach ihrem Ehemann Frederic. Douglas blieb ihr einziges Kind. Ihr Weihnachtsgeschenk für ihn, die Geschichte von „Polar, dem Titanic Bären“, dessen Einband sie liebevoll selbst gezeichnet hatte, wurde später in ihrem Nachlass gefunden und 1994 erstmals veröffentlicht.

Das Buch wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet und ist inzwischen in der 15. Auflage in der Originalfassung verfügbar. Es ist ein Schatz, der die Zeit überdauert hat. Es ist die Geschichte die Dankbarkeit, eine der größten Tragödien der Neuzeit überlebt zu haben. Und doch ist es traurig… weil man erkennt, dass Rettung nicht ewig währt….

Polar & Douglas… Eine Freundschaft fürs Leben

PS: Niemand weiß, was aus Polar wurde. Seine Spur verliert sich mit dem Tod des kleinen Douglas. Bis zu diesem Tag war er auf jedem Familienbild zu sehen: unter dem Weihnachtsbaum, im Schnee und bei Geburtstagsfesten. Die Bilder sind Teil des Buches… sie machen es zu einem wichtigen Buch.

Ich denke, Polar hat Douglas auch auf seinem letzten Weg begleitet und ist niemals von seiner Seite gewichen. Beschützerbären verlassen ihre Freunde nicht… Beschützerbären sind eben so.

Polar – Der Titanic Bär… Urvater aller Begleitbären…

Gewidmet:
Bastian Bär
dem einzig legitimen Beschützerbären des 21. Jahrhunderts,
der Polars Erbe mehr als würdig angetreten hat.

Wir werden weiter über unsere Titanic-Bibliothek berichten, Neuerscheinungen unter die Lupe nehmen und längst zur Legende gewordene Werke in der Rückschau betrachten. Unser Titanic-Treffen in Leipzig war ein Startpunkt dieses Projektes, das am 15. April mit euch gemeinsam an Bord der MS Literatwo in einen hoffentlich sicheren Hafen einläuft. Ihr seid herzlich willkommen und könnt noch jederzeit eine Luxuskabine buchen…. Immer nur hier entlang

Ein Klick genügt… und ihr seid an Bord…

Titanic von Linda Maria Koldau oder warum ein Sachbuch keine Sache ist…

Einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic sind alle Choräle gesungen, die Fakten gesammelt, Legenden gewoben und Mythen so lebendig, wie niemals zuvor. Kein Millimeter des Wracks ist unerforscht und von einem Friedhof im Atlantik kann schon lange keine Rede mehr sein. Die Grenze von der klassischen Wissenschaft zur modern gewordenen populärwissenschaftlichen Kitschkultur ist längst überschritten.

Was ändert da schon ein solcher Jahrestag? Sind wir zu distanziert, um die menschlichen Regungen des vergangenen Dramas an uns heranzulassen oder hilft gerade diese Distanz, den Blick zu schärfen und wieder etwas genauer zu betrachten, was damals eigentlich geschah?

Schon damals ein schwimmendes Weltwunder... (re. Kölner Dom)...

Ein Klageruf der Opfer und Hinterbliebenen schallt über ein Jahrhundert in ein Zeitalter, in dem die Zuversicht in die Technik erneut unerschütterlich zu sein scheint. Monumentale Türme wachsen allein in Dubai in den Himmel, mit dem Airbus A 380 erhebt sich ein Flugzeug in die Lüfte, von dem man vor Jahren maximal zu träumen gewagt hätte und Kreuzfahrtschiffe in ungeahnten Ausmaßen befahren die Weltmeere.

Alles geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die Macht der Technik und das Funktionieren der von Menschen erdachten Notfallpläne. Und dies in einem Zeitalter immer unkalkulierbarer werdender Umweltfaktoren. Stürme, Tsunamis und Erdbeben machen die Erde noch weniger beherrschbar, als damals.

Damals im Jahre 1912, als ein einzelner Eisberg es vermochte, das Vertrauen der Menschheit in den technischen Fortschritt zu erschüttern.

Schier unvorstellbar: Titanic, Eiffelturm und Burj Khalifa im Vergleich...

Vermag die Geschichte der Titanic uns heute auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Vermag sie es, nach 100 Jahren unsere Augen zu öffnen und ein stückweit illusionsloser auf unsere moderne Technik zu blicken? Und zwar genau in den Moment hineinzuschauen, in dem diese versagt oder zum Versagen gebracht wird…

Linda Maria Koldau sagt „JA“!

Sie schlägt in ihrem Buch Titanic – Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden (C.H. Beck 2012) eine Brücke von der Brücke der Titanic bis zu den Brückenköpfen, die jene Katastrophe in unserem kollektiven Gedächtnis geschlagen hat. Wie lange können wir dem vertrauen, was wir selbst erschaffen haben und wie laut sind unsere eigenen Klagerufe, wenn wir wieder einmal an den Grenzen unserer Fähigkeiten angelangt sind – oder diese schon längst überschritten haben?

Koldau holt weit aus. Vom Wettlauf um die schnellste Atlantiküberquerung bis zu den technischen Möglichkeiten des aufstrebenden 20. Jahrhunderts. Vom Stapellauf über die Hoffnungen und Träume der Passagiere aller Klassen bis hin zur Katastrophe und den Auswirkungen bis in unsere, ach so moderne Zeit.

Nichts lässt sie unbeleuchtet – keine offene Frage bleibt ohne Antwort und doch gelingt es ihr eindringlich in der Darstellung ihrer Fakten ein berührendes und greifbares Buch zu schreiben, das nicht durch altbekannte neu präsentierte Fakten besticht. Jede Seite ihres Buches lässt uns in die heutige Zeit blicken. Wenn sie vom unternehmerischen Wagnis einer Reederei und der Inkaufnahme von Risken schreibt, dann sehen wir die Costa Concordia vor unseren Augen. Wenn sie von einer Verkettung unglücklicher Zufälle und von menschlicher Panik spricht, dann sehen wir Bilder von Großveranstaltungen vor unseren Augen, die ebenso wenig beherrschbar und sicher sind, wie es die Massenevakuierung eines Schiffes seit jeher war.

Und wenn sie von der Romantisierung des Grauens spricht, dann sehen wir Camerons Titanic-Film vor unseren Augen ablaufen und müssen innehalten um darüber nachzudenken, was dieser Film eigentlich in uns ausgelöst hat. Koldau betrachtet alle Facetten der Katastrophe und bewertet hierbei auch die Stilblüten, die sich bis in unsere Zeit gerettet haben. Die Autorin präsentiert ein brandaktuelles Buch zum 100. Jahrestag der Katastrophe. Sie wirft einen geschulten Blick hinter die Kulissen des Dramas und lässt uns teilhaben an dieser präzisen und gehaltvollen Collage, die zu berühren und zu warnen vermag.

Ihr Blick auf die menschlichen Schicksale an Bord ist eindringlich, einfühlsam und zum ersten Mal hat sie mir bewusst gemacht, dass man seit jeher lediglich die Dramen der Ersten und Dritten Klasse in den Mittelpunkt gestellt hat. Der Unterschied vom Millionär zum armen Auswanderer war wohl zu faszinierend. Koldau zeigt, wie wenig wir von den 285 Passagieren der Zweiten Klasse wissen. Es war eine Katastrophe der Extreme – die Mittelklasse fand da keinen Platz. Das Drama selbst jedoch hat sich tief verankert.

Schon bei der nächsten – absolut überraschenden – Katastrophe werden wir uns wieder erinnern. Wir werden ständig an sie denken: An die Titanic, das Schiff der Träume, das schwimmende Paradies und das Symbol für die Bezwingbarkeit der Elemente. Und wieder und wieder werden wir den Eindruck nicht los, dass wir aus diesem Drama nichts gelernt haben. Aktueller kann ein Sachbuch nicht sein und wenn die Sachlichkeit so beseelt ist, wie in diesem Werk, dann berührt es seine Leser.

Eine Katastrophe ist keine Sache – ein Traum ist keine Sache – Leid ist keine Sache und Schicksal ist keine Sache. Dieses Buch mag ein Sachbuch sein – aber es ist keine Sache… es lebt…

Literatwo wird bis zum 100. Jahrestag der Titanic-Katastrophe viele neu erschienene und lieb gewonnene Bücher rund um dieses bewegende Thema vorstellen, um euch auf diesem Weg einen Blick in unsere persönliche literatwoisch titanische Schatzkiste zu ermöglichen. Unser virtuelles Kreuzfahrtschiff, die MS Literatwo wird in Leipzig anlegen und wir freuen uns schon sehr darauf, die eine oder andere Überraschung für unsere Leser mit an Bord zu haben. Leinen los und volle Kraft voraus….

Hier geht die Fahrt bald weiter... Leinen los - die MS Literatwo auf großer Fahrt...

Und hier geht es ohne Umwege und weitere Anlegestellen sofort zum Interview mit Linda Maria Koldau:

Mit einem Klick zum exklusiven Literatwo-Interwie mit L.M. Koldau